Der Mercedes GLA ist jetzt ein richtiges SUV

Der Mercedes GLA 200 (2020) im Test

Der erste Mercedes GLA ist eigentlich ein SUV, tatsächlich vor allem eng. Sein Nachfolger macht vieles besser, hat aber Schwächen. Der GLA 200 (2020) im Test.

  • Constantin Bergander
  • Veröffentlicht am 07/06/2020, 02:51 PM
Zu sehen ist der Mercede
Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Der Mercedes GLA wird zum Modellwechsel nicht länger, dafür aber höher und breiter. Im Innenraum gibt es deutlich mehr Platz

Wer nur auf die Kür schaut, stolpert irgendwann über die Pflicht. So geschehen beim ersten Mercedes GLA: Das Kompakt-SUV auf Basis der A-Klasse sollte junge Kunden anlocken. Seine schicke Linie mit dem ungewöhnlich flachen Dach stört aber den Nutzwert. Hinter den Vordersitzen bietet er viel zu wenig Platz, BMW X1 und Audi Q3 können das besser.

Die zweite Generation des Mercedes GLA (Baureihe H247) setzt deshalb neu an. Das Auto ist deutlich geräumiger als bisher. Es sieht wie ein richtiges SUV aus, nicht wie ein bulliger Kompaktwagen. Zudem wird der GLA moderner und klüger. In vielen Punkten schließt er zu den großen Mercedes-Modellen auf. Gemessen an seiner Klasse fühlt er sich elegant an.

Was der neue GLA besser macht als sein Vorgänger, wo er patzt und was wir sonst im Test erlebt haben, steht im Test.


Mercedes GLA J.W. Handelsgesellschaft mbH
Mercedes GLA-Klasse

Die erste Generation des GLA von Mercedes-Benz: Kompaktes SUV mit Stern.


Der Mercedes GLA 200 in Kürze

  • Kompakt-SUV auf Basis der Mercedes A-Klasse
  • Tolle Oberflächen und Materialien
  • Viel mehr Nutzwert als im Vorgänger
  • Unkultivierter Antriebsstrang
  • Nerviges Karosserie-Kippeln bei unebenen Straßen
  • Basispreis: GLA 200 ab 37.270 Euro

Mercedes GLA: Kofferraumvolumen, Platzangebot, Abmessungen

Mehr Größe bedeutet im GLA nicht mehr Fläche. Das SUV wird zum Modellwechsel sogar kürzer und misst nun 4,41 in der Länge. Das ist etwa das übliche Maß kompakter SUV-Modelle. Aber er wird etwas breiter und deutlich höher. Gut zehn Zentimeter streckt sich das SUV nach oben. Ein Statement: Jetzt geht es nicht mehr um ein schönes Dach, sondern um den Platz darunter – obwohl mit dem GLB mittlerweile ein geräumiges Kompakt-SUV im Portfolio fährt.

Unförmig wird der GLA wegen seines Wachstums nicht, aber geräumig. Hinten können erwachsene Menschen bequem sitzen. Eine kluge Sortierung von Sitzflächen und Lehnen schafft zwölf Zentimeter mehr Raum an den Knien. Vorn bleibt es gemütlich, obwohl in der ersten Reihe ein paar Zentimeter zum Vorgänger fehlen. Das fällt nicht auf.

Der Kofferraum des GLA wächst, erreicht aber nicht das Soll des Segments. Das SUV lädt 435 Liter hinter die Rücksitze, maximal werden es 1.430 Liter. Audi Q3 (530-1.525 l) und BMW X1 (505-1.550 l) schleppen mehr Gepäck. Gut: Die Rückbank im Mercedes GLA lässt sich optional verschieben. Das können BMW und Audi allerdings auch.

Zu sehen ist das Cokpit des Mercedes GLA 200
Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Die Materialauswahl im GLA stimmt, zumindest in der oberen Cockpithälfte. Unten gibt es harten Kunststoff

Innenraum, Verarbeitung, Materialien im Mercedes GLA 2020

Die Innenraumgestaltung des 2020er Mercedes GLA passt sich an andere Modelle an. Das Cockpit gleicht an vielen Stellen dem des GLB und punktet mit feinen Oberflächen und einer guten Ergonomie. Markentypisch kosten schöne Werkstoffe und das volle Display-Ornat ordentlich Aufpreis. Dafür sieht es dann ein paar Klassen schicker aus im GLA.

