Entspannter auf Langstrecke dank Spurhalteassistenten

LDWS und LKAS: So funktionieren Spurhalteassistenten

Übermannt Dich am Steuer die Müdigkeit, droht Sekundenschlaf. Dann kann es passieren, dass Dein Auto von der Fahrspur abkommt und im schlimmsten Fall in den Gegenverkehr kracht. Spurhalteassistenten (oft auch als Lane Assist bezeichnet) helfen, solche schweren Unfälle zu vermeiden. Von der Verantwortung entbinden sie den Fahrer aber nicht. Wir erklären, wie sie funktionieren.

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  • Veröffentlicht am 10/24/2019, 12:08 PM
Ab 2024 muss jeder Neuwagen standardmäßig mit einem Spurhalteassistent ausgestattet sein.
Quelle: Hauke-Christian Dittrich (dpa) Ab 2024 muss jeder Neuwagen standardmäßig mit einem Spurhalteassistent ausgestattet sein

Deine Augenlider werden schwer, Du siehst den Vordermann doppelt. Vor allem auf Nachtfahrten ist Übermüdung am Steuer ein Problem. Studien haben ergeben, dass dann das Unfallrisiko doppelt so hoch ist wie am Tag. Fahrerassistenzsysteme, die eine Warnung aussenden, sind mittlerweile oft serienmäßig eingebaut und helfen, das Risiko zu minimieren.

Den Anfang machte das Lane Departure Warning

Vorgänger des Spurhalteassistenten ist der sogenannte Spurverlassenswarner – das Lane Departure Warning System (LDWS). Dabei handelt es sich um ein passives Fahrerassistenzsystem, das auf Fahrfehler reagiert. Technische Voraussetzung ist eine Videokamera, die in den meisten Fällen hinter der Windschutzscheibe im Bereich des Rückspiegels untergebracht und auch für die Verkehrszeichenerkennung zuständig ist. Sie erkennt Fahrbahnmarkierungen und vergleicht diese mit der Position des Fahrzeugs in der Fahrspur. 

Spurhalteassistenten erhöhen Deine Sicherheit vor allem bei Nacht und wenn Du müde am Steuer sitzt.
Quelle: Patrick Pleul (dpa) Spurhalteassistenten erhöhen Deine Sicherheit vor allem bei Nacht und wenn Du müde am Steuer sitzt.

Sobald das Fahrzeug einen Mindestabstand zur Fahrbahnmarkierung unterschreitet, setzt das Lane Departure Warning ein und warnt den Fahrer. Das Warnsignal ist optischer, akustischer oder haptischer Natur: Ein Piepen ertönt, ein Symbol leuchtet im Kombiinstrument auf, oder das Lenkrad beziehungsweise die Sitzwangen vibrieren. Je nach Hersteller, Modell und Auslegung werden die verschiedenen Signale manchmal auch kombiniert.

Nur wenn Du den Blinker setzt, tut das Lane Departure Warning nichts, da es weiß: Jetzt beabsichtigt der Fahrer das Verlassen der Spur oder das Überqueren der Fahrbahnmarkierung. Der Algorithmus zur Erkennung der Fahrspur kann sowohl durchgezogene als auch gestrichelte Linien bis zu einer Entfernung von etwa 100 Metern verarbeiten. Auch sogenannte Botts’ Dots – kleine, runde Plättchen, die in manchen Ländern als Rüttelstreifen (Seiten-)Spuren markieren – detektiert das System, indem es Kontrastunterschiede zwischen Straßenbelag und Markierungen abgleicht.

Mehr als die Hälfte typischer Unfälle, bei denen Fahrer von der Spur abkommen, könnten durch ein Lane Departure Warning System vermieden werden. Das stellte das Bundesministerium für Bildung und Forschung in einer Studie fest. Nach Erkenntnis der Bundesanstalt für Straßenwesen von 2011 könnten bis zu sieben Prozent aller relevanten Unfälle mit Verletzten und Getöteten dank Lane Departure Warning verhindert werden.

Weiterentwicklung: Der Spurhalteassistent

Zählt das LDWS zu den passiven Sicherheitssystemen, agiert der Spurhalteassistent, oder Lane Keeping Assist System (LKAS), aktiv. Er hält das Fahrzeug durch mehr oder weniger sanftes Gegenlenken in der Fahrspur und nutzt dazu ebenfalls die Videokamera hinter der Frontscheibe. Der Spurhalteassistent funktioniert in Geschwindigkeitsbereichen von in der Regel 60 bis 100 km/h. Sobald der Algorithmus einen zu geringen Abstand zur Spurmarkierung feststellt, steuert das System die elektrische Servolenkung an und unterstützt die Lenkkraft.

Die Hersteller benennen ihre Produkte ähnlich: Bei VW heißt der Assistent „Lane Assist“, bei Volvo und Ford „Lane Keeping Aid“, bei Audi „Active Lane Assist“.

Manche Systeme lassen das Überfahren der Linie tendenziell zwar zu, warnen Dich aber mittels Spurverlassenswarnung. Andere lenken das Fahrzeug so stark ein, dass es in der Spur bleibt. Damit ist das LKAS nicht nur ein Sicherheits-, sondern auch ein Komfortsystem, auf das sich der Fahrer aber nie zu 100 Prozent verlassen sollte. Egal, ob mit LDWS oder LKAS – er bleibt in der Verantwortung. 

