Wie viele Kilometer hält ein Motor?

Gebrauchtwagen mit sehr hoher Laufleistung

Die Kilometerfresser

Hohe Laufleistungen bei Gebrauchtwagen wirken meist abschreckend. Dabei kann ein Kilometerfresser ein guter Kauf sein: Solche Fahrzeuge wurden in der Regel gut gepflegt und gewartet.

  • Die Lebenserwartung von Autos ist deutlich gestiegen, weil sie kaum noch rosten.
  • Ob die Motoren robuster geworden sind, darüber sind sich Experten uneinig.
  • Die immer komplexer werdende Bauweise macht Reparaturen von Neben-Komponenten aufwändig und teuer.

Kilometerstände im sechsstelligen Bereich sind keine Seltenheit

Victor Sheppard ist mehr als ein Vielfahrer, er ist ein Kilometerfresser. 125.000 Meilen legte der US-Amerikaner jedes Jahr mit seinem Toyota Tundra, Baujahr 2007, zurück. Jetzt knackte Sheppard die Eine-Million-Marke: Umgerechnet 1,6 Millionen Kilometer hat sein Pick-up auf dem Buckel. Und außer ein paar kleinen Dellen sei der Wagen „fast wie neu“, sagt Sheppard.

Die Laufleistung seines Toyota ist so gewaltig, dass dem japanischen Hersteller die Sache seltsam vorkam. Er nahm den Wagen zurück, um ihn in seine Einzelteile zu zerlegen und gründlich zu untersuchen. Sheppard bekam im Gegenzug gratis einen nagelneuen Tundra.

Die Geschichte erregte großes Aufsehen und ist sicherlich ein Sonderfall. Extrem hohe Laufleistungen sind es aber nicht. Auch in Deutschland kommen Autofahrer mit ihren Fahrzeugen immer wieder auf hohe Kilometerstände von teils bis zu einer Million Kilometer oder mehr. Das zeigt eine Stichprobe bei mobile.de: Die Suche nach Autos mit hohen sechsstelligen Kilometerständen ergibt Hunderte Treffer. Wie aber sind solche Marathon-Werte möglich, wenn andere Motoren schon nach 100.000 Kilometern aufgeben? Und sollte man ein Fahrzeug mit extrem hoher Laufleistung noch kaufen?

Ein durchschnittliches Autoleben endet bei etwa 200.000 Kilometern

Autohersteller und Kfz-Experten gehen davon aus, dass ein „Autoleben” heutzutage etwa zwischen 150.000 und 250.000 Kilometern dauert. Bis zu diesem Tachostand sollte ein Neuwagenkäufer keine gravierenden Ausfälle mit teuren Reparaturen bei seinem Auto befürchten müssen.

Allerdings hängt viel von der Fahrweise und der Pflege eines Fahrzeugs ab: Bei Vielfahrern sind 250.000 Kilometer mitunter schon nach wenigen Jahren erreicht. Reine Stadtautos kommen womöglich in 20 Jahren nicht auf diesen Wert.

Das bedeutet nicht, dass sie deshalb besser in Schuss wären: Häufige Kaltstarts und Kurzstrecken sind einem langen Autoleben eher abträglich. Langstrecken im mittleren Drehzahlbereich gelten als motorschonend.

Einige dieser Kilometerfresser bei mobile.de sehen Sie in der => Bildergalerie.

Regelmäßige Pflege und Wartung wirken lebensverlängernd

„Die Lebensdauer eines Fahrzeugs unterliegt vielen Faktoren”, sagt Thomas Schuster, Ingenieur bei der Kfz-Prüforganisation KÜS. So hätten Pflege und Wartung sowie der regelmäßige Austausch von technischen Komponenten entscheidenden Einfluss.

Ein Extrembeispiel ist der Zahnriemen: Wenn er nicht gewechselt wird und reißt, kann ein Motor schon nach 80.000 Kilometern kaputtgehen.

Aber auch der einfache Motor- und Getriebeölwechsel und regelmäßige Inspektionen nach Herstellervorschrift sollten nicht hinausgezögert werden. „Viele Autos könnten noch laufen, wenn die Halter bereit gewesen wären, mehr Aufwand und Geld in die Aufbereitung des Fahrzeugs zu investieren”, sagt Schuster.

