Traum-Coupés: Mustang, Charger & Co.

Kaufberatung: Legendäre Muscle Cars aus USA

Heißgeliebte Bollerwagen

Amerikanische Muscle Cars der 1960er- und 70er-Jahre sind heute populäre Youngtimer. Preise und Technik verwirren den Laien. Unsere Kaufberatung nennt wichtige Prüfkriterien

24. Juli 2014


Der V8 orgelt satt, das massige Heck schaukelt majestätisch durch die Kurven. Bei jedem zurückgelegtem Meter ist zu merken, dass diese Blech-Sänfte aus einer Zeit stammt, in der Parkplatz, Stahlblech und Sprit ohne Ende zur Verfügung standen.

Muscle Cars stellen die große automobile Freiheit der 60er- und 70er-Jahre in den Vereinigten Staaten so bildlich dar, dass sie längst zum Symbol dafür geworden sind. Und vielleicht deswegen träumen so viele Menschen davon, einen solchen Trumm vor der Tür stehen zu haben.

Seit Dodge Challenger, Dodge Charger, Ford Mustang und der erste Chevrolet Camaro auch bei uns als echte Sportwagen akzeptiert werden, haben sich die Preise für die Youngtimer enorm nach oben geschraubt. Um so höher die Gefahr, Nepp und Schrott nicht zu erkennen und einen Fehlkauf zu tätigen.

Doch warum kostet ein Muscle Car in gutem Zustand ab 20.000, das nächste des gleichen Typs mehr als 100.000 Euro? Was bedeutet der Hinweis "Matching Numbers"? Und was ist ein "Survivor"? 

 

 
 

 

Muscle Cars hießen ursprünglich anders

Die Welt dieser hoch motorisierten Coupés, die für US-Verhältnisse eher klein gerieten, ist tatsächlich eine Welt für sich. Selbst die Begriffe sind mitunter nicht klar definiert - das fängt damit an, dass in ihrer Entstehungszeit niemand von "Muscle Cars" sprach.

Damals wurden Dodge Charger oder Challenger einfach "Super-Cars" genannt. Das trifft allerdings nicht auf den heute so beliebten Ford Mustang zu; denn dieser begründete die noch etwas kleinere Klasse der so genannten "Pony Cars", zu der auch das Konkurrenzmodell von Chevrolet, der Camaro, gehörte.

Der heutige Sammelbegriff "Muscle Car" kam erst später auf und umfasst mittelgroße (für US-Verhältnisse) Coupés mit starken V8-Motoren, die etwa zwischen 1960 und 1974 gebaut wurden. Die jeweiligen Cabrios zählen ebenfalls dazu, aber die Corvette beispielsweise nicht.

Zielgruppe waren damals junge Männer, die von einem Auto mit weitgehend sportlichem Erscheinungsbild, vor allem aber der maximalen Beschleunigung auf der Viertelmeile träumten - und das alles zu einem moderaten Preis.

Extreme Preisunterschiede innerhalb jedes Typs

Heute haben manche Muscle Cars den damaligen Neupreis bereits weit hinter sich gelassen. Preistreiber sind dabei Faktoren, die es auch auf dem europäischen Fahrzeugmarkt gibt: Ausstattung, Zustand, Authentizität. Nur ist die Zahl der Experten hierzulande geringer, was gute Beratung beim Kauf notwendig macht.

Ein Experte für die Muscle Cars ist Jens Wolfram. Seine Firma "westsidecars" in Hamburg (www.westsidecars.eu) beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Import sowie der Restauration amerikanischer Autos. "Stark preistreibend bei Muscle Cars wirken sich Sonderserien wie etwa der Dodge Charger "Sixpack" mit besonderen Vergasern aus. Diese seltenen Stücke im Original erreichen starke Preisaufschläge."

Ein anderes Beispiel seien "Survivors", für die es ebenfalls kräftige Preisaufschläge gäbe.

Vom Pfusch bis zum unberührten Überlebenden

Bei "Survivors", zu Deutsch "Überlebende", sowie bei Sonderserien wirkten sich auch die berühmten "Matching Numbers" als preistreibend aus. Matching Numbers bedeuten, dass die wesentlichen Bauteile wie Karosserie und Motor schon bei der Auslieferung im Wagen waren und nicht etwa eine andere Maschine eingebaut wurde.

Bei den Normalmodellen allerdings hält Wolfram den Preiseffekt von Matching Numbers „für nicht entscheidend“. Wertsteigernd wirke jedoch, wenn der Wagen "untouched", also unberührt ist: Unrestaurierte Exemplare werden mit teils heftigen Preisaufschlägen gehandelt.

Entscheidend ist zudem das exakte Baujahr des Autos. Ein Dodge Charger aus den Baujahren 1968 bis 1970 oder Mustang Fastback zwischen 1968 und 1969 ist wesentlich mehr wert als nur ein Jahr später gebaute Exemplare.

