mobile.de: Kaufberatung Unterschätzte Limousinen

Kauftipp: Unterschätzte Limousinen

Die Übersehenen

Es gibt Autos, die wollte trotz unbestrittener Qualitäten nur selten jemand kaufen. Das ist die Chance für Gebrauchtkäufer, zum kleinen Kurs an ein gutes Auto zu kommen.

Besonders ab der oberen Mitteklasse ist der deutsche Autokäufer extrem konservativ: Audi, Mercedes, BMW oder gar nichts, scheint hier das Motto zu lauten. Wer sich beispielsweise einen Lancia Thesis, einen Renault Vel Satis, Rover 75 oder einen Peugeot 607 kaufte, hat deshalb jetzt ein Problem. Nur weit unter Wert wird er sein Auto wieder los. Des einen Leid, des anderen Freud: Gebrauchtkäufer können hier ein echtes Schnäppchen machen.

 

 
 

Design? Was für ein Design?

Vielleicht liegt das mangelnde Käuferinteresse am Design? Das mag beim Renault Vel Satis (2002 bis 2009) zutreffen. Zwar gibt es kräftige Motoren und eine Pracht aus Leder im Innenraum, aber diese Optik… Man muss ihn schon mögen, diesen Crossover aus Van, Limousine und Kombi. Im Gegensatz zur Konkurrenz lässt sich auch sperriges Gepäck durch die in dieser Klasse einzigartige Heckklappe einladen. Zudem ist der Einstieg wegen des hohen Daches auch für unbewegliche Menschen leicht möglich.

Verarbeitung, Qualität und Fahreigenschaften des komfortablen Gleiters sind ebenso ohne Fehl und Tadel. Der Vel Satis ist zwar nicht für sportliche Fahrer geeignet, aber die komfortable Alternative zu sein ist ja nichts Schlechtes. An der Sicherheit wurde bei ihm jedenfalls nicht gespart: Der Renault Vel Satis erreichte im NCAP-Crashtest die maximale Punktzahl von fünf Sternen.

Zwar liegen von ihm wie bei seinen Konkurrenten beim ADAC durch die geringen Zulassungszahlen (2008: 51 Stück) keine statistischen Daten vor, aber so viel ist klar: Es gibt Elektronikmängel, außerdem hat der 3,0-Liter-Diesel Überhitzungsprobleme – aber sonst ist der Vel Satis zuverlässig.

Auch bei höheren Aufgaben: Der Renault Vel Satis dient neben dem Citroën C6 als Staatslimousine in Frankreich. Und was für den Präsidenten der „Grande Nation“ gut genug ist, kann so nicht schlecht nicht sein.

Die Queen fährt lieber Land Rover

Im seit 1998 produzierten Rover 75 hat man weder Queen noch Premierminister gesehen, obwohl der Wagen in Großbritannien gebaut wurde. Dabei hätte die Limousine durchaus zu Ihrer Majestät gepasst. Protz oder Mode ersetzt er durch ein würdevolles Äußeres, er trägt den Nerz nach innen.

Zwar nicht serienmäßig, aber immerhin sehr häufig bei Gebrauchtwagen sind opulente Lederausstattung - welche Elisabeth II. übrigens nicht sehr schätzt - sowie feine Holzvertäfelung des Armaturenbrettes. Alles sehr stilvoll gestaltet.

Ein Teil der Technik – wie die frühen Dieselmotoren – stammt vom damaligen Rover-Besitzer BMW. Eigentlich steht das für Qualität, doch an die Zuverlässigkeit der bayerischen Modelle kam der Rover 75 nie heran. Nachteilig: Nachdem BMW den Verkauf der Rover-Sparte ankündigte, wurde die Verarbeitung noch schlechter. Seine Elektronikprobleme ist der 75 über die gesamte Bauzeit nie losgeworden.

Und doch: In Zeiten immer sportlicherer Modelle ist der Rover ähnlich dem Renault Vel Satis so etwas wie ein Ruhepol in der Hektik des Straßenverkehrs – das hat was.
Die Karriere des Rover 75 ist seit dem Zusammenbruch der gesamten Firma 2006 übrigens nicht vorbei: Konstruktionsunterlagen sowie die Maschinen wurden nach China verkauft, wo seit 2006 der Roewe 750 vom Band läuft. Vielleicht ist das technisch und optisch überarbeitete Modell jetzt zuverlässig geworden.

