Fahrbericht Ducati XDiavel

Die Italiener machen auf Easy Rider

Ducati spielt Harley

Ducati entdeckt den Reiz der Langsamkeit. Der erste Cruiser der Marke, die XDiavel, kommt stilecht mit Riemenantrieb – und standesgemäßen 156 PS.

 
 
12. Februar 2016

Knapp 75 Millionen Menschen besuchen pro Jahr die USA, wissen Statistikportale. Die meisten machen einfach nur Urlaub, andere wollen lernen. Die Sprache zum Beispiel. Oder das Leben, die Denke, den „American way of life“.

Dem kleinen Trupp italienischer Markenprofis, Techniker und Designer, den Ducati vor ein paar Jahren ins Land der vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten entsandt hat, ging es beim US-Trip um etwas Spezielleres: den „American way of drive“. Das Cruisen.

Lässig dahingleiten, die Beine lang nach vorn gestreckt, die Arme breit auseinander, der Rücken gerade. Was zum Teufel finden motorradbegeisterte Amis daran so toll? Und weite Teile der globalen Biker-Gemeinde nebenbei auch? Das galt es herauszufinden. Vor Ort. Dort, wo die Cruiser zu Hause sind. Im Reich von Harley-Davidson. Der Marke, die immer schon mehr Weltanschauung als Bike war.

Der Reiz der Langsamkeit

Moto Guzzi, Triumph, Honda, Kawasaki, Yamaha, Suzuki – nahezu alle volumenstarken Marken haben wenigstens ein Cruiser-Modell am Start. Von wiederauferstandenen US-Ikonen wie Indian und Victory ganz zu schweigen. Nur die Performance-Schmiede Ducati bislang nicht. Was zunehmend ein Expansions-Problem darstellte.

Mehr als jedes vierte weltweit verkaufte Motorrad entstammt der entschleunigten, aber drehmomentgewaltigen Gattung der Cruiser. Es bedurfte also nicht mal der absatz- und margengetriebenen Strategen von Mama Audi, um die Ducati-Verantwortlichen in Stückzahlenwallung zu bringen und etwas gänzlich Neues für die Italo-Performance-Marke entdecken zu lassen: den Reiz der Langsamkeit.

Performance + Highway = Technocruiser

35 Meilen pro Stunde, 56,327 km/h – mehr ist auf kalifornischen Highways meist nicht erlaubt, wenn sie kurvig sind. Geradeaus sind es gern 55 „miles per hour“ (rund 89 km/h). Oder mancherorts auch mal 65 mph (105 km/h). Einzig ein paar Countys in Texas trauen ihren Einwohnern 80 Meilen pro Stunden zu. Aber da sind wir ja nicht.

Ducati hat seine neue XDiavel nämlich in San Diego präsentiert. 15 Monate zuvor debütierte im Sonnenstaat bereits die überaus erfolgreiche Scrambler. In beiden Fällen eine gute (Orts-)Wahl: Die Scrambler hat Ducati mit einem Schlag wieder ins Bewusstsein der Amis gerückt. Als endlässige Marke mit Trendsetter-Appeal und „Heritage“-Charme.

Und mitten in den Scrambler-/Italo-Bike-Hype hinein, schießen die Italiener ihre XDiavel hinterher. Mehr als doppelt so teuer wie das lässige Vintage-Bike. Und als Hightech-Alternative zu Harley-Davidson. Mit Keyless-Go-Startsystem (Schlüssel kann in der Tasche bleiben), dreifach verstellbarem Kurven-ABS von Bosch, achtfach regelbarer Traktionskontrolle, unterschiedlichen Fahrmodi und Mega-Bums: gewaltige 129 Nm schon bei 5000 Umdrehungen pro Minute, jauchzend-machende 156 PS bei 9500/min.

Power jenseits der Donnerkuppel

Wer will, beamt sich auf der XDiavel in unter drei Sekunden auf Tempo 100. Vmax: jenseits der Donnerkoppel. „Weit über 200“, sagt Ducati nur. Und damit pest die XDiavel bei aller Cruiser-Attitude und Beine-Ausstreckerei genau in die Performance-Regionen, in denen sich seit nunmehr fünf Jahren auch die „normale“ Ducati Diavel tummelt, mit der sich die XDiavel – Ehrenwort Ducati – kaum mehr teilt als das extrem breite Hinterrad.

