mobile.de: Frühjahrs-Check für Bike und Biker

Motorräder: Frühjahrs-Check

20-Punkte-Plan für Bike & Biker

Aufsitzen: Für Motorradfahrer beginnt jetzt die goldene Jahreszeit. Vor dem Start sollten Biker ihr Zweirad und sich selbst einer kritischen Prüfung unterziehen.

Sechs Monate können eine verdammt lange Zeit sein – nicht nur für Motorradfahrer, wenn sie verdrossen hinterm Steuer ihres Winterautos durchs Schneetreiben zockeln. Sondern auch fürs Bike, das aufgebockt die kalte Jahreszeit verdöst.

In den frostigen Wintermonaten, in denen aus Zweiradsicht eigentlich gar nichts passiert, kann doch eine Menge passieren: Öl altert, die Batterie verliert Spannung, Bremsflüssigkeit zieht Wasser, Gummidichtungen werden porös, Metall rostet. Unmerklich, aber unaufhaltsam.

Und, machen wir uns nichts vor: Auch der Biker selbst kann in sechs Monaten ganz schön abbauen. Er oder sie verliert Fahrpraxis und büßt Fitness ein – dafür lassen fehlende Bewegung und gutes Futter im Winter mitunter eine kleine Plauze wachsen. In Folge passen Hose, Kombi oder Nierengurt nicht mehr; misslich.

Es ist also alles andere als übertriebener Sicherheits-Fanatismus, jedem Motorradfahrer und seiner Maschine einen einstündigen Frühjahrs-Check zwingend zu verordnen. Und zwar mindestens einen Tag vor dem ersten Ausritt! Denn dann ist noch genügend Zeit, fehlende Teile und Betriebsstoffe wie Öl, Fett oder Bremsflüssigkeit zu besorgen, die Batterie nachzuladen und im schlimmsten Fall eine Werkstatt zu konsultieren.

Der 20-Punkte-Plan für Bike & Biker

1. Der allererste Check gilt der Batterie: Ist noch genügend Flüssigkeit drin? Wenn nicht, erst mal nix tun – sondern durch Drehen des Zündschlüssels prüfen, ob noch genügend Spannung drauf ist. Bei eingeschalteter Zündung erwärmt sich die Batterieflüssigkeit und dehnt sich folglich aus. Erst dann kann korrekt nachgefüllt werden.

2. Sollte sich die Batterie nach sechs Monaten Standzeit entladen haben, was durchaus vorkommt, sollte sie auf keinen Fall an ein Auto-Batterieladegerät gehängt werden! Motorrad-Akkus sind deutlich kleiner als Pkw-Batterien und müssen folglich mit geringerer Ladungsmenge regeneriert werden – statt 4 Ah sind nur etwa 500 mAh notwendig. Eine Überdosis würde die Lebensdauer der Moped-Batterie stark reduzieren. Adäquate Motorrad-Ladegeräte gibt es im Fachhandel.

3. Ob alte oder neue Batterie: Die Pole leicht mit Polfett einfetten, das verhindert Korrosion, dann funktioniert das Kraftwerk wie geschmiert.

Federbeine und Motor sauber?

Jetzt erst geht es an die Motorrad-Revision – und zwar schön von vorn nach hinten durch.

4. Tritt an den Federbeinen Dämpferöl aus? Wenn ja, müssen die Dichtungen erneuert werden.

5. Sind Roststellen an den Tauchrohren? Die können Dichtungen beschädigen, müssen also mit Metallpolitur vorsichtig beseitigt werden.

6. Wurde der Motor vor der Winterpause mit Sprühöl gegen Oxidation konserviert, war das vorbildlich – und gehört jetzt entfernt. Denn wird das Aggregat heiß, brennt das Öl sich ein und ist kaum noch wegzukriegen. Ein Schönheitsfehler nur, aber ärgerlich. Manch einer schwört auf Bremsenreiniger, um den Optikschaden weitgehend zu beheben.

Ein Tropfen Kriechöl in die Bowdenzüge

7. Rahmen und Verkleidung auf Risse kontrollieren, anschließend alle Anbauteile auf lose Schrauben überprüfen und gegebenenfalls festziehen.

8. Jetzt aufsitzen (ohne den Motor einzuschalten). Prüfen Sie die Funktion von Kupplung und Bremsen; der Bremshebelweg sollte möglichst kurz sein.

9. Bremsflüssigkeit prüfen. Sie sollte alle zwei Jahre gewechselt werden. Ist die Flüssigkeit tief gelb oder dunkler, muss sie ausgetauscht werden.

