Als der VW Golf 1 mit Gerd Müller konkurriert

VW Golf 1 Premiere (1974): Rückblick, Geschichte

Der VW Golf startet in seiner achten Generation. Zu diesem Anlass erinnert sich unser Autor Peter Maahn an seine Vorgänger. Teil 1: Der VW Golf 1 von 1974.

  • Peter Maahn
  • Veröffentlicht am 12/27/2019, 01:45 PM
VW Golf 1 in der Frontansicht, fahrend
Quelle: Volkswagen Mit dem 1,5-Liter-Vierzylinder unter der Motorhaube erreicht der Golf 1 nach 12,8 Sekunden Tempo 100. Bei 160 km/h ist Schluss

Ganz schön viel los in diesem Jahr 1974. Die gerade überstandene Ölkrise mit ihren Fahrverboten und Fahrradkorsos auf der leeren Autobahn zeigt heftige Nachwirkungen. Helmut Schmidt wird Bundeskanzler, Richard Nixon zum Rücktritt gezwungen und ganz Westdeutschland fiebert der Fußball-WM im eigenen Land entgegen.

In den Krabbelgruppen der Kindergärten übt die spätere „Generation Golf“ ihre besondere Art der Fortbewegung. Den Namen erhalten jene Westdeutschen, die zwischen 1965 und 1975 geboren wurden, erst 25 Jahre später durch ein gleichnamiges Buch. Der Namensgeber, der Golf von Volkswagen, bereitet sich auf seine Premiere vor.

Im prallen Historienkalender eben jenes Jahres 1974 bildet die Fahrvorstellung eines neuen Volkswagens nur eine Randnotiz. VW stellt den Golf 1 damals auf Strecken rund um München zur ersten Fahrt zur Verfügung. Die Tester von damals sind heute längst in Rente. Aber sie sind die Zeitzeugen einer industriellen Revolution.


Golf 7 PB
Darf es etwas mehr sein?

Einige Kompakte haben ordentlich Leistung unter der Haube. Hier findest Du Golf-Modelle ab 400 PS.


Der Golf 1 dreht seine Testrunden am Olympiastadion München

Denn die fast bankrotte Volkswagen AG hält viel zu lange am luftgekühlten Heckmotor-Käfer fest. Trotz zweier neuer, wassergekühlter Modelle ist sie Anfang der 1970er-Jahre noch nicht über den Schuldenberg. Der Passat (1972) und das Sportcoupé Scirocco (Anfang 1974) sorgen zwar für frischen Wind, schaffen aber nicht die erhoffte Wende. Obwohl der Passat das technisch komplett veraltete Vorkriegsmodell Käfer in den Verkaufszahlen überholt.

Und jetzt steht er da, der erste Golf. Gezeichnet vom Turiner Meister Giorgio Giugiaro, verfeinert vom VW-eigenen Chefkreativen Herbert Schäfer. 3,70 Meter lang, eckig statt pummelig, breite C-Säule, Frontantrieb, wassergekühlte Benzinmotoren in zwei Leistungsstufen. Das Konstruktionsprinzip gilt heute noch. Zum 200-Liter-Kofferraum, dem Objekt des Neids für die meisten Käfer-Fahrer, geht es durch eine fast wagenhohe Heckklappe. Ein riesiger Fortschritt. Nach Umklappen der Rückbank passen sogar 400 Liter in den Golf 1.



Das Fünf-Türen-Prinzip war bereits 13 Jahre zuvor erstmals im Großserienauto im Renault 4 zu sehen. Auch der enge Golf-Verwandte Scirocco und die Fließheckversion des Passat haben so eine Heckklappe zu bieten. Insofern ist der neue Golf kein Vorreiter. Aber er macht vieles richtig.

Die damaligen Tester schwärmen vom Raumangebot, ärgern sich über den zunächst fehlenden Heckwischer und loben die Elastizität des 70 PS starken 1,5-Liter-Vierzylinders. Die Messwerte: 12,8 Sekunden auf Tempo 100, Spitze 160 km/h, 10,2 Liter Normalbenzin auf 100 Kilometer. „Sportlich“ steht in vielen der Testberichte, auch wenn dem Fahrwerk nur durchschnittlicher Komfort bescheinigt wird.

Schon die Golf-Pioniere, die 1974 erstmals ohne Werksausweis hinters Steuer des Hoffnungsträgers dürfen, schreiben von der zeitlosen Form des Golf. Eine Erkenntnis, die sich mit dem Design der Nachfolger bestätigen soll.

Vom Fußball überrumpelt, aber doch erfolgreich

Die unzähligen Fahrberichte über den ersten VW Golf haben es nicht leicht, sich den gebührenden Platz zu verschaffen. Denn kurz nachdem die Tester-Truppe aus München abreist, beherrscht die Fußball-WM Gedrucktes und Gesendetes. Ein gewisser Jürgen Sparwasser, Stürmer des DDR-Teams, wird zum westdeutschen „Staatsfeind Nr. 1“. Er versenkt das Siegtor für die DDR im Hamburger Bruderduell mit der Bundesrepublik. Im Münchner Olympiastadion, im Mai noch Hintergrund-Kulisse für zahlreiche Golf-Fotos, schlenzt Gerd Müller im Juli die Bundesrepublik zum Weltmeister. Für einen Golf bleibt da wenig Aufmerksamkeit.