Hilfestellung finden Laien bei den Clubs

Das hat mit diversen Details der Ausstattungen zu tun. Da man dies als Laie kaum wissen kann, konsultiert man hier am besten Clubs oder einen Experten.

Die zusätzlichen Kosten hierfür fallen ganz unterschiedlich aus: Manch ein Club leistet diesen Service für Mitglieder umsonst, falls ein Markenexperte in der Nähe wohnt, andere stellen eine Kostenpauschale in Rechnung.

Eine weitere Möglichkeit sind Wertgutachten von einem unabhängigen Fachmann (TÜV, Dekra, GTÜ), die etwa zwischen 150 und 200 Euro kosten. Vorteil: Hier ist immer eine frische Hauptuntersuchung enthalten.

So entlarven Sie dreiste Fälschungen

Sondermodelle sind also sehr beliebt und daher teuer. Das haben leider auch Fälscher entdeckt: Sie bauen beispielsweise den großen Motor in einen einfachen Charger, garnieren das Auto mit "R/T"-Schriftzügen und verkaufen den "Klon" als echt.

Das ist Betrug – er lässt sich aufdecken, indem Sie die Vehicle Identification Number (VIN), also das US-Gegenstück zur Ident-Nummer, nachverfolgen. Im ersten Schritt müssen Motor- und Chassis-Nummer übereinstimmen ("Matching Numbers"). Anschließend müssen Sie die VIN dekodieren, für Dodge zum Beispiel über diese Website für den VIN-Check.

Innerhalb von Sekunden lassen sich damit Fahrzeug und einstmals dafür hergestellter Motor einander zuordnen. Ähnliche Seiten gibt es für jedes Muscle Car.

Die meisten Ersatzteile sind günstig

Auch wenn die Ersatzteillage bei den Muscle Cars wesentlich besser ist als bei anderen Marken – nicht alles ist lieferbar oder nicht immer lieferbar. Ein Gerücht besagt, dass man sich einen kompletten Ford Mustang aus den einzelnen, neu bestellbaren Teilen zusammenbauen könnte.

Das stimmt auch weitestgehend - allerdings wird man dabei ohne die hinteren Seitenscheiben beim Cabrio oder die Kiemen beim 1965/66er Fastback auskommen müssen, die gerade nicht lieferbar sind.

Insgesamt jedoch: Preisniveau und Verfügbarkeit der Ersatzteile sind traumhaft im Vergleich zur europäischen Konkurrenz aus diesen Jahren.

Karosserie-Zustand sollte über Kauf entscheiden

Wann können Sie zuschlagen? Der Experte Wolfram von westsidecars: "Entscheidend für den Kauf sollte immer der Karosseriezustand sein." Ein typischer Schwachpunkt aller hier erwähnten Muscle Cars sind durchgerostete "Cowls".

Damit ist der Kasten direkt vor der Windschutzscheibe gemeint (siehe Bildergalerie). Von außen sind nur Lüftungsschlitze zu sehen, darunter verbirgt sich jedoch ein Metallkasten, über den beispielsweise die Heizung und Lüftung mit Luft versorgt werden.

In diesem schlecht zugänglichen Behälter sammeln sich über die Jahre Laub oder Dreck und verstopfen die besonders beim Ford Mustang zu kleinen Abflusslöcher.

Ein Test, der leider nicht mehr funktioniert

Der Kasten rostet mit der Zeit durch, Wasser läuft in den Innenraum und schädigt mit der Zeit sogar die A-Säulen – dann wird eine Reparatur richtig teuer.

Ein früher geläufiger Test funktioniert heute leider nicht mehr. Experten kippten Wasser in die Lüftungsschlitze und sahen nach, ob es unter dem Armaturenbrett nass wird. "Viele Verkäufer kennen den Test jedoch und schmieren eventuelle Löcher mit Dichtungsmasse zu", warnt Wolfram.

Die Folge: Das Wasser kommt nicht mehr in den Innenraum, aber die Rostschäden bleiben.

Sämtliche Teile müssen zusammenpassen

Originalität bei der Technik ist insofern wichtig, als die Komponenten zusammenpassen müssen. Wolfram: „Viele Kunden möchten einen Wagen mit der größten Maschine, auch wenn diese original den kleinen V8 trugen.

Beim Dodge Charger beispielsweise ist die Umrüstung von dem kleinen 318er-V8 auf den großen 440er ein beliebter Umbau. Doch dann müssen auch Getriebeübersetzung, Achskomponenten und Bremsen angepasst werden.“

Am günstigsten kommt der Ersatz des Innenraums: Auf nur rund 1.000 Euro summiert sich ein Tausch der Innenausstattung beim Ford Mustang.

Ein Wort noch zu den häufig geschmähten amerikanischen Restaurierungen. Sicher, es gibt die für kleines Geld hergerichteten Autos. Doch die gibt es auch in Europa. Wurde der Wagen in den USA komplett auf hohem Niveau restauriert, ist das Ergebnis nicht schlechter als hierzulande – allerdings auch nicht billiger.

