Mit dem Motorrad durch Irland
Wellenreiten auf zwei Rädern
Zwischen Schafen, Hügeln und Seitenwind: Motorradfahren auf Irland folgt ganz besonderen Gesetzen. Ein Reisebericht.
Der Kerl auf der Kawasaki will's wissen: Er gibt seinem Pferd die Sporen und rauscht los, geradewegs auf die Brandung zu. Und durch! Nach allen Seiten spritzt das Wasser des Atlantiks.
Was für ein Bild: Weit und breit nur gelber Sand und blauer Himmel, und mitten durch die Wellen reitet ein Mann auf seinem Motorrad. Das gibt es wohl nur einmal – auf Irland.
Die Motorradtour quer über die Grüne Insel hat uns bis zu diesem einsamen Strand im hohen Norden verschlagen. Buchstäblich der Höhepunkt der Reise. Der Strand ist zum Befahren freigegeben, hier fahren die Leute mit dem Auto zum Badetuch.
Nirgendwo lassen sich Regenkombis besser testen
Vorausgesetzt, es ist Badewetter. Und selbst wenn, ist das zumeist nur von kurzer Dauer. Heute auch: Hinter der Landzunge zeigt sich bereits das erste Wölkchen. Da naht der nächste Schauer.
Motorradfahren in Irland ist nicht nur am Strand ein nasses Vergnügen. In beliebig steigerbarer Frequenz: In Belfast waren wir trocken, in Antrim nass, in Maghera trocken, in Derry wieder nass.
Nirgendwo ließe sich die Dichtigkeit einer Regenkombi einfacher testen. Aber nirgendwo lässt sich auch die Wirksamkeit atmungsaktiver Klamotten besser überprüfen.
Denn im Gasgriffumdrehen sind die fetten, grauen Regenwolken wieder weg, und gleißender Sonnenschein heizt die schwarze Bikerkluft gehörig auf.
Spontane Slalomeinlagen um Nutztiere
Irland ist der stetige Wandel – und das betrifft auch die Straßenverhältnisse: Herrlich griffiger Rauhasphalt kann sich hinter jeder Kurve in eine bröselige Schotterpiste verwandeln, übersäht mit Kuhfladen oder Lehm einer temporären Baustelle.
Also Vorsicht: Als Motorradfahrer wünschen wir uns manches Mal ausfahrbare Stützräder, wenn wieder einmal ein Schaf auf der Fahrbahn zum Ausweichen zwingt oder heftiger Seitenwind aus einer Lücke einer Hecke herauspfeift und die Maschine locker um einen guten Meter versetzt.
Das klingt jetzt nach einer einzigen Strapaze. Ist es aber nicht: Denn wer es nicht eilig hat, fährt mit Bedacht. Und kann aus einer spontanen Slalom-Einlage um ein Schlagloch oder ein landwirtschaftliches Nutztier sogar noch eine Extraportion Endorphine entwickeln.
Hinter jeder zweiten Kurve ein neues Panorama
Am schönsten sind die schmalen Seitenstraßen zweiter Ordnung: Maximal drei Meter breit, aber hervorragend ausgebaut, führen diese Teerschlangen durch die schönste Landschaft.
Karge Täler, Schluchten voller Geröll, endlose Heckenlabyrinthe durchfahren wir, natürlich mit maximal 80 km/h, um rechtzeitig vor Hindernissen bremsen zu können.
Doch Gegenverkehr gibt es hier selten. Dafür wartet hinter jeder zweiten Kurve ein neuer Panoramablick.