Alltagstest im Hybrid-Klassiker Toyota Prius

Den Toyota Prius 4 muss man wollen

Wer Prius sagt, denkt Hybrid. Seit den späten 90ern steht der Toyota Prius für ein komplettes Antriebskonzept. Wir haben die vierte Prius-Generation im Alltag getestet.

  • Björn Tolksdorf
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  • Veröffentlicht am 07/31/2019, 12:00 AM
  • Aktualisiert am 10/24/2019, 12:07 PM
Weniger ist hier mehr. Die Systemleistung wird durch erhöhten Wirkungsgrad ausgeglichen
Quelle: Peter Besser Weniger ist hier mehr. Die Systemleistung wird dank erhöhtem Wirkungsgrad ausgeglichen

Er mag in die Jahre gekommen sein, doch auffallen will er immer noch. Der Toyota Prius läuft mittlerweile in 4. Generation vom Band, doch er verlangt seinen Fahrern noch immer ein Statement ab: Seht her, ich fahre Hybrid und schone die Umwelt. Jedenfalls ein bisschen mehr als viele andere.

Das könnte fast darüber hinwegtäuschen, dass der Prius im Alltag ein durch und durch umgängliches Auto ist. Er bietet reichlich Platz, fährt komfortabel und zuverlässig und dazu besonders sparsam. Wir waren zwei Wochen im Toyota Prius unterwegs.

Antrieb, Motor, Getriebe

Das Wichtigste zuerst: Toyota hat den Hybrid-Antriebsstrang nicht neu erfunden, aber gründlich weiterentwickelt. Kurios: Die Systemleistung sinkt von 136 PS auf 122 PS, doch die Fahrleistungen werden besser. Toyota hat fast alle Teile leichter gemacht und den Wirkungsgrad des Benziners allein mit innermotorischen Maßnahmen um 40 Prozent erhöht.

Auf den ersten Metern surrt nur der Elektromotor, der Verbrenner steigt erst bei etwas höherer Last ein. Solange er noch kalt ist, macht er sich mit etwas rauem Lauf bemerkbar, doch nach einer kurzen Aufwärmphase gibt sich das. Öfter als beim Vorgänger hält der Benziner sich allerdings raus. Und unter Last läuft er angenehmer, heult wirklich nur bei Vollgas auf. Unter leichter Last “segelt” der Prius elektrisch gestützt bis zu zwei Kilometer weit, beim Bremsen pfeifen die Generatoren noch immer leicht und speisen Energie zurück in die Hybridbatterie. Alles wie gehabt also, aber etwas geschliffener, etwas besser als beim Vorgänger.

Und der Verbrauch? Auf Kurzstrecken durch die verstopfte Innenstadt begnügte der Prius sich mit wenig mehr als 5 Litern auf 100 km, bei Tempo 150 auf der Autobahn werden es auch mal 7,5 Liter. Auf dem Sonntagsausflug an den Stadtrand fließen im Schnitt nur vier Liter aus dem Tank. Unterm Strich über Stadt, Landstraße und Autobahn wurden es 4,3 Liter. Damit ist der Prius im Alltag eines der sparsamsten Autos auf dem Markt.

Abmessungen, Platzangebot, Karosserie

Der Prius entzieht sich von den Maßen einer präzisen Einordnung. Mit 4,54 Metern Länge ist er recht lang für die Kompaktklasse und das spürt man im Innenraum. 501 Liter Gepäck passen ins Heck, auf der Rückbank gibt es so viel Platz wie sonst eher in der Mittelklasse. Das wissen auch Taxi-Fahrer zu schätzen. Schade nur, dass beim Umlegen der Rückbank eine unpraktische Stufe im Laderaum entsteht.

Wird es in der Stadt mal eng, wird die Größe zum Problem. Zudem nervt der Prius beim Rangieren mit seiner Unübersichtlichkeit. Wo die kurze, spitze Nase endet, muss man erst lernen, die zweigeteilte Heckscheibe bietet nicht viel Durchblick. Der winzige Scheibenwischer verbessert die Situation bei Regen nur wenig.

Innenraum, Verarbeitung, Materialien

Im Innenraum hat Toyota viel im Vergleich zum Vorgänger geändert. Uns gefällt das neue Cockpit. Die wichtigsten Anzeigen sitzen wie eh und je mittig auf dem Armaturenbrett, doch jetzt lässt sich der Armaturenträger auf Wunsch mehrfarbig gestalten und ist hübscher geschwungen. Die Verarbeitung ist solide, die Materialien fühlen sich angenehm an.

