Hat der wirklich Kult-Potenzial?

Youngtimer-Kaufberatung: W124

Der letzte echte Benz

Mercedes W124: Bei dieser Chiffre geraten Youngtimer-Liebhaber ins Schwärmen. Für viele gilt die Baureihe, aus der die erste E-Klasse entstand, als „letzter echter Mercedes“ – vor allem der Kombi. Doch wird das kantige Kultauto seinem legendären Ruf wirklich gerecht?

 
 
11. Februar 2016

Ein 20 Jahre alter Gebrauchtwagen gehört nach aller Regel endgültig zum alten Eisen. Viel hat so ein abgenutztes Vehikel eigentlich nicht mehr zu erwarten: Das Autohaus, das ihn in Zahlung nimmt, reicht ihn schnell weiter, er wandert von einem Händler zum nächsten. Und endet bei irgendeinem kleinen Höker auf dem Hinterhof.

Der hier aber nicht – dieser betagte Mercedes scheint von der Resterampe noch weit entfernt zu sein: Herausgeputzt wie ein Jahreswagen steht der 220 TE von 1996 vor dem riesigen Schaufenster eine Berliner Autohauses.

Stolze 12.990 Euro soll der Kombi kosten, der => auch bei mobile.de angeboten wird. Ein 20 Jahre alter Gebrauchtwagen, noch dazu mit knapp 196.000 Kilometern Laufleistung. Soll das ein Witz sein?

Mehr als 2,5 Millionen Exemplare

Aber nein, versichert der Verkaufsleiter Andreas Münch. Der Preis sei keinesfalls zu hoch. „Der W124 war schließlich noch ein richtiger Mercedes”, meint Münch. Eine kurze Suche bei mobile.de offenbart: Ja, der angebotene Wagen ist relativ teuer – aber wer genauer hinschaut, entdeckt bei dem Exemplar aus Berlin gleich mehrere Besonderheiten. Um die zu erkennen, muss man sich mit dem Modell ein wenig beschäftigen.

W124 – Liebhaber geraten bei dieser Chiffre ins Schwärmen. Bei Daimler-Benz stand der Code werksintern für die Baureihe der oberen Mittelklasse, mit der der Konzern gewissermaßen den Grundstein für die spätere E-Klasse legte. Vorlage des nüchternen Designs war der „Babybenz“ W201, der 1983 auf den Markt kam. Doch anders als den kleinsten Mercedes gab es den W124 in mehreren Karosserie-Varianten: Limousine, Kombi, Cabrio, Coupé.

Mehr als 2,5 Millionen Exemplare wurden zwischen 1984 und 1996 produziert. Ein Modell für die Massen also. Und wirklich: Bei mobile.de werden derzeit über 3.000 Limousinen des Typs angeboten, die meisten davon für Preise unterhalb von 5.000 Euro.

Kombi hat schon Youngtimer-Status

Anders sieht es beim T-Modell, dem Kombi aus: Hier sind es aktuell nur knapp 600, von denen mehr als zwei Drittel hohe Kilometerstände (>200.000 km) aufweisen. Und nur knapp die Hälfte ist ausdrücklich als „fahrtauglich“ markiert. Noch seltener und teurer sind Cabrios, von denen aktuell nur rund 150 angeboten werden, die meisten jenseits von 12.000 Euro.

Wie kann es innerhalb einer Baureihe zu solchen Preisunterschieden kommen? „Es handelt sich genau genommen um mehrere Märkte“, erklärt Frank Wilke von Classic Analytics, einem der großen Youngtimer-Marktbeobachter.

Während die Limousine noch als langlebiger Gebrauchtwagen bei Viert- und Fünfthand-Fahrern in Gebrauch ist und in entsprechend großer Stückzahl auf dem Gebrauchtmarkt, haben Kombi und Dreitürer mit oder ohne festes Dach bereits den Youngtimer-Status erlangt.

Ausstattung gibt den Ausschlag

„Für sie interessiert sich eine ganz andere Gruppe von Käufern“, sagt Wilke. Die würden nicht einfach das billigste kaufen, sondern „da muss alles passen“. Also Zustand, Ausstattung, Lack und Farbgebung der Polster. So werde ein auf den ersten Blick überhöhter Preis wie für den Berliner T auf einmal nachvollziehbar.

