Im Leaf wird E-Mobilität alltäglich

Nissan Leaf (2018) im Test

Nissan hat beim Elektroauto Vorsprung: Der Leaf fährt schon in zweiter Generation zum Test vor. Aber der Wettbewerb wird härter. Kann der Kleinwagen mithalten?

  • Heiko Dilk
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  • Veröffentlicht am 07/30/2019, 12:00 AM
  • Aktualisiert am 05/18/2020, 12:05 PM
Nissan Leaf ZE1 Test 8
Quelle: mobile.de Der Ladeanschluss für den Nissan Leaf befindet sich an der Front

Es sollte ins lange Wochenende gehen, mit dem Nissan Leaf. Daraus wurde leider nichts. In der zweiten Generation fährt der Leaf zwar mit einem Akku, der immerhin 40 kWh fasst. Im realitätsnahen WLTP-Zyklus soll das für 285 Kilometer Strecke reichen. Nach Schwerin sind es nur 200 Kilometer.

Leider fehlen im schönen Mecklenburg-Vorpommern die Ladesäulen. Für den Hinweg hätte es gereicht, aber ein Ausflug bedeutet ja, dass man auch wieder nach Hause kommt. Plugsurfing („Europas größtes Netzwerk für Elektroauto-Ladestationen“) kennt in Schwerin nur eine einzige Ladesäule mit 3,7 kW Ladeleistung.

Das ist nicht Nissans Fehler, zeigt aber die Schwächen der Infrastruktur für E-Autos auf. Wie weit ist die Elektromobilität im Alltag? Diese Frage fährt im Alltagstest des Nissan Leaf zwangsläufig mit. Auf die Frage nach den Basispreisen gibt es indes eine neue Antwort: Beide Antriebsvarianten werden mit Mai 2020 günstiger. Was der Kleinwagen-Stromer mit 150 PS (110 KW) und 217 PS (160 KW) nun im Detail kostet? Das klären wir im Update des Kapitels "Ausstattung, Preise, Kosten".


Der Nissan Leaf

Ein gut ausgestattetes Elektroauto mit ordentlicher Reichweite.


Nissan Leaf (2018): Reichweite, Motor, Getriebe

Elektrisch fahren macht einfach Spaß. Das gilt auch für den Leaf. An der Ampel zieht er mit 110 kW (150 PS) schneller weg als alle anderen und kann das locker bis weit über 50 km/h durchhalten. An das leise pfeifende Fahrgeräusch bei niedrigem Tempo gewöhnt man sich - es soll Fußgänger warnen. Bei schneller Fahrt erinnert der Leaf-Sound leider ebenfalls an eine Straßenbahn.

Nissan führte mit dem zweiten Leaf das sogenannte „e-Pedal“ ein. Damit lässt sich der Leaf ausschließlich mit dem Gaspedal fahren - also ohne Benutzung der Bremse. Die Bremsenergie-Rückgewinnung arbeitet beim Loslassen des Pedals so kraftvoll, dass das Fahrzeug recht zügig zum Stehen kommt. Das kann sinnvoll sein, denn gerade in der Stadt ist es nicht immer möglich,  das Auto einfach rollen zu lassen. Das Prinzip schont zudem die Stromreserven: Meist schrumpft die Reichweite langsamer, als die gefahrene Strecke wächst. Deutlich mehr als 300 Kilometer innerorts sind realistisch.Die Restreichweitenanzeige ist zuverlässig, in der Stadt sogar zu pessimistisch.

Nissan Leaf ZE1 Test 7
Quelle: mobile.de Bei den Stromer-Verkaufszahlen spielt der Nissan Leaf ganz vorne mit

Im “B-Modus” konzipiert für Bergabfahrten, rekuperiert der Nissan etwas weniger stark. Nissan empfiehlt ihn zusammen mit dem Eco-Modus als effizientestes Fahrprogramm. Egal, wie man es macht: Über Land darf der Leaf rollen, da fährt man besser ohne e-Pedal. Bei zurückhaltender Fahrweise (innerorts 50 km/h, auf der Landstraße 80 km/h, auf der Autobahn bis 110 km/h) ist die angegebene Reichweite von 285 km erreichbar. Schon bei 130 km/h rückt sie in weite Ferne, dann gibt der Leaf jede Zurückhaltung beim Verbrauch auf.

