Mordsgefährlich: Ersatzteil-Piraterie

Lebensgefahr durch gefälschte Produkte

Tödliche Teile

Überall da draußen sind sie: Millionenfach gefälschte Auto-Ersatzteile – zu billig, um gut zu sein. Tatsächlich sind die Plagiate oft so liederlich verarbeitet, dass sie hohen Belastungen nicht standhalten und extrem schnell verschleißen. Den Fälschern geht es um alles, nur nicht um die Sicherheit

 
 
26. November 2015

Es war ein Fall, wie er jedem Produktmanager den Angstschweiß auf die Stirn treibt: Im Jahr 2013 parkte ein Amerikaner arglos seinen Mercedes, wie immer vor der heimischen Garage. In seiner Abwesenheit fing die Limousine unvermittelt Feuer und brannte aus, ebenso wie das dreistöckige Haus daneben.

Wie kam es zu der Katastrophe? In den klagefreudigen USA kann diese Antwort millionenschwer wiegen. Fahnder fanden schließlich heraus, welch heimtückische Falle unter der Motorhaube gelauert hatte: Im Steuergerät des Kühlventilators war es scheinbar ohne Anlass zu einem Kurzschluss gekommen.

Das führte zu einem Schwelbrand, der am Ende zu einer Feuersbrunst wurde. Erst eine sehr aufwendige Untersuchung der verkohlten Überreste brachte das Ergebnis: Bei dem Steuergerät handelte es sich nicht um ein Originalteil, sondern um eine – minderwertige – Fälschung. Die hatte den Defekt verursacht.

Bremswirkung um 60% verschlechtert

Was bei Mercedes damals vermutlich zum großen Aufatmen geführt hat, bereitet einer ganzen Branche anhaltend Sorgen: Gefälscht werden heute alle Autoteile, das weiß auch Hans-Ulrich Sander, Gutachter beim TÜV Rheinland. Ihm kam eine Felge unter die Augen, die förmlich zerbrochen war.

„In einer Kurve muss ein Rad nicht nur die Längskräfte übertragen, sondern auch noch die Seitenführungskräfte. Das war zu viel für diese Felge. Als wir uns die restlichen drei Felgen des Autos anschauten, bemerkten wir an allen Risse“. Die Felgen waren eine Fälschung.

Auch die Bremsen eines Autos sind bei Fälschern beliebt. Die Folgen ihrer „Arbeit“: „Ein gefälschter Bremsbelag wirkt um bis zu 60 Prozent schlechter als ein Originalteil.“, sagt Dr. Peter Stiefel, Leiter des Bereichs Global Brand Protection der Daimler AG. Die Folge: Der Bremsweg von 100 km/h bis zum Stillstand kann sich um 15 Meter verlängern.

Lebensgefährlicher Müll in Serie

Wer beim Thema Fälschungen oder Plagiate nur an die Gucci-Handtasche vom türkischen Strandverkäufer oder an die Fake-Rolex in Singapur denkt, verkennt den Ernst der Lage und auch die Methoden der Fälscher.

Denn es handelt sich längst nicht mehr um mehr oder minder begabte Hinterhofbastler aus China, die dubiose Bremsbeläge zusammenbacken und diese im Internet verhökern. Der lebensgefährliche Müll wird mittlerweile genau wie Originalteile der Zulieferer in Serie gefertigt. Nur eben ohne das Qualitätsmanagement des Original-Herstellers, der schließlich zur gesetzliche Garantie auf seine Ware verpflichtet ist. Daran müssen Fälscher nicht denken.

Für alle Branchen zusammen schätzt eine Sprecherin des Deutschen Industrie- und Handelskammertags den Schaden „auf 50 Milliarden Euro jährlich“. Auf das gleiche Ergebnis kommt die Wirtschaftsprüfungsfirma Ernst & Young GmbH in einer Studie aus dem Jahr 2012, für die aktuelle, bald erscheinende Studie rechnen die Experten mit einem Zuwachs.

