So zahlt die Versicherung den tatsächlichen Fahrzeugwert

Wertgutachten für Gebrauchtwagen bei Unfallschäden

Hat ein älteres Auto einen Unfall, zahlt die Versicherung oft nur den Schrottwert. Ein Wertgutachten schafft Abhilfe. Diese Infos musst Du dann beachten.

  • Haiko Prengel
  • Veröffentlicht am 12/20/2019, 10:00 AM
Mercedes E-Klasse in der Frontansicht, stehend
Quelle: Haiko Prengel Pflege zahlt sich aus: Youngtimer wie der Mercedes W124 steigen im Wert

Neues Blech einschweißen, ordentlich überlackieren – mit ein wenig Geschick wird aus einem verrosteten Radlauf wieder ein gesundes, blitzblankes Blechteil. Einem erfahrenen Karosseriebaumeister bleiben solche Restaurierungen allerdings nicht verborgen. „Hier wurde gespachtelt“, sagt Björn Linkowitz und zeigt auf das instandgesetzte rechte Seitenteil einer 24 Jahre alten E-Klasse von Mercedes.

Zu Besuch beim Kfz-Sachverständigen

Linkowitz' Lackschichtdickenmessgerät hat ausgeschlagen. Spachtelmasse – im Volksmund auch Mumpe genannt – kann auf Unfallschäden hinweisen. Oder eben auf ausgebesserte Blechteile wie bei dem alten Benz. Auch die eine oder andere Beule und das abgenutzte Interieur fallen dem Kfz-Prüfer ins Auge. Verschlissene Sitzwangen auf der Fahrerseite, das findet sich in fast jedem Mercedes der Baureihe 124.

Umso erstaunlicher ist, dass Linkowitz dem E 220, Erstzulassung 1995, trotzdem einen ordentlichen Gesamtzustand bescheinigt. „Das Auto macht einen gepflegten Eindruck und verfügt über die normalen Alltags- und Gebrauchsspuren.“ Die bleiben halt meist nicht aus bei einem Auto, das fast ein Vierteljahrhundert alt ist und bald 285.000 Kilometer auf dem Buckel hat.



Viele Gebrauchtwagen sind über zehn Jahre alt

Alter muss aber kein Scheidungsgrund sein. Im Gegenteil: Millionen Deutsche lieben ihren Gebrauchtwagen und trennen sich sehr ungerne von ihm. Von den 47 Millionen zugelassenen Pkw waren laut Kraftfahrt-Bundesamt am 1. Januar 2019 rund 40 Prozent zehn Jahre oder älter.

Mercedes E-Klasse in der Heckansicht, stehend
Quelle: Haiko Prengel Ein Wertgutachten erhöht nicht nur den Marktwert, es sichert auch bei Unfallschäden ab

Das ist der Grund, warum der Besitzer des betagten Mercedes-T-Modells an diesem Vormittag beim Kfz-Sachverständigen vorfährt. Mit einem Gutachten soll der Wert des Youngtimers der Baureihe 124 von einem Experten festgestellt und urkundlich dokumentiert werden.

Wertgutachten als Grundlage für die Schadensregulierung

So ein Wertgutachten hat natürlich Vorteile, wenn man sein Auto verkaufen möchte. Aber nicht nur dann. Es kann auch sehr nützlich sein, wenn es zu einem Unfall kommen sollte. Denn dann dient die Sonder-Bewertung als Grundlage für die Regulierung des Schadens. Die gegnerische Versicherung zahlt nicht nur mitunter nur noch läppische hundert Euro als Wertausgleich. Recht bekannt ist die sogenannte Schwacke-Liste zur Einschätzung von Gebrauchtwagenpreisen.

Außerdem nutzten Kfz-Bewerter zur Ermittlung des sogenannten Wiederbeschaffungswerts von Unfallautos Kalkulationsprogramme von Dienstleistern wie Audatex oder DAT. Das Problem: Gebrauchte im Alter von mehr als zehn Jahren werden dort in der Regel nicht mehr gelistet. Das kann in der Praxis zu sehr niedrigen ermittelten Wiederbeschaffungswerten führen. Als Orientierung dienen dann die Preise, die auf großen Verkaufsportalen wie mobile.de aufgerufen werden. Aber selbst das muss nicht immer so sein.

Ohne Gutachten gilt oft nur noch der Schrottwert

„Wir erklären das unseren Kunden immer anhand einer Faustformel“, sagt Kfz-Sachverständiger Björn Linkowitz: „Der Metallhandel zahlt circa 100 Euro für eine Tonne Mischschrott.“ Wer das Gewicht seines Autos kennt, könne also ermitteln, was er für seinen alten Gebrauchten nach einem Unfall im schlimmsten Fall noch bekommt. Bei der anderthalb Tonnen schweren E-Klasse wären es noch gut 150 Euro. Nicht viel für ein gepflegtes Auto, trotz aller Gebrauchsspuren.