Denn dieses Exemplar ist in der begehrten Farbe Dunkelblau-Metallic lackiert, hat schwarze Ledersitze, Klimaanlage, elektrische Fensterheber, Sitzheizung vorn sowie weitere Sonderausstattung – dieser Mercedes kostete als Neuwagen 1995 bereits mehr als 86.000 Mark.

Die Nachfrage bei Classic Analytics ergibt: Ein 220T dieses Baujahrs in gutem Erhaltungszustand ist zwar lediglich 7.200 Euro wert. Doch dieser Wert bezieht sich auf die Basisausstattung. Addiert man nun noch die begehrten Extras hinzu, kommt man auf einen theoretischen Wert von jenseits der 10.000 Euro. „Die Ausstattung kann den Preis gewaltig in die Höhe treiben“, bestätigt Wilke. Gerade bei Mercedes.

Motoren gelten als unzerstörbar

Und der hohe Kilometerstand? „Beim 124er hat die Laufleistung allenfalls indikative Aussage“, meint der Classic-Analytics-Geschäftsführer. Damit spielt er auf die hohe Qualität der Mercedes-Motoren an; außerdem: Bei einem Auto in dieser Preisklasse sei die Historie anhand von Belegen gut nachvollziehbar (was der Anbieter übrigens auch zusichert, ein weiterer Pluspunkt).

Der „letzte echter Mercedes“ – ein Prädikat, das sich vor allem auf Verarbeitungsqualität und Langlebigkeit bezieht. Im Umkehrschluss würde dies bedeuten, dass alle Nachfolger-Modelle aus Stuttgart nicht mehr so gut sind. Der W124 dagegen genießt, insbesondere beim Antrieb, geradezu einen Nimbus der Unzerstörbarkeit. Legendär sind etwa die W124er Taxis, die nicht selten eine Million Kilometer herunterspulten. Aber was ist heute noch dran an dem Mythos?

„Das Auto war schon ein Erfolgsmodell”, räumt Thomas Fietzke, Präsident des Mercedes-Benz W 124-Club Deutschland, gern ein. Durch die hohen Stückzahlen und seine Robustheit ist der W124 bis heute häufig im Straßenbild vertreten (siehe => Bildergalerie).

Fahrgefühl wie in einem Neuwagen

Anders als sein Vorgänger, der chromblitzende W123, fährt sich der deutlich nüchterner designte W124 aber kein Stück wie ein historisches Fahrzeug – auch wenn die Exemplare der ersten Baujahre heute bereits mit einem H-Kennzeichen geadelt werden dürfen (übrigens lohnt sich dieser Aufwand für Prüfung und Ummeldung insbesondere bei den Diesel-Modellen immens).

Im W124 brachte Mercedes gravierende technische Neuerungen: etwa die aufwendige Raumlenker-Hinterachse mit Einzelradaufhängung, die Mercedes zunächst beim 190 und dann auch bei der neuen Mittelklasse einbaute. „Das gab ein ganz neues Fahrgefühl”, sagt Clubchef Fietzke.

Auch hinsichtlich der Fahrleistungen gehört der W124 nicht zum alten Eisen, jedenfalls wenn man einen der starken Sechszylinder erwirbt. Einen solchen fährt Fietzke: Eine 320er Limousine von 1993 mit 220 PS, mit der man heute noch manchen modernen Konkurrenten auf der Autobahn abhängen kann.

Komfort in winzigen Details

Als er sich zum ersten Mal in einen W124 gesetzt habe, habe er gedacht: „Donnerwetter, das ist ja qualitativ unglaublich gut“, erinnert sich Thomas Fietzke. Bemerkbar mache sich das nicht zuletzt an kleinen, scheinbar unbedeutenden Details. So stattete Mercedes den W124 mit beheizbaren Scheibenwaschdüsen und -behältern aus.

„Da friert im Winter nichts ein“, sagt Fietzke. Ein weiteres Schmankerl seien die Außenspiegel, die die Entwickler so fertigten, dass sich kaum Schmutz auf dem Glas festsetzen kann.

Dafür nahm der Hersteller sogar einen schlechteren Luftwiderstand in Kauf, wenngleich der cw-Wert beim W124 dennoch ausgesprochen gut ist.

