Reportage: Automuseen in Italien

Reportage: Automuseen in Italien

Von Machos, Motoren und Museen

Enzo Ferrari und Ferruccio Lamborghini konnten sich nicht ausstehen. Insgesamt vier Museen in Norditalien widmen sich ihrem Leben und den faszinierenden Autos, die die beiden Kontrahenten im Kampf gegeneinander geschaffen haben.

Es muss ein denkwürdiges Zusammentreffen gewesen sein: Ferruccio Lamborghini, durch die Produktion von Klimaanlagen, Traktoren und elektrischen Bauteilen zu Ruhm und Reichtum gekommen, wollte sich über seine neueste automobile Anschaffung beschweren. Jedoch nicht irgendwo, der Liebhaber schneller Autos wollte sich direkt beim Hersteller über die Qualität der Kupplung auslassen – da sein Wagen ein Ferrari 250 war, traf er auf niemand Geringeren als Enzo Ferrari selbst.

Und schon standen sich zwei heißblütige Vollmachos bester italienischer Prägung gegenüber. Enzo Ferrari zögerte nicht lange und sah das Problem nicht bei seinem Auto, sondern bei dessen Fahrer: Als Traktorenbauer sei Lamborghini mit der feingliedrigen Technik des selbstverständlich fehlerfreien Ferrari wohl überfordert, meinte er spöttisch.

 
 
 

Geburtshelfer Ferrari

Der Rest ist bekannt: Ferruccio Lamborghini zog wütend ab und entschloss sich, seine eigenen Autos zu bauen. Und es Ferrari mal so richtig zu zeigen. Mit den Sportwagen aus Sant’Agata Bolgnese begann Ferrari eine ernste Konkurrenz zu erwachsen. Der steinreiche Lamborghini stellte 1964 mit seinem ersten Modell 350 GT sofort einen hochwertigen Sportwagen vor – dessen wichtigste Eigenschaft es gewesen ist, dass er schneller als vergleichbare Ferrari war.

Lamborghini galten seitdem als die etwas stärkere, noch extremere Variante des Supersportwagens. Das hält die Anhängerschaft vergleichsweise klein, Lamborghini fertigt wesentlich weniger Fahrzeuge als Ferrari. Wahrscheinlich jedoch ist, dass beide von der Rivalität profitierten, auch wenn sie es nicht wahrhaben wollten. Gerade der Wettlauf der beiden Firmenpatriarchen um den besten Supersportwagen dürfte die Innovationsgeschwindigkeit enorm angefacht haben.

Beide Firmen mussten verkauft werden

Aus heutiger Sicht mag es sein, dass der Wettkampf ruinöse Folgen hatte. Jedenfalls gerieten beide Firmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten und mussten verkauft werden. Lamborghini erlebte seit 1972 Besitzerwechsel in schneller Folge, seit man 1998 unter das Audi-Dach Schlüpfte, ist die Lage stabil.

Noch früher musste sich Enzo Ferrari den wirtschaftlichen Gegebenheiten stellen. Schon in den 60er-Jahren gab es ein Übernahmeangebot des US-Konzerns Ford. Dies konnte der „Commendatore“ noch ablehnen - wofür sich Ford mit dem legendären GT40 „revanchierte“. Seit 1969 allerdings gehört Ferrari zu 50% Fiat. Dieser Anteil wuchs auf heute 90%.

Es gibt vier Museen

Wie die beiden mittlerweile verstorbenen Patriarchen (Enzo Ferrari + 1988; Ferruccio Lamborghini + 1993) haben auch die Museen mehr gemein, als der erste Blick vermuten lässt. Das fängt damit an, dass es pro Marke nicht nur eines, sondern jeweils zwei Museen gibt.

In der Nähe des jeweiligen Werkes steht das offizielle Werksmuseum. Bei Ferrari schlicht „Museo Ferrari“ genannt, bei Lamborghini „Centro Eccellenza“. Unterschiedlicher könnten beide Museen kaum sein. Auf dem Lamborghini-Werksgelände in Sant’Agata gibt es nahezu die gesamte Modellpalette zu sehen. Dazu Studien, Prototypen und auch die kurze Formel 1-Geschichte wird mit Exponaten dokumentiert.