Man fährt also nicht nur langsamer, man braucht auch viel Zeit zum Laden. Mit bis zu 50 kW kann der Leaf laden, aber nicht dauerhaft. Je besser der Akku gefüllt ist, desto langsamer lädt er. An der Haushaltssteckdose kann das bis zu 17 Stunden dauern. Da reicht ein Arbeitstag unter Umständen nicht aus, wenn im Büro geladen wird.

Für den Einsatz in der heimischen Garage bietet Nissan eine Wallbox mit 22 kW Ladeleistung an, dann dauert ein kompletter Ladevorgang rund achteinhalb Stunden. Schnellladen an der 50-kW-Säule kklappt in 40 bis 60 Minuten für 80 Prozent Ladung.

Nissan Leaf II: Infotainment, Radio

In einem Elektroauto müssen die Konnektivität, der Internetzugang und das Navigationssystem mehr leisten als etwas Information und Unterhaltung. Nissan bietet soliden Standard: Apple Carplay und Android Auto sind integriert, die Bedienung über Knöpfe und Touchscreen funktioniert intuitiv.

In den Stromer-Spezialdisziplinen überzeugt das System weniger. Trotz Internet-Zugang findet das Navi längst nicht alle Ladestationen, und auch nicht immer die richtigen. Wer eine Route programmiert, wird darauf hingewiesen, dass das Ziel eventuell außerhalb der Reichweite liegt. Auch dann, wenn sie eigentlich reichen müsste. Verkehrsdichte, Fahrweise und Topografie beeinflussen die Reichweite, das kann also korrekt sein. Ladestationen in Zielnähe zeigt das System jedoch mitunter weit jenseits des Ziels an. Das ist praxisfremd.

Nissan Leaf ZE1 Cockpit-Ansicht
Quelle: mobile.de Futuristisch hat Nissan das Cockpit des Leaf nicht gestaltet. Hier setzen die Japaner auf Altbewährtes

Nissans Smartphone-App “Connect EV” zeigt, wie es besser geht. SIe gibt auf längeren Routen die Ladepunkte an der Strecke an. Oft weiß das System jedoch nicht, ob die Ladepunkte frei zugänglich sind und was sie kosten. Zudem lassen sich Routen inklusive Ladestationen nicht an das Fahrzeugnavi senden. Connect EV kann aber den Ladezustand überwachen, den Ladevorgang beginnen und das Auto vorwärmen oder -kühlen.

Wegen dieser Lücken kooperiert Nissan mit dem Anbieter der Plugsurfing-App. Ein Chip am Schlüssel kann Ladesäulen freischalten, bezahlt wird über ein Kundenkonto bei Plugsurfing. Das ist komfortabel und funktioniert zuverlässig. Die Plugsurfing-App erlaubt die Abfrage von 70.000 Ladepunkten in Europa, informiert über die Ladeleistung und den Steckerstandard und darüber, ob sie frei oder belegt sind. Was ihr dafür fehlt, ist die Routenplanung und eine Integration in Nissans Navigationssystem.


Hyundai Kona ELektro
Hyundai Kona Elektro

• Motor: Elektro
• Leistung: 136 PS
• 0-100 km/h: 9,7 s


Nissan Leaf: Karosserie, Platzangebot, Abmessungen 

Im Innenraum zeigt sich der fortschrittliche Leaf von der pragmatischen Seite. Der Fahrer sitzt hoch und aufrecht, ähnlicher der Sitzposition in einem Van oder Kleinbus als in einem sportlichen Auto. Das Lenkrad lässt sich nicht in der Länge verstellen und steht ziemlich waagerecht. Allzu bequem wird das nicht. Auf der Rückbank sitzen Passagiere ordentlich, aber nicht herausragend gut. Der Kofferraum fasst bis zu 435 Liter Ladung, das ist ordentlich. Das Bose-Soundsystem belegt davon allerdings 35 Liter, wenn es an Bord ist. Das Zubehör braucht ebenfalls Platz: Im Leaf fahren je ein Kabel für die Haushalts-Steckdose und die Ladesäule mit und belegen Stauraum.

