US-Schrottautos: Betrug auf dem Gebrauchtwagenmarkt

Wie Du Dich vor getarnten Totalschäden schützen kannst

Es klingt bizarr, ist aber gefährlicher Betrug: In Osteuropa verbastelte US-Unfallautos fluten den deutschen Gebrauchtwagenmarkt. So kannst Du Dich schützen.

  • Haiko Prengel
  • Veröffentlicht am 01/05/2020, 09:30 AM
BMW mit Unfallschaden
Quelle: Picture Alliance Laut Carfax Europe sind rund 100.000 "US-Schrottautos" auf Deutschlands Straßen unterwegs

Auf den ersten Blick macht sein gebrauchtes Wunschauto einen prima Eindruck. Doch die Probefahrt bringt den Auto-Interessenten Karsten Beiner in Lebensgefahr. „Den BMW bin ich auch auf der Autobahn gefahren, und zwar ziemlich schnell“, berichtet er. Hohe Geschwindigkeiten stellen einen BMW 228i mit seinen 245 PS normalerweise nicht vor Probleme. Doch dieses Exemplar des sportlichen Cabriolets hat ein Vorleben. Es ist ein Unfallwagen aus den USA. Nach einem schweren Crash wird der BMW dort als Totalschaden aus dem Verkehr gezogen. Wenige Monate später steht das Auto jedoch runderneuert bei einem westdeutschen Gebrauchtwagenhändler – als vermeintliches Schnäppchen mit frisch bestandener Hauptuntersuchung.



Die Unfallautos werden in Osteuropa wieder zusammengeschustert

Wie das möglich ist? Betrüger haben das Wrack bei einer Auktion in den USA günstig ersteigert und dann nach Litauen verschifft. Dort wird der BMW wieder zusammengebastelt. Das klingt nach einem skurrilen Einzelfall. Aber der BMW steht für eine sich ausweitende kriminelle Betrugsmasche. Nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts (BKA) werden jedes Jahr Tausende Fahrzeuge aus den USA nach Deutschland importiert und hier neu zugelassen. „Sehr viele Fahrzeuge“ davon haben eine Vorgeschichte als Unfallfahrzeug, so erklärt BKA-Sprecherin Britta Schmitz.

Versteigerungen von Unfallautos sind in den USA üblich. Die als Salvage Title (US-Äquivalent für Stilllegung) deklarierten Wracks werden günstig angeboten und können als Ersatzteilspender genutzt werden. Seit einigen Jahren jedoch landen viele dieser Fahrzeuge nicht mehr beim Teileverwerter. SIe werden stattdessen in Drittländern, meist in Osteuropa, wieder zusammengebastelt und als junge Gebrauchte in Westeuropa weiterverkauft.

Premiummarken wie BMW oder Mercedes-Benz sind besonders betroffen

Laut Bundeskriminalamt ist Litauen das Land, in dem die meisten US-Unfallfahrzeuge wiederaufbereitet werden. Gut ausgestattete Modelle der deutschen Premiumhersteller BMW, Audi und Mercedes-Benz sind das Hauptziel der Betrüger.

Das Tückische daran ist, dass die ehemaligen Wracks in der Regel nicht mehr als Unfallfahrzeuge zu erkennen sind. Als Karsten Beiner das BMW 228i Cabriolet bei einem Händler begutachtet, kann er keinerlei Schäden am Wagen erkennen. „Der sah innen und außen picobello aus“, erinnert er sich. Dazu die Vollausstattung mit M-Paket: Der BMW wirkt wie ein überzeugender Gebrauchter.

BMW mit Unfallschaden
Quelle: Picture Alliance Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte sich mit den Vorbesitzern des Fahrzeugs in Verbindung setzen

„Genau in diese Falle laufen Jahr für Jahr Tausende Verbraucher“, sagt Frank Brüggink, Geschäftsführer von Carfax Europe. In den USA ist Carfax ein etablierter Anbieter. Das Portal speichert Fahrzeughistorien wie die Laufleistung und dokumentiert jeden größeren Unfallschaden in einer Datenbank. Der Dienstleister arbeitet mit Polizei, Werkstätten und Versicherern zusammen. Seit 1981 konnte der Anbieter nach eigenen Angaben mehr als 14 Milliarden Datensätze zu US-Fahrzeugen sammeln.

Datenschutz erschwert Transparenz auf dem Gebrauchtwagenmarkt

In Deutschland verhindert der Datenschutz die verlässliche Dokumentation von Fahrzeughistorien durch Dritte. Das hat Folgen wie die weit verbreitete Praxis der Tachomanipulation. Zudem bestehe ohne Zugang zur Historie die Gefahr, dass sich Käufer unwissentlich für Fahrzeuge mit kostspieligen Unfallschäden entscheiden, sagt Brüggink. Mehr als 100.000 Fahrzeuge mit vorherigem Totalschaden aus den USA seien auf Deutschlands Straßen unterwegs.

