Mobiltelefon als Autoschlüssel: Hintergrund

Das Smartphone macht den Autoschlüssel entbehrlich

In diesem Jahr wird es ernst für den guten, alten Autoschlüssel: 2019 wird bei vielen Herstellern das Mobiltelefon die Funktion des Autoschlüssels übernehmen. 

  • Björn Tolksdorf
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  • Veröffentlicht am 10/24/2019, 12:08 PM
Digitaler Autoschlüssel bei Hyundai
Quelle: Hyundai Ab Herbst 2019 startet der digitale Autoschlüssel bei mehreren Volumenherstellern, darunter Volkswagen, PSA und Hyundai (Foto)

So viel steht fest: Das Ritual der Schlüsselübergabe beim Neuwagen werden sich die Autohändler auch in Zukunft nicht nehmen lassen. Danach aber könnte der Schlüssel künftig gemeinsam mit dem Fahrzeugbrief in einer Schublade verschwinden. Die Autoindustrie zumindest arbeitet daran, den klassischen Autoschlüssel aus dem Autofahrer-Alltag zu streichen. An seine Stelle tritt das Smartphone, mit dem Autofahrer ihre Autos schon bald öffnen, schließen und starten sollen. Das ist keine komplett neue Technik, denn Hersteller wie Audi, BMW und Mercedes vermarkten sie bereits. Ab dem Herbst 2019 wird das schlüssellose Auto aber erstmals auch von den Volumenherstellern angeboten.

Die Idee des schlüssellosen Autos, das per Telefon öffnet, stammt aus Japan. Schon 2008 zeigten Nissan und Sharp in Tokio einen Prototypen. Damals war das Interesse an der Technik noch gering: Das erste iPhone war erst 2007 vorgestellt worden, durchgesetzt hatten sich Smartphones noch nicht. Heute sieht das anders aus. Mobiltelefone gehören zum Alltag. Man darf davon ausgehen, dass die meisten Neuwagenkäufer über ein solches Gerät verfügen. 

Kunden von Car-Sharing-Programmen kommt das System ohnehin bekannt vor: Bei Diensten wie Car2Go und DriveNow reservieren, öffnen und schließen sie den Mietwagen schon längst schlüssellos per App. Die Technik arbeitete bislang aber nur im Mobilfunk-Netz. In Tiefgaragen oder Gebieten ohne Netzabdeckung funktioniert das System der Car-Sharer nicht. 

Der NFC-Chip als Basis

Moderne Handys sind bereits dafür vorbereitet: Der notwendige Chip für “Near Field Communication” (NFC) steckt in den meisten Smartphones und ermöglicht Datenübertragungen zwischen Geräten auf kurze Distanz. Das Gegenstück zum Chip montieren die Autohersteller im Türgriff des Autos. 

Um die Technik nutzen zu können, muss der Autofahrer eine App des Autoherstellers installieren und sein Smartphone online registrieren. Daneben benötigt das Auto eine Anbindung an das Handynetz. Neue Pkw-Modelle haben diese ohnehin, denn sie wird für den vorgeschriebene Notruf-Standard E-Call erforderlich. Benötigt wird die Verbindung beim digitalen Schlüssel nur zur erstmaligen „Anmeldung“ am Auto: Nach der Registrierung funktioniert der digitale Schlüssel ohne Internet. Dann erkennt das Auto den ihm zugewiesenen NFC-Chip – und zwar auch, wenn der Handy-Akku fast leer ist. Befindet sich der Chip im Auto, gestattet die Technik den Start des Fahrzeugs, wie bei einem Funkschlüssel. 

Anders als beim physischen Schlüssel können digitale Schlüssel nicht nur an eine Person gleichzeitig vergeben werden. Wie viele Zugänge möglich sind, variiert zwischen den Autoherstellern. VW bietet bis zu 15 Zugänge, PSA zunächst sechs, bei BMW gibt es den “Digital Key for 5”. Nur ein einziges Mal geben die Hersteller dagegen eine Smartcard aus – nämlich an den Besitzer des Fahrzeugs. 



Die Erlaubnis, es zu öffnen, kann dagegen an jedes Handy gesendet werden. Die Berechtigung kann dauerhaft oder nur vorübergehend, für alle Funktionen oder nur für einige vergeben werden. Eine Voraussetzung, um etwa Paketdiensten das Öffnen des Kofferraums zu erlauben. Oder Valet-Diensten das Parken des Autos. Autovermieter können so das Auto an Kunden übergeben, ohne einen Schlüssel übergeben zu müssen. Die Industrie denkt außerdem an neue Geschäftsmodelle wie integrierte Smart-Home- und Mobilitätsangebote. Und nicht zuletzt benötigt sie künftig deutlich weniger Autoschlüssel. 