Harte Kunststoffe versteckt Mercedes nicht, kaschiert sie aber gut. Im Griff- und Tastbereich fühlen sich Cockpit und Umgebung hochwertig und angenehm an. Beim Fahren ruhen die Arme auf komfortablen Lehnen. Da wirkt es unpassend, dass die Sitze vergleichsweise straff gepolstert sind. Man sinkt nicht ein, sondern sitzt darauf. Bestimmt ist das gesünder für die Haltung. Auf langen Strecken sucht man dennoch rutschend nach einer bequemen Position.

Ebenfalls schade: Der Innenraum gerät nicht so solide, wie er aussieht. Auf Kopfsteinpflaster reibt und rüttelt es hier und da. Das klingt nicht nach wackelnden Bauteilen, sondern nur nach suboptimaler Passform, verdirbt aber den guten Eindruck.



GLA 2020: Infotainment, Radio, Bedienung

Mit dem Modellwechsel erhält der GLA, was fast alle anderen Mercedes-Pkw schon haben: Das aktuelle Infotainmentsystem „MBUX“ kommt im kompakten SUV an. Serienmäßig gibt es zwei kleine Displays im Cockpit, optional zwei größere, jeweils in einem breiten Paneel miteinander verbunden. Das System funktioniert ohne Haube darüber, eine Beschichtung verhindert Reflexionen.

In puncto Bedienung bietet Mercedes Vielfalt an: Sie läuft über Berührungen auf dem rechten Bildschirm, über eine Touch-Fläche auf der Mittelkonsole oder über kleine Schaltflächen auf dem Lenkrad. Alternativ gibt es eine gute und flüssige Sprachbedienung. Die meisten Funktionen lassen sich also steuern, ohne die Hände vom Lenkrad zu nehmen. Bei einigen muss man nicht einmal auf das Display schielen.

Wer die Menüstruktur aus anderen Modellen kennt, der kommt sofort zurecht. Alle anderen müssen sich kurz eingewöhnen, dann funktioniert alles intuitiv. Das System arbeitet zügig und die Displays lösen hoch auf. Für wichtige Funktionen gibt es feste Tasten an der Mittelkonsole. Ausnahme: Das nächste Lied oder der nächste Radiosender lassen sich nur über einen kleinen Umweg auswählen.  Andere Hersteller lösen das angenehmer.

Assistenzsysteme und Sicherheit im Mercedes GLA

Bei der Assistenz macht Mercedes wenig Unterschiede zwischen den Segmenten. Im GLA ist im Prinzip das verfügbar, was der Hersteller für eine E-Klasse anbietet: Das SUV hält selbstständig Spur und Abstand und berücksichtigt den Streckenverlauf bei der Fahrweise. Vor Kurven drosselt es das Tempo recht konservativ, der Schwerpunkt liegt auf Komfort. Im sportlichen Modus geht es etwas flotter zu.

Gut: Mercedes implementiert eine Rettungsgassenfunktion, die Einsatzkräften automatisch Platz macht. In der zweiwöchigen Testphase haben wir allerdings trotz diverser Autobahnetappen keinen geeigneten Stau gefunden. Auch den Ausweichassistenten kennen wir nur aus der Theorie. Dass der GLA recht rigoros eingreift, haben wir trotzdem festgestellt.

Ein voreiliger Spurwechsel führt zu einer drastischen Spurkorrektur mit Bremseingriff. Die potenzielle Gefahrenquelle muss die Spur vollständig freigemacht haben, sonst schimpft das System. Beim vollständig automatischen Spurwechsel fehlt ebenfalls die Harmonie. Kein Wunder also, dass unser Vorgänger im Auto beide Systeme deaktivierte. Erkennt der GLA ein Hindernis, strafft er die Gurte und warnt. Beim Parken piepst er nervös und zu früh.

Zu sehen ist der GLA 200 in seitlicher Position
Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Mit einer Länge von rund 4,40 Metern passt der Mercedes GLA genau in die SUV-Kompaktklasse

Mercedes GLA 2020: Antrieb, Motor, Getriebe, Fahrleistungen

Im Testwagen steckt die Basismotorisierung. „200“ bedeutet beim GLA: 1,33 Liter Hubraum, vier Zylinder, 163 PS und ein französischer Ursprung – der Motor stammt von Renault. Mercedes kombiniert ihn im GLA 200 mit einem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe und Frontantrieb.