Der Funke fehlt

Das ist schon toll – aber irgendwie auch wieder nicht. Insgesamt geht dem Lamborghini-Werksmuseum das Flair ab, das die Wagen haben. Leider verbergen Pfeiler die Sicht auf manche faszinierende Ausstellungsstücke, die auch nur in kurzen Sätzen erklärt werden. Informationen zum Firmengründer Ferruccio Lamborghini sind spärlich gesät.

Wer sich von Lamborghini-Werksgelände ins 30 Kilometer entfernte Dosso aufmacht, landet in einer ganz anderen Welt. Hier steht ebenfalls ein Lamborghini-Werksmuseum, aber es gehört einem anderen Zweig der Familie.

Nachkommen der ersten Generation nutzen ihren berühmten Nachnamen für andere Produkte. So gibt es mittlerweile „Tonino Lamborghini“-Duschgel, aber auch Erzeugnisse, die enger an den Interessen des Firmengründers liegen. Der war Weinkenner und betrieb sein eigenes Weingut – folgerichtig kann man im Museum auch ein edles Tröpfchen Rotwein erwerben.

Eine Halle voller Atmosphäre

Doch das ist nur Beiwerk. Während man in Sant’Agata voll auf die Sportwagen setzt, ist das Museum in Dosso eine umfangreiche Sammlung aller Produkte, die mit dem Konstrukteur Ferruccio und dessen Person zu tun haben.

Eine Studie des allerersten Lamborghini steht hier, verschiedene Prototypen und Einzelstücke wie der Jalpa Spider. Dieses Lamborghini-Museum ist haarscharf daran, Ähnlichkeit mit einer vollgestopften Scheune zu haben. Das ist sehr liebenswert und ein großer Kontrast zur sterilen Atmosphäre des „offiziellen“ Museums.

Alle Stücke atmen den Geist des berühmten Gründers, und man huldigt hier dem, was der neue Besitzer der Sportwagensparte anscheinend nicht im Auge hat: In Dosso stehen auch viele Traktoren, deren wirtschaftlicher Erfolg es Lamborghini erst ermöglichte, zu Enzo Ferrari in den Ring zu steigen.

Ferrari setzt auf die Formel 1

Im Museo Ferrari wird deutlich, wie stark sich die Firmengründer in ihrer Ausrichtung unterschieden. Die Firma Lamborghini brachte es zwar in späteren Jahren zu einem Formel 1-Motor, aber Ferruccio Lamborghini war am Automobilsport etwa so interessiert wie - Ferrari-Besitzer werden es ungern hören - Enzo Ferrari an seinen Straßensportwagen. Diese produzierte die Firma unter Enzos Regie nur, um das Geld für den Sport aufzutreiben. Ferrari selbst fuhr übrigens meistens Fiat.

Natürlich sind die ganz frühen Erfolge dokumentiert, und auch der abtrünnige Michael Schumacher wird gebührend geehrt. Die Zeit zwischen den erfolgreichen Phasen in der Formel 1 wird elegant umgangen – Schwamm drüber.

Trotzdem ist es beeindruckend, was hier zusammengetragen wurde, und auf jeden Fall einen Besuch wert. Zwar steht die aktuelle Modellpalette etwas deplaziert im Museum, aber die Highlights sind so beeindruckend, dass dieses nicht weiter stört. Ein rarer und rund 27 Millionen Euro teurer GTO von 1962 steht da, wie auch sein Nachfolger von 1984.

Gilles Villeneuve ist ein Volksheld

Der Hit jedoch ist der Museumsteil über den Formel 1-Fahrer Gilles Villeneuve. Dieser gewann zwar nie eine Weltmeisterschaft, aber in den Herzen der Italiener gilt der Kanadier bis heute als Volksheld. Michael Schumacher wurde respektiert, Gilles Villeneuve geliebt.

Das verdankt er seiner jugendlichen, offenen Art und einer speziellen Eigenschaft: Er fuhr immer Vollgas, immer im Drift und war somit eine riesige Show für die Fans. Fotos von ihm mit Enzo Ferrari, mit Siegerlorbeer sowie zwei seiner Rennwagen und sein privater Ferrari 308 GTS würdigen ihn.

Auf den zweiten Blick kommentiert ein kleines Schild am 308 einen Rekord: Die Distanz Monaco – Maranello von 432 Kilometern legte Gilles Villeneuve auf öffentlichen Straßen in nur 2.25h zurück. Dieser Rekord ist bis heute ungebrochen und würde bei einer Wiederholung zum sofortigen Entzug des Führerscheins führen.

