Warum sie nicht so lautlos sind wie ihr Ruf

Auch Elektroautos müssen Geräusche produzieren

Schluss mit leise. Seit dem 1. Juli 2019 muss man auch Elektroautos hören können. Zum Schutz von Fußgängern sollen neue Elektro- und Hybridautos bis zu einer Geschwindigkeit von 20 Kilometer pro Stunde ein Geräusch von sich geben, das auf sie aufmerksam macht. Genau definiert sind die Geräusche nicht, die ein Warngeräuschgenerator, das „Acoustic Vehicle Alerting System“, kurz AVAS, produzieren soll.

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  • Veröffentlicht am 09/04/2019, 12:00 AM
  • Aktualisiert am 10/24/2019, 12:07 PM
Um die Sicherheit von Fußgängern zu erhöhen, müssen Elektroautos seit Mitte 2019 Geräusche produzieren.
Quelle: Sven Hoppe (picture alliance/Sven Hoppe/dpa) Um die Sicherheit von Fußgängern zu erhöhen, müssen Elektroautos seit Mitte 2019 Geräusche produzieren

Von einigen Sportwagen abgesehen, sollten bis vor kurzem Autos vor allem leise sein. Für einen möglichst hohen Fahrkomfort waren deshalb Motoren mit vielen Zylindern und einer aufwendigen Geräuschdämmung Voraussetzungen. Teure Limousinen bekamen sogar Doppelglasscheiben, damit es innen möglichst ruhig zuging. Das leise Flüstern des Achtzylinders wurde zu einem begehrten Statussymbol. Eine traditionsreiche Luxusmarke warb damit, dass man während des Fahrens das Ticken der Uhr hören könne. Bei E-Autos und Hybridfahrzeugen verhält es sich nun wieder anders. Sie müssen laut einer EU-Richtlinie lauter werden. Zwar werden Hybridfahrzeuge zum Großteil von Verbrennungsmotoren angetrieben, allerdings haben auch sie eine elektrische Reichweite von rund 30 bis 50 Kilometern. Deshalb werden sie vor allem auf Kurzstrecken und damit in städtischen Bereichen bewegt. Mit dem Gesetz zu mehr Klang bei E-Autos soll in erster Linie das hohe Unfallrisiko mit Fußgängern minimiert werden. Vor allem blinde Menschen tun sich sehr schwer, herannahende E-Autos zu erkennen, die bislang nicht mehr als ein sehr dezentes Summen des Elektromotors von sich geben. Gleiches gilt für Menschen, die mit Smartphone unterwegs und entsprechend abgelenkt sind.

Blinde Menschen haben oft Schwierigkeiten heranfahrende Elektroautos wahrzunehmen.
Quelle: Petra Steuer (picture alliance/JOKER) Blinde Menschen haben oft Schwierigkeiten heranfahrende Elektroautos wahrzunehmen

Hohes Risiko für Fußgänger

Die Gefahr besteht vor allem im städtischen Bereich, wo Elektroautos bei niedrigen Geschwindigkeiten so gut wie keine Geräusche von sich geben und auch das Rollgeräusch der Reifen kaum wahrnehmbar ist. Eindeutig sind auch die Zahlen, die eine Untersuchung der amerikanischen Behörde für Verkehrssicherheit NHTSA (National Highway Traffic Safety Administration) herausgefunden hat. Bei einer Untersuchung von Unfällen ergab sich, dass Autos mit elektrischem Antrieb um mehr als ein Drittel häufiger in Kollisionen mit Fußgängern involviert sind. In der Folge erließ man eine Vorschrift, nach der alle neuen Elektro- und Hybridfahrzeuge beim Fahren akustisch gut wahrnehmbar sein müssen. Eine ähnliche Vorschrift gibt es in Europa seit 2014. Für Industrie und Politik ein brisantes Thema, denn überdurchschnittliche Unfallzahlen könnten der Akzeptanz der Elektroautos schaden und die avisierten Zulassungszahlen weiter verzögern.
Nun ist ab Juli 2019 für alle neu entwickelten Fahrzeugmodelle ein AVAS Pflicht. Ab 2021 müssen dann alle neu zugelassenen Fahrzeuge mit diesem System ausgestattet sein. Das System muss beim Starten des Fahrzeugs automatisch aktiviert sein und wahrnehmbare Geräusche bei bis zu 20 Kilometern pro Stunde erzeugen. Ab dieser Geschwindigkeit sind dann die Rollgeräusche der Reifen dominant und gut wahrnehmbar. Zusätzlich muss es einen Schalter geben, mit dem man die Geräuschkulisse bei Bedarf aktivieren oder deaktivieren kann. Auch in den USA haben die Erkenntnisse über die Unfallhäufigkeit Konsequenzen und es gilt eine entsprechende Vorschrift ab 2020.

