Unterwegs mit dem Kfz-Gutachter

Gutachten beim Gebrauchtwagenkauf: Ratgeber und Reportage

Und dann waren da noch die Hydrostößel

Beim Gebrauchtwagenkauf lauern Fallstricke. Viele Defekte sind für Laien nicht erkennbar. Ein Gutachten kann helfen. Wir haben einen Profi-Prüfer begleitet.

23. September 2014

„Das ist bestes Autoverkäufer-Wetter”, lacht der Autohändler auf dem Hinterhof im Berliner Stadtteil Neukölln. Niemand hat an diesem nasskalten Herbstnachmittag Lust, sich in Ruhe einen Gebrauchtwagen anzusehen – oder sich gar darunter zu legen. Rainer Goletz kniet sich trotzdem auf den nassen Betonboden, um den Unterboden der Mercedes E-Klasse zu inspizieren. „Dafür sollte man sich nicht zu fein sein”, sagt er und lugt unter das massige Heck des T-Modells. „Das Hinterachs-Differenzial schwitzt ein wenig”, diagnostiziert der Kfz-Meister.

Goletz ist Gutachter der Hüsges-Gruppe. Die Sachverständigen-Organisation mit Sitz im rheinischen Willich prüft im Kundenauftrag bundesweit Gebrauchtwagen, Oldtimer und Unfallwagen auf deren Zustand. Rund 190 festangestellte Kfz-Gutachter sind zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen für Hüsges unterwegs. Die Gutachter sind offizieller Partner von mobile.de.

Rainer Goletz guckt sich einen Mercedes 420 T an, der bei mobile.de für verlockende 5.500 Euro zum Verkauf steht. Nur ein Bruchteil dessen, was der Super-Kombi mit 279 PS aus acht Zylindern im Jahr 1996 gekostet hat. Der 420er war vor 20 Jahren das Topmodell der E-Klasse.

Ist er auch heute noch sein Geld wert? Auf den ersten Blick schon. Der Benz mit Avantgarde-Ausstattungslinie ist weitgehend scheckheftgepflegt, die Historie nachvollziehbar. Die letzte Hauptuntersuchung bestand der Wagen vor ein paar Monaten ohne Mängel. Und rostfrei soll er laut Händler auch sein.

 

 
 

 

Für das Alter: "Guter Eindruck"

Da hat Goletz schon ganz andere W210 gesehen: „Rost ohne Ende”, berichtet der Kfz-Gutachter.Türunterkanten, Schweller, Radläufe, Kotflügel – an einem 210er können praktisch alle Blechteile gammeln. Daimler hatte damals enorme Probleme beim Korrosionsschutz, die Karosserieteile fingen mitunter schon bei Jahreswagen an zu blühen. Entsprechend schlecht ist der Ruf der Baureihe.

Bei diesem 420 T scheint alles in Ordnung: Bis auf kleine Stellen an Heckklappe und rechter Tür hat der Wagen keine sichtbaren Rostschäden. Auch sonst wirkt der Kombi gepflegt: Der Regen perlt am polierten Lack ab. Der Innenraum wirkt nicht verwohnt mit seinen edlen Ledersitzen (Sonderausstattung „Designo”). Auf dem Tacho stehen erst 178.000 Kilometer, der Motor springt prompt an.

„Das Auto macht für sein Alter einen sehr guten Eindruck”, konstatiert Fachmann Goletz. Eine genauere Untersuchung des Motors und eine Probefahrt stehen allerdings noch aus. Danach wird Goletz seine Meinung ändern.
 

Gutachter: Wozu eigentlich?

Warum sollte man einen Kfz-Gutachter mitnehmen zum Gebrauchtwagenkauf? Dafür gebe es mehrere Argumente, erklärt Christian Rassat, bei der Hüsges-Gruppe zuständig für den Bereich Controlling. Zum einen kennt sich nicht jeder mit Autos aus. Rostige Radläufe oder abgefahrene Reifen mag ein Laie zwar sehen.

