So viel trennt VW Golf und BMW 1er nie mehr

Vergleichstest: VW Golf VII (2016) gegen BMW 1er F20 (2016)

Der letzte BMW 1er mit Hinterradantrieb und der VW Golf VII im Vergleichstest: So unterschiedlich können Kompaktwagen sein.

  • Constantin Bergander
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  • Veröffentlicht am 08/28/2019, 12:00 AM
  • Aktualisiert am 10/24/2019, 12:07 PM
Bei 195 km/h ist beim 1er Schluss. Der Golf ist etwas schneller. Hier stehen maximal 204 km/h auf dem Tacho
Quelle: Peter Besser Bei 195 km/h ist beim 1er Schluss. Der Golf ist etwas schneller. Hier stehen maximal 204 km/h auf dem Tacho

Der eine ist der Inbegriff des Kompaktwagens, der andere seine technisch vielleicht gewagteste Ausformung: Wir bitten VW Golf VII und BMW 1er zum Duell. Im konkreten Fall die siebte Auflage des ewigen Eichmaßes gegen die zweite Generation (F20) eines fahraktiven Herausforderers. Quermotor und Frontantrieb gegen Längsmotor und Heckantrieb. Ein Vergleichstest mit insgesamt nur sechs Zylindern – beide Kontrahenten werden vom jeweils kleinsten verfügbaren Benziner angetrieben.

Und noch eine Gemeinsamkeit besteht: Sowohl VW Golf VII als auch BMW 1er F20 befinden sich in der Endphase ihres Lebenszyklus, sind damit vorwiegend als Gebrauchtwagen interessant. Vor allem dann, wenn ein beliebtes Alleinstellungsmerkmal mit dem Modellwechsel abhanden kommt – mit der dritten Generation wird der BMW 1er schließlich zum Fronttriebler.



Abmessungen, Platzangebot, Karosserie

Das Alleinstellungsmerkmal von BMW 1er-Modellen der ersten und zweiten Generation? Klar, Hinterradantrieb und längs verbauter Motor im Vorderwagen - unüblich in Kompaktwagen. Doch aus Marken-historischer Sicht ist das stimmiger als Quermotor und Frontantrieb, aus fahrphysikalischer Perspektive theoretisch spannender.

Der Nachteil des Konzeptes liegt in der schlechteren Raumausnutzung. Mit 4,33 Metern Länge überragt der 1er den Golf 7 um 7 Zentimeter, doch innen bietet der Wolfsburger mit konventionellem Antriebskonzept den Insassen mehr Platz. Dem Gepäck ebenso. Der Golf-Kofferraum fasst mit aufrecht stehender Rückbank 380 Liter, 20 mehr als der des 1ers. Bei umgeklappter hinterer Lehne passen 1.270 Liter in den Volkswagen, 1.200 in den BMW.

Der rund drei Zentimeter (1,77 Meter ohne Spiegel) schmalere 1er hat Innen außerdem zur Seite hin etwas weniger Platz als der Test-Konkurrent – vor allem Schultern und Ellbogen der Front-Passagiere bietet der VW mehr Raum. 



Innenraum, Verarbeitung, Materialien

Verarbeitung und Materialien beider Autos liegen auf ähnlich hohem Niveau. Doch keine Frage: Der VW wirkt innen schnöder, biederer als der BMW. Markenfans mögen entgegnen: funktionaler. Zugegeben, zum Teil entfällt die sportlichere Anmutung des BMW-Cockpits auf die optionalen Sportsitze unseres Testwagens. Doch unabhängig von der Taillierung der Stühle findet man im Bayern schneller eine angenehme Sitzposition. Mit zwei Einschränkungen: Wer im Kompaktwagen hoch thronen möchte und seitlich auf etwas Abstand zur Türverkleidung besteht, wird sich im Fahrersitz des Golf wohler fühlen. Natürlich lassen sich auch die Sessel im BMW über einen breiten Bereich verstellen, doch die Grundposition ist ungleich tiefer.