Basis-Motoren sind hochwertiger geworden

Die Hersteller sind davon überzeugt, dass ihre Autos haltbarer geworden sind. „Im Vergleich zu älteren Modellen sind neue Fahrzeuge motortechnisch sicherlich im Vorteil“, meint Michael Blumenstein von Opel in Rüsselsheim. Um innermotorisch geringstmögliche Reibung zu erzeugen, würden die Materialien stetig verfeinert – auch, um mehr Kilometer zu schaffen. Die Zylinderlaufbahnen beispielsweise werden heute in speziellen Verfahren gehärtet. Ein klassisches Einfahren von Neuwagen auf rund 1.500 Kilometer gibt es heute nicht mehr.

Als Beweis für die größere Haltbarkeit führt Blumenstein die Dauertests der Fachzeitschrift „Auto Bild“ an. Deren Redakteure lassen die Motoren von Testfahrzeugen nach 100.000 Kilometern in ihre Einzelteile zerlegen. „Dabei waren in den vergangenen fünf Jahren nicht einmal mehr Laufspuren oder Abnutzungen in Motor, Lager oder Laufbahn erkennbar. Das war laut 'Auto Bild' früher anders, und zwar bei Fahrzeugen aller Hersteller“, erklärt Blumenstein.

Fallen Neben-Komponenten aus, wird es teuer

Allerdings besteht ein moderner Motor aus deutlich mehr als aus Lager, Kolben und Zylinderlaufbahn. Mögen die Basis-Aggregate von ihren Materialien her hochwertiger geworden sein: Oft kommt es trotzdem zu einem gravierenden Schaden, wenn eine der vielen Neben-Komponenten ausfällt – zum Beispiel der Turbolader oder die Hochdruckeinspritzpumpe, erklärt Helmut Klein, Technikexperte beim Automobilclub ADAC.

Die modernen Turbodiesel arbeiten im thermischen Extrembereich. Um mehr Leistung und Drehmoment zu erreichen, wird der Kraftstoff mit enorm hohen Einspritzdrücken in den Motor gepumpt, wobei sehr hohe Verbrennungstemperaturen entstehen.

„Das stellt an Werkstoffqualität und Bauteildauerfestigkeit gesteigerte Anforderungen – und kann daher zu früheren Ausfällen führen“, sagt Klein. Zudem steigen mit immer anspruchsvolleren Abgasgrenzwerten (aktuell Euro 6) die Anforderungen an die Abgasreinigung. Auch hier registriert der ADAC verstärkt „Problemfälle“.

Auch Fachleute sind mit der komplexen Elektronik überfordert

Zudem wird die Fahrzeugelektronik moderner Autos stetig komplexer. Durch die steigende Zahl an sicherheitsrelevanten Fahrassistenzsystemen und Komfortkomponenten gibt es mehr Ausfallmöglichkeiten. „Leider hinkt die Fahrzeugdiagnose der Entwicklung der elektronischen Systeme immer etwas hinterher und vielen Betrieben fehlt es einfach auch an ausgebildeten Spezialisten in diesem Bereich“, sagt KÜS-Experte Schuster. Seine Prognose ist, dass es eher aufwändiger wird, moderne Fahrzeugen über einen langen Zeitraum und lange Distanzen zu bewegen.

Zudem ist der Prüfingenieur nicht der Ansicht, dass die Fahrzeuge haltbarer geworden sind, im Gegenteil: „Es lässt sich leider feststellen, dass es bei moderneren Fahrzeugen häufiger zu Motorschäden kommt, als es noch vor fünf Jahren der Fall war.“ Downsizing und das Streben nach immer höherer Effizienz, also die Verringerung des Hubraums und der Zylinderzahl gepaart mit verstärktem Einsatz von Turboladern, hätten Auswirkungen auf die Lebensdauer des Triebwerks.

