Ford Focus ST Test

Ford Focus ST: Alltagstest

Mit dem Fokus auf das Fahrwerk

Er zerrt an der Lenkung, stempelt mit den Rädern und lässt das Heck rutschen: Ford stimmt den Focus ST frech, aber präzise ab. Nur der Innenraum will nicht gefallen.

  • Kompakter Fünftürer mit 250 PS
  • Straff und sportlich abgestimmtes Fahrwerk
  • Angenehm kerniger Motorsound
  • Ford Focus ST: ab 29.400 Euro
     

Ja, den Ford Focus ST gibt es als Diesel. Oder als Kombi. Die sind günstiger oder praktischer. Aber ein "Hot Hatch" darf Rabauke sein. Spaß machen. Sprit saufen. Kurzes Heck, kleiner Benziner, viel Dampf, Handschaltung, zweihundertfuffzich Spitze. Dazu noch das gewisse Etwas: Der Focus ST setzt da an, wo ein Golf GTI zu vernünftig wird.

Klar gibt es stärkere, auch im eigenen Haus. Der Focus RS legt nochmal 100 PS drauf, hat Allrad und kann richtig driften. Oder die Nürburgring-Kisten, die auf der Nordschleife die Acht-Minuten-Marke knacken. Aber das mit dem Autoquartett müssen wir endlich vergessen. Ein Auto lässt sich nicht ausschließlich nach Zahlen bewerten. Dann wäre der Focus ST nur einer von vielen. Doch er macht er vieles besser als die Konkurrenz.

Wir haben ihn zwei Wochen lang im Alltag getestet. Auf langen Autobahnetappen, kurvigen Landstraßen, langweiligen Stadtfahrten und allem dazwischen. Das Wichtigste: Spaß hat er dabei immer gemacht.
 

Fahrwerk und Lenkung: Straff, direkt und ein rutschender Hintern

Na gut, fast immer. Denn irgendwann ist man durchgeschüttelt. Das dauert, obwohl Ford den Focus ST sehr straff abstimmt. Piste mag er lieber als Pflaster. Dafür kann man mit ihm allerhand Unsinn anstellen: Ein gut getimter Lastwechsel in der Kurve lässt das Heck rutschen. Nicht so sehr, dass es gefährlich wird. Aber genug, um spektakulär auszusehen.

Schon im Standard-Focus gefällt die Balance, im ST verbessert Ford Achsen und Fahrwerk. Die Vorderachse bekommt einen verstärkten Querträger-Hilfsrahmen und steifere Buchsen in den Dreieckslenkern. Hinten kommen Achsschenkel vom Focus RS zum Einsatz. Dämpfer, Federn und Stabilisatoren sind deutlich straffer ausgelegt als in der Basis. Diese Maßnahmen machen den ST stabiler und verbessern sein Handling. Vor allem im Grenzbereich.

Zurück zum Straßenverkehr: Lange Strecken funktionieren im Focus ST. Nur eben nicht langsam. Irgendwann nervt es, dass er Spurrillen hinterherrennt und bei Unebenheiten hart nachwippt. Er will aktiv, bewusst gefahren werden. Dann freut man sich darüber, wie er sich in der Kurve abstützt und über seine direkte, sehr präzise Lenkung.
 

Motor/Antrieb: Hier zieht‘s

Apropos Lenkung. Hier redet der Antrieb gern mit. 250 PS und 360 Newtonmeter Drehmoment zerren ordentlich an der Achse und letztendlich am Lenkrad. Eine mechanische Differenzialsperre würde dem Focus ST gut stehen. Bisher durfte der ST keine haben, denn der RS bekam sie als Alleinstellungsmerkmal. Jetzt hat er Allrad und braucht sie nicht mehr. Trotzdem stabilisiert Ford den ST nur über Bremseingriff. Das gibt kräftige Unterarme beim Beschleunigen, aber immerhin etwas Hilfe in flotten Kurven.

Andererseits: Das Zerren in der Lenkung und Stempeln beim Beschleunigen passt zum Focus. Er darf sich wild anfühlen, denn er klingt und fährt so. Nicht ganz so ungestüm wie der Fünfzylinder im Vorgänger. Aber ungehobelter als manch ein Konkurrent.

Die sehen wiederum auf dem Papier besser aus. Der Focus ST rennt in 6,5 Sekunden auf Tempo 100. Das ist flott, in dieser Leistungsklasse aber kein Bestwert. Und bei 248 km/h Höchstgeschwindigkeit fehlen dem Ego eben zwei km/h. Ein Durchschnittsverbrauch von knapp zehn Litern Sprit pro 100 Kilometer im gleichmäßigen Streckenmix bei normaler Fahrweise liegt im Toleranzbereich für schnelle Kompakte. Mehr geht natürlich immer. Ford gibt einen Wert von 6,8 Litern an. Gut: Mit 62 Litern Tankvolumen macht der Focus ST ordentlich Strecke.

Karosserie und Platzangebot: Große Spoiler, viel Armaturenbrett

Damit der ST nach Sport aussieht, schraubt Ford große Spoiler an den Focus. Zwei Endrohre sitzen mittig in der Heckschürze. Für Förster unpraktisch, aber der Sport-Focus ist eben kein Zugfahrzeug.

