Starker Hybrid und ein frecher Kofferraum

Toyota Corolla Hybrid (2.0, 2019) im Alltagstest

Der Auris heißt endlich wieder Corolla und bekommt zuerst Toyotas neuen, dynamischen Hybridantrieb. Was der Kompakte kann, liest Du in unserem Alltagstest.

  • Björn Tolksdorf
  • 0
  • Veröffentlicht am 11/20/2019, 11:39 AM
Toyota Corolla 2.0 Hybrid, Anschnitt, statisch
Quelle: Toyota Hybrid ist nur was für Wollsockenträger und Taxifahrer? Dieses Image soll der 180-PS-Hybrid ändern. Das gelingt Toyota im neuen Corolla leider nur zum Teil - und auf Kosten des Nutzwerts

Endlich darf der Auris wieder Corolla heißen. Toyota beendet mit der neuen Generation des Golf-Gegners das Experiment, einen jahrzehntelang etablierten Modellnamen durch einen neuen Namen ersetzen zu wollen. Offizielle Toyota-Begründung: Der Auris sei ein eigenständiges Europa-Modell, eben kein Corolla. So richtig Fuß fasste der in zwei Generationen gebaute Auris dennoch nie in den Köpfen europäischer Autokäufer.

Das soll dem neuen Corolla besser gelingen. Der nun wieder ein weltweites Modell ist. Und noch etwas ist neu: Erstmals bietet Toyota in einem Modell zwei Hybrid-Antriebsstränge an. Einer spart möglichst viel Sprit, der andere soll Spaß und Ökologie in Einklang bringen. Ob das klappt, zeigt unser Alltagstest.

Abmessungen, Platzangebot, Karosserie

Mit 4,37 Metern platziert Toyota den Corolla mitten in der Kompaktklasse. Genauso lang wie ein Opel Astra oder Ford Focus. Nur der neue VW Golf gerät mit 4,28 Metern deutlich kürzer. Damit wirkt der japanische Wettbewerber angenehm kompakt und übersichtlich. Im Innenraum kommt davon jedoch zu wenig an. Vorn sitzen zwei Erwachsene gut, die Sitzposition geht durchaus als sportlich-flach durch. Hinten wird es bereits enger. Für zwei Erwachsene noch akzeptabel, aber es gibt in der Klasse – fast nur noch – geräumigere Wettbewerber.

Toyota Corolla 2.0 Hybrid Seitenansicht
Quelle: Peter Besser 4,37 Meter misst der Toyota Corolla in der Länge. Das entspricht recht exakt den Abmessungen von Opel Astra oder Ford Focus

Der Kofferraum kann nicht als segmentgerecht bezeichnet werden. Mit zwei Getränkekisten und einer kleinen Sporttasche ist er gut ausgelastet – das disqualifiziert den Schrägheck-Corolla als Auto für die Familie. Toyota gibt ein Volumen von 313 Litern an – viel weniger als in Ford Focus (375 l) oder Opel Astra (370 l). Tatsächlich wirkt er noch kleiner. Offenbar geschuldet der Notwendigkeit, die Komponenten des neuen Hybridantriebs im Fahrzeug unterzubringen: Die Hälfte des Unterbodenfachs belegt die Fahrzeugbatterie. Die Gepäckräume der übrigen Corolla-Motorisierungen gibt Toyota mit 361 Litern an.



Innenraum, Verarbeitung, Materialien

Im Innenraum versammelt Toyota Licht und Schatten. Das Design der großen Flächen, der Anordnung von Armaturenträger und Mittelkonsole wirkt sehr gelungen. Die Materialien sehen insgesamt wertig und stilvoll aus, hinzu kommt eine ausnehmend gute Verarbeitung. Toyota fügt passgenaue Teile sorgfältig zusammen, unterfüttert oder dämmt fast jede Fläche und wählt geschmackvolle Materialkontraste. Ein Quantensprung für Toyota, wenn auch im Vergleich zu Prius oder C-HR etwas konservativ im Stil.

In manchen Details hingegen wirkt das Corolla-Cockpit nicht zu Ende gedacht. Einige Schalter sind in der futuristischen Karosse zu altbacken. Nicht jedes Bedien-Element sitzt dort, wo es sitzen sollte. So befinden sich die Schalter für Lenkradheizung und Parkpilot, die häufig während der Fahrt benötigt werden, links unter dem Lenkrad – außer Sicht des Fahrers und umständlich zu bedienen. Solche Nachlässigkeiten trüben den Eindruck des insgesamt schlüssigen Bedienkonzepts und lassen Luft für Verbesserungen.

