Filmgenuss hinter der Windschutzscheibe

Das Autokino: Geschichte, Deutschland-Übersicht, Kontaktadressen

Motor aus, Film ab: Das Autokino wird 60 Jahre alt. Auch in Corona-Zeiten öffnen manche Spielstätten für motorisierte Movie-Fans.

  • Haiko Prengel
  • Veröffentlicht am 04/21/2020, 03:02 PM
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Quelle: Picture Alliance Erfunden wurde das Autokino in den 1930er Jahren in den USA

Der "Gemini Man" zieht immer noch Zuschauer an, der Blockbuster mit Will Smith läuft bereits in der 29. Woche. Oder wie wär's mit dem Horror-Thriller „Countdown“? Im Autokino Essen flimmern auch in Corona-Zeiten täglich Filme über die Leinwand.

Während normale Kinos krisenbedingt derzeit geschlossen haben, dürfen die deutschen Autokinos nämlich öffnen – zumindest in den meisten Bundesländern. Für die Betreiber, aber auch für Fans des motorisierten Kino-Besuchs ist das ein besonderer Grund zum Feiern. Das Autokino in Deutschland wird im Jahr 2020 nämlich 60 Jahre alt. Und war zwischenzeitlich fast vergessen. Während der Corona-Krise steigt das Interesse wieder – klar, alle anderen Kinos sind geschlossen. Wo es in Deutschland Autokinos gibt, was sie zeigen und wann sie öffnen, steht in unserem Überblick.

Vor 60 Jahren flimmert der erste Streifen auf der Leinwand

Zuerst aber die Rückblende: Am 31. März 1960 wird in Gravenbruch bei Frankfurt am Main das erste Lichtspielhaus für Autofahrer eröffnet. „Der König und ich“ mit Yul Brunner und Deborah Kerr steht auf dem Programm, der Eintritt kostet 2 Mark und 75 Pfennig. Um etwas zu hören, klemmen sich die Besucher damals Lautsprecher an die Seitenscheibe. Die neue Attraktion lockt zahlreiche Besucher an – allein in den ersten fünf Monaten kommen über 250.000 Cineasten.

Den Gravenbrucher Freilicht-Filmsaal gibt es immer noch, zusammen mit bundesweit gut 20 anderen Autokinos. Manche Spielstätten spielen ganzjährig, andere haben während der Corona-Pandemie spontan eröffnet, weil reguläre Filmsäle schließen mussten. Auch Familien mit Kindern werden eingelassen. Denn hinter geschlossenen Autotüren ist das Ansteckungsrisiko gering.


BMW 1602 in der Ansicht von vorne-links, stehend
Oldtimer von BMW

1929 rollt BMWs erstes Serienautomobil mit dem Namen "DA 2" vom Band.


Meterhohe Leinwände, Sound aus dem Autoradio

Das „DRIVE IN“ in Essen etwa hat für die Corona-Zeit eine Sondergenehmigung von der Stadt erhalten. Auch wenn die Filmvorführungen in der Ruhrgebietsstadt eigentlich Großveranstaltungen sind. Bis zu 1.000 Pkw passen auf den riesigen Parkplatz des „DRIVE IN“. Damit alle etwas sehen können, ist die Leinwand 15 Meter hoch, die Lichtleistung des digitalen 2D-Projektors beträgt 7.000 Watt.

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Quelle: Picture Alliance Deutschlandweit gibt es etwa 20 Autokinos

Für den richtigen Durchblick ist wichtig, dass man vor dem Filmstart die Windschutzscheibe ordentlich säubert. Der Sound kommt heute in der Regel über das Autoradio. Die Kinobetreiber stellen dafür eine bestimmte UKW-Frequenz zur Verfügung, die man auf dem Autoradio einstellt.

Erfahrene Autokino-Besucher kommen früh auf das Gelände, um die besten Stellplätze zu ergattern. Wer die Leinwand direkt vor der Frontscheibe hat, muss nicht an der A-Säule vorbeilinsen. Manche parken aber rückwärts ein. Im Familien-Van oder -Kombi kann man sich mit den Liebsten auf die Ladefläche lümmeln und sich den Streifen gemeinsam durch die Heckscheibe anschauen.



Popcorn-Krümel muss man selbst wegsaugen

Das Schöne am Autokino: Nerviges Geplapper von Sitznachbarn gibt es nicht, es sei denn, die eigenen Autoinsassen quatschen zu viel. Günstiger als ein regulärer Kino-Besuch ist der Besuch im Autokino auch. Popcorn, Nachos und Softdrinks muss man sich nicht teuer an der Bar kaufen (auch wenn das natürlich möglich ist). Man kann sie sich von zu Hause mitbringen. Nur die Krümel saugt später nicht das Kino-Personal von den Sitzen – das muss man schon selbst machen.

Erfunden wurde das Autokino bereits in den 1930er-Jahren in den USA. Die meisten Deutschen sind bis in die Nachkriegszeit noch mit dem Fahrrad oder allenfalls mit dem Motorrad unterwegs. In den Vereinigten Staaten beginnt die automobile Massenmotorisierung hingegen viel früher. Das erste Auto vom Fließband ist 1913 das „Model T“ von Ford.