Papamobile für Normalos

Einen berühmten Nutzer kann der Lancia Thesis dann wieder vorweisen. Die ausgesprochen stilvolle Variante einer großen Mittelklasselimousine dient höchsten himmlischen Kräften als Dienstwagen – das erste jemals gebaute und „Jubileo“ genannte Sondermodell dient im Fuhrpark des Vatikans.

Doch auch dieser prominente Erstbesitzer konnte nicht verhindern, dass der Lancia Thesis in den Zulassungsstatistiken ganz hinten rangierte. Sogar in seinem Heimatland Italien blieb der Wagen trotz hohem Komforts und einer opulenten Ausstattung weit hinter den Erwartungen zurück. Schade eigentlich, denn dem deutschen Automarkt ist damit ein Charaktergesicht in der Menge verloren gegangen.

Die ungewöhnliche Frontpartie mit vergleichsweise kleinem Kühlergrill, den angedeuteten Kotflügeln der späten 50er-Jahre sowie den Einzelscheinwerfern konnte eines nicht verdecken: Unter dem Blech steckt profane Fiat-Technik. Die ist nicht schlecht, aber eben auch nichts Besonderes. Nichts, das zu einem so ungewöhnlichen Wagen passen will.

Wir haben ihn damals nicht gewollt, also bekommen wir jetzt die gerechte Strafe: Der Nachfolger des Thesis heißt Thema und basiert auf dem Chrysler 300 C. Ob das funktioniert?

Der personifizierte Durchschnitt

Einen prominenten Besitzer kann der Peugeot 607 gerade noch vorweisen. Er ist wahrscheinlich zu unscheinbar, schon bei seiner Vorstellung im Jahr 2000 drehte sich niemand nach ihm um. Nicolas Sarkozy, jüngst abgewählter Präsident der französischen Republik, ließ sich im Peugeot 607 chauffieren. Allerdings erst, nachdem die Limousine in ein Halbcabriolet verwandelt wurde, was denn auch der auffälligste Auftritt dieser Oberklasse-Limousine gewesen sein dürfte. Jetzt und für immerdar.

Als er im Jahre 2010 eingestellt wurde, war es wie immer: Kaum einer hat dies bemerkt. Dabei ist der Wagen alles andere als schlecht. Es gibt kaum Klagen über ihn, lediglich entladene Batterien gibt es öfters zu bemängeln. Die Dieselmodelle überwiegen auf dem deutschen Markt. Diese – immerhin! – sind Pioniere, denn die 607er waren die ersten Dieselfahrzeuge weltweit, die serienmäßig mit einem Partikelfilter ausgerüstet waren.

Ganz so komfortabel wie frühere Peugeot-Modelle ist der 607 nicht mehr. Trotzdem ist er eine elegante, viertürige Stufenhecklimousine. Sein direkter Nachfolger kommt wohl erst 2014 als Peugeot 608. Bei Peugeot gibt es offensichtlich Überlegungen, dieses Modell als Kombi herauszubringen. Das wäre dann der erste europäische Kombi in der Oberklasse – hoffentlich bemerkt es diesmal jemand.

Weitere Informationen

Renault
Vel Satis
- Fünftürige Steilhecklimousine
- Länge 4,86 Meter
- Bauzeit 2002 bis 2009
- Diesel mit 150 bis 181 PS, Benziner mit 170 bis 241 PS
Rover 75 - Viertürige Stufenhecklimousine sowie fünftüriger Kombi
- Länge 4,74 Meter
- Bauzeit (in Europa) 1998 bis 2005
- Diesel mit 115 bis 130 PS, Benziner mit 120 bis 240 PS
Lancia Thesis - Viertürige Stufenhecklimousine
- Länge 4,88 Meter
- Bauzeit 2002 bis 2009
- Diesel mit 150 bis 185 PS, Benziner mit 170 bis 230 PS
Peugeot 607 - Viertürige Stufenhecklimousine
- Länge 4,9 Meter
- Bauzeit 2000 bis 2010
- Diesel mit 136 bis 200 PS, Benziner mit 158 bis 211 PS
Text: SH