Der Autobahn-Stau verliert seinen Schrecken

Automatisiertes Fahren nach Level 3 ab 2020

Roboterautos kommen so bald nicht. Doch 2020 sind Autopiloten nach Level 3 zu erwarten. Damit könnten Autofahrer auf der Autobahn lesen oder Filme schauen.

  • Heiko Dilk
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  • Veröffentlicht am 09/13/2019, 12:00 AM
  • Aktualisiert am 10/24/2019, 12:08 PM
Testingenieur Dennis Scholl fährt in einem Auto mit dem von Continental entwickelten System «Cruising Chauffeur»
Quelle: dpa / Picture Alliance Testingenieur Dennis Scholl fährt in einem Auto mit dem von Continental entwickelten System «Cruising Chauffeur» über die Autobahn A2

Die Stimmung ist ernüchternd. Von der Begeisterung über die Zukunft des Autofahrens spürt man derzeit wenig. Es ist noch nicht lange her, da hieß es bei den Autoherstellern: Ab 2020, vielleicht auch ab 2021, fahren wir autonom. Nicht alle, aber viele. Auf Wunsch und bei Bedarf. Robotertaxis würden Fahrgäste von A nach B bringen.

Mittlerweile ist allenfalls Tesla-Chef Elon Musk noch optimistisch, dass es in den frühen 20er-Jahren soweit sein könnte. Andere sind vorsichtiger: Thomas Sedran, bei VW Vorstand fürs automatisierte Fahren, sagte kürzlich: VW werde wohl nicht vor 2025 autonom fahrende Autos in nennenswerten Stückzahlen verkaufen. Bezeichnenderweise ist er auch Nutzfahrzeug-Vorstand bei Volkswagen. Wenn die Autonomie kommt, kommt sie also zuerst in gewerblichen Anwendungen.

Automatisiertes Fahren in der Praxis

Doch echte Entlastung für Autofahrer steht kurz bevor. Ab 2020 werden die ersten Fahrzeuge die Zulassung fürs automatisierte Fahren nach Level 3 erhalten. Das heißt: Der Fahrer wird in bestimmten Situationen die Hände in den Schoß legen und sich um andere Dinge kümmern dürfen als um den Verkehr. E-Mails checken wird möglich, lesen, eine Whatsapp schreiben oder einen Film auf dem Infotainmentsystem anschauen. Nicht im Stadtverkehr und auf der Landstraße, wohl aber auf der Autobahn.

Ein selbstfahrendes Auto des Forschungszentrumes Informatik fährt autonom im Straßenverkehr
Quelle: dpa / Picture Alliance Ein selbstfahrendes Auto des Forschungszentrumes Informatik fährt während der Eröffnung des "Testfelds Autonomes Fahren" mit zwei Entwicklern autonom im Straßenverkehr

Die Technik dafür gibt es schon. Audi hatte bereits bei der Vorstellung des A8 im Herbst 2017 automatisiertes Fahren nach Level 3 versprochen. Mercedes kündigt Level-3-Autonomie für die kommende S-Klasse an, die 2020 kommt. BMW will 2021 mit dem elektrischen BMW iNext nachziehen. 



Demgegenüber fühlt sich der Status quo noch unfertig an. Viele Autos halten selbständig die Spur und den Abstand zum Vordermann. Im Stau bremsen sie bis zum Stillstand ab und fahren alleine wieder an. Manche Autos verzögern vor Kurven oder Kreisverkehren auf die passende Geschwindigkeit und orientieren sich am Tempolimit. BMW, Mercedes und Tesla können per Blinkertipp die Spur wechseln.

Automatisiert, bis was schief geht

All das funktioniert, bis es kompliziert wird. Verkehrsinseln können zum Hindernis werden, manche Geschwindigkeitsbegrenzungen werden nicht erkannt. Unklare Markierungen, etwa in Baustellen, werfen die Systeme im wahrsten Sinne des Wortes aus der Bahn. Es wartet also noch Arbeit auf die Autohersteller. Auf die Etablierten ebenso  wie auf Tesla. So hat der „Consumer Report“ der aktuellen Version des „Autopilot“ eine deutlich eingeschränkte Fahrtüchtigkeit bescheinigt.

Doch Level 3 muss eben nur in ganz bestimmten Situationen funktionieren. Audi hat den Geschwindigkeitsbereich zwischen 0 und 60 km/h auf der Autobahn – also zähfließenden Verkehr – als Anwendungsfeld für den Level-3-Piloten definiert. Wenn das System in diesem Bereich zuverlässig funktioniert, ist die Zulassung möglich, sobald die Rahmenbedingungen dafür geschaffen sind.

Ein autonom fahrendes Fahrzeug fährt bei der Eröffnung des BMW-Entwicklungszentrums über eine Teststrecke
Quelle: dpa / Picture Alliance Ein autonom fahrendes Fahrzeug fährt bei der Eröffnung des BMW-Entwicklungszentrums «Campus Autonomes Fahren» über eine Teststrecke

Die sind in Arbeit, doch der Gesetzgeber zögerte bisher. Auch weil noch nicht klar war, wie der Nachweis erbracht werden kann, dass die Systeme sicherer fahren als ein Mensch. Autobauer, Zulieferer und Forschungseinrichtungen hatten dafür 2015 das Projekt Pegasus gegründet. In ihm sollten Standards erarbeitet werden, wie Level-3-Assistenten zuverlässig auf ihre Sicherheit überprüft werden können.

