Krimineller Unfallwagen-Import aus USA

Zombi-Gebrauchtwagen aus Amerika

Schrott im Schafspelz

Neue Betrugs-Masche: Unfallautos mit Totalschaden werden aus Amerika importiert, im Baltikum billig zurechtgeflickt und dann teuer auf dem deutschen Gebraucht-Markt verkauft. Kriminell und mordsgefährlich.

28. Januar 2016

Die athletischen Linien, das muskulöse Heck, der attraktive Preis: Es war Liebe auf den ersten Blick, als Margret Jäger* den weißen Audi TT entdeckte. In scheinbar makellosem Zustand zierte das schnittige Sport-Coupé den Hof eines Gebrauchtwagenhändlers in Norddeutschland. Jäger zögerte nicht lange: Sie kaufte den TT für knapp 25.000 Euro.

Bei mobile.de werden für TT-Jahreswagen ab 30.000 Euro verlangt. Also hatte sie ein echtes Schnäppchen gemacht – oder etwa nicht? Leider nein, denn der Kauf entpuppte sich schnell als Desaster. Kurz darauf erfuhr die Käuferin nämlich, dass das herausgeputzte Auto in Wahrheit ein Unfallwagen aus den USA war. Kurz nach der Erstzulassung hatte der Audi einen schweren Crash mit offiziell „irreparablem“ Frontschaden gehabt. Ein Totalverlust, der allenfalls noch zum Ausschlachten taugte.

Wie konnte der Wagen dann ein paar Monate später im Verkaufsraum eines deutschen Gebrauchtwagenhändlers stehen und den Eindruck eines gepflegten Jahreswagens hinterlassen?

Unfallschaden wird unsichtbar gemacht

Indem Betrüger das Unfallwrack wieder zusammengebastelt hatten: Der Audi TT ist nämlich kein Einzelfall, sondern nur ein Beispiel für eine kriminelle Masche, die ahnungslose Gebrauchtwagenkäufer offenbar immer häufiger trifft: US-Unfallautos werden seit kurzer Zeit in großem Stil nach Europa importiert, hier billig instandgesetzt und dann den Kunden als vermeintliche Schnäppchen angeboten.

„US-Unfallwagen fluten den europäischen Markt”, warnte das Magazin „Stern”. Die Globalisierung mache eben auch nicht vor dem Gebrauchtwagenmarkt halt. Tatsächlich sind die deutschen Sicherheitsbehörden inzwischen alarmiert. „Wir haben Kenntnis von sehr vielen Unfallautos, die aus den USA nach Europa importiert werden”, sagt Eric Sturm vom Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden. Sturm arbeitet beim BKA im Fachbereich Internationale Kfz-Verschiebung.

Exakte Zahlen, wie viele Autos mit einem sogenannten „Salvage Title“ auf dem europäischen Gebrauchtwagenmarkt landen, will oder kann er nicht nennen. Aber es werden mehr: Man könne von einer steigenden Tendenz sprechen, meint Sturm. Das Problem dabei: Die Autos werden nur soweit repariert, dass der Unfallschaden unsichtbar wird.

Autos zur Verschrottung bestimmt

„Salvage Title“ bedeutet auf Deutsch so viel wie Stilllegung. Autos, die in den USA so deklariert werden, dürfen in der Regel nicht mehr für den Straßenverkehr zugelassen werden – meist wegen eines schweren Unfalls mit Totalschaden. Aber auch ein Auto mit völlig zerstörter Fahrzeugfront kann durchaus noch funktionierende beziehungsweise verwertbare Teile im Heckbereich oder im Innenraum haben. Deshalb werden die Salvage-Wracks im US-Markt für professionelle Autoverwerter sehr günstig angeboten.

„Es gibt eine Vielzahl von Börsen in den USA, die mit Salvage Titles handeln“, sagt BKA-Experte Sturm. Ein Beispiel ist die Internet-Plattform => Salvage Bid, wo Abertausende Fahrzeuge aus Versicherungsauktionen zum Verkauf stehen: etwa ein Honda Accord von 2005 mit Frontschaden für 300 US-Dollar. Oder ein Van von Chevrolet mit einem Startpreis von läppischen 25 US-Dollar. Wer diesen Wagen ersteigert, kauft die Katze im Sack: „Damage Type: Unknown“ (Art des Schadens: unbekannt) steht in der Anzeige.