Als sich die Euphorie des Triumphes wieder legt, finden die VW-Händler Zeit zum Feiern. Denn der ab 9.370 Mark (umgerechnet 4.791 Euro, inflationsbereinigt 14.000 Euro) erhältliche neue Golf erweist sich als der Auto-Hit des Jahres. Schnell stürmt er an die Spitze der Zulassungen in Deutschland und verteidigt sie bis heute.


VW Golf 1
Frische Luft im Golf 1

Fast 400.000 Mal rollte das Golf 1 Cabrio vom Band.


Weitere Versionen gehen an den Start. Im Juni 1976 reist die Test-Gemeinde nach Frankfurt zur Geburtsstunde eines Kultmodells. Der Golf GTI kommt mit dem 1,6-Liter-Motor des Audi 80 GTE auf 110 PS. Er wird mit 182 km/h Top-Speed zum Star der linken Autobahnspur. Ein Sportwagen mit Alltagsqualität für 13.850 Mark (7.081 Euro, inflationsbereinigt 18.200 Euro). Er trotzt den Bedenken der Marketing-Profis und befeuert die ganze Baureihe. Ebenfalls 1976 rollt der einmillionste VW Golf vom Band.

Fast zeitgleich mit dem GTI kommt der 1,5 Liter große Dieselmotor mit Audi-Genen in den Bestseller-Bereich. Mit seiner bescheidenen Leistung von 50 PS (ebenso viel wie der kleine Einliter-Benziner) wird der Golf D eines der sparsamsten Kompaktmodelle. 6,5 Liter auf 100 Kilometer sorgen für Jubelstürme der Testfahrer bei der Fahrvorstellung in Schweden. So ist das damals eben. Allerdings nerven die Diesel-typischen Geräusche und Vibrationen. Das ändert sich erst später mit Erscheinen der 70-PS-Turboversion.



Ein Cabriolet mit Körbchen-Silhouette

Schließlich lädt VW im März 1979 zu einer Premiere der besonderen Art nach St. Tropez ins Nobelhotel Byblos. In deren Tiefgarage wartet der lang ersehnte Nachfolger des offenen Käfer auf seinen Testeinsatz. Das Golf Cabrio, wegen seines stets sichtbaren Überrollbügels statt der B-Säule „Erdbeerkörbchen“ genannt, geht an den Start.

Zwei Versionen mit dem 70-PS-Motor aus der Limousine oder dem 110-PS-Benziner aus dem GTI sorgen für Freiluft-Spaß. Weitere Motorvarianten und zahlreiche Sondermodelle machen ihn bei seinem Produktionsende 1993 mit knapp 390.000 Stück zum bis dato meistverkauften Cabrio.

Das Cabrio wird also noch gebaut, als der 1983 erschienene Golf 2 längst seinen Vorgänger ablöst. Von dem nämlich baut VW nie eine offene Version. Dafür aber viele andere interessante Varianten. Mehr im zweiten Teil dieser Reihe.

Der VW Golf 1 in Bildern

  • VW Golf 1 in der Frontansicht, stehend
    Quelle: Volkswagen 1974 rollte der erste Golf 1 bei Volkswagen vom Band
  • VW Golf 1 in der Ansicht vorne-links, stehend
    Quelle: Volkswagen Für das Design des Golf 1 war damals Design-Ikone Giorgio Giugiaro zuständig
  • VW Golf 1 in der Ansicht von hinten-rechts, stehend
    Quelle: Volkswagen Bei umgeklappter Rückbank lädt der erste Golf 400 Liter ein
  • VW Golf 1 in der Frontansicht, fahrend
    Quelle: Volkswagen Mit dem 1,5-Liter-Vierzylinder unter der Motorhaube erreicht der Golf 1 nach 12,8 Sekunden Tempo 100. Bei 160 km/h ist Schluss
  • VW Golf 1 in der Ansicht von hinten-rechts, durch eine Kurve fahrend
    Quelle: Volkswagen Etwa 10 Liter verbraucht der Kompaktwagen aus den 1970er Jahren auf 100 Kilometer
  • Cockpit-Ansicht des VW Golf 1
    Quelle: Volkswagen Im Innenraum findet der Fahrer alles, was er zum Fahren braucht. Viel mehr aber auch nicht
  • Ansicht des rechten Scheinwerfers vom VW Golf 1
    Quelle: Volkswagen Für den Golf 1 verlangte Volkswagen damals 9.370 Mark
  • Briefmarke mit Abbildugn des VW Golf 1
    Quelle: Volkswagen Die Briefmarke mit der Abbildung des erstens Golf-Modells ist bis heute erhältlich
  • VW Golf 1 in der Ansicht von vorne-links, in einem Showroom stehend
    Quelle: Volkswagen Der Golf 1 rollte von 1974 bis 1983 vom Band
  • VW Golf 1 GTI in der Seitenansicht, stehend
    Quelle: Volkswagen Der Golf 1 GTI wurde von einem 1,6-Liter-Motor mit 110 PS angetrieben. Dasselbe Aggregat sorgte auch im Audi 80 GTE für den Vortrieb
  • VW Golf 1 GTI in der Frontansicht, fahrend
    Quelle: Volkswagen 1976 erblickte der Golf 1 GTI das Licht der Welt