So fährt der „Diesel-GTI“ im Grenzbereich

VW Golf GTD (2021): Handling-Test

Kleine Quersteher als Kritik der reinen Vernunft: Der VW Golf VIII GTD ist längst nicht so bieder wie ihn viele darstellen. Test auf dem Handlingkurs.

  • Sven Förster
  • Veröffentlicht am 17.03.2021, 12:23
Zu sehen ist der Golf GTD von vorne
Quelle: k-pix.at (Markus Karner) Tolles Alltagsauto? Vernunft-Hot-Hatch? Mit Verlaub: Einen 200-PS-Golf adeln solch Attribute nicht. Wie viel Spaß ein VW Golf VIII GTD bereiten kann? Wir fahren es auf der Strecke des ÖAMTC Fahrtechnikzentrums Teesdorf heraus.

Es wird Dir klarer. Jedes Mal, wenn sein Heck in dieser herrlich schnellen Linkskurve zu wandern beginnt: Die Sache mit der Vernunft wird geringfügig überschätzt und hoffnungslos überstrapaziert. Zumindest im Falle dieses Autos. Denn was unser Lupfen auf dem Handlingkurs des ÖAMTC-Fahrtechnikzentrums Teesdorf so beständig mit Side-Steps quittiert, ordnen zu viele im bieder-rationalen Bereich ein: Der Golf GTD ist die indirekte Antwort auf die Frage, ob ein Kompakt-Sportler in der Friend-Zone landen kann.

Kann er, nur dass sie im wilden C-Segment mit Attributen wie Alltag, Komfort und eben Vernunft einhergehen. Begriffe also, die einem 200 PS starken Golf bedingt schmeicheln. Ganz unabhängig von Treibstoff und Verwandtschaft. Auch wenn es damit zusammenhängt: Dem 4,28 Meter lange GTD fehlen trotz potenten Leistungsdaten (mindestens) 45 PS und vier Zündkerzen auf den Golf VIII GTI.

Doch irgendwie plagen Dich am Steuer des Diesels so gar keine ideologischen Fragestellungen, wenn Du vom schnellen Links-Bogen in den engeren Streckenteil tauchst. Unser größter Kritikpunkt ist viel pragmatischer. Und erst in späteren Strecken-Abschnitten deutlicher spürbar.

VW Golf GTD: Ein echter „Diesel-GTI“, in Grundzügen

Impuls zur Kurven-Innenseite. Lenkung wieder halbwegs gerade. Und ab auf die Bremse. Der GTD toleriert in der Folge auch geringfügiges Hineinbremsen im Kurvenverlauf. Also ohne dass er sein Stabilitäts-Programm wieder anwirft und über harte Eingriffe den Schwung absticht. Dass es überhaupt abwählbar ist, rückt den GTD näher an den echten GTI als alle Innenraum-Zitate dieser Welt. Trotzdem nett, dass es mit Sitzbezügen im klassischen Karo-Design (wie im ersten GTI) und Dreispeichen-Sportlenkrad innen denkbar ähnlich aussieht wie im regulären Sport-Golf.

Zu sehen ist der Golf GTD in seitlicher Position
Quelle: k-pix.at (Markus Karner) Der VW Golf VIII GTD misst 4,28 Meter in der Länge

Außerdem gibt es serienmäßig Sitze mit tollem Seitenhalt und angenehm breitem Verstellbereich. Breite Wangen halten Dich Eingangs der folgenden rechts bergauf zentral im Sitz. Konkret beschäftigt der seitliche Halt links vorne weniger als die Seitenführung links hinten. Ein, zwei Mal schnappt die hintere Achse hier weg – was nicht rein auf Volkswagens Fahrwerks-Abstimmung rückzuführen ist: Wir aktivierten vor den Runden einige Bewässerungs-Anlagen des größten österreichischen Fahrtechnik-Zentrums, verstärken damit zugegebener Maßen die Gier zum Gieren unseres GTD. Speziell dort, wo die scherenden (und lenkenden) Vorderräder früher abtrocknen als ihre hinteren Gegenstücke.