Begehrt sind besonders Premiummarken

Kriminell wird es dann, wenn ein Unfallauto nach dem Kauf nicht ausgeschlachtet, sondern wieder zusammengebastelt wird, um dann als vermeintlich heiler Gebrauchtwagen wieder auf den Endkundenmarkt zu kommen. Sicherheitsvorschriften spielen dort, wo Gesetze nicht interessieren, naturgemäß keine Rolle – und die Täter wollen maximalen Profit.

Die gängige Praxis sieht nach Erkenntnissen des BKA so aus: Ein Käufer aus Deutschland oder aus einem anderen europäischen Land ersteigert ein Unfallauto für einen niedrigen Preis auf einer Salvage-Börse in den USA.

Besonders begehrt sind junge Fahrzeuge der sogenannten Premiummarken wie Audi, Mercedes oder BMW, deren Wiederverkauf sich besonders lohnt, da sie auf dem europäischen Markt gut nachgefragt werden. Der Anteil von PS-starken Pick-ups ist ebenfalls hoch, da sie in Europa einen spezifischen Kundenstamm haben. Exoten und Kleinwagen sind deutlich weniger attraktiv.

Ein altes Hemd als Airbag-Attrappe

Das Wrack, beispielsweise von einer Mercedes E-Klasse oder einem 5er BMW, wird anschließend verschifft und landet in einer Stadt mit großem Überseehafen, zum Beispiel Bremerhaven. Dann geht die Reise weiter, meist nach Osteuropa, wo die Werkstattkosten niedrig sind; dort wird es wieder zusammengebastelt.

Dabei ist es durchaus üblich, defekte Teile durch Komponenten aus gestohlenen Autos zu ersetzen. Oder aber es kommt irgendwelches Ersatzmaterial zum Einsatz: Im Lenkrad eines „wiederhergestellten” Importautos fanden Fahnder statt eines funktionsfähigen Luftsacks nur ein T-Shirt – die Attrappe wäre im Ernstfall ein denkbar schlechter Airbag-Ersatz gewesen.

Es soll auch Import-Autos geben, die nach einem Crash in der Mitte auseinandergebrochen waren und anschließend, wie Lego-Steine, wieder zusammengesetzt wurden, um dann in den Straßenverkehr zurückzukehren.

Autohändlern ist die Masche unbekannt

Das Erstaunliche ist, dass die meisten deutschen Händler von den kriminellen Machenschaften mit US-Importfahrzeugen offenbar noch nichts gehört haben. Im Fall des weißen Audi TT etwa war die US-Historie des Autos nicht einmal ausgewiesen. Dem Händler muss die Vergangenheit des Fahrzeugs also ziemlich egal gewesen sein, als er den Audi kaufte und auf sein Verkaufsgelände stellte. Oder aber er verschwieg es wissentlich.

Von den kriminellen Machenschaften mit US-Importfahrzeugen habe man „bisher keine Kenntnis”, erklärt der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) auf Anfrage von mobile.de. „Wir verurteilen diese jedoch auf das Schärfste und distanzieren uns von derartigem Betrug“, stellt ZDK-Sprecher Ulrich Köster klar. Bisher hat man noch nichts weiter unternommen.

Wer beim Gebrauchtwagenkauf auf Nummer sicher gehen will, sollte den Weg ins Autohaus oder den Kfz-Meisterbetrieb der Innung wählen, empfiehlt Köster. Dort würden die Gebrauchtwagen vor dem Verkauf gründlich durchgecheckt und aufbereitet. „Oft liegt ein Zustandsbericht vor, und nicht selten ist die Hauptuntersuchung frisch.“

Carfax-Check brachte die Wahrheit ans Licht

Doch ein frisches HU-Siegel ist leider keine Garantie dafür, dass es sich nicht um ein frisiertes US-Importauto mit Unfallschaden handelt. Zwar muss jedes Fahrzeug aus den Vereinigten Staaten, das hierzulande mit neuen EU-Papieren zugelassen werden soll, eine Vollabnahme durch TÜV, Dekra oder eine andere anerkannte Prüforganisation durchlaufen. Doch offensichtlich entdecken die Prüfer den Pfusch nicht immer.

