Der andere Weg zum echten Geländewagen

Land Rover Defender II (2020): Erster Test, Bilder, Preise

Der ewige Offroader klettert wieder: Die Neuauflage des Land Rover Defender fährt im Gelände klinischer und auf der Straße schlicht besser. Erster Test.

  • Sven Förster
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  • Veröffentlicht am 06/10/2020, 01:23 PM
Land Rover Defender offroad Seitenansicht
Quelle: Land Rover In Land Rovers Zubehör-Katalog kann man versinken wie im Treibsand. Beweisstück A: Wer den abgebildeten Dachträger ordert, kann eine Aufstiegsleiter und ein Dachzelt ergänzen

Irgendwann fällt die Welt nach unten aus dem Windschutzscheibenrahmen. Der Land Rover Defender steht auf dem Hügel wie eine Rakete auf der Abschussrampe. Die Front ragt steil gen Himmel, der felsige Boden füllt komplett den Rückspiegel. In solche Situationen (und Winkel) bringt man nicht viele Autos. Wieder heraus noch weniger. Klettern, durchqueren, wühlen, darum geht es bei diesem Modell. Schon beim von 1948 bis 2016 gebauten Vorgänger, und in der Neuauflage von 2020 weiterhin. Defender sind keine SUVs. Und doch mehr als Geländewagen.

Der Land Rover Defender ist genau genommen ein Werkzeug, das wegen seiner ländlichen Hemdsärmeligkeit als urbanes Accessoire taugt. Dass der Neue in einer Daktari-Folge herausstäche wie die Armbanduhr in Ben Hur? Die technische Herangehensweise zählt mehr. Land Rover kappt an dieser Stelle maßgebliche Verbindungen zur Legende. Was der Defender II anders macht? Besser kann? Schlechter erfüllt? Um das herauszufinden, tasten wir uns mit dem fünftürigen Defender 110 Richtung Gipfel.

Defender 90 und Defender 110: Drei- und fünftürige Version erhältlich

Im Konfigurator existiert die dreitürige Alternative Defender 90 bereits, im Autohaus startet die getestete Langversion zuerst. Aufteilung und Namensgebung sind historisch korrekt, aber numerisch inkonsistent: Einst bezeichnete die Zahl den Radstand in Zoll. Bei unserem Testwagen liegen 3,02 Meter zwischen vorderer und hinterer Radnabe, das wären rund 118 Zoll.

Land Rover Defender Offroad Frontansicht
Quelle: Land Rover Land Rover legt einen Offroad-Klassiker neu auf: Der Defender II (2020) ist weder optisch noch technisch eine Kopie der zwischen 1948 und 2016 gebauten Legende

Die Gesamtlänge des neuen Defender beträgt 5,01 Meter. Kurze Überhänge vereinfachen die Situation am Fuß des Berges. Böschungswinkel von 38 Grad (vorne) und 40 Grad (hinten) beschreiben Werte, bei denen ein SUV längst die Stoßfänger-Abdeckungen abgestreift hätte. Bis zu einem Rampenwinkel von 28 Grad bleibt das markdurchdringende Schaben eines Felsens am Unterboden aus.

Nur beim vorderen Rampenwinkel gewinnt der 110er-Vorgänger das Datenblatt-Duell (49, 35 und 24 Grad). Wobei man den Defender II für die maximale Bodenfreiheit per Tastendruck anheben muss. Mit 293 Millimetern Bodenfreiheit (plus 75 zur Standard-Stellung) klettern wir über den Offroad-Parcours. Wer aufsetzt, kann das Chassis über die serienmäßige Luftfederung kurzfristig um weitere 70 Millimeter nach oben drücken – und so theoretisch über eine stehende Weinflasche fahren.


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Alu-Chassis statt Leiterrahmen für die Defender-Neuauflage

Ein Alu-Chassis anstelle eines Leiterrahmens im Defender: Das ist, als würde Porsche den 911 von Heck- auf Frontmotor umstellen. Die Puristen ächzen, pragmatische Offroad-Fahrer fürchten zumindest mangelnde Stabilität. Der neue Defender biete die verwindungssteifste Karosse der Markengeschichte, betont Land Rover – und lässt das Mittel der Ingenieure offen sichtbar: Im Bereich des Armaturenbretts sieht man einen Teil des beschichteten Magnesium-Trägers. Der unterstützt die Karosse und den Vorderwagen.