"Aber viele andere Defekte sind nicht so einfach zu erkennen, dafür braucht es einen neutralen Fachmann”, erklärt Rassat. Eine mangelhafte Bremsanlage zum Beispiel: Beim 420 T entdeckt der Gutachter, dass die vorderen Bremsen mehr als fällig sind. Oder Unfallschäden: Wenn Spachtel- und Lackierarbeiten gut gemacht sind, dann sieht man Vorschäden nicht auf Anhieb. Dafür braucht es schon Fachwissen und Ausrüstung.

Wie bei dem Sportwagen, den sich Rainer Goletz an diesem kalten Herbstnachmittag in Berlin-Wedding ansieht. Noch ein Mercedes: Der SL 350 mit 272 PS starkem Sechszylinder von 2008 wirkt optisch wie aus dem Ei gepellt. Doch als Goletz sein Lackschichtmessgerät an die Karosserie des Cabriolets hält, kommt die überlackierte Vergangenheit ans Licht.

Rechter Kotflügel, linke Tür, beide Seitenwände und die Heckklappe: Der SL wurde an mehreren Stellen großflächig nachlackiert. In den Unterlagen zu dem Wagen ist von diesen Schäden nichts zu lesen.

Auch der ADAC rät Gebrauchtwagen-Interessenten, einen neutralen Fachmann zu einer Fahrzeugbesichtigung mitzunehmen. Das Risiko, bei fehlender Fachkenntnis ein "schlechtes Exemplar zu erwischen", könne man grundsätzlich nur durch die Einbeziehung eines Kfz-Experten reduzieren, erklärt Deutschlands größter Automobilclub.

Der ADAC bietet selbst ebenfalls Gebrauchtwagenuntersuchungen an, Adressen gibt es unter www.adac.de. Auch andere Sachverständigen-Organisationen wie TÜV, Dekra oder GTÜ sind mögliche Anlaufstellen. Die Preise variieren je nach Prüfumfang und bewegen sich meist zwischen 80 und 100 Euro.
 

Grundlage für Verhandlungen

Diesmal sind die Prüfbedingungen ideal. Gutachter Goletz kann den 350 SL in einer beheizten Halle auf die Hebebühne stellen. Bremsleitungen, Achsgeometrie, Hardyscheibe, Katalysatoren und Auspuffanlage - unten herum ist alles in Ordnung. Auch der Motor (auf dem Digitaltacho stehen knapp 125.000 Kilometer) ist trocken.

Die 285er-Breitreifen haben genug Profil und sind von Dunlop. Für Goletz ein gutes Zeichen, denn bei Reifen wird gern gespart. „Die Leute wollen gerne ein tolles Auto fahren, aber dann fehlt manchmal das Geld, um es auch zu unterhalten.”

Goletz wird dem Mercedes SL am Ende einen guten Zustand bescheinigen. Technisch ist der Wagen gut in Schuss. Die Lackierarbeiten wurden fachmännisch gemacht und sehen eher nach Kosmetik als nach Vertuschung aus. Für den Gutachter gibt es keine Indizien auf einen schweren Unfallschaden.
 

Die Hydrostößel trüben das Bild

Der Kaufinteressent ist dennoch skeptisch. „Vier Hauptteile am Fahrzeug nachlackiert – das wirft doch Fragen auf”, sagt der mobile.de-Nutzer aus Hessen. Immerhin hat er durch das Experten-Gutachten Spielraum zum Handeln. Knapp 27.000 Euro soll der Benz kosten, aber der Kaufinteressent geht davon aus, dass der Händler heruntergehen wird. Dann wären die 99 Euro für das Gutachten gut investiert.

Und der „rostfreie” E 420 T in Neukölln? Als sich der Achtzylinder warmgelaufen hat, zeigt sich doch ein Riss im hübschen Bild, das der Autohändler gezeichnet hat. Im Motorlauf macht sich ein helles Klappern bemerkbar. Bei höheren Drehzahlen wird es schneller, man hört es sogar durch die gut gedämmte Außenhaut des Daimlers.