Infotainment, Radio, Konnektivität

Beim Thema Navigation agiert Toyota dagegen konsequent: Der Eindruck drängt sich auf, dass die Japaner das integrierte Navigationsgerät im Corolla eigentlich nicht verkaufen möchten. Serienmäßig bekommt der Kunde stattdessen alles, was er braucht, um mit dem Smartphone zu navigieren: Volle Konnektivität mit Apple CarPlay und Android Auto sowie einen Touchscreen, je nach Ausstattung 4 oder 7 Zoll groß. Das angebotene Navi hingegen muss in jeder Ausstattung für 890 Euro dazugekauft werden. Nur in der Geschäftskunden-Ausstattung ist es dabei.

Toyota Corolla 2.0 Hybrid Cockpit
Quelle: Peter Besser Toyota Corolla Cockpit: Schönes Design und gute Verarbeitung überzeugen. Einige Details löst Toyota aber unpraktisch

Die Bedienung des Navis gerät leider alles andere als intuitiv und vor allem unübersichtlich. Eine wichtige Funktion wie „Navigation abbrechen“ sollte man nicht lange suchen müssen. Zudem fehlen Live-Funktionen, die Kartendarstellung wirkt hausbacken. Ebenfalls schade: Die Spracheingabe erwartet einen am Touchscreen gewählten Kontext. Damit verfehlt sie den Sinn einer Spracheingabe: die Hand am Touchscreen zu vermeiden. Wir empfehlen daher die vom Hersteller offenbar vorgesehene Verwendung des Infotainments mit dem eigenen Smartphone.

Assistenzsysteme und Sicherheit

In puncto Sicherheits- und Assistenzsysteme verfolgt Toyota eine geradezu vorbildliche „All-Inklu”-Mentalität. Ohne Aufpreis steckt im Corolla, wie in allen Toyota-Modellen, das sogenannte „Safety Sense“-Paket. Es beinhaltet in diesem Fall einen Frontkollisionswarner, einen Notbremsassistenten und einen Aufmerksamkeitsassistenten. Ab der zweiten Ausstattung funktioniert die Notbremse auch beim Rückwärtsfahren, zudem assistiert die Rückfahrkamera. Einzig aufpreispflichtiger Extra-Assistent: Parkpiepser vorn kosten 390 Euro. Die Auslegung der Parkassistenz gerät jedoch für städtische Parklücken etwas großzügig. Der Assistent beginnt früh mit Warnpiepsen und bremst den Fahrer hart ein, wenn sich dieser an das Ende seiner Parklücke herantastet – obwohl noch 20 Zentimeter Platz wären.

Der All-inclusive-Gedanke setzt sich bei den Fahrhilfen fort. Die Verkehrszeichenerkennung gehört zum Serienumfang, ebenso der mitlenkende Spurhalteassistent sowie der adaptive Abstandstempomat ACC. In der Basisversion fährt der Corolla im Stau jedoch nicht selbstständig wieder an. Ab der zweiten Ausstattungsstufe folgt der Corolla der Spur auch ohne vorausfahrendes Fahrzeug. Klingt alles erst mal großzügig. Allerdings: Gratis kann auch Toyota diese Systeme nicht anbieten. Der Kunde zahlt das hohe Ausstattungsniveau über den Listenpreis.

Antrieb, Motor, Getriebe

Toyota will einen Ruf verlieren. Den nämlich, dass der Hybridantrieb nur was für Wollsockenträger und Taxifahrer ist. Im Corolla bieten die Japaner deshalb erstmals zwei Hybridstränge an. Einen, der wie bisher möglichst viel Sprit sparen soll. Und einen, der souverän fahren, sogar Spaß machen soll. Der Spar-Corolla fährt mit 122 PS Systemleistung, der von uns getestete „Spaß-Corolla“ bietet 180 PS. Den in Europa umstrittenen „Gummiband-Effekt“ des stufenlosen Getriebes adressiert Toyota mit einer festen Anfahr-Übersetzung.

Toyota Corolla 2.0 Hybrid Frontansicht
Quelle: Peter Besser Sieht flacher aus: 1,43 Meter in der Höhe misst der Toyota Corolla.

Die Mehrleistung gibt es nicht gratis. Bezahlt wird zunächst einmal mit Sprit: Zwischen 5,0 l/100 km im gemischten Profil und 5,5 l/100 km im städtischen Berufsverkehr sind kein dreister Verbrauch – außer wir messen ihn an verbrauchsoptimierten Toyota-Hybriden wie Yaris und Prius. Die brauchen in jedem Fahrprofil mindestens einen Liter weniger.

