Kontrovers diskutiert und nicht in zwei Sätzen erklärt

Wie es um die Ökobilanz der Elektroautos steht

Wie umweltfreundlich ist die Elektromobilität wirklich? Darüber wird viel diskutiert und gestritten. Fährt man mit dem E-Auto tatsächlich emissionsfrei? Sind E-Autos wirklich umweltfreundlicher als Autos mit Verbrennungsmotoren? Ganz einfach lässt sich das nicht beantworten. Wir sagen Dir, worauf es bei einem umweltfreundlichen Auto ankommt – und wie Elektromobilität und Ökobilanz zusammenpassen.

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  • Veröffentlicht am 10/24/2019, 12:07 PM
Die Tür eines Elekteroautos ist mit Schriftzug "0g CO2/km" foliert
Quelle: Stefan Kiefer/picture alliance/imageBROKER In den vergangenen Jahren haben Automobilhersteller mit solchen Slogans auf den Autos für die Umweltfreundlichkeit der Fahrzeuge geworben (im Bild ein Modell von Ford im Jahr 2009)

Es gibt wenige Fachbegriffe, die zurzeit so häufig und so leidenschaftlich gebraucht werden, wie das Wort „Ökobilanz“. Ähnlich häufig wird sonst vielleicht nur das Thema Elektromobilität diskutiert. Doch gerade beim Begriff der Ökobilanz wird oft übersehen, was sich eigentlich hinter diesem Terminus verbirgt.
Das Umweltbundesamt erklärt den Begriff so: „Es ist ein Verfahren, um umweltrelevante Vorgänge zu erfassen und zu bewerten. Dabei sind vor allem zwei Grundsätze zu beachten: Alle relevanten potenziellen Schadwirkungen auf die Umwelt sind zu berücksichtigen. Alle Stoffströme, die mit dem betrachteten System verbunden sind (Rohstoffeinsätze und Emissionen aus Vor- und Entsorgungsprozessen, aus der Energieerzeugung, aus Transporten und anderen Prozessen) sind ebenfalls zu berücksichtigen.“

Nicht nur das Fahren ist für die Ökobilanz wichtig

Die Ökobilanz von Elektroautos ist also offensichtlich eine etwas komplexere Angelegenheit. Dass die E-Autos emissionsfrei fahren, das ist unbestritten und leicht nachvollziehbar. Der Elektromotor sondert während des Fahrens weder Kohlendioxid (CO2) noch andere Schadstoffe ab. Fahrzeuge wie der Renault Zoe, der Audi e-tron, der Nissan Leaf oder das Tesla Model 3 haben keinen Auspuff, aus dem Abgase kommen, die schädlich für die Umwelt sind. Auf den ersten Blick sind die Fahrzeuge mit Elektromotor also eine umweltfreundliche Alternative zu Autos mit konventionellen Antrieben.
Etwas komplizierter wird es, wenn man untersucht, woher der Strom kommt, mit dem der Akku des Elektroautos geladen wird. Im Idealfall wird der Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien produziert. In der Praxis jedoch gilt für die Ökobilanz der reale Strommix. Dieser wird in Deutschland derzeit üblicherweise von Braunkohle- und Atomkraftwerken geliefert. Noch komplexer wird es dadurch, dass neben dem Betrieb des Elektroautos und der Bereitstellung der Energie auch die Produktion sowie Wartung und Entsorgung für die Ökobilanz betrachtet werden müssen.
Vergleicht man nun die Bilanz eines E-Autos mit der eines Autos mit Verbrennungsmotor, dann kann man über die Ergebnisse viel diskutieren. Einerseits kann der Anteil von erneuerbaren Energien am Strommix in den nächsten Jahren deutlich steigen. Das kann auch spürbare Auswirkungen auf die Ökobilanz der elektrischen Autos haben – und somit letztendlich auch der Elektromobilität in Deutschland Auftrieb verschaffen. Auf der anderen Seite besitzen Benzin- und Dieselantriebe konkrete Konfigurationen, die sich möglicherweise auch mit einem höheren Anteil von Biokraftstoffen im Detail verändern können – und das wiederum kann gut für die Umwelt sein.
In einer aktuellen Studie kam das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) zu folgendem Schluss: „Ein heute auf die Straße kommendes E-Auto stößt über seinen Lebensweg zwischen 16 und 27 Prozent weniger Klimagase aus, je nachdem mit welchem Verbrenner-Typ man es vergleicht. Eines, das 2025 neu zugelassen wird, weist einen größeren Vorteil auf, vor allem wegen der Energiewende im Strombereich. Der Vorteil wächst auf 32 bis 40 Prozent und das, obwohl auch die Autos mit Verbrennungsmotor bis dahin effizienter werden.“
Die Studie geht davon aus, dass es während der gesamten Nutzungsdauer des Elektrofahrzeugs – derzeit wird mit zwölf Jahren kalkuliert – eine deutliche Abnahme der spezifischen Treibhausgasemissionen geben wird. Ein Beispiel: Bei einem Fahrzeug, das 2017 neu zugelassen worden ist, soll der Wert von 168 g CO2/km im ersten Jahr auf 100 g CO2/km im letzten Jahr sinken.