Kleine Irritationen gibt es aber doch. Der Knopf für die Sitzheizung etwa sitzt tief unten versteckt am Armaturenbrett. Die Klimaautomatik setzte sich nach jedem Start zurück auf Umluft. Und manch ein Schalter, manch eine Fläche wirkt immer noch etwas zu bemüht anders. Doch das gehört ja zum Konzept.

Das Cockpitdesign ist nun variabel. Nur die Anordnung der Funktionen ist manchmal gezwungen anders
Quelle: Peter Besser Das Cockpitdesign ist nun variabel. Nur die Anordnung der Funktionen ist manchmal gezwungen anders

Infotainment, Radio, Konnektivität

So fortschrittlich der Antrieb, so schlecht der Ruf des Infotainments. Doch Toyota hat sich um Verbesserungen bemüht. Mit Erfolg. Das Smartphone koppelt sich reibungslos mit dem System, die Navigation über das Menü gelingt intuitiv. Die Navi-Grafik wirkt deutlich moderner als noch vor wenigen Jahren.

Doch beim Prius gehört auch Statistik zum Infotainment. Das System zeigt eine Fülle von Informationen zum Sprit- und Energieverbrauch an und spornt so zum Sparen an. Energiefluss, Akkuladung, Betriebszustand - hier sollte wirklich jeder seine Lieblings-Statistik finden.

Assistenzsysteme und Sicherheit

Schon in der Basisausstattung packt Toyota den Prius mit allerlei Fahrhilfen voll. Unter dem Stichwort “Toyota Safety Sense” kommt ein Auffahrwarner mit Fußgängererkennung und Notbremse ins Auto, dazu erkennt der Prius Verkehrsschilder und aktiviert automatisch das Fernlicht. Auch die Spur kann das Auto selbständig halten. In der Ausstattung “Comfort” kommt noch ein Toter-Winkel-Warner hinzu, ein Rückfahrassistent und ein Head-up-Display.

Der elektronische Einparkassistent kostet 950 Euro extra und plant leider etwas übervorsichtig. Er kalkuliert zu viel Platz zwischen den Stoßstangen ein. Ausgerechnet wenn es knapp wird, muss man also ganz alleine navigieren. Den Tausender kann man sich sparen.

Fahrverhalten, Fahrwerk, Lenkung

Schon immer war dem Toyota Prius eine leichte Schwerfälligkeit zu eigen. Die Hybridtechnik wiegt nunmal etwas mehr. Doch in der 4. Generation fährt der Hybrid-Klassiker harmonischer. Er lenkt exakt, bremst gut dosierbar und federt komfortabel. Wer will, kann ihn sogar sportlich bewegen. Vor allem im Vergleich zum Vorgänger fühlt sich der Prius 4 leichter und weniger schwammig an.

Das liegt an Toyotas neuer Plattform. Mit ihr sinkt der Schwerpunkt, die Karosserie wird steifer und das erlaubt eine präzisere Abstimmung des Fahrwerks. Dass der Prius vor allem Wert auf Komfort legt, ist gewollt. Die Märkte in Kalifornien und Japan fordern das. Doch die Generation 4 verkraftet deutsches Autobahntempo tadellos. Bei scharfen Kanten kann er sein Gewicht zwar nicht verstecken, doch unangenehm wird das nie.

Preise und Ausstattung

Mit dem Prius 4 gelingt Toyota also ein feines Auto, das alles besser macht als der Vorgänger. Doch er ist nicht ganz billig. 28.450 Euro kostet der Basis-Prius neu (05/19), dafür steckt bereits viel Wichtiges und Angenehmes im Auto. 15-Zoll-Alufelgen, schlüsselloser Zugang, LED-Scheinwerfer, Radio mit 7-Zoll-Touchscreen und Klimaautomatik. Dazu das erwähnte “Safety Sense Paket”. Viel mehr braucht man eigentlich nicht, lediglich der Totwinkel-Warner fehlt uns bei der Sicherheitsausstattung. Er steckt serienmäßig in der Ausstattung “Comfort” (30.290 Euro), einzeln gibt es ihn nicht.

Ein weiteres sinnvolles Extra ist das Infotainmentsystem Touch&Go mit vielen Online-Funktionen, Live-Traffic-Daten und erweiterter Sprachsteuerung. Als Extra für 790 Euro baut Toyota es in die Basis und in die Comfort-Ausstattung. Die Topausstattung “Executive” hat es immer an Bord. Und abgesehen von der Lederausstattung auch sonst so ziemlich alles, was man sich wünschen kann.