Hinzu kommt: Nach 180 PS fühlt sich der Motor nicht an. Der „Spaß-Hybrid“ bleibt gefühlt ein Hybrid, ein hochdrehender Atkinson-Motor mit Stromunterstützung. So einen Motor bewegt man lieber mit sanfter Fußspitze als mit kräftig durchgetretenem Gaspedal. Vollhybrid und Dampf? Wir hätten uns im Pendel-Alltag über einen niedrigeren Verbrauch mehr gefreut.

Wer die Quervergleiche ignoriert, kann den Corolla 2.0 Hybrid auch einfach fahren – gewohnt komfortabel, etwas flotter als gedacht und deutlich sparsamer als jeden reinen Benziner im vergleichbaren Fahrprofil.

Fahrverhalten, Fahrwerk, Lenkung

Das Wollsocken-Thema muss Toyota auch beim Fahrwerk adressieren. Immerhin sagen wir der zweiten und dritten Prius-Generation zu Recht nach, dass sie wie eine Badewanne fährt – lässt man außer Acht, dass Badewannen nicht fahren können. Ein gutes Stück hilft die modulare Plattform TNGA, auf der alle neuen Toyota-Modelle aufsetzen. Der tiefe Schwerpunkt und die Fahrwerksarchitektur erlauben den Toyota-Ingenieuren eine feine, fahraktive Abstimmung. Eine, die auch Hobby-Rennfahrer und Konzernchef Akio Toyoda überzeugt. So verfügt der neue Toyota Corolla in jeder Konfiguration über eine Doppelquerlenker-Hinterachse – die meisten Wettbewerber, darunter VW und PSA, verwenden simplere Verbundlenker-Achsen.

Toyota Corolla 2.0 Hybrid Test
Quelle: Peter Besser Vollbedienung bei den Assistenten, ambitioniertes Audiosystem, komplett neue Hybrid-Technik: Toyota gibt dem Corolla viel mit, damit er in der dicht besiedelten europäischen Kompaktklasse bestehen kann

Dadurch fühlt sich der Corolla im Alltag erstaunlich direkt, reaktiv und fast sportlich an. Vielleicht etwas zu sehr: Die straffe Hinterachse überzeugt in Kurven, bei Stößen allerdings weniger. An Bremsschwellen landet der Corolla hinten deutlich härter auf dem Popo als vorn. Eine weichere Abstimmung hätte ihm vielleicht besser gestanden – eventuell, weil wir dem Toyota den Sport nicht ganz abnehmen. Die Lenkung arbeitet dabei angenehm präzise, aber leider zu gefühllos und mit einer häufig überraschend langen Übersetzung.



Ausstattung, Preis, Fazit

Die Corolla-Preisliste gerät kurz: Es gibt drei Motoren, fünf Ausstattungen und kaum Zusatzoptionen. Toyota bietet einen Basisbenziner (1,2-l-Turbo, 116 PS) sowie zwei Hybridstränge an. Den „kleinen“ mit 122 PS Systemleistung und 1,8 Litern Hubraum sowie den „großen“ Hybridmotor mit 2,0 Litern Hubraum und 180 PS Systemleistung.

Der Benziner beginnt bei 20.990 Euro, also rund 600 Euro unterhalb des VW Golf 7 – der zu diesem Preis die gleiche Leistung, aber deutlich weniger Assistenztechnik bietet. Der Opel Astra startet mit 110 PS bei 19.990 Euro. Der Kombi-Aufschlag beim Corolla beträgt 1.600 Euro. Hybrid wird teurer: Der Preissprung vom Benziner auf den kleinen Hybrid (ab 27.290 Euro) beträgt ausstattungsbereinigte 3.500 Euro, der große Motor (ab 29.990 Euro) kostet weitere 2.000 Euro Aufpreis.

Die Topausstattung „Lounge“ gibt es nur mit dem 180-PS-Antrieb, dann ab 34.490 Euro. Im Testwagen stecken zusätzlich zur Topausstattung Lounge Metalliclack, Teilleder und Navi – macht 36.090 Euro insgesamt. Ein funktionales Auto gibt es in allen Ausstattungsstufen, die zweite Ausstattung „Comfort“ lässt kaum Wünsche offen. Manche aber doch: Die teureren Ausstattungen addieren einzelne, sinnvolle Features wie Sitzheizung und LED-Matrix-Scheinwerfer. Geschäftskunden wählen aus einer eigenen Preisliste mit niedrigeren Listenpreisen. Das Kalkül: Privatkunden können beim Händler einen Rabatt aushandeln. Wer den Listenpreis versteuert, profitiert davon nicht.