VW Golf VIII GTD Fahrwerk: Härter als hart, weicher als weich

Streckenbreite ausnutzen, Schwung mitnehmen, es geht bergauf. Konkret gleicht die Topographie des Teesdorfer Handlingkurses von hier an einem Kamel-Rücken. Oder waren die mit den zwei Höckern Dromedare? Die gedankliche Biologie-Stunde endet jedenfalls beim harten Anbremsen auf dem Gipfel von Hügel zwei, wo das ABS gefühlt sehr nervös auf die entlastete Front reagiert. Immerhin, die Linie stimmt noch halbwegs für die Kombination aus zwei langen Kehren.

Zu sehen ist das Heck des Golf GTD
Quelle: k-pix.at (Markus Karner) Der wesentliche Unterschied zwischen Golf GTI und GTD liegt im Getriebe: Ein mechanisches Sperrdifferenzial bietet VW für den getesteten GTD nicht an

In diesen zügigen Kurven schätzt man die relativ direkte Auslegung von Volkswagens Progressiv-Lenkung. Überhaupt wenn man über das Untermenü den Sport-Modus mit höherem Widerstand und schärferem Ansprechverhalten um die Mittellage anwählt. Und erst recht gemessen daran, dass die Lamellen unserer Winterreifen (Dunlop SP-Wintersport, 19 Zoll) wohl den initialen Teil unserer Lenk-Impulse verschlucken. Nur die Rückmeldung des Steuers dürfte gerne deutlicher ausfallen.

Nach einer kurzen Geraden geht es in eine wellige Sektion, ebenfalls bewässert. Du suchst bisweilen auf den trockenen Curbs nach Grip, klammerst Dich auch in den folgenden Serpentinen-artigen Kehre an den Randstein. Sie sind zu flach, als dass die Federbeine damit irgendwelche Probleme hätten. Generell filtert das adaptive Fahrwerk (optional, 1.045 Euro) Unebenheiten gut weg, während Nick- und Rollbewegungen im Rahmen bleiben.

Mit dieser DCC genannten Fahrwerks-Option kommt eine Set-up-Option wie auf der Playstation: Wer will konfiguriert die Dämpferrate frei, kann sogar über die Endpunkte Comfort (weiche Seite) oder Sport (harte Seite) hinaus. Wir bleiben auf dem ÖAMTC-Handlingkurs in Teesdorf übrigens auf der Standard-Sport-Konfiguration.


VW Golf 7 GTE
Der Hybrid-Golf

Im Golf 7 GTE arbeiten ein 1,4-Liter-Turbobenziner mit 150 PS und ein 75 kW starker E-Motor. Systemleistung: 204 PS.


VW Golf GTD (2021): Motor und Getriebe

Eine Wahrheit des Kurvenausgangs lautet: Herausbeschleunigen bedeutet warten. Mitnichten ist das als Kritik am Vierzylinder-Turbodiesel zu verstehen. Denn die Maximalleistung von 200 PS liegt zwischen 3.600 und 4.100 Touren konstant an, das maximale Drehmoment kommt laut Datenblatt bei 1.750 bis 3.500 Touren. Gefühlt läuft es im GTD ab 2.000 Touren. Und wenn die Kraft im oberen Drehzahlbereich abflacht, hast Du den digitalen Drehzahlmesser ohnedies nicht mehr m Blick - schließlich schaltet das Doppelkupplungsgetriebe immer (und auch im manuellen Modus) selbst hoch.

Der VW Golf GTD mit Grafik
Quelle: K-Pix.at und Peter Besser Der VW Golf VIII GTD auf dem Handlingkurs

Das Problem ist nicht das autarke nachlegen der alternativlosen Siebengang-Automatik. Sondern ihr bisweilen panisches Herunterschalten. Volkswagens Getriebe (mit Nasskupplung) traut dem Aggregat gefühlt zu wenig zu. Und selbst wenn die Gangwechsel objektiv gesehen schnell ablaufen: Bis sich das System nach unten sortiert, wäre derselbe GTD im höheren Gang wohl schon außen vorbeigezogen.