Der Kofferraum des Focus ST liegt mit einem Volumen von 362 Litern auf dem üblichen Niveau. Mit einem Notrad oder echtem Ersatzrad anstelle des Reifenkits sinkt der Wert auf 316 bzw. 277 Liter. Wenn das nicht genügt: Der Focus ST Turnier kostet 950 Euro Aufpreis und lädt (mit Pannenkit) 490 bis 1.516 Liter ein.

Schade: Das Platzangebot fällt für die Kompaktklasse zu knapp aus. Das Armaturenbrett ragt weit in den Innenraum, das beeinträchtigt das Raumgefühl. Vorn sitzt es sich noch gut, hinten wird es zu eng. Das können manche Kleinwagen besser.

Innenraum: Gute Ergonomie, mittelmäßige Materialien

Zudem gefallen Materialien und Optik des Cockpits nicht. Das gesamte Armaturenbrett wirkt klobig und grob. Die Verarbeitung passt, aber vieles fühlt sich etwas lieblos und billig an. Zum Facelift im Jahr 2014 hatte Ford die Mittelkonsole des Focus überarbeitet. Marktforscher, Ergonomen und Orthopäden haben sich das Knopf-Layout ausgedacht. Ein Designer hätte auch mitmachen dürfen. Die Ergonomie stimmt trotzdem, alle Tasten liegen günstig.

Was den ST ausmacht, gibt keinen Anlass für Kritik. Er punktet mit einem griffigen Lenkrad, großartigen Recaro-Stühlen und einer knackigen Schaltung. Das feine Lochleder mit sauberen Nähten sieht gut aus, der Schaltknauf sitzt genau in der richtigen Position und die Sessel bieten viel Seitenhalt. Hätte Ford doch das ganze Cockpit so gestaltet.

Infotainment und Assistenzsysteme: Neues Navi, wenig Hilfe

In unserem Testwagen steckte das alte Infotainmentsystem Sync 2. Für Neufahrzeuge ist nur noch der Nachfolger erhältlich. Ford führte Generation drei spät im vergangenen Jahr in Europa ein. Die unterstützt Windows-, Android-, Apple- und Blackberry-Smartphones. Das Navigationssystem im Auto bleibt dasselbe, Musik und Wetter kommen vom Telefon.

Assistenz kostet im Focus ST Aufpreis. Toter-Winkel-Warner, Fahrspur- und Fernlichtassistent, Verkehrsschilderkennung und Müdigkeitswarner sind im „Technologie-Paket“ enthalten (1.000 Euro). Ein Tempomat ohne Abstandshalter kostet 190 Euro.

Preis und Ausstattung: Ordentlich Rabatt

Nach sieben Jahren auf dem Markt gibt Ford viel Rabatt auf den Focus. Der ST steht als Fünftürer mit 29.400 Euro in der Preisliste, knapp 1.500 Euro günstiger als ein Golf GTI (230 PS) mit vier Türen. Aktuell bietet Ford den Basis-ST allerdings für 25.990 Euro an.

Unser Testwagen bringt es auf einen Listenpreis von 39.420 Euro. Für sinnvoll halten wir vor allem das „Performance-Paket“ für 1.350 Euro. Das beinhaltet eine größere Vorderachsbremse (335 statt 320 Millimeter) sowie Kosmetik (19-Zöller und Einstiegsleisten). Teilleder und Zwei-Zonen-Klima kosten im Paket 1.000 Euro, dynamische Xenonscheinwerfer 1.040 Euro (nur mit Teilleder). Den praktischen Türkantenschutz gibt es für 150 Euro. Schade: Die Preisliste führt Parkwarner nur für die Heckstoßstange auf.

Das Navigationssystem können wir nicht abschließend beurteilen, weil Ford es mittlerweile erneuert hat. Im Focus ST kostet das Sync 3 verhältnismäßig günstige 1.125 Euro. Für 150 Euro Aufpreis schließt Ford neun Lautsprecher von Sony an. Eigentlich unnötig, denn trotz Resonanzverstärkung macht der Focus ST ohne Musik guten Sound.
 

Technische Daten Ford Focus ST

  • Motor: 2,0-l-Vierzylinder-Turbobenziner
  • Leistung: 250 PS (184 kW) bei 5.500 U/min
  • Drehmoment: 360 Nm bei 2.000-4.500 U/min
  • Getriebe: Sechsgang-Handschaltung
  • 0-100 km/h: 6,5 s
  • Höchstgeschwindigkeit: 248 km/h
  • Verbrauch: 6,8 l/100 km (NEFZ)
  • CO2: 169 g/km
  • Testverbrauch: 9,8 l/100 km
  • Länge: 4,362 m
  • Breite: 1,823 m (mit Außenspiegeln: 2,010 m)
  • Höhe: 1,484 m
  • Radstand: 2,648 m
  • Leergewicht: 1.362 kg
  • Kofferraum: 363 – 1.148 l
  • Basispreis Ford Focus ST: 29.400 Euro
  • Preis Testwagen: 39.420 Euro

 

Text: Heiko Dilk | Bildmaterial: MOTOR-TALK