Mercedes E-Klasse mit geöffneter Motorhaube
Quelle: Haiko Prengel Pluspunkt bei der Begutachtung: Der Motor ist generalüberholt, entsprechende Werkstattbelege liegen vor

Bei der Wertermittlung für einen Youngtimer wie den Mercedes W124 orientieren sich Kfz-Sachverständige wie Björn Linkowitz dagegen an den Werten von Classic Data. Die Bochumer beobachten seit mehr als 30 Jahren die Preisentwicklung historischer Fahrzeuge. Ihr jährlicher Marktspiegel ist ein fast 800 Seiten dickes Kompendium mit Tausenden Fahrzeugmodellen.

Youngtimer legen mächtig an Prestige zu

Danach sind 90er-Jahre-Autos wie ein BMW 5er (E34), ein Opel Calibra oder ein VW T4 Bulli längst aus der Preis-Talsohle der billigen Gebrauchtwagen heraus und zu angesehenen Klassikern gereift – mit entsprechendem Wertzuwachs. Aber auch bei Brot-und-Butter-Autos wie Opel Astra oder VW Golf kann sich ein Gutachten lohnen.

Bei der beliebten Baureihe 124 von Mercedes haben insbesondere die geräumigen Kombis enorm an Marktwert zugelegt. Für ein T-Modell im Zustand 2 notiert Classic Data je nach Motorisierung und Ausstattung bis zu 15.000 Euro.

Guter Pflege- und Wartungszustand erhöht den Marktwert

Die Note 2 erreicht der Berliner E 220 bei der Begutachtung zwar nicht, dafür gibt es dann doch zu viele optische Gebrauchsspuren. Dafür honoriert Kfz-Bewerter Linkowitz den technischen Pflegezustand: Bremsen, Steuerkette, Hardyscheibe, neue Reifen: Um den alten Benz in Schuss zu halten, hat der Besitzer in den vergangenen Jahren mehrere Tausend Euro investiert. Vor der nächsten Hauptuntersuchung im Sommer hat der Eigentümer daher keine Angst.

Vom Gutachter wird das belohnt. Linkowitz beglückwünscht ihn am Ende zu einem Wertgutachten mit der Note 3. Oder in Zahlen ausgedrückt: 5.000 Euro für den Youngtimer-Benz. Das klingt doch schon viel besser als anderthalb Tonnen Schrott.



Fazit und Empfehlung

Das Fazit: Ein gepflegtes Auto macht immer was her. Aber für den Eigentümer reicht es nicht, jeden Samstag in die Waschstraße und alle zwei Jahre zur Hauptuntersuchung zu fahren. Ein Wertgutachten kann sich lohnen, um den besonderen Wert eines Gebrauchtwagens formell dokumentieren zu lassen. Dann steht man im Falle eines Unfalls nicht mit leeren Händen da.

Vergleichswerte für zehn Modelle in Euro

Modelldurchschnittlicher Marktwert bei mobile.deClassic Data (Zustand 2)
BMW 520i (87-96)   2.5005.700
BMW Z3 2.8 (97-00)7.00014.200
Opel Calibra 2.0 16V (90-97)1.9007.800
Ford Scorpio 2.9i (89-94)2.0003.900
Citroen XM 3.0 V6 (89-94)2.5008.500
Mazda MX-5 Roadster (95-98)3.5007.000
Mercedes SLK 230 (96-00)3.5007.800
Volvo 960 Kombi 2.4 (97-00)2.8006.700
VW Golf IV 2.3 V5 (97-00)1.8004.600
VW T4 Multivan 2.5 TDI (95-03)5.50016.400

Die Mercedes E-Klasse in Bildern

  • Ansicht des fertigen Wertgutachtens
    Quelle: Haiko Prengel Für die Versicherung reicht in der Regel ein Kurzgutachten. Das gibt es beim Kfz-Sachverständigen schon ab etwa 150 Euro
  • Mercedes E-Klasse in der Frontansicht, stehend
    Quelle: Haiko Prengel Pflege zahlt sich aus: Youngtimer wie der Mercedes W124 steigen im Wert
  • Mercedes E-Klasse in der Heckansicht, stehend
    Quelle: Haiko Prengel Ein Wertgutachten erhöht nicht nur den Marktwert, es sichert auch bei Unfallschäden ab
  • Blick auf eine Beschädigung am Sitzpolster in einer Mercedes E-Klasse
    Quelle: Haiko Prengel Bei näherem Hinsehen zeigen sich dann doch Gebrauchsspuren
  • Blick auf eine nachlackierte Stelle an einer E-Klasse
    Quelle: Haiko Prengel Am rechten Seitenteil wurde bereits nachlackiert – an dieser Stelle eher schlecht
  • Ansicht einer Roststelle am Kotflügel einer E-Klasse
    Quelle: Haiko Prengel Rost an den vorderen Kotflügeln – eine typische Schwachstelle bei der ersten E-Klasse von Mercedes
  • Mercedes E-Klasse mit geöffneter Motorhaube
    Quelle: Haiko Prengel Pluspunkt bei der Begutachtung: Der Motor ist generalüberholt, entsprechende Werkstattbelege liegen vor
  • Cockpit-Ansicht der Mercedes E-Klasse
    Quelle: Haiko Prengel Auch Extras wie Klimaanlage, Sitzheizung oder Tempomat erhöhen den Marktwert
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