Allein: Dass Du im höheren Gang verweilen willst, kannst Du dem Golf nicht mitteilen. Über die Paddles klappt in der Anbrems-Phase nur das Gegenteil verlässlich: Über eine Flipper-Taktik (mit mehreren Befehlen nach einander) lässt sich der GTD wenigstens schon vor dem Einlenkpunkt zum Gangwechsel überreden.

VW Golf VIII GTD: Der entscheidende Unterschied zum GTI

Bitte nicht missverstehen Um maximale Leistung geht es am Kurvenausgang nicht immer. Konkret nähert sich der rechte Fuß in den folgenden engeren Linkskurven recht schüchtern dem Bodenblech. Weil die Kraft dieses Fronttrieblers zu schnell am kurven-inneren Rad verpufft. Volkswagen bietet im Golf GTD nur eine „elektronisches Sperrdifferenzial“ an, dass die Traktion über Bremseingriffe erhöhen soll. Eine echte mechanische Sperre finden wir in der Aufpreis-Liste nicht – bei Golf VIII GTI-Modellen ist sie serienmäßig.

In der finalen langen Linkskurve fällt das „offene“ Diff des GTD nicht groß ins Gewicht. Die Kurve macht auf, der Sport-Diesel verträgt recht bald den Maximalbefehl und legt relativ rasch nach. Bei 1:33,91 bleibt die Uhr auf dem teil-bewässerten Handlingkurs des ÖAMTC Fahrtechnikzentrums Teesdorf stehen. Über die selektiven knapp zwei Kilometer unterhält der Golf GTD mit moderatem Übersteuern bei Lastwechseln, doch am Kurvenausgang ginge mehr. Damit erhalten Käufer ab 39.670 Euro ein Auto, das weit spannender ist als sein Ruf. Aber nicht so spaßig, wie es sein könnte. Auch eine Art von Unvernunft.


VW Golf 7 GTI-TCR
Der Golf VII GTI TCR

• Motor: 2,0-Liter-Turbobenziner
• Leistung: 290 PS
• 0-100: 5,6 s | Vmax: 250 km/h


VW Golf GTD im Handlingtest: Messwerte und Fahrzeugdaten

Modell VW Golf VIII GTD
KurzbeschreibungSportlicher Kompaktwagen mit Dieselmotor
Motor 2,0-Liter-Vierzylinder-Turbodiesel mit SCR-Kat
Leistung 200 PS bei 3.600 bis 4.100 Touren
Drehmoment 400 Nm bei 1.750 bis 3.500 Touren
Getriebe Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe (serienmäßig)
Gewicht ab 1.465 kg
Test-StreckeHandlingkurs des ÖAMTC Fahrtechnikzentrums Teesdorf
Streckenlänge und Beschaffenheit2.025 Meter, teilweise bewässert
Rundenzeit1:33,91 min
Schnellste Stelle / Top-Speed149,84 km/h (146,8 km/h in schnellster Runde)
Durchschnitts-Geschwindigkeit77,62 km/h