Innenraum, Verarbeitung und Materialien des Nissan Leaf 

Bodenständig trifft es gut. Nissan übertreibt es nicht mit dem billigen, harten Kunststoff. Aber im Sichtbereich des Fahrers dürfte es gern weniger sein. Auch die weichen Materialien wirken nicht allzu hochwertig. Das Kunstleder auf dem Armaturenbrett sorgt mit blauen Nähten für etwas Flair. Hier und da könnte das Werk im englischen Sunderland Bauteile etwas sorgfältiger einpassen, aber insgesamt wirkt der Leaf solide verarbeitet. Knöpfe und Schalter wirken robust und solide, mit Ausnahme des Leichtbau-“Schaltknaufs”.

Nissan Leaf ZE1 Test 4
Quelle: mobile.de Die hohe und aufrechte Sitzposition im Leaf ähnelt der in einem Van oder Kleinbus

Die Anzeigen im Armaturenbrett gestaltet Nissan informativ und gut ablesbar, nach Zukunft sehen sie aber nicht wirklich aus. Rechts daneben auf dem Infotainment-Bildschirm wirken die Grafiken leider lieblos und teilweise unnötig verspielt. Positiv formuliert: Im Nissan Leaf fühlt sich die Elektro-Zukunft insgesamt sehr alltäglich und beinahe konservativ an.

Nissan Leaf (seit 2018): Assistenzsysteme und Sicherheit 

Im Leaf der zweiten Generation bietet Nissan eine Vielzahl von Assistenzsystemen an. Darunter eine Notbremse mit Fußgänger-Erkennung, eine Verkehrszeichen-Erkennung oder ein Warnsystem vor rückwärtigem Querverkehr. Ebenso eine Fernlicht-Automatik und einen Totwinkel-Warner. All diese Systeme sind serienmäßig an Bord, ebenso ein Abstandstempomat.

Der „ProPilot“ (ab N-Connecta) kombiniert Lenkunterstützung und Abstandstempomat zu einem Staufolge-Assistenten. Er funktioniert ordentlich, dennoch pendelt der Nissan Leaf mitunter zuweilen deutlich zwischen Fahrbahnmarkierungen und lenkt ruckartig. Vor allem in Baustellen auf der Autobahn schaltet man ihn lieber aus. Im Stop-and-Go kommt der Assistent besser zurecht.

Im Stau kann der Leaf selbständig wieder anfahren, wenn er maximal drei Sekunden gestanden hat.  Dauert es länger, muss das System reaktiviert werden. Drei Sekunden vergehen schnell, andere Fabrikate schaffen hier 30 Sekunden.

Fahrwerk, Lenkung, Fahrverhalten

Der Leaf federt solide, rollt ordentlich ab und dämpft härtere Stöße gut weg. Für das tägliche, stressarme Pendeln genau richtig, für Fahrspaß auf der Landstraße weniger: Die leichtgängige Lenkung bietet dann zu wenig Rückmeldung, in Kurven wirkt das Auto insgesamt etwas schwerfällig. Macht nichts, dafür wurde er nicht gebaut.

Gebaut wurde der Leaf für den Stadtverkehr, und hier schlägt er sich sehr gut. Kein ständiges Schalten, kein Lärm - entspannt und ein bisschen entrückt gleitet man durch dichten Verkehr. Der große Wendekreis von 11,66 Meter kann bei Park- und Wendemanövern allerdings nerven. Das gleiche gilt für die wenig übersichtliche Karosserie.


Mini Cooper SE
Elektrifizierter Mini

Mini elektrifiziert den Cooper. Der Elektro-Motor im Mini Cooper SE leistet 184 PS. Maximale Reichweite: 270 Kilometer.


Nissan Leaf: Ausstattung, Preise, Kosten

Im Frühjahr 2020 senkt Nissan die Einstiegspreise für den Leaf: Modelle mit dem getesteten 40 kWh-Akku werden über sämtliche Ausstattungslinien hinweg um 3.600 Euro günstiger, den stärkeren Antrieb mit 62 kWh-Batterie bieten die Japaner um je 4.800 Euro günstiger an. Ab 29.990 Euro gibt es die Basis-Linie "Visia" in Kombination mit dem kleinen Akku. Unser Testwagen hat die Topausstattung "Tekna". Die kostet (nach der Preis-Reduktion) ab 36.700 Euro und enthält bereits LED-Lichter, das Fahrerassistenzahrassistenz-Paket und ein Bose-Soundsystem. Einzige Optionen sind aufpreispflichtige Lackierungen und die Einparkautomatik „ProPilot Park“.