Rundherum gibt es viel hartes Plastik und mehr Haltegriffe als in der S-Bahn. Teile des Innenraums ummanteln die Briten mit einem Schaumstoff, der haptisch zwischen Moosboden und Heizungsrohr-Isolierung liegt. Einen Teppichboden gibt es im Test-Defender nicht. Statt der großen Mittelkonsole kann in Reihe eins ein dritter Einzelsitz stehen. Zwei zusätzliche Plätze in Reihe drei gibt es alternativ, nicht aber zusätzlich. Bedeutet: Fünf, sechs oder sieben Sitzplätze sind im Defender 110 denkbar, jeweils einfach gestaltet und mäßig tailliert. Wer mehr Luxus will, hat den Innenraum seines Autos noch nie mit dem Gartenschlauch gereinigt.

Antrieb: Allrad, Sperre und kurze Untersetzung

Vier Antriebswellen, acht automatische Gänge und ein sperrbares Mitteldifferenzial gibt es in jedem Defender. Den Unterschied machen die optionale Differenzialsperre an der Hinterachse und der Motor über der Vorderachse. Land Rover bietet einen Vierzylinder-Turbobenziner mit 300 PS (P300) oder einen 3,0-Liter-Sechszylinder-Reihenmotor mit 400 PS. Ein aufgeladener 2,0-Liter Diesel ist mit 200 oder 240 PS erhältlich.

Wir klettern mit dem stärksten Diesel. Am besten klappt das, wenn die „Low“-Taste für die kurze Getriebe-Untersetzung an der Instrumententafel leuchtet und die Drehzahlmesser-Nadel Richtung Fahrertür zeigt. Bei frühen 1.400 Umdrehungen liefert der Vierzylinder das volle Drehmoment von 430 Newtonmetern.


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Kamerasysteme finden den Boden wieder

Der Infotainment-Screen könnte in solchen Situationen die Arbeitsweise von vorderem und hinterem Diff zeigen. Außerdem über den Winkelmesser sagen, wie nahe wir dem Maximum von je 45 Grad für Steigung und Neigung kommen. (Faustregel: weniger nah als vermutet, wie in jedem ernsthaften Offroader).

Stattdessen wechseln wir in entscheidenden Momenten ins Kamera-Menü. Die Welt verschwindet kurz vor dem höchsten Punkt einer Kuppe aus dem Sichtfeld der Windschutzscheibe. Nun erfassen nach unten gerichtete Kameralinsen den Boden. Auf zwei Arten kann man den Untergrund betrachten: über drei getrennte Aufnahmen (zweimal Rad, einmal Boden) oder über die kombinierte Version, die auf dem Screen die Motorhaube verschwinden lässt. Letzteres Bild wird an den Übergängen unangenehm schummerig. Will man den Reifen spitze Steine ersparen, ist das Clear Sight genannte Programm am Screen dennoch aktiv.

Land Rover Defender Dreiviertel-Frontansicht Offroad
Quelle: Land Rover Wer den optionalen All-Terrain-Reifen (Goodyear Wrangler) den Kontakt mit spitzen Steinen ersparen will, aktiviert eines der Frontkamera-Systeme. Denn spätestens an der Gelände-Kuppe sieht der Fahrer durch die Windschutzscheibe wenig vom Untergrund

Assistenz: Wat-Tiefe messen ohne nasse Füße

Bergsteigen und Offroad-Fahren ergeben dasselbe Gefühl: Am höchsten Punkt fürchtet man den Weg hinab. Im Defender kann man einen Teil der Arbeit an die Bergabfahrhilfe delegieren. Die wählt Speed und Bremseingriffe nach eingelegtem Gang, weshalb man den Pistolen-Schaltknauf häufig in die manuelle Gasse rückt. Für den Untersetzungswechsel verlangt Land Rovers neues Kernmodell nach dem Leerlauf, aber nicht nach Gefummel an irgendwelchen Hebeln. Differenziale sperrt man über den Infotainment-Screen, als ginge es um einen Radiosender-Wechsel. Oder man überlässt die Entscheidung hierüber gleich direkt der Elektronik.