Sind Elektroautos tatsächlich emissionsfrei? Wie umweltfreundlich sind sie?
Quelle: picture alliance / Volkmar Heinz/dpa-Zentralbild/ZB Sind Elektroautos tatsächlich emissionsfrei? Wie umweltfreundlich sind sie? Noch immer wird viel über die Ökobilanz der E-Autos diskutiert

Es gibt keine generell beste Antriebsart

Auch der ADAC hat sich ausführlich mit der Ökobilanz der verschiedenen Antriebssysteme beschäftigt. Die Ergebnisse seiner Studie hat der ADAC 2018 präsentiert. Die grundsätzliche Erkenntnis: „Es kann keine pauschale Aussage getroffen werden, welche Antriebsart generell die beste CO2-Bilanz aufweist. Das Elektroauto ist nicht immer besonders umweltfreundlich. Seine CO2-Bilanz wird von den hohen CO2-Emissionen bei der Batterieproduktion und Strombereitstellung bestimmt.“
Auch der ADAC geht davon aus, dass zur Bewertung der Umweltfreundlichkeit eines Autos sämtliche erforderlichen Energieaufwendungen berücksichtigt werden müssen. Dabei nahm der ADAC als Basis eine Lebensdauer beziehungsweise Laufleistung von 150.000 Kilometern. Maßgebend waren hier ebenfalls die drei Faktoren:

  • CO2-Emissionen bei der Herstellung und beim Recycling
  • klimarelevante Emissionen bei der Bereitstellung beziehungsweise Herstellung des Kraftstoffs oder Stroms von der Quelle bis zum Fahrzeugtank oder Akku
  • die direkten Emissionen im Fahrbetrieb, die sogenannte Tank-to-Wheel-Betrachtung

Bei den Kleinwagen liegt das Elektroauto in der CO2-Bilanz mit 158 g CO2/km knapp vorn. Auf dem zweiten Platz rangiert der Diesel mit 166 g CO2/km, Platz drei belegt der Benziner mit 177 g CO2/km.
Auch in der Kompaktklasse fährt das Elektroauto mit einem Wert von 150 g CO2/km vorne, knapp gefolgt vom Hybrid. Mit größerem Abstand folgen Erdgas mit 174 g/km und Diesel mit 186 g/km. Am schlechtesten schneidet der Benziner mit 201 g CO2/km ab.
Bei Fahrzeugen der oberen Mittelklasse siegt der Diesel mit einem Wert von 219 g CO2/km. Dahinter liegt der Plug-in-Hybrid. Das Elektroauto kommt auf einen Wert von 277 g CO2/km und liegt damit auf Platz drei. Bei theoretisch rein regenerativ erzeugtem Strom wäre der Elektromotor allerdings deutlich vorne.

Wann Elektroautos klimafreundlicher sind

Der ADAC hat in seiner Untersuchung auch Berechnungen durchgeführt, unter welchen Voraussetzungen die Elektroautos im Vergleich zu anderen Antriebssystemen umweltfreundlicher unterwegs wären. Dabei unterschied der ADAC nach Stromversorgung mit deutschem Strommix und mit grünem Strom. Der ADAC ging von einem Strommix aus, bei dem der Anteil erneuerbarer Energien bei 23 Prozent liegt, 25 Prozent des Strommix sind Braunkohle und knapp 20 Prozent Steinkohle.

Ab wann sind reine Elektroautos klimafreundlicher als  anderen Antriebsarten?

Fahrzeuge der oberen Mittelklasse

-E-Auto mit StrommixStrom 100 Prozent regenerativ
Gegenüber Benzinerab 116.000 kmab 50.000 km
Gegenüber Diesel  ab 580.000 kmab 70.000 km
Gegenüber Plug-in-Hybrid ab 130.000 kmab 46.000 km
Gegenüber Plug-in-Hybrid (100 Prozent regenerativ)---ab 54.000 km

Kompaktklasse

-E-Auto mit StrommixStrom 100 Prozent regenerativ
Gegenüber Benziner ab 45.000 kmab 21.000 km
Gegenüber Dieselab 57.000 kmab 23.000 km
Gegenüber Plug-in-Hybrid ab 106.000 kmab 16.000 km
Gegenüber Plug-in-Hybrid (100 Prozent regenerativ)---ab 24.000 km

Kleinwagen

-E-Auto mit StrommixStrom 100 Prozent regenerativ
Gegenüber Benzinerab 80.000 kmab 24.000 km
Gegenüber Dieselab 111.000 kmab 25.000 km
Gegenüber Plug-in-Hybrid ab 58.000 kmab 14.000 km

Wenn Kleinwagen nur sehr wenig genutzt werden und lediglich eine geringe Laufleistung mit einer kalkulierten Lebensdauer von 50.000 Kilometern erreichen, rechnet sich die Elektromobilität grundsätzlich nicht, sagt der ADAC. Das Elektrofahrzeug würde sich erst ab einer Laufleistung von 80.000 Kilometern gegenüber dem Benziner und 111.000 Kilometern gegenüber dem Diesel lohnen.
Andererseits haben dem ADAC zufolge auch Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren noch viel Verbesserungspotenzial. Mit einer optimierten Motortechnik, Hybridisierung oder den Einsatz synthetischer Kraftstoffe könnten sie ihren Kraftstoffverbrauch und die Emissionen reduzieren. Was in der Umweltbilanz des Automobilclubs nicht berücksichtigt ist, sind Luftschadstoffe und der Bedarf an Lithium oder seltenen Erden wie etwa für die Produktion der Akkus.
Es gibt, so der ADAC, keinen Antrieb, der generell der beste ist. Noch ist auch das Elektroauto nicht die oft gepriesene Wunderwaffe gegen den Klimawandel. Solange der Strom aus dem Netz noch mit CO2-Emissionen verbunden ist und solange auch die Herstellung der Elektroautos CO2-Emissionen verursacht, dürfte sich daran auch nicht sehr viel ändern.



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