Deshalb überwacht das System ständig das Lenkmoment und schließt daraus, ob Du Deine Hände noch am Steuer hast. Anderweitig wird erneut gewarnt, teils schaltet sich das System ab. Grundsätzlich kannst Du den Spurhalteassistenten immer übersteuern. Das erste Serienauto mit einem Spurhalteassistenten war ab 2001 das Oberklassemodell Nissan Cima.

Der Nissan Cima war 2001 das erste Serienauto mit integriertem Spurhalteassistent.
Quelle: Everett Kennedy Brown (dpa) Der Nissan Cima war 2001 das erste Serienauto mit integriertem Spurhalteassistent

Unterschiedliche Auslegung – Abweichende Lösungen

Besonders komfortabel ist ein LKAS ausgelegt, wenn es bereits in der Fahrbahnmitte mitlenkt und das Auto in der Mitte der Spur hält. Manche Fahrer, vor allem sportlich orientierte, stören sich daran allerdings. Ist der Assistent hauptsächlich auf Sicherheit ausgelegt, greift er erst ein, wenn sich das Auto weiter außen bewegt. Weil dann größere Lenkmomente aufgebaut werden, verliert der Fahrer für diesen Zeitraum viel Gefühl für die Lenkung – was ebenfalls irritieren kann.

Teils aus diesem Grund setzt Mercedes statt auf Lenkeingriffe auf gezielte einseitige Bremseingriffe: Auch ohne elektrische Servolenkung kann das Auto mittels Abbremsen einzelner Räder unter Zuhilfenahme des Schleuderschutzes ESP wieder auf Spur gebracht werden. Vor allem sportliche Fahrer, die eine Kurve eng anpeilen, dürften sich am Bremseingriff ebenfalls stören – wenn er nicht für eine Schrecksekunde sorgt. Bei Mercedes ist das System bis Tempo 200 aktiv.

Weil kamerabasierte Systeme empfindlich auf Verschmutzung der Windschutzscheibe reagieren, baut Mercedes einen doppelten Mechanismus ein: Fährt ein Fahrzeug voraus, ermöglicht ein Radarsystem, dass das eigene Auto dieses als weitere Orientierung nutzt, und lässt es dem Vordermann mit Sicherheitsabstand folgen – hier wachsen Abstandstempomat und Spurhalter zusammen, und man ist dem autonomen Fahren bereits ein Stückchen näher. 

Auch Citroën geht einen technologisch anderen Weg: Statt Kameras zur Erkennung der Fahrbahnmarkierungen setzte der französische Hersteller ab 2004 auf Infrarotsensoren. Diese werden in der Frontschürze untergebracht und scannen die Fahrbahn ab. Das System heißt AFIL („Alarm bei Fahrbahnabweichung per Infrarot-Linienerkennung“) und wurde vom Zulieferer Valeo entwickelt.

Allerdings verzichtet AFIL auf aktive Eingriffe und zählt damit zu den Spurverlassenswarnern (LDWS). Mittlerweile bietet Citroën auch kameragestützte und aktive Systeme an. 

Lane Assist: Marktdurchdringung und Gesetzeslage

Vor einigen Jahren waren Spurassistenten teils noch sehr teure Extras. Lexus verlangte im LS 2014 noch 8.700 Euro im Paket. Heute sind sie bei vielen Herstellern je nach Modell serienmäßig verbaut. Laut Deutscher Automobil Treuhand (DAT) sind mittlerweile rund ein Drittel aller Neuwagen mit einem Spurassistenten ausgestattet. Wird das System als Sonderausstattung angeboten, liegt die Bestellrate oft bei über 90 Prozent. Nach einem Gesetzesbeschluss des EU-Parlamentes müssen LDWS ab 2022 in allen neuen Typzulassungen vorhanden sein. Ab 2024 müssen alle Neuwagen serienmäßig damit ausgestattet werden.

Spurhalteassistent in Kürze: Das musst Du wissen

  • Spurhalteassistenten werden auch als Lane Assist oder Lane Keeping Assist System (LKAS) bezeichnet.
  • Ihr Vorgänger war der Spurverlassenswarner (Lane Departure Warning System). Eine Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen aus dem Jahr 2011 stellte fest: Der Einsatz des LDWS könnte bis zu sieben Prozent aller Unfälle mit Verletzten und/oder Getöteten verhindern.
  • Der Lane Assist hält das Auto in der Fahrspur. Dafür lenkt er mehr oder weniger sanft gegen. Was dazu nötig ist: eine Videokamera hinter der Frontscheibe
  • VW nennt das System Lane Assist, Volvo und Ford nennen es Lane Keeping Aid, bei Audi trägt es den Namen Active Lane Assist.
  • Das erste Serienmodell mit Spurhalteassistenten war der Nissan Cima (2001).
  • Der DAT zufolge ist in rund einem Drittel aller Neuwagen ein Lane Assist verbaut.
  • Einem Beschluss des EU-Parlaments zufolge müssen LDWS ab 2022 in allen neuen Typzulassungen verbaut sein.