Die langen Jahre als Hybrid-Monopolist hat Toyota nicht genutzt, um sich eine Position als Preisbrecher aufzubauen. Diese besetzen Hyundai und Kia, die vergleichbare Technik günstiger verkaufen – im Kia Niro oder Hyundai Ioniq Hybrid. Wer jedoch beim Toyota-Händler steht, wird den Corolla eher an Toyotas zweitem Hybrid-Kompakten messen. Dann kostet ein starker Corolla Hybrid ungefähr so viel wie ein Prius. Der hat weniger Leistung, fährt aber sparsamer und bietet deutlich mehr Platz. Den 116-PS-Corolla gibt es etwas günstiger als den Prius, der zudem technisch einen älteren Stand aufweist. Dann bringt der Corolla sogar einen wettbewerbsfähigen Kofferraum mit.

Toyota Corolla 2.0 Hybrid: Technische Daten

ModellToyota Corolla 2.0 Hybrid
Benzinmotor2,0-l-Vierzylinder-Benziner
Leistung Benziner153 PS (112 kW)
Elektromotor80 kW (109 PS)
Maximales Drehmoment190 Nm b. 4.400-5.200 U/min
Getriebestufenlose Automatik
0-100 km/h7,9 s
Höchstgeschwindigkeit180 km/h
Normverbrauch3,7-3,9 l/100 km
Testverbrauch5,5 l/100 km
AbgasnormEuro 6D-TEMP-Evap-ISC
Länge4.370 mm
Breite1.790 mm
Höhe1.435 mm
Radstand2.640 mm
Leergewicht1.415-1.635 kg
Kofferraum313-1.004 l
Anhängelast450 kg
Basispreis29.290 Euro
Basispreis Toyota Corolla20.290 Euro
Testwagenpreis36.090 Euro

Der Toyota Corolla 2.0 Hybrid in Bildern

  • Toyota Corolla 2.0 Hybrid Test
    Quelle: Peter Besser Vollbedienung bei den Assistenten, ambitioniertes Audiosystem, komplett neue Hybrid-Technik: Toyota gibt dem Corolla viel mit, damit er in der dicht besiedelten europäischen Kompaktklasse bestehen kann
  • Toyota Corolla 2.0 Hybrid Seitenansicht
    Quelle: Peter Besser 4,37 Meter misst der Toyota Corolla in der Länge. Das entspricht recht exakt den Abmessungen von Opel Astra oder Ford Focus
  • Toyota Corolla 2.0 Hybrid Cockpit
    Quelle: Peter Besser Toyota Corolla Cockpit: Schönes Design und gute Verarbeitung überzeugen. Einige Details löst Toyota aber unpraktisch
  • Toyota Corolla 2.0 Hybrid Vordersitze
    Quelle: Peter Besser Blick in die vorderer Sitzreihe des Toyota Corolla: Die Sitzposition gerät relativ tief, die hübschen Sitzbezüge kosten extra
  • Toyota Corolla 2.0 Hybrid: Rückbank
    Quelle: Peter Besser Beim Raumangebot auf der Rückbank kommt von den Außenmaßen (4,37 Meter) etwas zu wenig an: Viele Wettbewerber bieten hinten mehr Platz
  • Toyota Corolla 2.0 Hybrid, Anschnitt, statisch
    Quelle: Toyota Hybrid ist nur was für Wollsockenträger und Taxifahrer? Dieses Image soll der 180-PS-Hybrid ändern. Das gelingt Toyota im neuen Corolla leider nur zum Teil - und auf Kosten des Nutzwerts
  • Toyota Corolla 2.0 Hybrid Frontansicht
    Quelle: Peter Besser Sieht flacher aus: 1,43 Meter in der Höhe misst der Toyota Corolla.
  • Toyota Corolla 2.0 Hybrid Scheinwerfer Detail
    Quelle: Peter Besser LED-Matrix-Scheinwerfer gibt es noch nicht oft in der Kompaktklasse. In der Basis leuchtet der Toyota Corolla weiter mit Halogen
  • Toyota Corolla 2.0 Hybrid  Heckansicht
    Quelle: Peter Besser Der Name Corolla ist weltweit etabliert: Toyota verabschiedet sich von dem Versuch, in Europa einen separaten Namen zu etablieren
  • Toyota Corolla 2.0 Hybrid Kofferraum
    Quelle: Toyota Unter der Kofferraumabdeckung des stärkeren Corolla Hybrid ist auch nicht mehr viel Platz: Dort befindet sich die Autobatterie
  • Toyota Corolla 2.0 Hybrid: Kleiner Kofferraum
    Quelle: Peter Besser Der Kofferraum des Toyota Corolla 2.0 Hybrid ist für ein Fahrzeug seiner Klasse zu klein. 313 Liter fasst dieser Corolla - 361 Liter sind es in anderen Corolla-Versionen