Im Taxi x-mal um die Welt

Christian Lüdemann hat genau diese Erfahrung gemacht. Der Hamburger fährt seit fast 25 Jahren Taxi und hat mit verschiedenen Mercedes-Diesel-Fahrzeugen umgerechnet Dutzende Male die Welt umrundet. Allerdings schaffte er mit seinen alten Taxis in den 90ern deutlich mehr Wegstrecke als heute. Dass die Motoren haltbarer geworden sind, kann Lüdemann nicht bestätigen: „Mercedes baut immer noch gute und langlebige Dieselmotoren. Doch der Fehler steckt oft im Detail“, berichtet er.

Aktuell fährt Lüdemann einen etwas älteren Mercedes der Baureihe W211 mit Vierzylinder-Diesel (OM 646) und Duplex-Steuerkette. Die Kette war bislang wartungsfrei und machte praktisch keine Probleme. Seit 2009 baue Mercedes bei der Nachfolger-Baureihe W212 jedoch Motoren mit Single-Steuerketten ein (OM 651), die sich längen können und frühzeitig getauscht werden müssen, bemängelt der Vielfahrer.

Der Wagen eines Kollegen habe mit 200.000 Kilometern Laufleistung bereits die vierte Steuerkette verbaut. „Von Kollegen mit Mercedes W212 höre ich immer wieder von solchen Problemen. Die sagen: Ich werde keinen W212 mehr kaufen, allenfalls als Erdgasversion.“

Alte Saugdiesel hielten am längsten

Lüdemann ist sich sicher: „Die besten Motoren waren die Saugdiesel aus dem alten Mercedes W124, gebaut von 1985 bis 1995. Mit 70 bis 147 PS sicher keine Leistungswunder, aber 500.000 Kilometer plus x hielten sie alle.“ Mit seinem eigenen 250D schaffte der Taxifahrer knapp 800.000 Kilometer, bevor Rost an der Hinterachsaufnahme die beiden trennte.

Helmut Klein vom ADAC nennt es die „gute alte Zeit“: Vor 25, 30 Jahren seien die alten Dieselmotoren wie etwa ein 300er D aus der Baureihe W124 tatsächlich oft ewig gelaufen, erinnert sich der Technikexperte.

Damals wurde der Kraftstoff noch nicht mit Hochdruck direkt in die Brennkammer gespritzt wie bei modernen Dieseln, sondern mit deutlich weniger Druck in die Vorkammern. „Dadurch war die Verbrennung zwar nicht so wirkungsvoll und die Motoren bei weitem nicht so agil wie heute. Aber sie waren deutlich laufruhiger.“

Früher war auch nicht alles besser

Allerdings sei früher auch nicht alles besser gewesen, betont Klein. Beispiel VW Käfer: Der Volkswagen wurde unter anderem wegen seiner Robustheit zur Legende. „Der läuft und läuft und läuft“, dieses Sprichwort kennt man bis heute. Doch in Wahrheit liefen viele Käfer-Boxermotoren nicht so lange wie heutige Motoren. Anfälliges Ventilspiel, zerfressene Kolben: „Da war man schon froh, wenn der Käfer 100.000 Kilometer durchhielt“, sagt ADAC-Experte Klein.

Der Vorteil bei alten Autos wie dem Käfer ist allerdings, dass die Ersatzteile oft spottbillig sind. Bei modernen Autos können Reparaturen dagegen teuer werden, ein neuer Turbolader oder eine neue Hochdruckeinspritzpumpe kosten mehrere tausend Euro. „Solche Mängel instand zu setzen, lohnt sich dann finanziell nicht mehr“, sagt Helmut Klein vom ADAC-Technikzentrum.

Fazit: Auch heute können Motoren durchaus noch sehr hohe Laufleistungen erreichen. Allerdings wird der Aufwand immer größer, die Aggregate in einem entsprechenden Zustand zu halten. Fallen Neben-Komponenten aus, wird die Reparatur so teuer, dass sich viele Besitzer von ihren Fahrzeugen trennen – auch wenn der Basis-Motor vielleicht noch einige Erdrumdrehungen mehr schaffen würde.

So sehen Kilometerfresser aus: Bilder von aktuellen Gebrauchtwagen mit sehr hohem Tachostand in der Bildergalerie.

Text: Haiko Prengel
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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