Der Staupilot soll bis 130 km/h fahren

Der Abschlussbericht des Pegasus-Projekts liegt seit Mitte Mai 2019 vor. Die Rahmenbedingungen für die Prüfung ob ein System „reif“ ist für die Straßenzulassung sind damit gegeben. Pegasus hat sie am Beispiel eines Autobahn-Piloten entwickelt, der von 0 bis 130 km/h das Steuer übernimmt. Entsprechend zugelassene Systeme würden den Fahrer innerhalb dieser Grenzen aus der Verantwortung nehmen.

Wichtig dabei: Der Autobahn-Chauffeur muss den Fahrer rechtzeitig warnen, wenn er nicht mehr zuverlässig arbeiten kann. Dann muss dem Fahrer genügend Zeit bleiben, um das Steuer zu übernehmen und die Situation zu erfassen. Acht Sekunden dauert das üblicherweise, wie Studien zeigen.

Allerdings gibt es weitere Bedingungen. Alles, was der Fahrzeugführer tut, wird er voraussichtlich auf den Systemen im Fahrzeug tun müssen. Videostreaming auf dem Tablet, eine echte Zeitung oder Whatsapp auf dem Handy werden weiter tabu bleiben. Nur so ist gewährleistet, dass der Fahrer zuverlässig gewarnt werden kann und schnell genug das Steuer übernehmen kann. 

Und vermutlich werden die ersten Systeme noch nicht an die Grenzen des möglichen gehen. Wenn Audi mit einem Staupiloten für Geschwindigkeiten bis 60 km/h spricht, bleibt noch Luft bis zu den 130 km/h, die Pegasus eingeplant hat. Doch dafür müssen die Sensoren weit genug vorausschauen können. Gut möglich, dass die Autobauer konservativ an die Sache herangehen. Genaue Daten kommunizieren sie derzeit noch nicht.

Ein Entwicklungsingenieur  fährt in einem VW Passat B7 bei aktivierter Cruising Chauffeur Funktion
Quelle: dpa / Picture Alliance Ein Entwicklungsingenieur des Automobilzulieferers und Reifenherstellers Continental fährt am 20.06.2017 auf dem Contidrom-Gelände in Wietze-Jeversen (Niedersachsen) in einem VW Passat B7 bei aktivierter Cruising Chauffeur Funktion

Vollautonom und schneller kommt später

Mehr als 130 km/h wird es vermutlich ohnehin nicht autonom geben. Wozu auch: Außer in Deutschland darf man praktisch nirgendwo schneller fahren. Den erhöhten Entwicklungsaufwand und die teureren Sensoren braucht der Weltmarkt nicht, und ob man bei 200 km/h auf der Bahn noch lesen will oder einen Film gucken mag, ist auch zweifelhaft.

Und die volle Autonomie nach Level 5, wenn nicht mal mehr ein fahrtüchtiger Mensch im Auto sitzen muss? Gibt es schon. Als sogenannte „People Mover“ fahren Kleinbusse autonom in Pilotprojekten durch die Gegend. Auf Werksgeländen oder in anderen kontrollierten Umgebungen. Sie bewegen sich allerdings auf fest definierten Routen, eher wie die Tram und nicht wie der eigene Pkw. Bis Autofahrern das Lenkrad im eigenen Privatwagen aus der Hand genommen wird, dauert es noch.



Autonomes Fahren Level 3 in Bildern

  • Zwei autonom fahrende Fahrzeuge überholen sich auf dem Testgelände des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt
    Quelle: dpa / Picture Alliance Zwei autonom fahrende Fahrzeuge überholen sich auf dem Testgelände des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt
  • Testingenieur Dennis Scholl fährt in einem Auto mit dem von Continental entwickelten System «Cruising Chauffeur»
    Quelle: dpa / Picture Alliance Testingenieur Dennis Scholl fährt in einem Auto mit dem von Continental entwickelten System «Cruising Chauffeur» über die Autobahn A2
  • Ein selbstfahrendes Auto des Forschungszentrumes Informatik fährt autonom im Straßenverkehr
    Quelle: dpa / Picture Alliance Ein selbstfahrendes Auto des Forschungszentrumes Informatik fährt während der Eröffnung des "Testfelds Autonomes Fahren" mit zwei Entwicklern autonom im Straßenverkehr
  • Ein autonom fahrendes Fahrzeug fährt bei der Eröffnung des BMW-Entwicklungszentrums über eine Teststrecke
    Quelle: dpa / Picture Alliance Ein autonom fahrendes Fahrzeug fährt bei der Eröffnung des BMW-Entwicklungszentrums «Campus Autonomes Fahren» über eine Teststrecke
  • Ein Entwicklungsingenieur  fährt in einem VW Passat B7 bei aktivierter Cruising Chauffeur Funktion
    Quelle: dpa / Picture Alliance Ein Entwicklungsingenieur des Automobilzulieferers und Reifenherstellers Continental fährt am 20.06.2017 auf dem Contidrom-Gelände in Wietze-Jeversen (Niedersachsen) in einem VW Passat B7 bei aktivierter Cruising Chauffeur Funktion