Ernsthafte Offroad-Abenteurer schicken den Kollegen vor einer Wasserdurchfahrt mit einem Stock in die Fluten. Um zu sehen, ob der Wasserstand noch mit der maximalen Wat-Tiefe vereinbar ist. Beim neuen Defender ermitteln Sensoren an den Außenspiegeln die Tiefe. Mit bis zu 90 Zentimeter tiefem Gewässer kommt der Land Rover Defender zurecht, der Vorgänger schafft 50 Zentimeter.

Land Rover Defender Im Wasser Frontansicht
Quelle: Land Rover Der Land Rover Defender watet durch bis zu 90 Zentimeter tiefes Wasser. Über Ultraschallsensoren an den Außenspiegeln misst das Auto die Wassertiefe und blendet die Information im Display ein

On-Road: spurtreu statt spurrillen-gierig

Offroad fährt der neue Defender mindestens so ernsthaft wie sein Vorgänger, nur weniger rustikal. Elektronische Assistenten und aufwendige Technik erleichtern viele Situationen. Doch bei Problemen könnte der Dorfschmied am Rande der Binnenwüste überfragt sein, jedenfalls eher als beim Vorgänger.

Gegenargument: Bei aller Gelände-Folklore spielt die deutsche Realität weniger auf Wüstensand denn auf geteerten Haupt-, Bundes- und Schnellstraßen. Und auf festem Untergrund fährt die Neuauflage dem Klassiker klar davon. Bei moderater Fahrweise bleiben Rollen und Nicken des Aufbaus im vertretbaren Bereich. Die Lenkung ist introvertiert, aber hinreichend präzise. Außerdem folgt sie Spurrillen weniger gierig als in jedem Defender zuvor. Ein Argument, das im Duell mit dem logischen Konkurrenten Jeep Wrangler zählen kann. Generation vier des Ami-Offroaders (ab 47.000 Euro als Basis-Dreitürer, 51.000 Euro als Fünftürer) ist ähnlich traditionsreich wie der Landi, doch dem eigenen Ursprung technisch näher: mit Leiterrahmen, zweiter Quersperre für die Vorderachse und weniger Elektronik.


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Preise: 49.700 Euro für den Defender II

Welches Konzept weiter klettert, wird sich zeigen. Und zählt mehr als der letzte Cent beim Basispreis. Auf den Mindestpreis einer Mercedes G-Klasse (ab 97.200 Euro) ist es vom neuen Defender dann doch ein signifikanter Sprung: Ab 49.700 Euro startet der Defender 90, ab 55.600 Euro der getestete Defender 110 (jeweils mit 200-PS-Diesel).

Wobei: Im Konfigurator kann man versinken wie in Treibsand. Neben den klassischen Ausstattungslinien gibt es unzählige Gimmicks vom Dachzelt mit Leiter (statische Dachlast 300 Kilogramm) bis zur Seilwinde. Die echte Freiheit beginnt eben erst, wenn die zivilisierte Welt aus dem Rückspiegel verschwunden ist. Dass sie aus dem Windschutzscheibenrahmen verschwinden kann, ist eine Grundlage, um so weit draußen überhaupt anzukommen. Und sei es nur hypothetisch.

Land Rover Defender II (2020): Technische Daten zum Defender 110

Modell Land Rover Defender II 110 (Fünftürer) D240 AWD
Motor 2,0-Liter-Vierzylinder-Turbodiesel
Getriebe Achtgang-Automatik mit kurzer Gelände-Untersetzung, sperrbarem Mittel-Diff (Serie) und sperrbarem Hinterachs-Diff (optional)
Leistung 240 PS (177 kW) bei 4.000 U/min
Drehmoment 430 Nm bei 1.400 U/min
Geschwindigkeit 188 km/h
Beschleunigung 9,1 s
Verbrauch laut Hersteller 7,6 bis 7,7 l/100 km
CO2-Ausstoß 199 bis 204 g/km
Länge 5.022 mm
Höhe 1.967 mm
Breite 2.105 mm (inkl. Außenspiegel)
Radstand 3.022 mm
Kofferraumvolumen bis zu 1.946 Liter
Gewicht 2.323 kg
Anhängelast bis zu 3.500 kg
Basispreis Defender 110 ab 55.600 Euro
Basispreis Testmodell Defender 110 D240 AWD ab 59.800 Euro
Marktstart Mitte 2020