Fahrwerk, Lenkung, Federung, Fahrverhalten

Der Golf ist um mehr fast 150 Kilogramm leichter als der BMW (1.233 gegen 1.375 Kilo mit der Test-Motorisierung). Doch leichtfüßiger wirkt der BMW. Seine Hinterachse reagiert spontaner auf Lastwechsel, das Auto lässt sich spielerisch aufschaukeln.

In jedem Fall kündigen sich die Heckausbrüche jedoch lange an, bleiben außerdem im Rahmen. Mit dem Antriebskonzept hat das noch wenig zu tun, mit dem 109 PS starken Basis-Motor wirft der Bayer das Heck ohnedies nicht so schnell „per Pedaldruck“ nach außen. Die Kurvengier liegt eher an der grundsätzlichen Auslegung des Fahrwerks. Hier agierten die Volkswagen-Ingenieure vorsichtiger: Der VW bleibt länger neutral, neigt früher zum Untersteuern.

Die Lenkung wirkt im BMW präziser, bietet höheren Widerstand und mehr Genauigkeit um die Mittelstellung. Dafür ist der Golf komfortabler, rollt sanfter ab. Nur im unbeladenen Zustand wirkt die Hinterachse etwas straff.

Antrieb, Getriebe, Motor, Fahrleistungen

Sechs Zylinder und mehr als 320 PS (in M135i und M140i) sind im BMW 1er F20 erhältlich. Unser Testwagen verfügt über rund ein Drittel dieser Leistung – und gerade einmal halb so viele Brennräume. Der Dreizylinder des 116i bietet seit Anfang 2015 den Einstieg beim BMW-Kompakten der zweiten Generation. Jeder Zylinder bekommt einen halben Liter Hubraum, in Summe schöpft das Aggregat mit Twin-Scroll-Turbolader für 109 PS und 180 Newtonmeter Drehmoment. So erreicht der 1er in 10,9 Sekunden Tempo 100 und läuft maximal 195 km/h.

Das Triebwerk ist an ein Sechsgang-Schaltgetriebe und Hinterradantrieb gekoppelt – Allrad ist nur für die Top-Motorisierungen erhältlich, die Achtgang-Automatik schon für 1er mit 136 PS und aufwärts eine Option.

Der aufgeladene VW-Dreizylinder mit dem markeninternen Spritspar-Siegel „Blue Motion Technology“ ist der sparsamste Benziner im Golf VII. Jedoch nicht der schwächste. Mit 115 PS (zwischenzeitlich 110 PS) und 200 Newtonmetern Drehmoment hängt er beide 1,2-Liter-Varianten ab. Nach 9,7 Sekunden erreicht der Golf die 100 km/h-Marke, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 204 km/h. Serienmäßig wird die Kraft an ein manuelles Sechsganggetriebe gereicht, gegen Aufpreis ist ein Siebengang-DSG erhältlich.

Mit beiden Getrieben trinkt der Dreizylinder-Golf auf dem Prüfstand 4,3 Liter Sprit - damit liegt der steuerrechtlich relevante CO2-Ausstoß bei 99 Gramm pro Kilometer. Im Test-Alltag lag der Verbrauch bei acht Litern im innerstädtischen Bereich, auf längeren Strecken mit schnellen Autobahn- und kurzen Landstraßenanteilen stand eine fünf voran. Der 1,5-Liter des BMW verbraucht im Alltag kaum mehr als der Golf.

Ob diese Dreizylinder in Golf VII und BMW 1er auch für Menschen ohne ausgeprägte Spritspar-Ambitionen eine echte Option sind? Im Golf: Definitiv. Hier fehlt dem Aggregat gegenüber einem kleinen Vierzylinder kaum Komfort und praktisch keine Leistung. Akustisch ist der Motor unauffällig, nur in einigen Lastzuständen brummt und vibriert der 1,0-Liter geringfügig.

Der Dreizylinder des BMW ist akustisch eindrucksvoller, mit rauem Klang und gelegentlichem Turbo-Zwitschern. Doch der 116i beschleunigt vergleichsweise zäh –  die 109 PS wirken mit den 1.375 Kilogramm überfordert.