Daher arbeite die deutsche Polizei nicht nur enger mit den Zulassungsbehörden zusammen, um die kriminelle Kfz-Verschiebung aus den USA einzudämmen, sagt BKA-Mann Eric Sturm. Auch die Prüforganisationen würden „sensibilisiert“, damit Mängel an Importfahrzeugen schneller erkannt werden.

Margret Jäger erfuhr nur durch Zufall davon, dass ihr schöner neuer Audi TT eigentlich ein getarntes Wrack war. Irgendwie war die Käuferin misstrauisch geworden und erkundigte sich bei dem US-Dienstleister Carfax nach der wahren Historie des Audi. Nach einem Check der Fahrgestellnummer kam die traurige Geschichte ans Licht: Erst vor einigen Monaten war der TT auf einer Börse in den USA als Salvage Title versteigert und dann nach Europa importiert worden.

30.000 Totalschäden allein 2013

In den USA ist Carfax eine etablierte Marke. Sie hat sich einen guten Namen damit verdient, für Kunden Fahrzeughistorien akribisch festzuhalten und jeden größeren Unfallschaden in einer Datenbank zu dokumentieren. Carfax arbeitet dabei mit Polizei, Werkstätten, Versicherern und anderen Partnern zusammen. Seit 1981 seien so über 14 Milliarden Datensätze zu US-Fahrzeugen gesammelt worden, sagt Christian Wittmann von Carfax Europe in München.

Anders als das Bundeskriminalamt => will Carfax valide Daten zum Umfang der Kfz-Schiebereien liefern können. Allein im Jahr 2013 seien exakt 150.033 Gebrauchtwagen aus den USA nach Europa importiert worden, sagt Wittmann.

Davon hätten rund 29.000 Fahrzeuge einen Salvage Title mit mutmaßlichem Totalschaden und weitere 24.000 Fahrzeuge zumindest kleinere Unfallschäden gehabt. 8.000 Autos kamen als „Recalls“ über den Atlantik – Autos, die wegen technischer Defekte von den Herstellern in die Werkstätten zurückgerufen worden waren. Stattdessen landeten sie aber auf Übersee-Schiffen und später auf europäischen Straßen.

Online-Recherche in den USA möglich

In den USA werden Gebrauchtwagen in der Regel nicht ohne einen Report zur Fahrzeughistorie angeboten. „Show me the Carfax“ („Zeigen Sie mir den Carfax-Report“) sei dort beim Gebrauchtwagenkauf der Standardsatz gegenüber dem Verkäufer, meint Christian Wittmann.

Carfax Europe bemüht sich darum, die Report-Praxis auch hierzulande gängig zu machen. Doch gerade in Deutschland gestalten sich Nachfragen zur Fahrzeughistorie als schwierig: Wegen des strengen Datenschutzes dürfen die Behörden so gut wie keine Angaben machen.

Lediglich Daten zu mutmaßlichen US-Fahrzeugen lassen sich => über Carfax online recherchieren. Für 29,99 Euro stöbert der Anbieter in seiner gigantischen Datenbank und händigt auch deutschen Kunden einen Report aus.

Bislang kein Rezept gegen Fälschungen

Kritiker wie der Automobilclub ADAC sind von der Dienstleistung allerdings nicht überzeugt. „Die Datenbank stellt unseres Erachtens keine Garantie dafür dar, dass dort alle relevanten Ereignisse enthalten sind und die Fahrzeughistorie damit komplett ist“, meint ADAC-Juristin Songül Güzel. Daher empfehle man beim Kauf von US-Importfahrzeuge mit ungewöhnlichem oder nebulösem Lieferweg, grundsätzlich sehr vorsichtig und eher misstrauisch zu sein.