Vom Prototyp zur 1. E-Klasse

Doch bei allen Vorzügen: Kann man die Millionen-Baureihe einfach so über den Kamm scheren? Daimler-Benz fächerte die Produktpalette beim W124 nämlich so weit auf wie nie zuvor: Es gab den Wagen nicht bloß mit verschiedenen Aufbauten; das Motoren-Angebot reichte vom schwerfälligen und kleinen Diesel (200 D) bis zum bärenstarken 500E mit V8.

Hinzu kamen nach und nach umfassende Modellpflege-Maßnahmen: Mit „MoPf 1“ im Jahr 1989 wurden neue Motoren angeboten, zudem ließ der Hersteller Interieur und Karosserie überarbeiten. Markantes Erkennungszeichen dieser Serie sind die sogenannten Sacco-Bretter (nach Designer Bruno Sacco), breite Seitenschutzleisten aus Kunststoff.

1993 entstand mit „MoPf 2” dann offiziell die E-Klasse, auf dem Typenschild prangte fortan das „E“ vor der dreistelligen Nummer (die den Hubraum bezeichnet). Weitere Modifikationen betrafen zum Beispiel die Farbe der Blinkleuchten und Details im Innenraum.

Nach 200.000 km gerade eingefahren

Eines haben aber alle W124 in den Augen vieler Liebhaber gemein: solide Bauweise und zeitlose Eleganz. Das rechtfertige auch die vergleichsweise hohen Preise, findet Clubpräsident Thomas Fietzke. Das tiefe Tal der Letzthand-Gebrauchtwagen hat der W124 jedenfalls längst durchschritten. Die Preise steigen seit Jahren. Selbst abgerockte Kombi-Modelle mit langem Wartungsstau sind kaum noch unter 1.500 Euro zu finden.

Die Preise für gepflegtere Exemplare liegen bereits oft im fünfstelligen Bereich, selbst bei hohem Kilometerstand: Die robusten Maschinen wie die vom 220 oder 230 TE seien mit 200.000 Kilometern praktisch gerade einmal „eingefahren”, sagt Peter Müller. Der Kfz-Mechaniker aus Berlin-Neukölln hat sich mit seiner Werkstatt auf den Mercedes W124 in der Kombiversion spezialisiert.

Klar, dass Müller viel hält vom W124, sonst würde er nicht durchgereichte Exemplare vom Straßenrand aufsammeln und mit viel Passion restaurieren. Doch weiß auch er um die Schwächen des vermeintlichen Vorzeige-Benz. Gerade hat Müller einen silbernen 220 TE auf der Hebebühne stehen. Na klar, der Motor laufe auch nach 260.000 Kilometern noch rund, sagt er – als wäre das ein Naturgesetz. Doch rund um die Hinterachse ist der Kombi völlig vergammelt. „So was sehen Sie nicht, wenn Sie das Auto von der Straße weg kaufen.”

Rost an neuralgischen Stellen

Rost an den Hinterachsaufnahmen gehören zu den größten Schwachstellen beim W124. In schweren Fällen kann die Reparatur dieses Schadens den Restwert übersteigen. Auch die Seitenschweller rosten im Bereich der Wagenheberaufnahmen gerne, viele Gebrauchtwagen haben hier bereits Eingriffe hinter sich. Beim Kombi blüht die Oxidation häufig an Heckklappe und Dreiecksfenstern.

Hinzu kommt die ebenfalls berüchtigte Anfälligkeit der Kotflügel: Ja es gibt wohl kaum einen W124, der nicht irgendwann Rostblasen an der Außenseite der Front hat. „Dahinter verbergen sich immer Löcher und durchgerostetes Blech”, sagt Jan Rettner vom Fachhandel „Auto Agentur Berlin“. Die Sache sei nichts anderes als ein Konstruktionsfehler, erklärt Rettner, der schon mit W124 gehandelt hat, als die Autos von einem Klassiker-Staus noch weit entfernt waren.