Der Land Rover Defender in Bildern

  • Land Rover Defender Seitnansicht dynamisch
    Quelle: Land Rover Der neu aufgelegte Land Rover Defender ist als fünftüriger Defender 110 (Bild) und als dreitüriger Defender 90 erhältlich
  • Land Rover Defender Dreiviertel-Heckansicht
    Quelle: Land Rover Auf der Straße bleiben Bewegungen des Aufbaus im Rahmen: Der Defender fährt auf Asphalt unkomplizierter als sein logischer Konkurrent Jeep Wrangler
  • Land Rover Defender Kofferraum
    Quelle: Land Rover Bis zu 1.946 Liter kann der Land Rover Defender 110 laden. Wer mehr transportieren will: Die Anhängelast liegt bei 3.500 Kilogramm
  • Land Rover Defender Laderaum
    Quelle: Land Rover Jenseits der zweiten Sitzreihe bietet der Land Rover Defender 110 ein Volumen von 857 Litern. Alternativ stehen hier zwei weitere Sitzgelegenheiten
  • Land Rover Defender offroad Seitenansicht
    Quelle: Land Rover In Land Rovers Zubehör-Katalog kann man versinken wie im Treibsand. Beweisstück A: Wer den abgebildeten Dachträger ordert, kann eine Aufstiegsleiter und ein Dachzelt ergänzen
  • Land Rover Defender Dreiviertel-Frontansicht Offroad
    Quelle: Land Rover Wer den optionalen All-Terrain-Reifen (Goodyear Wrangler) den Kontakt mit spitzen Steinen ersparen will, aktiviert eines der Frontkamera-Systeme. Denn spätestens an der Gelände-Kuppe sieht der Fahrer durch die Windschutzscheibe wenig vom Untergrund
  • Land Rover Defender Offroad Frontansicht
    Quelle: Land Rover Land Rover legt einen Offroad-Klassiker neu auf: Der Defender II (2020) ist weder optisch noch technisch eine Kopie der zwischen 1948 und 2016 gebauten Legende
  • Land Rover Defender Im Wasser Frontansicht
    Quelle: Land Rover Der Land Rover Defender watet durch bis zu 90 Zentimeter tiefes Wasser. Über Ultraschallsensoren an den Außenspiegeln misst das Auto die Wassertiefe und blendet die Information im Display ein
  • Land Rover Defender Autounterseite
    Quelle: Land Rover Der getestete Defender 110 verfügt serienmäßig über eine Luftfederung (Bild), beim kürzeren Defender 90 nutzt Land Rover in der Basis Stahlfedern
  • Land Rover Defender Dreiviertel-Heckansicht
    Quelle: Land Rover Für die Rückkehr vom Gipfel bietet Land Rover im neuen Defender eine fein regelnde Bergabfahrhilfe: Sie steuert Bremseingriffe und lässt sich über den gewählten Gang beeinflussen
  • Land Rover Defender Cockpit
    Quelle: Land Rover Frei liegende Schraubenköpfe und viel hartes Plastik: Im Innenraum ist der neu aufgelegte Land Rover Defender immer noch herrlich rustikal
  • Land Rover Defender Cockpit
    Quelle: Land Rover Mattgrauer Hinweis auf die Stabilität: Anstelle eines Leiterrahmen-Aufbaus nutzt Land Rover ein Alu-Chassis mit Verstrebungen. Die Wichtigste Stütze lassen die Briten unverkleidet
  • Land Rover Defender Detailansicht Mittelkonsole und Infotainmentsystem
    Quelle: Land Rover Was wie das Alpin-Symbol eines Winterreifens aussieht, macht im Gelände den Unterschied: Beim Druck auf die Low-Taste wechselt das Getriebe in die kurze Untersetzung
  • Land Rover Defender Detailansicht Rückspiegel
    Quelle: Land Rover Über ein Kamera-System blendet der Land Rover Defender im Rückspiegel ziemlich genau das ein, was dort sowieso zu sehen wäre. Der Sinn? Erschließt sich bei dachhoher Beladung
  • Land Rover Defender Dreiviertel-Frontansicht
    Quelle: Land Rover Der Defender klettert laut Hersteller besser als sein legendärer Vorgänger – doch den Unterschied macht das Fahrverhalten auf der Straße: Spurrillen folgt der Neue weniger gierig