Die Leistung passt gut zum Auto. Wir wünschen uns im Test zwar gelegentlich mehr Vehemenz, brauchen sie aber eigentlich nicht. Allerdings liefert der Benziner nicht den Komfort, den wir erwartet hätten. Er läuft unkultiviert und knurrig, seine Kraft entfaltet er nicht geschmeidig. Das fällt vor allem beim Anfahren auf. Der Antrieb bemüht sich, möglichst schnell einen Kraftschluss herzustellen. Das führt dazu, dass er die ersten Meter mit zu hohem Moment zurücklegt. Selbst mit viel Gefühl im Gasfuß prescht der GLA 200 los, obwohl man das nicht möchte. Das nervt vor allem im Stadtverkehr.

Immerhin: Der kleine Benziner arbeitet sparsam, obwohl er ohne Elektro-Hilfe zurechtkommen muss. Beim Pendeln ins Berliner Umland verbraucht er im Test etwas mehr als sechs Liter pro 100 Kilometer. Flotte Autobahnetappen erledigt er mit einem Durchschnittsverbrauch von acht Litern pro 100 Kilometer. Ärgerlich: Wegen des kleinen Tanks mit 43 Litern Volumen kommt man trotzdem nicht weit.

Fahrwerk, Lenkung, Fahrverhalten des Mercedes GLA

Der GLA mag vor allem glatte, frisch asphaltierte Straßen. Sobald die Oberfläche altert oder bricht, fehlt ihm das Feingefühl. Mercedes federt die Vorderachse erstaunlich straff. Das fällt vor allem bei Kanten und Straßenschäden auf. Wird die Straße wellig, kippelt das Auto heftig über eine Diagonal- oder die Längsachse und rüttelt den Innenraum durch.

Insgesamt bewegt sich der GLA straff und mit wenig Seitenneigung. Die enge Anbindung der Räder ans Chassis kostet Komfort. Hinzu kommt ein mäßiger Abrollkomfort, der sich nur zum Teil mit den großen Felgen entschuldigen lässt. Die weiche, wenig gefühlvolle Lenkung gehört zur Marke. Uns fehlt das Zusammenarbeiten der Komponenten. Der GLA fühlt sich an, als würden Lenkung und Fahrwerk nicht in derselben Mannschaft spielen.


BMW X1 xDrive 25d in der Frontansicht, stehend
Münchener Kompakt-SUV

• Modell: BMW X1 xDrive 25d
• Motor: Vierzylinder-Turbodiesel
• Leistung 231 PS
• 0-100 km/h: 6,6 s


Mercedes GLA Test: Ausstattung, Preise, Kosten, Fazit

Richtig rund läuft es im GLA nicht. Er wird geräumiger, praktischer, hübscher und moderner. In der zweiten Generation ist er ein echtes, sparsames SUV, das sich ausgezeichnet bedienen lässt. Aber er schwächelt bei wichtigen Punkten. Der Antrieb läuft unkultiviert und nicht harmonisch, die Karosserie kippelt über unebene Straßen und der Lenkung fehlt es an Gefühl. Einiges davon könnte sich mit stärkeren Motoren (mit anderen Getrieben) erledigen, an manches kann man sich gewöhnen. Dennoch hätten wir mehr erwartet.

Denn Mercedes schreibt einen Basispreis von 37.270,80 Euro in die Preisliste. Dafür gibt es eine ganze Menge serienmäßig: 17-Zoll-Felgen, Klimaautomatik, ein kleines MBUX-System, Lederlenkrad und Keyless Go gehören zum Standardumfang – aber Halogenlampen und ein tristes Interieur mit Kunstledersitzen ebenso. Unser Testwagen mit umfangreicher Ausstattung kostet fast 60.000 Euro.

Auf manches davon kann man verzichten, zum Beispiel auf das „Energizing Paket“ mit Massagesitzen. Aber ein nackter Mercedes schickt sich nicht. Es kommen also noch eine Ausstattungslinie (nach Geschmack ca. 900 bis 1.500 Euro), schöne Polster und die Kosten für diverse Komfortfunktionen hinzu. Das große MBUX-Paket kostet gut 3.500 Euro, die komplette Parkassistenz 1.600 Euro, die Fahrassistenz gut 1.800 Euro. Der GLA wird uns also zu teuer für seine Macken.

Immerhin: Die Preisgestaltung des GLA passt ins Segment. Audi verkauft den Q3 35 TFSI S Tronic mit 150 PS für 37.500 Euro. Ein BMW X1 sDrive 18i mit 140 PS und Automatik kostet 35.200 Euro. Alle drei fahren mit Frontantrieb und kleinen Benzinern. Zum ersten Mal kann der GLA in dieser Klasse so richtig mitfahren.