VW Golf GTD Test | Galerie

  • Zu sehen ist der Golf GTD in seitlicher Position
    Quelle: k-pix.at (Markus Karner) Der VW Golf VIII GTD misst 4,28 Meter in der Länge
  • Zu sehen ist der Golf GTD Tvon vorne
    Quelle: k-pix.at (Markus Karner) Auf Lastwechsel reagiert der VW Golf VIII GTD mit herrlichen Side-Steps. Zugegeben: Die teilweise Bewässerung des Handlingkurses in Teesdorf befördert diese Tendenz
  • Zu sehen ist der Golf GTD von vorne, fahrend
    Quelle: k-pix.at (Markus Karner) Die getestete Variante des VW Golf GTD kommt mit adaptivem Fahrwerk, 19-Zoll-Alufelgen („Estoril“) und LED-Matrix-Licht (u.a.) auf einen Listenpreis von 49.310 Euro
  • Zu sehen ist das Heck des Golf GTD
    Quelle: k-pix.at (Markus Karner) Der wesentliche Unterschied zwischen Golf GTI und GTD liegt im Getriebe: Ein mechanisches Sperrdifferenzial bietet VW für den getesteten GTD nicht an
  • Zu sehen ist der Golf GTD in seitlicher Position
    Quelle: k-pix.at (Markus Karner) So und nicht anders: Den Golf VIII GTD bietet VW ausschließlich als reguläre Schrägheck-Version mit fünf Türen an
  • Zu sehen ist der Golf GTD, fahrend
    Quelle: k-pix.at (Markus Karner) Der Handlingkurs des ÖAMTC Fahrtechnikzentrums Teesdorf führt über drei große Kuppen. Auf einer davon reagiert das ABS denkbar nervös auf das beim Anbremsen entlastete Fahrzeug
  • Zu sehen ist das Heck des Golf GTD
    Quelle: k-pix.at (Markus Karner) Volkswagen bietet den Golf VIII GTD ab 39.670 Euro an
  • Zu sehen ist der Golf GTD von vorne
    Quelle: k-pix.at (Markus Karner) Ein 2,0-Liter-Vierzylinder-Turbodiesel treibt den VW Golf VIII GTD an. Das Aggregat leistet 200 PS und verbraucht laut Hersteller 4,4 Liter auf 100 Kilometer (kombiniert)
  • Zu sehen ist der Golf GTD von vorne
    Quelle: k-pix.at (Markus Karner) Tolles Alltagsauto? Vernunft-Hot-Hatch? Mit Verlaub: Einen 200-PS-Golf adeln solch Attribute nicht. Wie viel Spaß ein VW Golf VIII GTD bereiten kann? Wir fahren es auf der Strecke des ÖAMTC Fahrtechnikzentrums Teesdorf heraus.
  • Zu sehen ist der Golf GTD von vorne
    Quelle: k-pix.at (Markus Karner) Das elektronische Stabilitätsprogramm im VW Golf VIII GTD lässt sch gänzlich deaktivieren oder in den Zwischenmodus „Sport“ senden. Im regulären VW Golf VIII besteht die Option auf ein gänzlich deaktiviertes ESP nicht
  • Zu sehen ist der Golf GTD , fahrend
    Quelle: k-pix.at (Markus Karner) Der Handlingkurs des ÖAMTC Fahrtechnikzentrums Teesdorf führt über drei große Kuppen. Auf einer davon reagiert das ABS denkbar nervös auf das beim Anbremsen entlastete Fahrzeug
  • Zu sehen ist der Golf GTD
    Quelle: k-pix.at (Markus Karner) Wir testen den VW Golf GTD in den letzten Zügen des Winters – der Sport-Diesel trägt zu diesem Zeitpunkt noch Winterreifen vom Typ Dunlop SP Wintersport
  • Zu sehen ist der VW Golf GTD in seitlicher Position, fahrend
    Quelle: k-pix.at (Markus Karner) Unsere GPS- Messanlage zeichnet auf dem Handlingkurs des ÖAMTC Fahrtechnikzentrums Teesdorf einen Top-Speed von 149,8 km/h auf. Die Höchstgeschwindigkeit des Golf VIII GTD liegt bei 245 km/h
  • Zu sehen ist der VW Golf GTD von vorne
    Quelle: k-pix.at (Markus Karner) Im Segment der sportlichen Kompakt-Wagen mit Diesel konkurriert der VW Golf GTD vornehmlich mit der Diesel-Version des Ford Focus ST.
  • Zu sehen ist das Cockpit des VW Golf GTD
    Quelle: Volkswagen Breite Wangen, viele Karos: Im Inneren des Volkswagen Golf VIII GTD sieht es in Grundzügen aus wie im Golf VIII GTI