Ratsam sei insbesondere, das Auto vor dem Kauf genau von einem Sachverständigen untersuchen zu lassen, so dass Mängel und Unfallschäden festgestellt werden könnten, erklärt Güzel.

Ob mit oder ohne Carfax: Von echter Transparenz ist der deutsche Gebrauchtwagenmarkt derzeit leider noch weit entfernt. Reparatur-Belege oder Service-Scheckhefte können zwar ein Indiz für ein Fahrzeug mit seriöser Vorgeschichte sein, eine Garantie sind sie aber nicht: Scheckhefte beispielsweise gibt es ebenfalls in Online-Börsen zu kaufen – und zwar inklusive lückenloser Einträge. Auch gegen die grassierende => Manipulation von Kilometerständen gibt es bislang kein Rezept.

Datenschutz behindert Gebrauchtwagen-Transparenz

Nicht zuletzt auf Drängen der Sicherheitsbehörden beschäftigt sich daher inzwischen die Politik mit dem Thema Fahrzeughistorie. Im Verkehrsministerium wird darüber diskutiert, inwieweit die Datenschutz-Regeln zugunsten eines transparenteren Gebrauchtwagenmarkts gelockert werden könnten.

Die notwendigen gesetzlichen Änderungen wird es aber nicht von heute auf morgen geben. Verbraucher hätten daher auch eine eigene „Sorgfaltspflicht“ beim Gebrauchtwagenkauf, mahnt der Kriminalist Eric Sturm vom Bundeskriminalamt – gerade weil sich viele lieber von ihren Emotionen lenken ließen.

So wie Margret Jäger beim Kauf ihres weißen Audi TT: ein todschickes Coupé, in dem jede weitere Fahrt für sie hätte lebensgefährlich sein können. Zum Glück entschied sie sich zum Schluss, das einzig Richtige zu tun: Sie drohte mit einer Klage und erreichte damit, dass der Verkäufer das Auto zurücknahm.

Schrott fährt um die Welt

Schrott fährt um die halbe Welt mit nur einem Ziel: arglose Autokäufer zu täuschen. Daran wird sich vorläufig nichts gravierend ändern lassen. Doch wer die Gefahr kennt, fällt nicht so leicht herein.

Wie das kriminelle System funktioniert und was Sie tun können, um einen Zombi-Gebrauchtwagen zu enttarnen, sehen Sie in der Bildergalerie.

Tipps, um einen Zombi zu enttarnen

  • Verdächtig sind vor allem junge Premium-Modelle deutscher Marken, also z. B. Audi A6, Mercedes E-Klasse, BMW 5er und höherwertige Produkte – also Autos, für die sich der hohe Aufwand (Verschiffung, Hin- und Rücktransport durch Europa, „Reparatur“) lohnt. Dazu gehören auch teure SUV und natürlich renommierte Sportwagen.
  • Seien Sie besonders misstrauisch, wenn ein solches Auto zu einem Preis angeboten wird, der erheblich niedriger (>10%) ist als der übliche Marktpreis
  • Prüfen Sie die Vorgeschichte des Autos: Ermitteln Sie vorherige Halter aus dem Serviceheft (Scheckheft), Werkstatt-Rechnungen (dort steht der Auftraggeber zumeist im Briefkopf) und der Zulassungsbescheinigung (Teil II) und befragen Sie diese Personen nach dem Fahrzeug.
  • Verlangen Sie die Überprüfung des Fahrzeugs von einem unabhängigen Gutachter, z. B. von => Hüsges (Partner von mobile.de) oder einer anderen Organisation, etwa ADAC, Dekra, TÜV, KÜS, GTÜ o.ä. Die Untersuchung kostet um 100 Euro; diese Investition lohnt immer!
  • Wenn der Verdacht noch nicht ausgeräumt ist: Geben Sie die Fahrzeug-Ident-Nr. (VIN = Vehicle Identification Number) auf der=> Carfax-Website ein und fordern Sie kostenpflichtig (29,99 Euro) die Historie an.

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*Name von der Redaktion geändert

Text: Haiko Prengel / fayvels büro