Das Aussetzen des Verbrenners bei leichter Last ist spürbar. Nur 4,3 Liter Verbrauch im Durchschnitt
Quelle: Peter Besser Das Aussetzen des Verbrenners bei leichter Last ist spürba: Nur 4,3 Liter Verbrauch im Durchschnitt

Fazit: Den Toyota Prius IV muss man wollen

Der Prius ist längst nicht mehr konkurrenzlos. Kia und Hyundai haben seit einiger Zeit ebenfalls Vollhybride im Programm. Vor allem der Hyundai Ioniq schlägt als gestreckte Limousine in ähnlicher Größe die gleiche Richtung ein. Kia bietet mit dem Niro Hybrid ein kleines SUV an, das noch besser auf den europäischen Markt passt. Beide sind günstiger als der Prius.

Doch Toyota hat für Konkurrenz aus dem eigenen Haus gesorgt. Mit dem Auris, bzw. dem neuen Corolla und dem Yaris haben die Japaner selbst günstigere Hybride im Angebot - und verkaufen sie besser als den Pionier Prius. Der taugt immer noch hervorragend als Botschafter für die Marke und als technisches Vorbild. Und als Angebot für jene, die nicht verstecken wollen, dass sie Hybrid fahren. Wer den Prius kauft, will ihn auch wirklich haben.



Technische Daten Toyota Prius (2016)

  • Modell: Toyota Prius Executive
  • Verbrennungsmotor: 1,8-l-Vierzylinder-Benziner, 98 PS (72 kW), 142 Nm
  • Elektromotor: 53 kW (72 PS), 163 Nm
  • Getriebe: Stufenlose Automatik
  • Systemleistung: 122 PS (90 kW)
  • 0-100 km/h: 10,6 s
  • Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h
  • Normverbrauch: 3,6-3,4 l/100 km
  • CO2: 82-78 g/km
  • Testverbrauch: 4,3 l/100 km
  • Länge: 4.540 mm
  • Breite: 1.760 mm
  • Höhe: 1.470 mm
  • Radstand: 2.700 mm
  • Leergewicht: 1.475 kg
  • Kofferraum: 501-1.633 l
  • Basispreis: 28.450 Euro (05/2019)
  • Testwagenpreis: 33.240 Euro

Toyota Prius IV Altagstest

  • Qualität lässt sich Japan immer kosten. 28.450 Euro kostet der Basis-Prius
    Quelle: Peter Besser Qualität lässt sich Japan etwas kosten. Bei 28.450 Euro startet der Basis-Prius
  • Weniger ist hier mehr. Die Systemleistung wird durch erhöhten Wirkungsgrad ausgeglichen
    Quelle: Peter Besser Weniger ist hier mehr. Die Systemleistung wird dank erhöhtem Wirkungsgrad ausgeglichen
  • Das rebellische Format des Hybriden nervt in der Stadt. An diese Variablen muss man sich gewöhnen
    Quelle: Peter Besser Das rebellische Format des Hybriden nervt in der Stadt. An diese Variablen muss man sich gewöhnen
  • Der elektronische Einparkassistent schwächelt wenn es eng wird. Vorsicht beim navigieren ist geboten
    Quelle: Peter Besser Der elektronische Einparkassistent schwächelt wenn es eng wird. Vorsicht beim Navigieren ist geboten
  • Mit einem Füllraum von 501 - 1.633 Liter zeigt der Toyota Prius effektiv was seine Länge bewirkt
    Quelle: Peter Besser Mit einem Füllraum von 501 - 1.633 Liter zeigt der Toyota Prius effektiv was seine Länge bewirkt
  • Das Cockpitdesign ist nun variabel. Nur die Anordnung der Funktionen ist manchmal gezwungen anders
    Quelle: Peter Besser Das Cockpitdesign ist nun variabel. Nur die Anordnung der Funktionen ist manchmal gezwungen anders
  • Mit 4.540 mm in der Länge haben Beifahrer auf der Rückbank viel Spielraum
    Quelle: Peter Besser Mit 4.540 mm in der Länge haben Beifahrer auf der Rückbank viel Platz für die Beine
  • Das Aussetzen des Verbrenners bei leichter Last ist spürbar. Nur 4,3 Liter Verbrauch im Durchschnitt
    Quelle: Peter Besser Das Aussetzen des Verbrenners bei leichter Last ist spürba: Nur 4,3 Liter Verbrauch im Durchschnitt