Infotainment, Radio, Bedienung

Zentrale Steuerungseinheit für Infotainment-Belange ist im BMW ein Dreh-Drück-Controller an der Mittelkonsole. Im VW läuft die Steuerung über den Touch-Screen. Menüführung und -Aufteilung mögen im Golf schlüssig sein, die Bedienung hinreichend logisch. Doch während der Fahrt ist die Lösung im 1er angenehmer und stressfreier zu bedienen. Das trifft auch dann zu, wenn der Volkswagen über ein Infotainment-System mit Gestensteuerung verfügt. Ein solches bot Volkswagen mit dem Facelift-Modell des Golf VII ab Ende 2016 an.

Assistenzsysteme und Sicherheit

Beide Kompaktwagen beherrschen den gängigen Kanon an Fahrassistenten. Sowohl für VW Golf VII als auch BMW 1er sind der aktive Spurhalteassistent und der adaptive Tempomat ACC erhältlich. Mit Letzterem passt das Auto die Geschwindigkeit an die des vorausfahrenden Autos an. Den schärfsten Trick – das selbstständige stehenbleiben und wieder-anfahren - vollbringen jedoch nur Modelle mit Automatik-Getriebe. Ein  Argument für den vierten Brennraum im BMW 1er F20, der Dreizylinder-Benziner ist schließlich nur mit Kupplungspedal erhältlich.

Ausstattung, Preis und Kosten

Volkswagen bietet den mittlerweile gelifteten Golf VII mit 1,0-Liter-Motor und Handschaltung ab 21.365 Euro an. Mit Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe (intern DSG) starten die Neuwagen-Preise bei 23.315 Euro. In beiden Fällen kommt der Golf hier in der Basis-Ausstattung „Trendline“ mit LED-Tagfahrlicht und 15-Zoll-Stahlfelgen. In der rund 300 Euro teureren mittleren Ausstattungsline „Comfortline“ steht der Golf auf 16-Zoll-Alurädern und verfügt Innen unter anderem über eine Mittelarmlehne. In der höchsten Ausstattungsvariante „Highline“ ist der 1,0-Liter-Motor nicht erhältlich.

BMW veranschlagt für den 1er der zweiten Generation mit 116i-Einstiegsmotor und alternativloser Handschaltung ab 25.800 Euro, die abgebildete 5-türige Variante startet bei 26.550 Euro.

Bald werden BMW 1er F20 und VW Golf VII nur mehr als Gebrauchtwagen erhältlich sein – beide Modelle stehen kurz vor ihrer Ablösung. Auf mobile.de starten Golf VII-Modelle mit gültiger HU bereits ab rund 7.500 Euro. Gut erhaltene Exemplare in der getesteten Version mit 1,0-Liter-Dreizylinder werden ebenfalls bereits unterhalb der 10.000 Euro-Marke angeboten. Die Preise für Facelift-Modelle beginnen im Bereich von rund 14.000 Euro.

BMW 1er der zweiten Baureihe (F20) werden mit gültiger HU auf mobile.de ab rund 11.000 Euro feilgeboten, Facelift-Versionen ab rund 12.000 Euro. Exemplare der getesteten 116i-Version mit 1,5-Liter-Dreizylinder sind ab rund 13.000 Euro erhältlich.

Fazit zum BMW 116i und Golf VII:

In der folgenden, dritten Generation stellt BMW beim 1er auf Frontantrieb und Quermotor um. Damit ist der BMW F20 gewissermaßen der letzte 1er seiner Art. Dass er eine echte Option für sportlich Ambitionierte ist, hängt jedoch nur zum Teil am Antriebskonzept. Fahrwerksauslegung, Lenkung, Sitzposition –  vieles ist hier stimmig, wenn es ein dynamischer Vertreter des Kompaktwagen-Segments sein soll. Allerdings: Wirklich glücklich wird nur, wer mit beengtem Platz und mäßigem Ladevolumen leben kann. Wer es auf Landstraße und Autobahn wirklich ernst meint, wird außerdem im getesteten 116i keinen satisfaktionsfähigen Antrieb finden.

Der Golf VII ist die komfortablere, vernünftigere Interpretation des Kompaktwagen-Themas. Langweilig ist der VW deshalb keineswegs. Eher ein (bekannt) guter Allrounder – und das sogar mit dem kleinsten angebotenen Aggregat.

