Der Leon legt seine Sachlichkeit ab

Seat Leon 2020: Erster Test

Der neue Leon wird schlauer, sparsamer und größer als der Golf. Seat verbessert den Kompakten vor allem im Innenraum – und traut sich dort etwas zu viel. Erste Fahrt.

  • Constantin Bergander
  • Veröffentlicht am 05/29/2020, 05:51 PM
Seat Leon Dreiviertel-Frontansicht
Quelle: Seat Erste Fahrt im Seat Leon: Der spanische Kompakte im Test

So sehr sich Seat auch bemüht: Zwischen all dem katalonischen Design blitzt viel deutsch-rationale Sachlichkeit auf. Den Innenraum des Vorgänger-Leon hatte Seat weitgehend nach Konzern-Lehrbuch eingerichtet. Ein funktionaler Traum, der jedoch mit dem Selbstverständnis der VW-Tochter kollidiert. Deshalb fliegt der langweilige Kunststoff jetzt aus dem Leon. Die vierte Generation des Kompakten stattet Seat eigenständig aus, sprich: weniger ähnlich zum neuen VW Golf.

Dadurch wird aus dem Leon keine Seat-Eigenentwicklung. Dass er mit dem VW Golf, dem Audi A3 oder dem Skoda Octavia technisch viel gemeinsam hat, spürt man sofort. An offensichtlichen Details wie dem Automatikwählhebel, den der Konzern in allen Baureihen nutzt. Oder an Konzeptionellem wie seinem Einlenkverhalten. Trotzdem gewinnt der Leon ein gutes Stück Individualität.

Der Seat Leon 4 in Kürze:

  • Vierte Generation des Seat Leon
  • Länger, größerer Radstand, mehr Platz auf der Rückbank
  • Neue Motoren mit 90 bis 204 PS
  • Mild-Hybride, ein Plug-in-Hybrid
  • LED-Licht serienmäßig
  • Preise Seat Leon: ab 21.560 Euro
  • Seat Leon Sportstourer ab 22.580 Euro

Neuer Innenraum: Der Leon wird 2020 digital

Die Individualität beginnt im Innenraum. Das Cockpit des 2020er Leon wirkt aufgeräumt wie das Zimmer eines 14-Jährigen, der Damenbesuch erwartet: Alles, was nicht in den Vordergrund gehört, versteckt sich in digitalen Schubladen. Die besten Einrichtungsstücke sind in Szene gesetzt. Nur Warnblinkschalter und Parkbremse haben noch eigene Tasten auf der Konsole. Links vom Lenkrad gibt es ein Schaltfeld für den Themenbereich Licht und Sicht, am Lenkrad selbst die übliche Schalterbatterie. Das war´s.


Seat Cupra Leon
Der Seat Cupra Leon

Seit 2017 schlummern 300 PS unter der Haube. Technik und Motor teilt sich der Leon mit dem Konzernbruder Golf GTI.


Chaotisch sah es im Leon nie aus. In Generation vier wirkt sein Innenraum dennoch, als suche der Kompakte nach einem neuen Image. Sauber, schlank und modern soll er wirken. Auf den großen, teilweise aufpreispflichtigen Displays leuchten selbst gezeichnete Grafiken. Das Licht des Toter-Winkel-Warners ist elegant in das Ambientelicht integriert. Die Form des Armaturenbretts finden wir ebenfalls nicht in den Schwestermodellen wieder.

An so viel Touch und so wenig Klick muss man sich erst gewöhnen. Der Umstieg von Generation drei auf Seat Leon 4 gelingt nicht so geschmeidig wie bei den Vorgänger-Generationen. Fast alle Funktionen steuert man mit Berührungen, einige außerdem mit Sprache („Hola, Hola!“). Die Symbole auf dem großen Bildschirm kennt man vom Handy, trotzdem ist nicht alles selbsterklärend.

Seat Leon Cockpit
Quelle: Seat Betont digital: Das Cockpit des Seat Leon für 2020

Die neuen Wischflächen für Temperatur und Lautstärke lassen sich nicht genau genug dosieren, Drehregler machen das an dieser Stelle besser. Ärgerlich: Während des Tests funktioniert das Infotainment nicht reibungslos. Einige Befehle zeigen erst nach diversen Wiederholungen Wirkung. Verbesserungen kann Seat immerhin kabellos einspielen.


SeatLeon
Der Seat Leon

Die jugendliche Alternative zum VW Golf – mit gleicher Technik.