Zulassung in Deutschland nicht ohne Weiteres

Tipps für die problemlose Zulassung von TÜV-Süd-Experten Matthias Gerst:

  • Alles, was im Zusammenhang mit Motoren, Getrieben und Fahrwerk zum Baujahr des Autos Werksausrüstung war, macht auch heute keine Probleme bei der Zulassung.
  • Schon die Fahrzeug-Hersteller hatten eine reiche Auswahl an Zubehörteilen und Zubehörkatalogen, die dem TÜV-Süd vorliegen, sind auch zulassungsfähig. Das gilt insbesondere für Reifen und Felgen, wenn Sie vom Geschwindigkeitsindex und der Tragfähigkeit ausreichend sind.
  • Amerikanische Autos hatten bis 1983 sogenannte "Sealed Beam"-Scheinwerfer. Diese sind hierzulande verboten und müssen daher getauscht werden. Da diese Fahrzeuge aber zumeist komplett runde oder rechteckige Scheinwerfer haben, ist Ersatz leicht zu finden
  • Standlichter (Offiziell: "Begrenzungsleuchten") sind bei US-Fahrzeugen gelb, diese müssen ebenfalls getauscht beziehungsweise umgeklemmt werden
  • Die Schlussleuchten aller Fahrzeuge müssen in Deutschland im Gegensatz zu den USA getrennt abgesichert sein, hier muss eine separate Sicherung nachgerüstet werden
  • Fahrzeuge ab dem 1.1.1970 müssen hinten gelbe (nicht rote) Blinker haben. Bis 31.12.1969 müssen die Warnblinker der Einkammer-Leuchten eine "Vorrangschaltung" besitzen. Das bedeutet, dass bei gleichzeitiger Betätigung von Bremse und Warnblinker der Warnblinker Vorrang hat – in den USA ist es leider umgekehrt.
  • Die beliebten aufblasbaren Stoßdämpfer, mit denen das Heck eines Wagens angehoben werden kann, bekommen in Deutschland kaum eine Zulassung, da sich das Fahrverhalten negativ verändert.
  • Fahrzeuge ab Erstzulassung 1.4.1970 müssen vorn Gurte haben, ab dem 1.5.1979 auch hinten
  • Nicht originale Motorteile wie beispielsweise die "Edelbrock"-Vergaser gelten beim TÜV als Tuningteile. Vor einer Zulassung steht daher mindestens eine Leistungsmessung des Motors an. Ist diese wesentlich höher, sind eventuell weitere Prüfungen fällig.
  • Rund 30% aller US-Fahrzeuge tragen nach Beobachtungen des TÜV SÜD nicht mehr den originalen Motor unter der Haube. Das wiederum bedingt ebenfalls eine Leistungsmessung vor der Zulassung. Dies kann man umgehen, wenn nachweisbar ist, woher die Maschine stammt. Ist also das Spenderfahrzeug mit seinen Leistungsdaten über die Motornummer bekannt, wird das Fahrzeug unter Einhaltung aller dazugehörigen Randbedingungen (Abgasverhalten, Geräuschwerte etc.) in vielen Fällen ebenfalls zulassungsfähig sein.

Schwachpunkte populärer Muscle Cars

Dodge Charger (1968-1970)

  • Verstopfte Kühler und Kühlerleitungen
  • Undichte Servolenkungen
  • Kupplung bei Kombination großer Motor und Handschaltgetriebe
  • Rost unter Rahmen Front- und Heckscheibe
  • Dichtungen Kofferraum mit folgenden Rost in den Seitentaschen neben Kofferraumboden

Dodge Challenger (1970-1974)

  • Rost an A-Säule, besonders an den Türscharnieren
  • Rost an Radläufen
  • Poröse Dichtungen
  • Zugesetzte Kühler

Plymouth Roadrunner (1967-1970)

  • Rost an unteren Ecken der Front-und Heckscheibe
  • Rost an C-Säule unten
  • Instrumente im Interieur
  • Hoher Verschleiß bei Servolenkung
  • Fachwerk: Buchsen und Gelenke

Ford Mustang (1964-1967)

  • Rost am Batteriekasten. Kann bis zu den Längsträgern und bis zu den A-Säulen reichen!
  • Rost an Federbeindomen
  • Hochleistungsmotoren mit mechanischen Ventilstößen anfälliger
  • Schlecht wirkende oder verschlissene Trommelbremsen
  • Thermische Probleme

Chevrolet Camaro (1966-1970)

  • Rost an Heckscheibe, in der Folge durch Undichtigkeit an den Seitenwänden des Kofferraums
  • Rost an Frontscheibe, in der Folge durch Undichtigkeit Bodenbleche vorn
  • Vordere Blattfederaufnahmen
  • Die sechs Buchsen zwischen Karosserie und Vorderrahmen häufig verschlissen
Text: Portalmanufaktur / Stephan Hellmund | Bildmaterial: Ford
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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