Daimler habe damals bei den vorderen Kotflügeln die Wasserabläufe nicht optimal gestaltet, erklärt er. Regen- beziehungsweise Spritzwasser bleibe in einer Sicke stehen, die Folge sei erst Gammel und dann Rost, sagt Rettner. Daher gebe es fast keinen W124, bei dem nicht der Kotflügel gespachtelt und nachlackiert sei. Die Alternative: Die Autos werden mit Ersatz-Kotflügeln beplankt, die relativ günstig auf dem freien Markt erhältlich sind. Das Problem: „Das sind meist keine Original-Teile, und die Spaltmaße passen nicht. Die Versorgung mit Originalteilen ist nahezu lückenlos, allerdings sind die – wie immer bei Mercedes – relativ teuer (=> Bildergalerie: Kombi Mercedes W124).“

Kabelbaum muss teuer getauscht werden

Eine weitere bekannte Schwachstelle beim W124 sind die Kabelbäume – insbesondere bei den Sechszylinder-Modellen. Durch die Nähe zum Motors werden die Kabel bei jeder Fahrt warm, und nach dem Stopp erstarrt das Material wieder. Im Laufe der Zeit werden die Weichmacher im Gummi brüchig und man kann fast sicher sein, dass bei den Sechszylinder-Modellen früher oder später der Kabelbaum erneuert werden muss. „Dieses Ding zu verlegen, ist eine Sauarbeit“, sagt Händler Jan Rettner. In der Mercedes-Fachwerkstatt koste ein neuer Kabelbaum mit Einbau etwa 1.500 Euro.

Auch ein W124 ist also kein Wunderauto, und es gibt allerlei Problemzonen, die man beachten sollte, wenn man mit einem Kauf liebäugelt. Ein bestimmtes Modell zu empfehlen, ist angesichts der langen Produktionszeit und der großen Motoren-Palette schwierig.

Grundsätzlich lässt sich die Baureihe grob in zwei Klassen einordnen: Da sind zum einen die kleineren Vierzylinder wie der 220 oder 230 E. Diese Maschinen gelten als robust und relativ einfach zu warten, Ersatzteile gibt es wie Sand am Meer und der Unterhalt ist günstig. Diese Autos eignen sich gut als Alltagsauto. Ein Tipp für Familien mit Kindern ist das T-Modell: Der Kombi bietet überdurchschnittlich viel Platz und fährt sich so handlich wie bequem – der ideale Reisewagen.

Der 320er ist besonders populär

Und dann gibt es die großen W124 mit Sechszylinder (besonders populär ist der 320er) und die Achtzylinder mit vier oder fünf Liter Hubraum, die es nur als Limousinen gab. Wer vor allem auf Wertzuwachs spekuliert, sollte eher in ein solches Autos investieren. Aber Vorsicht: Gerade bei den Achtzylindern können Reparaturen richtig teuer werden. Bei ihnen ist im Motorraum praktisch jeder Quadratzentimeter verbaut „ entsprechend hoch ist ist der Zeit- und Bastelaufwand bei Reparaturen.

Dafür ist der Wertzuwachs teils enorm: Beim Spitzenmodell 500E bzw. E500, den Mercedes in Kooperation mit Porsche baute, werden gepflegte Exemplare inzwischen bei 30.000 Euro und mehr gehandelt. Allerdings war dieser Über-124er als Neuwagen bereits sündhaft teuer: 1991 kostete er stolze 140.000 Mark.

„Allgemein sind die Autos preislich komplett durch die Decke gegangen“, unterstreicht Youngtimer-Experte Jan Rettner. Keine Frage, der W124 sei ein tolles Auto, wenn er denn sorgsam gepflegt und gewartet werde. Aber das seien viele Autos auf dem Markt eben nicht. Rettner erwartet daher, dass die Preise zumindest bei mittelprächtigen 124ern wieder sinken.

Weitere Details sowie Tipps zu Stärken und Schwächen vom Begründer der E-Klasse, dem W124, finden Sie in der Bildergalerie.

124-Kombi-Suche bei mobile.de

Heimlich, still und leise... – ist der Kombi auf Basis der Baureihe W124 bereits selten geworden. Derzeit sind knapp 600 Exemplare bei mobile.de im Angebot, aber davon ist nur die Hälfte „fahrtauglich“. Wer sich einen der alltagstauglichen und praktischen Youngtimer zulegen möchte, sollte also gründlich prüfen:

Mercedes W124 T bei mobile.de

Text: Haiko Prengel / fayvels büro
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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