Sparsamer Mild-Hybrid im Leon 1.5 eTSI

Ein paar Startschwierigkeiten auf dem Weg in die digitale Zeit finden sich also im Seat Leon, aber bei den klassischen Aufgaben überzeugt er. Sein 1,5-Liter-Turbobenziner mit 150 PS arbeitet ruhig, kräftig und sparsam. In Verbindung mit einem automatischen Getriebe wird er serienmäßig zum Mild- Hybrid: Ein Elektromotor steuert Kraft bei und erweitert die Funktionen der Start-Stopp-Automatik.

Das senkt den Verbrauch spürbar. Auf der ersten Testfahrt misst der Bordcomputer innerorts Verbräuche zwischen sechs (vorausschauend) und acht Litern pro 100 Kilometer (zackig). Das Doppelkupplungsgetriebe legt seine Unsicherheiten aus den Vorgängergenerationen ab, es findet fast immer den passenden Gang und Schleifpunkt.

Seat Leon Dreiviertel-Frontansicht
Quelle: Seat Der Seat Leon 4 leuchtet serienmäßig mit LED-Lampen. Matrix-Licht ist nicht verfügbar

Ganz neu: Eine Software entscheidet anhand diverser Parameter, wie sich das Auto bewegt, wenn keine Last anliegt. Es kann mit abgeschaltetem Verbrenner und ohne Kraftschluss rollen (“Segelfunktion”), sanft mit der Motorbremse verzögern oder stärker über den Elektromotor bremsen. Letzteres passiert zum Beispiel, wenn ein Tempolimit naht. Anfangs fühlt sich das nach Bevormundung an. Sobald man die Funktionsweise verinnerlicht hat, versteht man sich gut mit dem Algorithmus. Der Roll-Modus lässt sich über Bremse und Gaspedal beeinflussen.



Feineres Fahrverhalten im Seat Leon (2020)

Am Chassis des Leon verändert Seat wichtige Maße, aber nicht die grundlegende Mechanik. Der Radstand des Kompaktwagens wächst zum Modellwechsel um fünf, die Gesamtlänge um acht Zentimeter. Der Platz kommt vor allem im Fond an, dort gibt es mehr Platz an den Knien. Der Kofferraum wächst nicht: Als Fünftürer lädt der Leon weiterhin 380 Liter Gepäck unter die Abdeckung.

Die Bauform der Achsen bleibt im Leon 2020 gleich, aber Seat verbessert die Abstimmung. Ähnlich wie VW im Golf 8 und Audi beim A3 optimiert Seat über kluge Eingriffe das Fahrverhalten. Im normalen Alltag fällt das kaum auf. Hier rollt der Kompakte weiterhin angenehm ab. Wenn es flott um Ecken geht, spürt man den Fortschritt: Der Leon lenkt zackig ein, hält lange die Balance und mag einfach nicht über die Vorderräder schieben.

Das fühlt sich sportlicher an, als die Motorleistung vermuten lässt. Seat trifft ein gutes Maß bei Lenkübersetzung und Neigungswinkel. Nur das Fahrwerk gerät uns zu straff. Besonders im Alltag wäre hier und da mehr Geschmeidigkeit schön.


Cupra Ateca
Spanisches Sport-SUV

• Motor: 2,0-Liter-Turbobenziner
• Leistung: 300 PS
• 0-100 km/h: 5,2 s | Vmax: 247 km/h


Bessere Fahreigenschaften, Schwierigkeiten bei der Bedienung

Insgesamt: Der Seat Leon macht ab 2020 viele Dinge besser als zuvor. Er fährt dynamischer und sparsamer, wirkt eigenständiger und bietet mehr Platz. Das sollte auch so sein bei einem Modellwechsel. Uns gefällt der zackige Anspruch in Verbindung mit einer tiefen, intimen Sitzposition. Da übersehen wir sogar, dass einige Extras aus dem VW-Konzernbaukasten vorerst nicht im Leon verfügbar sein werden, zum Beispiel das Matrix-Licht und das Head-up-Display.

Seat Leon Seitenansicht
Quelle: Seat Der Seat Leon für 2020 ist größer als ein VW Golf 8 – und er kostet mehr

An einigen Stellen kann der Hersteller dennoch nachbessern. Armaturenbrett und Dachhimmel des Leon 4 knirschen im frühen Testwagen unangenehm. Die schlüssellose Türöffnung funktioniert im Test nicht immer. Im Infotainment gibt es Startschwierigkeiten und funktionale Lücken. Dazu gehört – wie im VW Golf – die fehlende Beleuchtung der Touch-Regler für Temperatur und Lautstärke. Bei dieser Gelegenheit darf gern mehr Gefühl im Finger ankommen. Wenn das Auto schon auf Drehregler verzichtet, sollte die neue Lösung überzeugen.

