Seereise per Pkw

Kreuzfahrt mit dem eigenen Fahrzeug

Das Auto-Traumschiff

Pkw statt Rettungsboot: Wer auch auf dem Meer mobil bleiben möchte, kann das Auto an Bord mitnehmen. Einige Reedereien organisieren dafür eigens Pauschalreisen – noch ist das Produkt eine preisgünstige Marktlücke  

 
 
21. Dezember 2015

Herrliches Wetter zum Auslaufen: Blauer Himmel mit ein paar Wölkchen darin, blaugrüne Ostseewellen, eine Möwen-Gang fliegt kreischend ums Schiff, das soeben tutend vom Kai loskommt. Die Passagiere haben sich auf dem Sonnendeck an die Reling gelehnt, schauen herüber an Land, einige knipsen Handy-Schnappschüsse. „Fast wie eine Kreuzfahrt“, denkt man unwillkürlich.

Fast – wäre nicht die eher sachliche Atmosphäre des Kieler Fährhafens; und dann noch das Gepäckstück auf Rädern, das uns an Bord gebracht hat, und das jetzt fünf Decks unter uns sicher verstaut und verzurrt ist: unser Auto.

Wir haben es mitgenommen aufs Schiff, es begleitet uns auf der Reise bis zum Zielhafen, wird dort ausgeladen und uns als rollender Untersatz dienen von Stadt zu Stadt. Und natürlich kommt es auch wieder mit zurück.

Seereisen liegen im Trend

Dabei ist das, was wir machen, voll im Trend: Die Deutschen erkunden immer öfter die Welt per Schiff. Die Größe des europäischen Kreuzfahrtmarktes hat sich innerhalb von nur acht Jahren verdoppelt und mit einem Wachstum von 43 Prozent seit Beginn der Wirtschaftskrise 2008 eine Bestmarke vorgelegt.

Eine Kreuzfahrt hat für Touristen klare Vorteile gegenüber den konventionellen Rundreisen per Pkw: Das fahrende Hotelzimmer bewegt sich auf vorgefertigten Routen, jeden Morgen wacht man an einer neuen Destination auf. Das lästige Kofferpacken, Ein- und Auschecken sowie das Umziehen von Hotel zu Hotel entfällt.

Kreuzfahrten erlauben Autos nicht

Wer mag, kann an diversen Zwischenstopps die Umgebung erkunden. Allerdings: Dabei bleibt es meist auch. Ein Land bereisen und wirklich kennenlernen kann man so nicht.

Selbst wer einen der raren Mietwagen am Hafen ergattert (was in vielen Kreuzfahrt-Destinationen einem Lotteriespiel gleicht), ist auf die unmittelbare Nähe der Destination eingeschränkt. Die Abfahrtszeit des Schiffes drängt, spätestens am Abend muss man wieder an Bord sein.

Das eigene Fahrzeug mitzunehmen ist oftmals gar nicht möglich. Ausnahmen wie die Hurtigruten-Reederei in Norwegen bestätigen nur die Regel: Selbst die Mitnahme eines Fahrrads bietet die Reederei überhaupt nicht an, denn das würde den Kreuzfahrtanbietern das schöne Zusatz-Geschäft mit den Ausflügen vermasseln.

Fähre + Hotel zum Sparpreis

Immer mehr traditionelle Fähranbieter haben dies erkannt. Beschränkte deren Business sich oft darauf, Autos und vor allem Lastwagen kostengünstig über den Teich zu schippern, entwickeln sie nach und nach weitere Angebote. Das kommt dem Komfortbedürfnis der Klientel entgegen. Zwar ist eine Autofähre nie so komfortabel wie ein richtiges Kreuzfahrtschiff, aber man kann dem Kunden einige Arbeiten wie die Routenplanung oder Hotelbuchung abnehmen.

Typisch dafür sind Angebote, für die sich noch kein eingängiger Name durchgesetzt hat: Die Kombinationen aus Fährtour, Routenempfehlung und vorgebuchten Hotels an der Strecke tragen Namen wie „Rundreise“, „Mini-Kreuzfahrt“ oder "Kurztrips". Allen gemein (siehe Linkliste am Ende des Artikels) ist: Neben der Fährfahrt gibt es vorgebuchte Hotels, meistens ist das billiger als die Buchung der Einzelkomponenten.

Mit im Preis enthalten ist die Mitnahme eines normalen Pkw. Wer einen VW-Bus oder ähnliches mitnehmen möchte, einen Anhänger mit Boot im Schlepptau hat oder die Fahrräder auf dem Autodach transportieren will, zahlt extra.

Touristen sind Beifang

Die meisten dieser „Kreuzfahrten mit dem Auto“-Angebote starten im Norden Europas, in Amsterdam, Polen oder Kiel. Zielhäfen finden sich im gesamten Ostseeraum inklusive des Baltikums, auch England, Schottland oder Irland werden angesteuert.

Wer dagegen im Süden Deutschlands wohnt, muss eine längere Anreise in Kauf nehmen: Entweder an die norddeutschen Küsten oder zum Mittelmeer.