Mercedes-Benz GLA 200: Technische Daten

ModellMercedes GLA 200, Baureihe H 247
Motor1,33-Liter-Vierzylinder-Turbobenziner
Leistung163 PS (120 kW) b. 5.500 U/min 
Drehmoment250 Nm b. 1.620-4.000 U/min 
AntriebSiebengang-Doppelkupplungsgetriebe, Frontantrieb 
0-100 km/h8,7 s 
Geschwindigkeit210 km/h
Verbrauch6,0 l/100 km (NEFZ)
CO2-Ausstoß137 g/km 
Testverbrauch6,3 l/100 km 
Länge4.410 mm 
Breite1.834 mm 
Höhe1.611 mm 
Radstand2.729 mm 
Leergewicht1.485 kg 
Anhängelast1.800 kg 
Kofferraumvolumen435-1.430 l 
Basispreis Mercedes GLA37.270,80 Euro
Preis des Testwagens59.595,20 Euro 

Der Mercedes GLA 200 in Bildern

  • Zu sehen ist die Mittelkonsole des Mercedes GLA 200
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Das Touchpad in der Mittelkonsole steuert das rechte Display im Auto
  • Zu sehen ist die Rückbank des Mercedes GLA 200
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Platz im Fond: Hinten sitzen Erwachsene im GLA bequem. Das war in Generation eins nicht so
  • Zu sehen ist der Rückscheinwerfer des Mercedes GLA 200
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Grimmige Lampen: Der GLA bekommt einen bösen Blick am Heck
  • Zu sehen ist der Kofferraum des Mercedes GLA 200
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Der Mercedes GLA lädt 435 Liter in den Kofferraum
  • Zu sehen ist der Kofferraum des Mercedes GLA 200
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Mit umgeklappten Lehnen passen 1.430 Liter in den GLA
  • Zu sehen ist die Front des Mercedes GLA 200
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Im Test: Die Basismotorisierung GLA 200 mit 163 PS
  • Zu sehen ist das Cokpit des Mercedes GLA 200
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Die Materialauswahl im GLA stimmt, zumindest in der oberen Cockpithälfte. Unten gibt es harten Kunststoff
  • Zu sehen ist der Infotainment-Bildschirm des Mercedes GLA 200
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Toll: Für wichtige Funktionen gibt es noch echte Tasten. Zusätzlich versteht der GLA Sprachbefehle
  • Zu sehen ist das Cockpit des Mercedes GLA 200
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH So sollte es sein: Zwei Displays ohne Haube, aber mit Beschichtung gegen Reflexionen
  • Zu sehen ist der Boardcomputer des Mercedes GLA 200
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Das digitale Cockpit des Mercedes GLA lässt sich konfigurieren
  • Zu sehen ist der GLA 200 in seitlicher Position
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Mit einer Länge von rund 4,40 Metern passt der Mercedes GLA genau in die SUV-Kompaktklasse
  • Zu sehen ist der Mercedes GLA 200 von hinten
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Mit der neuen Höhe wirkt der GLA nicht klobig, nur größer
  • Zu sehen ist der Mercede
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Der Mercedes GLA wird zum Modellwechsel nicht länger, dafür aber höher und breiter. Im Innenraum gibt es deutlich mehr Platz
  • Zu sehen ist der Mercedes GLA 200
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Jetzt sieht er nach SUV aus: Der Mercedes GLA wird in zweiter Generation höher
  • Zu sehen ist ein Lichtscheinwerfer des Mercedes GLA 200
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Richtig schön wird der Mercedes GLA nur gegen Aufpreis, zum Beispiel mit LED-Lampen
  • Zu sehen ist ein rad des Mercedes GLA 200
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Die Bremse tut sportlicher, als der GLA tatsächlich ist. 19-Zoll-Felgen kosten extra
  • Zu sehen sind die Vordersitze des Mercedes GLA 200
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Hübscher Innenraum: Mercedes steckt viel Leder in den GLA. Die Sitze sind allerdings vergleichsweise hart
  • Zu sehen ist der Infotainment-Bildschirm des Mercedes GLA 200
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Fast alle Mercedes-Modelle fahren mit diesem Cockpit-Design
  • Zu sehen ist das Cokpit des Mercedes GLA 200
    Quelle: Jonas Seidel / TeamON GmbH Der GLA übernimmt weitestgehend das Cockpit des Mercedes GLB