Eine leistungsfähigere Fahrbatterie hat Nissan seit dem Modelljahr 2019 im Programm. Ab 38.200 Euro speichert der Nissan statt 40 kWh nun 62 kWh Strom. Damit steigt die nach WLTP gemessene Reichweite von 270 bis 295 Kilometern auf 385 Kilometer. Natürlich verlängert sich die Ladezeit entsprechend. Mehr Leistung gibt es obendrauf: 160 kW (217 PS) leistet die neue Topmotorisierung.

Fazit: Nissan hält den Leaf über den Preis attraktiv

Signifikant weniger als 40.000 Euro für ein ordentlich ausgestattetes Elektroauto mit annehmbarer Reichweite: Nissan macht ein gutes Angebot. Der BMW i3 mag futuristischer aussehen, ist aber kleiner und fährt längst nicht so weit. Renaults kleinerer Zoe startet mit 41-kWh-Akku zwar schon ab 21.900 Euro, hinzu kommt jedoch die Batteriemiete.

Weltweit darf sich der Nissan Leaf zum Test-Zeitpunkt 2018 noch als bestverkauftes Elektroauto bezeichnen, was sich kurz darauf ändert. In vielen Märkten stürmt Teslas Model 3 die Hitliste der meistverkauften Elektroautos. 2019 und 2020 bringen große europäische Autobauer wie Daimler, VW und PSA ihre Elektrofahrzeuge neuer Generation auf den Markt. Die Koreaner sind schon da: Mit dem Hyundai Kona Elektro und dem Kia Niro EV stehen interessante Alternativen bereit. Sie alle bieten ebenfalls genug Reichweite, aber zum guten Teil mehr Konnektivität und Modernität. Nissan reduziert den Preis auch, um im wachsenden Feld attraktiv zu bleiben.

Technische Daten: Nissan Leaf (ZE1)

  • Motor: Elektromotor
  • Leistung max.: 110 kW (150 PS) b. 3.283-9.795 U/min
  • Drehmoment: 320 Nm b. 0-3.283 U/min
  • Antrieb: Eingang-Getriebe, Frontantrieb
  • 0-100 km/h: 7,9 s
  • Geschwindigkeit: 144 km/h
  • Verbrauch: 20,2 kWh/100 km (WLTP)
  • CO2-Ausstoß: 0 g/km
  • Reichweite (WLTP): 270 km
  • Akkukapazität: 40 kWh
  • Ladeleistung DC: bis 50 kW (Chademo)
  • Ladeleleistung AC: bis 6,6 kW (Typ 2)
  • Länge: 4.490 mm
  • Breite: 1.788 mm
  • Höhe: 1.530 mm
  • Radstand: 2.700 mm
  • Leergewicht: 1.580-1.640 kg
  • Kofferraum: 394 bis 435 l
  • Basispreis Nissan Leaf: ab 29.990 Euro
  • Listenpreis Nissan Leaf Tekna: ab 36.700 Euro

Der Nissan Leaf (ZE1) in Bildern

  • Nissan Leaf ZE1 Test 1
    Quelle: mobile.de Mit dem 62 kWh-Akku steigt die Reichweite des Leaf auf 385 Kilometer
  • Nissan Leaf ZE1 Test 7
    Quelle: mobile.de Bei den Stromer-Verkaufszahlen spielt der Nissan Leaf ganz vorne mit
  • Nissan Leaf ZE1 Test 8
    Quelle: mobile.de Der Ladeanschluss für den Nissan Leaf befindet sich an der Front
  • Nissan Leaf ZE1 Test 9
    Quelle: mobile.de Bis zu 435 Liter Kofferraumvolumen hat der Leaf zu bieten
  • Nissan Leaf ZE1 Test 2
    Quelle: mobile.de Die blauen Ziernähte werten den eher tristen Innenraum nur in Maßen auf
  • Nissan Leaf ZE1 Test 3
    Quelle: mobile.de Auch auf der Rückbank sitzt man bequem
  • Nissan Leaf ZE1 Test 4
    Quelle: mobile.de Die hohe und aufrechte Sitzposition im Leaf ähnelt der in einem Van oder Kleinbus
  • Nissan Leaf ZE1 Cockpit-Ansicht
    Quelle: mobile.de Futuristisch hat Nissan das Cockpit des Leaf nicht gestaltet. Hier setzen die Japaner auf Altbewährtes
  • Nissan Leaf ZE1 Test 6
    Quelle: mobile.de Der Elektromotor unter der Motorhaube leistet maximal 150 PS