10. Geben Sie bei der Gelegenheit einen Tropfen Kriechöl in die Bowdenzüge, wo die Seelen ins Rohr eintreten. Das ist ein wirksamer Rostschutz über die gesamte Zuglänge.

Gentleman, start your engine!

Zur Belohnung (und für den nächsten Check) dürfen Sie jetzt den Motor starten. Sie haben noch das Benzin vom Herbst im Tank? Kein Problem – heutzutage hat Kraftstoff so gute Qualität, dass er problemlos jahrelang gelagert werden kann.

11. Die Kontrolllämpchen im Kombiinstrument dürfen wenige Augenblicke nach erfolgter Zündung nicht mehr aufleuchten.

12. Läuft der Motor rund, orgeln Sie ihn nicht gleich hoch! Erstens wird Ihnen das der Nachbar danken, zweitens muss sich das Motoröl nach der Winterpause erst wieder verteilen. Das dauert.

Bremsbeläge sind billiger als -scheiben

13. In den fünf Minuten, die der Motor zum Warmwerden braucht, Bremsscheiben und Bremsbeläge kontrollieren. Ist noch genügend Belag drauf? Wenn es knapp wird, die Klötze lieber wechseln. Sind die Beläge weg, geht es auf die Scheiben; und die sind fünf Mal so teuer!

14. Nach den Bremsen geht’s an die Reifen: 1,6 mm Profiltiefe schreibt der Gesetzgeber vor, aber bei Saisonbeginn ist das sinnlos: Bei Motorrädern ist der Reifenverschleiß hoch, und mit dem Mindestprofil kommen Sie allenfalls ein paar 100 Kilometer weit, bevor es lebensgefährlich wird. Also rechtzeitig wechseln!

15. Nicht vergessen: Neue Reifen müssen einige Kilometer eingefahren werden, damit sie richtig in Form kommen. Extreme Schräglagen sollten Sie anfangs unbedingt vermeiden!

Jetzt ist der Motor endlich warm, und Sie dürfen immer noch nicht losfahren – sondern die Maschine wieder ausmachen.

Genügend Motoröl?

16. Denn jetzt prüfen Sie den Ölstand. Wenn Sie kein Vielfahrer sind, sondern nur ein paar tausend Kilometer durch den Sommer cruisen, muss das Öl nicht zwingend jährlich gewechselt werden. Dennoch schadet ein prüfender Blick auf die Farbe des Schmierstoffs nicht: Ist er tiefschwarz, ist es Zeit für einen Ölwechsel.

17. Wenn Sie schon unterm Motor herumkriechen: Prüfen Sie – so vorhanden (falls keine Kardanwelle) – auch gleich noch die Kette auf gute Spannung und möglichen Verschleiß, dann fein dosiert fetten mit speziellem Kettenfett.

18. Zur Elektrik: Blinker, Hupe, Stand- und Fahrlicht sowie Bremsleuchte im Stand ausprobieren.

Jetzt ist der Biker dran

Genauso kritisch, wie das Motorrad gecheckt wurde, sollten Biker auch sich selbst und die Ausrüstung einem Test unterziehen. Hand aufs Herz:

19. Tut es der Helm noch? Alle 5 bis 7 Jahre ist ein neuer fällig. Das hat nichts mit der Mode zu tun, sondern mit natürlicher Alterung. Die UV-Strahlung lässt die Außenbeschichtung morsch werden, mit der Zeit verflüchtigt sich der Weichmacher im Kunststoff. Das erhöht im Fall des Falls das Verletzungsrisiko.

Hat der Helm bereits einen Sturz hinter sich, gehört der Schädelschutz ohnehin entsorgt: Selbst wenn die Außenhülle unbeschädigt aussieht, beschädigt ein Sturz die innere Struktur eines Helms irreparabel. Wichtig, auch wenn das Geld mal knapp ist: Keinen gebrauchten Helm kaufen – man weiß nie, was der schon hinter sich hat. Derzeit ist für neue Helme die Sicherheitsnorm ECE R 22/04 oder 22/05 maßgeblich. Mindestens das zerkratzte Helmvisier sollten Sie vor jeder Saison durch ein neues ersetzen.

20. Prüfen Sie anschließend, ob der Rest der Ausstattung noch passt. Die Kombi bzw. Jacke und Hose müssen so am Körper sitzen, dass die Protektoren nicht verrutschen können.

Maschine läuft einwandfrei, Helm und Montur passen? Dann kann es endlich losgehen – aber bevor Sie richtig aufdrehen, machen Sie noch ein paar Fitness- und Dehnübungen.

> Grundübungen für frühjahrsmüde Biker zeigt die Bildergalerie.

Tipps zur Motorrad-Versicherung finden Sie hier.

Text: Ralf Bielefeldt