An der TU München wird an der Entwicklung spezieller Warngeräusche für Elektroautos gearbeitet.
Quelle: Andreas Gebert (dpa) An der TU München wird an der Entwicklung spezieller Warngeräusche für Elektroautos gearbeitet

Neue Herausforderung für Sounddesigner

Die künstliche Geräuschkulisse und ihr Klang sind gerade für Premiummarken ein imageträchtiges Thema. Damit die eigenen Fahrzeuge ein angenehmes, wohlklingendes Geräusch produzieren, arbeiten Sounddesigner bereits an entsprechend attraktiven Lösungen, die technisch anspruchsvoll klingen. Dabei gibt die Vorschrift einen relativ weiten Rahmen. Das Geräusch, das auch beim Rückwärtsfahren hörbar sein soll, muss sich zwischen 56 und 75 Dezibel bewegen, soll mindestens zwei Terzbänder enthalten, davon eines auch unter der Frequenz von 1.600 Hertz, damit es von Hörbehinderten auch wahrgenommen wird. Wie die Autos dann klingen, dafür bleibt viel Spielraum. Es soll nur einem Verbrennungsmotor ähnlich sein. Vielleicht gibt es bald auch einen elektrischen Polo mit dem Sound eines Bentley mit Zwölfzylinder, aber eben nur bis 20 Kilometer in der Stunde und beim Rückwärtsfahren.
An der TU München (TUM) wird an der Entwicklung entsprechender Warngeräusche gearbeitet. Diese Geräusche sollen auch ein markenspezifisches Profil bekommen, denn jedes Unternehmen will, dass seine Autos besonders klingen, erklärt Hugo Fastl, Professor am Lehrstuhl für Mensch-Maschine-Kommunikation der TUM. Die Forscher gehen von einem Grundgeräusch in mittleren Frequenzen aus, das sie am Computer mit einer Art Soundbaukasten zielgruppenrelevant erweitern können. Für Fastl ist es kaum nachvollziehbar, dass Autos leiser geworden sind und nun wieder lauter sein sollen. Er hält es für besser, wenn angesichts der wachsenden Zahl von Autos mit automatischer Fußgängererkennung die Geräusche nur dann aktiviert werden, wenn Fußgänger in der Nähe sind.

Sounddesign auch im Innenraum

Nicht nur von außen wird das fehlende Motorgeräusch als Defizit empfunden. Auch im Interieur tut sich einiges, arbeiten Unternehmen an der akustischen Gestaltung. BMW engagierte für das Konzeptfahrzeug Vision M Next den oscarprämierten Hollywood-Filmkomponisten Hans Zimmer, der potenzielle Insassen mit standesgemäßem Sound versorgen soll. Da ist der Schritt, dass elektrisch angetriebene Sportwagen mit dem Sound von Boliden mit Verbrennungsmotoren bereichert werden, nur naheliegend. Das Thema Sounddesign beschäftigt die Hersteller schon länger. Bislang eben nur für Motoren mit Auspuff und echten Geräuschen, jetzt für E-Autos. Gerade für die Premiummarken besteht hier die Möglichkeit, die eigene Marke zu profilieren und sich von der Konkurrenz abzusetzen. Wohin die Richtung dabei geht, ist eine Geschmacksfrage. Bei Mercedes-Benz steht absolute Stille im Vordergrund. Der Mercedes-Benz EQC, ein elektrisches SUV der Oberklasse, bekommt zwar den vorgeschriebenen Sound, soll aber so abgedämmt sein, dass die Passagiere davon nichts mitbekommen. Gut möglich, dass in naher Zukunft jeder Fahrer eines elektrisch betriebenen Fahrzeuges sich seinen individuellen „Motorsound“ aus einem Menü auswählen kann.



Kritische Stimmen gegen die künstlichen Motorgeräusche

Es gibt allerdings auch Experten, die den Sinn der zusätzlichen Geräuschkulisse anzweifeln. Prof. Ferdinand Dudenhöffer, Automobilexperte von der Universität Duisburg-Essen, glaubt nicht, dass signifikante Unterschiede zwischen Elektroautos, Hybrid und konventionellen Fahrzeugen wirklich wahrnehmbar seien. Autos mit Verbrennungsmotoren seien in der jüngsten Vergangenheit deutlich leiser geworden. Nicht zuletzt auch dank der Start-Stopp-Systeme und der immer populärer werdenden Mildhybridsysteme. Teilweise schalten sie auch im langsamen Schubbetrieb ab, dann sind Motorgeräusche nicht wahrnehmbar. Versuchsreihen beim Center Automotive Research, das Dudenhöffer leitet, hätten ergeben, dass wirklich erkennbare Unterschiede nur bei hohen Drehzahlen nachvollziehbar waren. Die Testpersonen hätten Unterschiede in nur sehr geringem Umfang wahrgenommen.
Nach Dudenhöffers Einschätzung müsste man theoretisch konsequenterweise alle Fahrzeuge, ob mit Elektro- oder Verbrennungsmotoren, mit zusätzlichem Sound ausstatten. Eine Maßnahme, die den Lärm auf den Straßen verschlimmert und vermutlich auch schwer vermittelbar sein dürfte. Auf der anderen Seite gibt es auch Autofahrer, die gerade die komplette Ruhe beim Fahren mit ihrem Elektroauto lieben und von zusätzlichen Geräuschen wenig begeistert sind. Manche von ihnen spekulieren schon damit, dass frühe Modelle unter den Elektroautos, die ohne Soundgenerator unterwegs sind, eventuell einen Sammlerstatus bekommen könnten. Beim Fahrerlebnis dürfte es künftig kaum Unterschiede geben, denn ab 20 Kilometer pro Stunde wird es so oder so leise, hört man bis auf das Abrollgeräusch der Reifen drinnen wie draußen keine autospezifischen Geräusche.

AVAS – Acoustic Vehicle Alerting System: Das musst Du wissen

  • muss ab Juli 2019 in den Autos mit Elektromotor vorhanden sein
  • erzeugt Warngeräusch bis 20 Kilometer in der Stunde und beim Rückwärtsfahren
  • Frequenz zwischen 56 und 75 dB
  • mindestens zwei Terzbänder
  • motorähnliches Geräusch
  • individuell ein- und abschaltbar