Oldtimer-Messe Techno Classica Essen 2015

Hier blitzen Millionenwerte

Reichtümer auf Rädern

Für fünf Tage ist das Essener Messegelände ein riesiges Automuseum: Auf der Techno Classica bieten Händler Traum-Klassiker aus 60 Jahren Autogeschichte an – zu teilweise unverschämten Preisen

16. April 2015

„Die spinnen!“ Der ältere Herr im Tweedsacko schüttelt den Kopf, dreht sich um, verlässt murmelnd die Szenerie. Anlass für seinen Unmut ist das Preisschild in einem Youngtimer, der auf der Techno Classica in Essen (noch bis 19. April) zum Kauf angeboten wird.

Ein VW-Bus Typ T1, Ausführung Samba, in zugegebenermaßen makellosem Top-Zustand. Aber – 139.000 Euro? Die Youngtimer-Verkaufsmesse, die sich gern als die größte der Welt betitelt, ist bekannt für luxuriöse Klassiker zu ganz speziellen Preisen. Liegt ein solcher hier vor?

Im aktuellen Price Guide, den der Marktbeobachter Classic Analytics auf der Messe verteilt, ist der begehrte Samba-Bus auch aufgeführt: Im Zustand 1 (makellos restauriert oder fabrikneu) attestiert ihm die Bochumer Agentur einen Wert von 110.000 Euro. Das sind knapp 20% weniger als die geforderte Summe. Wie kommt es zu dieser krassen Differenz?

 

 
 

 

Messe-Aufschlag von 20 Prozent

„Das ist der Techno-Classica-Aufschlag“, sagt  Frank Wilke, Geschäftsführer von Classic Analytics. Er meint, den schönen Bus schon vor ein paar Wochen auf der zweiten großen Klassiker-Messe „Retro Classics“ gesehen zu haben, in Stuttgart. Schon da scheint der Anbieter das Auto also nicht losgeworden zu sein, obwohl „da sicher einige nicht ganz arme Leute vorbeigegangen sind“, scherzt der Youngtimer-Experte.

Er fügt hinzu: „Man sollte das nicht zu oft versuchen, sonst sieht irgendwann jeder, dass der Preis überzogen ist.“ Manche Anbieter scheinen diese Weisheit zu ignorieren: Viele Fahrzeuge erkennt der aufmerksame Besucher regelmäßig wieder. Hier wird die Messe tatsächlich zum Museum.

So steht ein blauer Schwimmwagen Typ Amphicar aus den frühen 1960er-Jahren, ein Kuriosum der Technikgeschichte, seit Jahren zum Kauf in Halle 11, er soll jetzt 72.000 Euro kosten. Auf seiner Website bietet der Händler offensichtlich dasselbe Auto für 59.500 Euro an. Ein Messe-Aufschlag von 20%!

Eine Ruine für 39.000 Euro

„Man muss das auch verstehen“, meint Wilke mit leicht süffisantem Unterton. Immerhin verkaufen die Klassiker-Händler ihrer Klientel das Rundum-Sorglos-Paket, inklusive Champagner, Starthilfe und Garantie. Und: Die Chrom-Schnittchen auf den Ständen sind stets hochglanzpoliert.

Doch auch von dieser Regel gibt es Ausnahmen: Ein schwedischer Fachverkäufer hat in einer Halle eine echte Rostlaube drapiert: Ein VW Käfer von 1951, noch mit geteilter Heckscheibe, aber auch mit Beulen, Dreck und Roststellen. So, wie er kürzlich in einem Schuppen entdeckt wurde.

„Unberührt seit 1963!“ verkündet der Verkäufer sensationsheischend, und dann schreibt er noch eine Sensation – den Preis: 39.000 Euro. „Das ist natürlich Quatsch“, sagt Wilke lakonisch. In Top-Zustand taxiert Classic Analytics einen 50 Jahre alten Käfer auf 33.000 Euro. Aber diese Ruine?

Porsche wird zur Welt-Währung

15.000 könne der Verkäufer dafür vielleicht kriegen, aufgrund der Authenzität. Alles andere sei Effekthascherei. Aber vielleicht geht es ja darum – das schwedische Käfer-Wrack zum Yacht-Preis jedenfalls ist Messegespräch Nr. 1.

Ansonsten hält die Ausstellung, was sich die Fachwelt verspricht: Stabile Preise, die spürbar gestiegen sind. Mitunter sogar stark: Der Porsche Carrera RS Touring, in den späten 1960er-Jahren die Topmotorisierung der Marke und damals rennsporttauglich, wird im Price Guide mit Zustand 2 (gepflegt, mit leichten Gebrauchsspuren) bei 480.000 Euro geschätzt.

Seit der Drucklegung vor zwei Monaten ist dieser Preis auf 650.000 Euro gestiegen. „Porsche-Klassiker gehen nur aufwärts, das ist inzwischen eine internationale Währung wie Gold oder Diamanten“, bekräftigt Wilke. Selbst karge Ausführungen wie der 912, seinerzeit der Porsche für Arme, kosten heute ein Vielfaches dessen, was vor gut zehn Jahren verlangt wurde.

Preis des Mercedes 300 SL stagniert

In einer Messehalle steht ein solcher 912er, wie üblich schnieke poliert, für 65.000 Euro. Laut Katalog sind allenfalls 48.000 Euro drin. Da schüttelt auch der Analyst mit dem Kopf: „Man darf nicht vergessen: Der 912er ist hinsichtlich der Wartungskosten genauso teuer wie der 911er – er ist bloß langsamer“.

Doch es gibt auch Autos, die billiger werden. Britische Roadster der 50er- und 60er-Jahre, z.B. MG B oder Triumph Spitfire, geben leicht nach. „Die wurden früher gekauft von Leuten, die billig Roadster fahren möchten – die Klientel gibt es auch heute noch, aber die kauft jetzt BMW Z3 oder Mazda MX-5“, sagt Wilke.

Auch der Mercedes 300 SL, der Flügeltürer, habe zuletzt im Preis leicht stagniert, berichtet der Bochumer. Die Preise des Flügeltürers, von dem nur knapp 1400 Stück entstanden, werden vom Markt aufmerksam registriert – denn der Flügeltürer stellt eine Art Index für die Kaufkraft und Motivation der Kundschaft dar, sagt Wilke.

Doch da sich das Traumauto der 1950er-Jahre nach wie vor preislich jenseits der 1 Million Euro bewegt, gebe es keinen Anlass zur Sorge. Im Gegenteil, meint der Geschäftsführer von Classic Analytics: „Es zeigt doch, dass die Kunden offenbar nicht jeden Preis akzeptieren.“ Dann sei der Markt von einem Hype weit entfernt.

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Text: Roland Wildberg