Das Produkt ist natürlich nicht vom Himmel gefallen: Hauptkundschaft der Fähr-Reedereien sind Lastwagen. Entsprechend fahren die Fähren dort, wo der Transport über Land zu lange dauern und dementsprechend teuer wäre. Touristen sind der „Beifang“, die sich das Schiff mit der traditionellen Frachtkundschaft teilen müssen.

Landausflüge ohne Aufpreis

Muss man deshalb auf Komfort verzichten? Wir haben es ausprobiert. Angelockt wurden wir durch ein Angebot auf Travelzoo. Dieser Anbieter ist so etwas wie eine redaktionell gepflegte Preissuchmaschine für Reiseangebote mit ordentlich Rabatt.

Ein Angebot stach heraus: Eine Auto-Kreuzfahrt mit DFDS Seaways ins Baltikum. Acht Übernachtungen mit Frühstück, zwei an Bord der Fähre, sechs in Mittelklassehotels (jeweils zwei Nächte am Stück), Kabine und Pkw-Mitnahme sollten schlanke 390 Euro pro Person kosten.

Kann man dafür wirklich Qualität erwarten? Oder würden wir von der ersten flohverseuchten Bruchbude aus entsetzt den langen Rückweg über Weißrussland und Polen antreten müssen? Um es vorweg zu nehmen: Es war eine tolle Reise.

Personenwagen sind Exoten

Im Oktober schifften wir uns in Kiel ein. Dieser Teil des Hafens hat zwar kein schickes Kreuzfahrtterminal, aber eine günstige Pizzeria. Mit dem vertrauten Auto muss man einen Moment warten: Lkw haben Vorrang, und davon gibt es viele. So werden Pkw im untersten Stockwerk der Fähre verstaut, das klappt aber gut.

Über einige Treppen geht es aufwärts in der Fähre. Das Innere des Schiffes ist alles andere als luxuriös, aber auch nicht schmutzig oder verwahrlost. Die Überfahrt in die litauische Stadt Klaipeda dauert knapp 21 Stunden – da das Unterhaltungsprogramm aus Fußball-Wiederholungen und Nachrichten in der TV-Endlosschleife besteht, packt man sich besser Bücher, Tablet oder das Laptop inklusive DVD ein.

Die Kabinen sind zweckmäßig und von eher rudimentärem Komfort. Aber: Es sind Kabine, gemütlich und mit Außenfenster. Die meisten anderen Passagiere schlafen in Ruhesesseln, ein besonders günstiges Angebot, das vor allem von Lkw-Fahrern angenommen wird.

Direkter Weg zum Ziel entscheidet

Kreuzfahrschiffe laufen oft nicht direkt zum Ziel, sondern fahren an landschaftlich schönen Orten vorbei (manchmal auch zu dicht, wie sich am Fall der Costa Concordia gezeigt hat). Unsere DFDS-Fähre nimmt dagegen den kürzesten Weg zum Ziel. Außer beim Ein- und Auslaufen in die Häfen sehen wir deshalb Wasser, noch mehr Wasser und einmal im Dunst einen Windpark.

Das macht aber nichts: Die Preise an Bord für die Verpflegung sind günstig, die Nacht geht schnell vorbei, und am anderen Ende der Wasserstraße wartet Klaipeda in Litauen auf uns.

Das erste Hotel („Memelland“) liegt nahe der Altstadt - und ist sicherlich das Highlight der ganzen Reise. Nach nur zehn Kilometern Fahrt sind wir schon am ersten Ziel angekommen und haben folglich genug Zeit, um die Sehenswürdigkeiten zu begucken, Ausflüge zu machen oder aber einfach nichts zu tun.

Gut geplant und sehr entspannt

Das sollte die ganze Reise so weitergehen: Die längste Verbindungsetappe zwischen den drei Hotels ist 300 Kilometer lang, was locker Zeit für einige Abstecher schafft. Auch in einem fremden Land. Im Gegensatz zu einem Leihwagen weiß man einfach genau, wie der eigene Wagen funktioniert und kann sich auf die Straße und die abweichenden Verkehrsregeln und -sitten im Ausland konzentrieren.

Die Straßen im gesamten Baltikum sind zwar nicht so gut wie bei uns, aber völlig okay. Ungewöhnlich war nur die Autobahn: Linksabbieger, Fußgänger, Bushaltestellen oder Radfahrer auf der Piste schocken keinen Balten. Ob in Klaipeda, Vilnius oder Riga (eine estnische Stadt stand leider nicht auf dem Programm): Die Hotels waren gut, gemessen am Preis-Leistungs-Verhältnis sehr gut.

Fazit: Gleich mal schauen – fährt die Reederei nicht auch nach Schottland...?

Mit dem Auto auf Kreuzfahrt, wie funktioniert das? Impressionen einer ungewöhnlichen Reise in der Bildergalerie.

Text: Portalmanufaktur / Stephan Hellmund