Der immaterielle Schaden ist noch höher

Doch den Schaden nur finanziell zu messen führe in die Irre, sagt Christian Götz. Er ist Leiter Intellectual Property Protection bei Ernst & Young und macht eine ganz andere Rechnung auf: „Der Imageschaden kann langfristig wesentlich teurer für eine Firma sein.“

Wenn ein Auto wegen eines technischen Defekts einen Unfall oder auch nur eine Panne hat, gehe der Fahrer zuerst nicht von einer Fälschung aus. Götz: „Der Kunde macht den Autohersteller direkt verantwortlich“.

Ein anderes Beispiel sei die Textilbranche. Von beliebten – und meist auch recht teuren – Marken seien oft so viele Fälschungen im Umlauf, dass viele beim Anblick der Logos denken würden, es handle sich um eine Fälschung. Das kann dazu führen, dass Kunden die Originale gar nicht mehr kaufen, da sie nicht für Träger von Plagiaten gehalten werden wollen.

Zoll kann nur Stichproben nehmen

Für das Aufspüren von Plagiaten inklusive der gefälschten Ersatzteile ist in Deutschland der Zoll zuständig. Doch das kann er gar nicht leisten, zu groß ist die schiere Masse der Fälschungen. „Dies wird auch dadurch erschwert, dass die Unterscheidung zwischen Originalen und Fälschungen immer mehr Fachwissen erfordert“, sagt Christian Götz von Ernst & Young.

„Gegen Fälschungen hilft nach unserer Expertise keine Einzelmaßnahme. Die Hersteller müssen rechtliche Maßnahmen einsetzen, ihre Ersatzteile deutlich und unterscheidbar deklarieren und vor allem aufklären“, so Götz. Es gebe nun mal eine Käuferschicht, die beim Kauf gefälschter Produkte kein Unrechtsbewusstsein habe.

Das könne sich aber ändern, wenn man sie über die Gefahren für die eigene Gesundheit besser aufklären würde. Dazu zähle auch die Kinderarbeit, die in verschiedenen fernöstlichen Ländern an der Tagesordnung sei.

Hersteller setzen eigene Ermittler ein

Die meisten Hersteller haben zur Bekämpfung der Fälschungen eigene „Brand Protection“-Teams (etwa: „Markenschützer“) aufgebaut: „Weltweit bekämpft das Brand Protection Team der BMW Group aktiv Produktpiraterie und arbeitet zu diesem Zweck eng mit unseren Vertriebspartnern, IP-Agenturen (intellectual property, geistiges Eigentum) sowie Zoll und Behörden zusammen“, sagt BMW-Experte Stephan Schlittmeier vom Brand Protection Team der Münchner. Bei Daimler sind 15 Mitarbeiter direkt bei der Brand Protection beschäftigt, die sich im Ernstfall Unterstützung durch Detektive oder externe Anwälte holen.

Die brandgefährlichen Fälschungen gelangen also meistens ungehindert auf den Markt. Was kann der Käufer tun, um nicht in Gefahr zu geraten? Die Antwort: Noch sehr wenig, außer die Teile im geprüften Fachhandel oder eben beim Hersteller selbst zu kaufen.

Mit der zunehmenden Professionalisierung der Fälschungen sind auch die früher üblichen Fehler in der Schreibweise der Produktbeschreibung oder die miserable Verpackungsqualität nahezu verschwunden.

Zunehmend weniger Fehler wahrnehmbar

„Üblicherweise ahmen Fälscher das äußere Erscheinungsbild eines Produkts sklavisch nach, um so den Eindruck eines Originalprodukts zu erwecken. Die Nachahmungen beschränken sich dabei nicht nur auf das Produkt selbst, sondern auch auf die Verpackung und deren Kennzeichnung. Die Qualität oder das „Innenleben“ einschließlich der verwendeten Materialien hingegen weichen häufig stark von Originalprodukten ab“, sagt Daimler-Experte Dr. Peter Stiefel.