Autokinos werden in den USA erfunden

Das erste Autokino öffnet im Jahr 1933 in Camden im US-Bundesstaat New Jersey. Damals sind noch Stummfilme üblich, in Camden kommen die Autofahrer bereits in den Genuss von Ton. Der wird über drei große Lautsprecher übertragen, sodass auch auf den hinteren Rängen etwas zu hören ist. Die Bilder laufen nicht über eine Leinwand, sondern werden auf eine große weiße Steinmauer projiziert.

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Quelle: Picture Alliance Deutschlandweit gibt es etwa 20 Autokinos

Schon dieses Premierenkino bietet 335 Fahrzeugen Platz. In den Folgejahren eröffnen immer mehr Autokinos in den USA. Ende der Fünfziger zählt das Land rund 4.000 Freilicht-Filmsäle. Damals und bis in die 1960er-Jahre hat das Autokino in den Staaten regelrechten Kultstatus. Die Amerikaner lieben es, mit ihren Straßenkreuzern in die Movie-Drive-ins zu cruisen. Gerade Pärchen schätzen die abendliche Romantik, zumal öffentliches Knutschen nicht gern gesehen wird.

Auf der Leinwand ein Western, davor unzählige VW Käfer

Auch das älteste deutsche Autokino in Gravenbruch stammt aus dieser Zeit. Ein historisches Foto zeigt, wie ein amerikanischer Western über die Leinwand flimmert. Davor stehen zig VW Käfer, aufgelockert von wenigen anderen Pkw-Modellen.

Die Spielstätte in Gravenbruch wird bis heute gerne und oft besucht – jedes Jahr kommen Zehntausende Besucher. Bundesweit erzielten die deutschen Autokinos in den vergangenen Jahren deutliche Zuwächse. Allein 2017 wurden 313.445 Tickets verkauft, ein Plus von 15,2 Prozent, wie aus Zahlen der Filmförderungsanstalt (FFA) hervorgeht. Der Umsatz stieg um 20 Prozent auf gut 2,6 Millionen Euro.

Autokino und Corona: Nicht alle dürfen öffnen

Im Frühjahr 2020 sind einige Spielstätten wegen der Coronavirus-Krise geschlossen. Andere Häuser dagegen dürfen öffnen, etwa in Essen oder Stuttgart. Auch das Gravenbrucher Autokino darf seine Tore seit dem 20. April wieder öffnen. Doch der Spielbetrieb in den Autokinos ist nur unter Auflagen gestattet: Die Snackbar ist geschlossen, Karten gibt es nur im Vorverkauf und nicht an der Abendkasse. Um das Infektionsrisiko gering zu halten, werden die Tickets durch die geschlossene Seitenscheibe gescannt. In Gravenbruch etwa dürfen maximal zwei Erwachsene im Auto sitzen. Dazu Kinder bis 14 Jahre. 

Dabei schwärmen insbesondere Cabriolet-Fahrer von der besonderen Atmosphäre, die normalerweise in einem Autokino herrscht. Fans hoffen daher, dass sich der Corona-Erreger bald wieder verzieht und zum Jubiläumsjahr alle deutschen Autokinos wieder öffnen können – auch um die teils hohen Unterhaltskosten zu finanzieren.


Renault Espace
Mit der Familie sicher unterwegs

Familienautos sollten viel Platz bieten und Sicherheit für alle Insassen.


Viele Autokinos haben technisch aufgerüstet

Immerhin rüsteten viele Autokinos in den vergangenen Jahren technisch auf, um den Multiplex-Kinos mit ihren hochwertigen 3-D- und Dolby-Surround-Anlagen Paroli zu bieten. In Köln-Porz etwa testeten die Autokino-Betreiber einen neuen Laserprojektor. Statt eines Xenon-Kolbens sollen einzelne Laserlichter mit 400 Watt für einen helleren und deutlich schärferen Film sorgen.

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Quelle: Picture Alliance Auch im Winter muss man auf das Autokino nicht verzichten. Dann verteilen die Betreiber externe Heizgeräte an die Kinobesucher

Auch in der kalten Jahreszeit müssen sich Autokino-Besucher keine Sorgen machen. Die meisten Spielstätten versorgen die Zuschauer dann mit externen Heizgeräten. So muss man nicht die ganze Zeit den Motor anlassen, um angenehme Temperaturen im Innenraum zu haben. Wer es gerne mollig warm mag, bringt sich am besten noch eine kuschelige Decke mit. Denn auch im Frühling kann es abends noch frisch werden.

Im „DRIVE IN“ in Essen sind die nächsten Blockbuster schon geplant. James Bond will zurück auf die Leinwand, der neue Steifen heißt „Keine Zeit zum Sterben“. Und in „Fast & Furious 9“ gibt es wieder heiße Auto-Action. Wem die Film-Karren zu schnell sind, der kann sich beim Zuschauen ja anschnallen.



Übersicht: Autokinos in Deutschland

Allein die DRIVE-IN-Kette betreibt in Deutschland fünf Autokinos. Neben Essen und Gravenbruch bei Frankfurt/Main gibt es Aufführungsorte in München, Stuttgart und Köln-Porz. Um zu sehen, ob Dein nächstgelegenes Autokino geöffnet ist, informierst Du Dich am besten auf der Homepage des Betreibers.

Weitere Autokinos findest Du in:



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