Die Person steht hinten an

Ähnlich wie bei Lamborghini ist die Präsenz des Firmengründers im offiziellen Museum reduziert. Lediglich ein nachgebildetes Büro mit einer Wachsfigur Enzo Ferraris gibt es. Allerdings hatten die Ferraristi selbst das Gefühl, dass Enzo Ferraris Person zu kurz kommen würde. Im Jahr 2012 baute ihm deshalb der tschechische Stararchitekt Jan Kaplicky einen Tempel namens „Museo Casa Enzo Ferrari“.

Im katholischen Italien würde es natürlich niemand zugeben, aber tatsächlich ist hier ein beeindruckender, unglaublich stilvoller Tempel für Enzo Ferrari entstanden. Um es vorweg zu nehmen: Wer hier auf der Suche nach weiteren Ferrari-Automobilen ist, wird enttäuscht werden. Tatsächlich gibt es deren lediglich zwei. Dafür aber automobile Raritäten, die es in dieser Konzentration nur selten gibt. Und alle haben mit dem „Commendatore“ zu tun.

Das Museum besteht aus zwei Teilen: Dem spektakulären Neubau sowie dem Geburtshaus Enzos. Im Geburtshaus Ferraris geht es reduziert um einzelne Aspekte der Person wie der Marke. Das Auto seines Vaters, ein De Dion-Bouton aus dem Jahre 1903, unter dem der fünfjährige Enzo zum Betrachten der Technik lag, ist ebenso vorhanden wie ein Schaukasten über die Evolution des springenden Pferdes, Ferraris Markenzeichen. In Vitrinen wird beispielsweise die Sonnenbrille Enzo Ferraris ausgestellt, was hierzulande schnell als unzulässiger Personenkult abgestempelt würde, dort aber völlig in Ordnung geht.

Ein Tempel für den Chef

Auf in den zweiten Teil des Tempels. Das ultramoderne Dach in Form einer stilisierten Hand umfasst das Geburtshaus. Auf Podesten stehen fast schon entrückt historische Rennwagen, meistens von Alfa Romeo. Tatsächlich dürfte dies die beeindruckendste öffentliche Alfa-Sammlung weltweit sein.

Hier versammelt sich alles, was mit der Frühzeit Enzo Ferraris zu tun hatte, denn ihre ersten Rennerfolge feierte die Scuderia Ferrari auf Alfa Romeo. Es finden sich auch zahlreiche Werke seiner Konkurrenten wie die der Gebrüder Maserati – nicht jedoch Ferruccio Lamborghinis. Soviel Konkurrenz muss sein. Entlang der Wände sieht der Besucher Exponate und Dokumente zu allen möglichen Aspekten seines Lebens oder der wichtigsten Menschen, mit denen er zu tun hatte.

Einmal einig

Wieder an der Sonne, fällt eine Gemeinsamkeit zwischen den beiden „zweiten“ Museen auf. Der Touristenrummel, den vor allem das Museo Ferrari und in abgeschwächter Form auch das Centro Eccellenza trifft, ist hier nicht vorhanden.

Vor und um die beiden Werksniederlassungen haben sich Andenkenstände, Souvenirläden und Bars angesiedelt. Jeweiliger Höhepunkt: Man kann gegen eine dreistellige Gebühr einen der begehrten Supersportwagen unter strenger Aufsicht um den Block fahren.

Der Fauxpas: Vor Ferraris Museum stehen auch Lamborghini und umgekehrt. Dies hätten die beiden Patriarchen sicher als stillos empfunden – womit sie recht gehabt hätten und wenigstens ein Mal einer Meinung gewesen wären.

Addressen

Lamborghini
Werksmuseum Centro Eccellenza
Via Modena, 12
40019 Sant'Agata Bolognese Bologna
+39 051 681 7611
www.lamborghini.com
Ferruccio Lamborghini Museum
Via Statale 342
44040 Dosso (Ferrara)
+39 051 86 26 28 Fax: +39 051 86 49 56
www.museolamborghini.it
Achtung: Dieses Museum ist nur nach vorheriger Anmeldung geöffnet!
Ferrari
Ferrari Werksmuseum Museo Ferrari
Via Dino Ferrari 43
41053 Maranello
+39 0536 949713
museo.ferrari.com
Museo Casa Enzo Ferrari
Via Paolo Ferrari 85
41121 Modena
+39 059 4397979
www.museocasaenzoferrari.it
 
 
 
Text: SH