So sind Fälschungen für den Laien nicht und selbst für Fachleute schwer zu entdecken. Wer mag, kann das selbst überprüfen. Einige Beispiele von Original und Fälschung zeigt die => Bildergalerie.

Oftmals ist kaum zu erkennen, welches der Bilder das Originalteil und welches die Fälschung zeigt. Ein Fachmann mag im direkten Vergleich die entscheidenden Unterschiede erkennen – aber wer hat beim Ersatzteilekauf schon das Originalteil dabei und kann vergleichen?

Oft zu attraktiv, um wahr zu sein

Ein Beispiel: Mercedes-Xenon-Birnen werden im Internet mit einer Originalverpackung abgebildet, die sehr echt aussieht. Den günstigen Preis von 63,60 Euro – also 260,40 Euro oder 80% günstiger als bei Mercedes – erklärte der Anbieter damit, dass es sich hierbei um Originalteile mit beschädigter Verpackung handeln würde, die Brenner deshalb gleich ohne Verpackung geliefert würden.

BMW-Experte Stephan Schlittmeier meint dazu: „Es ist immer ratsam, sich beim Kauf von Teilen auf den gesunden Menschenverstand zu verlassen und sehr „vorteilhafte“ Angebote zu hinterfragen.“

Hans-Ulrich Sander vom TÜV-Rheinland macht hierfür auch das teils fehlende Unrechtsbewusstsein der Käufer mitverantwortlich: „Wenn jemand neue, angeblich originale AMG-Felgen aus dem Kofferraum heraus für 1.200 statt 6.500 Euro kauft, kann er mir nicht erzählen, dass er nicht weiß, was er da tut.“

10% Preisnachlass genügen

Ein neuer Trend auf dem Fälschungsmarkt: Die Plagiate sind nicht einmal mehr durch einen günstigen Preis erkennbar. Schon zehn Prozent Nachlass reichen aus, um Schnäppchenjäger anzulocken – und sie jeglichen Argwohn vergessen zu lassen.

„Natürlich erscheint es zunächst verlockend, ein Ersatzteil zu einem günstigen Preis zu erwerben. Ob diese Rechnung am Ende aufgeht, ist indes fraglich. Man muss immer berücksichtigen, dass Fälschungen gravierende Auswirkungen auf die Sicherheit haben können“, so Daimler-Experte Dr. Peter Stiefel.

Bei BMW klingt die entsprechende Aussage so: „Bei einem Original-Produkt können sich unsere Kunden auf höchste Qualitätsstandards verlassen und darauf, dass die Funktion des jeweiligen Teiles optimal auf das Gesamtfahrzeug abgestimmt ist. Dies ist bei gefälschten Produkten nicht der Fall.“

Plagiat-Problem wächst weiter

Also nur zu Markenwerkstätten gehen? Es wird wohl immer eine Klientel geben, die ihren Wagen nicht dorthin bringt – beispielsweise, weil deren Preise als zu hoch empfunden werden. Hier sieht Christian Götz von Ernst & Young die Hersteller in der Pflicht: „Kein Kunde würde sich bei sicherheitsrelevanten Bauteilen bewusst für eine Fälschung entscheiden.“

Wer aber nicht zum Hersteller will oder kann, müsse sich auch bei markenfremden Werkstätten darauf verlassen können, dass Originalteile verwendet werden. Doch bisher erlauben Hersteller den freien Werkstätten nicht, entsprechende Prüfzeichen zu verwenden. „Wir beraten in diese Richtung und sehen auch Erfolge, aber hier ist noch eine Menge Überzeugungsarbeit zu leisten“.  So weit ist es also nicht.

Tipp: Wenn selbst Experten den Unterschied zwischen Original und Fälschung nicht sofort erkennen können, ist ein Laie in jedem Fall überfordert. Die lebensgefährlichen Plagiate werden nicht vom Markt verschwinden – in den vergangenen Jahren ist das Problem eher noch größer geworden.

Hätten Sie diese Plagiate erkannt? Vergleichen Sie Original und Fälschung in der => Bildergalerie.

Text: Portalmanufaktur / Stephan Hellmund