Hohe Sicherheitsanforderungen

So viele Vorteile die neue Technik bieten mag – die Akzeptanz bei den Kunden müssen die Hersteller sich erst noch erarbeiten. Herkömmliche Keyless-Go-Systeme, konnten in der Vergangenheit gehackt werden und standen deshalb in der Kritik. Mit der Intregration in das Smartphone wächst die Zahl möglicher Risiken. Denn anders als die meisten Autoschlüssel ist das Handy in der Regel online und über Schadsoftware angreifbar. Was passiert außerdem, wenn das Handy zurückgesetzt wird? Auch physische Eingriffe, etwa nach einem Handy-Diebstahl, bedrohen die Integrität des Systems. 

Deshalb befassste sich das federführende “Car Connectivity Consortium” ausführlich mit der Datensicherheit. Was den Entwicklern entgegenkommt:  Moderne Smartphones sind bereits mit Sicherheitstechnologien wie Fingerabdruck-Scanner oder Gesichtserkennung ausgestattet. Nicht autorisiertes Kopieren, Verändern und Löschen von Schlüsseln wollen die Anbieter ebenso unterbinden wie unerlaubtes Erstellen neuer Schlüssel oder das Abfangen von Datenübertragungen. Wenn der Besitzer sein Auto verkauft, muss der neue Besitzer in der Lage sein, alle bestehenden Berechtigungen zu löschen. 

Um diese hohen Sicherheitsanforderungen zu erfüllen und die Kosten senken zu können, arbeiten Auto- und Tech-Industrie seit Sommer 2016 an einem einheitlichen Standard. Denn alle bis etwa Mitte 2018 erhältlichen Systeme waren Einzellösungen. 

2019 erobert der “Digital Key” den Massenmarkt

Der branchenübergreifende Entwicklungsverbund “Car Connectivity Consortium” hat Erfahrung mit solchen einheitlichen Standards. Er entwickelte bereits den offenen Standard Mirror Link, der die Kopplung von Smartphone und Auto erlaubt. Ein Erfolg: Mirror Link steckt heute weltweit in Millionen Autos. 

Die mehr als 80 Unternehmen, die am Konsortium beteiligt sind, decken nach eigener Darstellung mehr als 70 Prozent des Automarktes und 60 Prozent des Marktes für mobile Endgeräte ab. Zu den Mitgliedern gehören Prüfvereine wie Dekra und TÜV, Zulieferer wie Bosch und Faurecia, Tech-Konzerne wie Panasonic und Google. Hinzu kommen Handy-Hersteller wie Apple und Samsung und die großen Autohersteller: BMW, Daimler, Honda, Hyundai, Mazda, die Opel-Mutter PSA, Toyota oder der VW-Konzern.

Mitte 2018 stellte das Komsortium die erste Version des “Digital Key” vor. Beim Funktionsumfang fehlt ihm kaum noch etwas, aber die Integration ins Fahrzeug ist noch teuer – daher bekommt man die Technik bisher nur in eher kostspieligen Modellen. BMW beispielsweise bietet den digitalen Autoschlüssel für 80 Euro jährlich in neueren Modellen an. Bei Mercedes kostet das rund 120 Euro. Gekoppelt ist die Nutzung zudem an meist teure Zusatzausstattung wie die “großen” Infotainmentsysteme. 

Marktstart im Herbst 2019

Erst mit dem zweiten Release (ab 2019) wird die Technik nun für den Massenmarkt interessant. Es umfasst eine standardisierte Authentifizierung und eine einfachere Integration ins Fahrzeug - und damit deutlich günstigere Entwicklungskosten für Autohersteller, die die Technik anbieten wollen. Damit kommt der digitale Autoschlüssel auch für Volumenhersteller in Frage. Volkswagen bietet den digitalen Autoschlüssel ab September 2019 im Passat ein, Hyundai im neuen Sonata (in Europa als i40 bekannt). Bei der PSA-Gruppe startet “Digital Key” im Herbst im Mini-SUV DS 3 Crossback sowie in Opel- und Peugeot-Modellen. 

Weitere Hersteller werden folgen. Ob der klassische Schlüssel damit ausgedient hat? Das muss die Zeit zeigen. Auch beim handygestützten, bargeldlosen Bezahlen erwies sich der Kunde in einigen Märkten – darunter Deutschland – als unerwartet widerspenstig. 
 

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