Der Seat Leon 4 startet bei 21.560 Euro. Dafür gibt es die kleinste Ausstattungsvariante mit begrenzten Optionen, einen Dreizylinder-Benziner mit 90 PS und ein manuelles Fünfganggetriebe. Mit dem getesteten 1,5-Liter-Benziner, Automatik und FR-Ausstattung steigt der Preis auf 29.050 Euro. Bestellungen nimmt Seat seit April 2020 entgegen. Die Auslieferungen sollen nach derzeitigem Stand im vierten Quartal 2020 beginnen. Ein gleich starker Diesel kostet rund 2.500 Euro mehr. Für Sportvarianten und Plug-in-Hybride nennt Seat noch keine Preise.

Seat Leon 4 (2020): Technische Daten

ModellSeat Leon 1.5 eTSI
Motor1,5-Liter-Vierzylinder-Turbobenziner (Mild-Hybrid)
Leistung150 PS (110 kW) b. 5.000-6.000 U/min 
Drehmoment250 Nm b. 1.500-3.500 U/min 
AntriebSiebengang-Doppelkupplungsgetriebe, Frontantrieb
0-100 km/h8,4 s 
Geschwindigkeit221 km/h 
Verbrauch5,9 l/100 km (WLTP)
CO2-Ausstoß133 g/km 
Länge4.368 mm 
Breite1.799 mm 
Höhe1.437 mm 
Radstand2.686 mm 
Leergewicht1.361 kg 
Kofferraumvolumen380 l 
Basispreis Seat Leon21.560 Euro 

Der Seat Leon 4 in Bildern

  • Seat Leon Frontansicht
    Quelle: Seat Der Seat Leon behält in Generation vier seine Proportionen, bekommt aber ein neues Gesicht
  • Seat Leon Frontansicht
    Quelle: Seat Im Testwagen arbeitet der 1.5 eTSI, ein Mild-Hybrid mit 150 PS
  • Seat Leon Seitenansicht
    Quelle: Seat Der Seat Leon für 2020 ist größer als ein VW Golf 8 – und er kostet mehr
  • Seat Leon Kofferraum
    Quelle: Seat Praktisch: Kofferraum mit 380 Litern Volumen
  • Seat Leon Infotainment System
    Quelle: Seat Gewöhnungsbedürftig: Viel Touch, wenig Knöpfe. Die Bedienbarkeit leidet
  • Seat Leon Interieur
    Quelle: Seat Tiefe Sitzposition und viel Seitenhalt im Leon. Unter dem Beifahrersitz platziert der Hersteller die Hybrid-Batterie
  • Seat Leon Rückbank
    Quelle: Seat Kniefreiheit: Hinten gibt es jetzt mehr Platz im Seat Leon
  • Seat Leon Cockpit
    Quelle: Seat Betont digital: Das Cockpit des Seat Leon für 2020
  • Seat Leon Schalthebel
    Quelle: Seat Eine Handschaltung bleibt im Programm. Die Mild-Hybride gibt es aber nur mit Automatik
  • Seat Leon Dreiviertel-Frontansicht
    Quelle: Seat Groß ist er geworden: Der neue Leon legt bei Radstand und Fahrzeuglänge zu
  • Seat Leon Fahrbericht 4
    Quelle: Seat Am Kofferraumvolumen des Leon ändert sich nichts, aber es gibt hinten mehr Platz
  • Seat Leon Dreiviertel-Frontansicht
    Quelle: Seat Der Seat Leon 4 leuchtet serienmäßig mit LED-Lampen. Matrix-Licht ist nicht verfügbar
  • Seat Leon Seitenansicht
    Quelle: Seat Im Test fällt die Härte des Leon-Fahrwerks auf – die wäre nicht nötig gewesen
  • Seat Leon Fahrbericht 7
  • Seat Leon Vogelperspektive
    Quelle: Seat Weiterhin im Blech: Dreiecke und Kanten gehören zum Seat-Design
  • Seat Leon Dreiviertel-Frontansicht
    Quelle: Seat Erste Fahrt im Seat Leon: Der spanische Kompakte im Test