Die kriminelle Energie der Täter ist also offenbar groß. So wurden laut Carfax Europe bei Untersuchungen Airbag-Vorrichtungen gefunden, in denen statt Airbags alte T-Shirts oder Plastiktüten steckten. In Skandinavien soll es Fälle gegeben haben, in denen frisierte Schrottautos bei der Fahrt auseinanderbrachen.

Selbst Kfz-Sachverständige erkennen die Vor-Schäden oft nicht

Man sollte meinen, dass schwere Unfallschäden zumindest einem Kfz-Sachverständigen bei der Hauptuntersuchung auffallen. Oft jedoch träten Folgeschäden aus einem verzogenen Fahrwerk und der Karosserie erst später zutage, sagt Thomas Schuster von der Prüforganisation KÜS. „Mir wurde allerdings auch schon mal eine katastrophal zusammengeschweißte Achskonstruktion gemeldet, die einer unserer Prüfingenieure bei der HU bemängelte.“

Gesetzliche Meldepflichten über festgestellte Salvage Title gibt es nicht. „Alle zielführenden Verpflichtungsmaßnahmen zur Verbesserung der Lage sind nach unserer Auffassung leider momentan nicht mit den aktuellen Datenschutzrichtlinien zu vereinbaren“, erklärt Schuster. Verbraucher sollten daher nur Fahrzeuge von Händlern kaufen, die eine plausible Historie des Importfahrzeugs mitliefern können. Hilfreiche Tipps und Ratgeber, wie Du dich beim Autokauf schützen kannst, findest Du im mobile.de Magazin.

Zentrales Fahrzeugregister gefordert

Eine schnell umsetzbare Lösung könnte laut Carfax Europe sein, die Daten des Zentralen Fahrzeugregisters (ZFZR) als Open Data zugänglich zu machen – so wie es in vielen europäischen Ländern bereits der Fall ist. Im deutschen ZFZR werden die von den Zulassungsbehörden und Versicherungsunternehmen übermittelten Fahrzeug- und Halterinformationen sowie die von den technischen Überwachungsinstitutionen weitergegebenen Daten der Haupt- und Sicherheitsuntersuchungen gespeichert.

BMW nach Unfallschaden in einer Halle stehend
Quelle: Picture Alliance Fahrzeuge von BMW, Audi und Mercedes sind häufig Ziel der Betrüger

„Die technische Infrastruktur für ihre Nutzung steht längst bereit“, sagt Frank Brüggink von Carfax. Verarbeitet würden keine persönlichen, sondern ausschließlich fahrzeugbezogene Daten. Um die Transparenz zu verbessern, führe Carfax seit Jahren Gespräche mit Ministerien, Abgeordneten und Datenschutzbeauftragten – bislang ohne Erfolg.

Bei Karsten Beiner ist es Misstrauen, das ihn letztlich doch an seinem Wunsch-BMW zweifeln lässt. Als der Händler auf Nachfrage doch einen leichteren Unfallschaden einräumt, besorgt sich Beiner auf Anraten eines Freundes eine Carfax-Info zum BMW 228i aus den USA. Darin ist dokumentiert, dass das Cabriolet binnen weniger Monate gleich zwei schwere Unfälle hatte, einer davon mit Totalschaden. „Ich habe mich blenden lassen“, sagt Beiner. Inzwischen hat er sich ein anderes BMW Cabriolet gekauft – zwar nicht mit Vollausstattung, dafür aber mit sauberer Vorgeschichte.



Schrottautos: So kannst Du Dich schützen

  • Vorsicht gilt vor allem bei jungen Premium-Modellen deutscher Marken wie Audi, Mercedes und BMW – aber auch bei anderen hochwertigen Autos. Bei ihnen lohnt sich der hohe Aufwand mit Verschiffung, Hin- und Rücktransport durch Europa sowie die „Reparatur“. Wenn solche Modelle, insbesondere teure SUVs und Sportwagen, deutlich unter Marktpreis inseriert werden, ist Misstrauen angesagt.
  • Vorgeschichte ermitteln: Wer sich absichern will, sucht den Kontakt zu Vorbesitzern, die aus Serviceheft (Scheckheft), Werkstatt-Rechnungen und der Zulassungsbescheinigung (Teil II) ersichtlich sind. Sie wissen am besten, woher das Auto kommt. Aus den Unterlagen ersichtliche Werkstätten verweigern oft die Auskunft.
  • Bei fast allen Gebrauchtwagen lohnt sich ein Gutachten. Die Überprüfung des Fahrzeugs durch einen unabhängigen Gutachter oder eine Organisation wie ADAC, Dekra, TÜV, KÜS oder GTÜ kostet rund 100 Euro. Das ist fast immer gut angelegtes Geld.
  • Bei konkretem Verdacht oder einer belegten US-Herkunft hilft die Recherche bei Carfax. Mit der Fahrzeug-Ident-Nr. (VIN = Vehicle Identification Number) erlaubt die Carfax-Webseite kostenpflichtig die Recherche nach der Historie des Fahrzeugs. Der Dienst kostet pro Fahrzeug 40 Euro.
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