Rund 13.000 Stück hat Ducati von seinem Crossover aus Naked Bike und Rennmaschine seit 2011 verkauft. Von der XDiavel sollen es 7000 bis 9000 Einheiten werden – in einem Jahr, wohlgemerkt. Kernmärkte: USA und durchaus auch Deutschland.

Ein Cruiser, der jedem passt

„Die XDiavel ist anders als jeder andere Cruiser auf dem Markt“, verspricht Stefano Tarabusi, Produktmanager der XDiavel. Erstes Indiz: die hohe Variabilität der Maschine. Lenker, Fußrasten und Sitzbank ermöglichen in Summe 60 Einstellvarianten. Fußrasten weiter vor oder ein Stück zurück, Lenker flacher, Sitzbank flacher oder höher. So passt die XDiavel garantiert jedem, so das Kalkül.

Der Fahrer sitzt aufrecht und entspannt. Die breite Sitzbank – auf Wunsch mit Sozius-Verlängerung und kleiner Rückenlehne – ist tief ausgeschnitten und ausgesprochen bequem. Und erstmals bei Ducati sind die Fußrasten weit vorverlegt.

„Harley ist eine Religion“, philosophiert Tarabusi beim Premieren-Diner auf einer stattlichen Cruiser-Yacht im Hafen von San Diego, unweit der dauerhaft vertäuten Flugzeugträger-Legende USS Midway. „Die XDiavel ist dagegen etwas völlig anderes.“ Und fraglos ein echter Hingucker.

Von der Rennstrecke auf den Highway

Zwei Varianten bieten die Italiener von der lang gestreckten Zweirad-Schönheit an: die mattschwarze XDiavel – und die fein herausgeputzte XDiavel S mit angefrästen Alu-Abdeckungen, schwarz glänzendem Tank und Motor sowie kunstvoll geschmiedeten Bling-Bling-Alurädern und prägnantem LED-Tagfahrlicht.

Von hinten sind die XDiavel und die Diavel für Laien nicht zu unterscheiden: radikal kurzes Heck, längliche LED-Rücklichter, darunter ein monströser 240er Schlappen. Von der Seite zeigt sich dann die neue Linie. Optischer Mittelpunkt: der wuchtige, extrem lebendig agierende neue Motor namens „Testastretta DVT 1262“.

Was der kann, offenbart am besten der absichtlich eher versteckt platzierte DPL-Knopf auf der Rückseite des rechten Lenkerendes. Das Kürzel DPL steht für die neue Ducati Power Launch. Taste drücken, Gang einlegen, Vollgas geben, Kupplung kommen lassen – dann stürmt die XDiavel nach vorn wie ein Dragster, verspricht Ducati. Ohne mit dem Vorderrad abzuheben oder hinten Tonnen von Gummi zu verbrennen. In der Stadt geht einem da schnell die Straße aus. Und das Tempolimit flöten. Darum wurde bei den US-Testfahrten eindringlich davon abgeraten.

Erste Ducati mit Riemenantrieb

Eine weitere Premiere: Zum ersten Mal setzt Ducati ein Riemenantrieb ein. Damit fährt die 247 kg schwere XDiavel sanft, sauber und wartungswarm. Besser geht es kaum. Den kombinierten Verbrauch gibt Ducati mit 5,3 l/100 km an. Beim gemütlichen Cruisen kommt das sogar recht gut hin, zeigte sich im Hinterland der Navy-Metropole.

Klar, wer Spaß an langen Armen hat, toppt den Ökowert leicht. Der Schub der XDiavel ist furchteinflößend. Der Technocruiser pustet einen bei jeder Drehzahl fast aus dem tiefen Sitz. Nichts anderes erwartet man von einer „Duc“.

Mehr lässige Impressionen der Cruiser-Ducati in der => Bildergalerie.

Text: Ralf Bielefeldt / fayvels büro