Technische Daten: VW Golf 1,0 und BMW 116i

ModellVW Golf 1,0 TSIBMW 116i
Motor1,0-Liter-Dreizylinder-Turbobenziner1,5-Liter-Dreizylinder-Turbobenziner
GetriebeSechsgang-Handschaltung (Siebengang-Doppelkupplung), FrontantriebSechsgang-Handschaltung, Hinterradantrieb
Leistung85kW/115 PS bei 5.000 bis 5.500 Umdrehungen80 kW/109 PS bei 4.250 Umdrehungen
Drehmoment200 Newtonmeter bei 2.000 bis 3.500 Umdrehungen180 Newtonmeter bei 1.250 bis 4.250 Umdrehungen
Verbrauch4,3 Liter pro 100 Kilometer laut NEFZ5,0 bis 5,4 Liter pro 100 Kilometer laut NEFZ
CO299 Gramm pro Kilometer116 Gramm pro Kilometer
Testverbrauch5,8 Liter pro 100 Kilometer6,0 Liter pro 100 Kilometer
0 – 100 km/h9,7 s10,9 s
Höchstgeschwindigkeit204 km/h195 km/h
Länge4.260 mm4.330 mm
Breite1.800 mm1.770 mm
Höhe1.450 mm1.440 mm
Kofferraumvolumen380 bis 1.270 Liter
Preis21.365 Euro
Gewicht1.211 (1.233) kg (EU-Norm, inklusive Fahrer)


BMW 116i und VW Golf VII im Vergleichstest

  • Bei 195 km/h ist beim 1er Schluss. Der Golf ist etwas schneller. Hier stehen maximal 204 km/h auf dem Tacho
    Quelle: Peter Besser Bei 195 km/h ist beim 1er Schluss. Der Golf ist etwas schneller. Hier stehen maximal 204 km/h auf dem Tacho
  • Zwar ist der Golf leichter als der 1er, doch der BMW wirkt im Fahrverhalten leichtfüßiger
    Quelle: Peter Besser Zwar ist der Golf leichter als der 1er, doch der BMW wirkt im Fahrverhalten leichtfüßiger
  • Beim Kofferraumvolumen liegt der Wolfsburger vorn. Bis zu 1.270 Liter Stauraum stehen hier zur Verfügung
    Quelle: Peter Besser Beim Kofferraumvolumen liegt der Wolfsburger vorn. Bis zu 1.270 Liter Stauraum stehen hier zur Verfügung
  • Zwar ist der Golf in der Länge sieben zentimeter kürzer als der 1er. Im Innenraum bietet er dennoch mehr Platz
    Quelle: Peter Besser Zwar ist der Golf in der Länge sieben Zentimeter kürzer als der 1er. Im Innenraum bietet er dennoch mehr Platz
  • Unser Testwagen wird von einem 1,5-Liter-Dreizylinder-Turbobenziner angetrieben
    Quelle: Peter Besser Unser Testwagen wird von einem 1,5-Liter-Dreizylinder-Turbobenziner angetrieben
  • Der Golf wirkt im Innenraum biederer als der 1er
    Quelle: Peter Besser Der Golf wirkt im Innenraum biederer als der 1er
  • In unserem BMW 1er-Testwagen waren die optionalen Sportsitze installiert
    Quelle: Peter Besser In unserem BMW 1er-Testwagen sind die optionalen Sportsitze installiert
  • Auch bei einer Körperlänge von 1,90 Metern sitzt man im Golf hinten noch bequem
    Quelle: Peter Besser Auch bei einer Körperlänge von 1,90 Metern sitzt man im Golf hinten noch bequem
  • Im 1er wird es im Vergleich zum Golf 7 auf der Rückbank eng
    Quelle: Peter Besser Im 1er wird es im Vergleich zum Golf 7 auf der Rückbank eng
  • Im Test verbrauchte der Golf auf 100 Kilometern 5,8 Liter. Der 1er verbrauchte mit 6,0 Litern nur wenig mehr
    Quelle: Peter Besser Im Test verbrauchte der Golf auf 100 Kilometern 5,8 Liter. Der 1er schluckte mit 6,0 Litern nur wenig mehr