Kfz-Gutachter Goletz hat die Hydrostößel im Verdacht. Die Überbrückungsstücke für den Ölfluss sind aus Plastik und können im Alter kaputtgehen. Oder die Verschlussstopfen fallen ab. Dadurch bekommt der Hydrostößel kein Öl und schlägt ungeschmiert auf der Nockenwelle auf – daher das metallische Klackern.

„Da sollte man schnellstmöglich etwas machen”, rät Goletz und beendet seine Probefahrt. Andernfalls könne der Defekt Folgeschäden für die Nockenwelle nach sich ziehen. Lohnen würde sich die Reparatur, denn Goletz bescheinigt dem 420er ansonsten einen ordentlichen Zustand. Noch ein, zwei Jahre - dann werden die Top-Modelle der lange verschmähten 210er-Baureihe begehrte Youngtimer sein. Sofern sie keine Rostlauben mit Wartungsstau sind.
 

Ratgeber: Fallstricke beim Gebrauchtwagenkauf

Wir haben den Gutachter gefragt: Worauf kann auch der Laie beim Autokauf achten? Hier die elf Tipps des Prüf-Profis:

  • Fahrzeughistorie prüfen. Gebrauchtwagen ohne dokumentierte Vergangenheit können böse Überraschungen bergen. Also die Eintragungen im Serviceheft überprüfen: Sind sie mit verschiedenen Stiften/Schriften gemacht? Oder gibt es Hinweise auf ein „nachträglich“ ausgefülltes Serviceheft?
  • Wer hat repariert und gewartet? Wenn die Arbeiten in einer Vertragswerkstatt durchgeführt wurden, erhöht das den Fahrzeugwert. Sind entsprechende Stempel vorhanden?
  • Tachobetrug: Der Zählerstand wird oft manipuliert, Scheckhefte gibt es gefälscht auf dem Schwarzmarkt. Passt das Verschleißbild an Lenkrad, Pedalerie und Schaltknauf/Wählhebel zur Laufleistung?
  • Reifenzustand: Seitlich abgefahrene Reifen können, wenn der Luftdruck korrekt eingestellt ist, ein Hinweis auf einen Achsschaden sein. Das Gleiche gilt für angefahrene Reifen und Felgen.
  • Reifenmarke: Gerade bei höherwertigen Fahrzeugen können die Pneus eine Menge über den Vorbesitzer verraten. Sind Markenreifen montiert? Dies ist ein Hinweis darauf, ob der Fahrzeugunterhalt bezahlt werden konnte, oder ob möglicherweise am falschen Ende gespart wurde.
  • Warnleuchten: Gehen nach dem Einschalten der Zündung alle Kontrollleuchten an und anschließend wieder aus? Bei einem Fehler (zum Beispiel bei der Beleuchtung oder bei elektronischen Assistenzsystemen) bleibt die jeweilige Kontrolllampe aktiv.
  • Rost: Je älter ein Auto, desto wahrscheinlicher sind Probleme. Auch moderne Fahrzeuge können gammeln, etwa nach Unfallschäden. Beim Karosseriecheck auch im Innenraum nachsehen und den Kofferraumboden anheben: Sind hier Reparaturspuren zu sehen?
  • Kleine Macken, hoher Preis: Gibt es Steinschlagschäden oder Risse in der Windschutzscheibe und Verglasung? Das kann schnell teuer werden, wenn moderne Assistenzsysteme verbaut sind.
  • Blick in den Motorraum: Sind irgendwo Ölaustritte erkennbar? Sind am Peilstab und/oder am Öleinfüllstutzen Ablagerungen erkennbar, tritt Ölschleim aus?
  • Elektrik überprüfen ist mühsam, aber lohnt sich: Die Überprüfung aller elektrischen Funktionen (Licht, Gebläse, Fensterheber, elektrische Sitze etc.).
  • Wie sieht der Lack aus? Farbunterschiede in der Lackierung können auf Vorschäden hinweisen. Deshalb sieht man sich einen Gebrauchtwagen gewaschen und im Freien bei guten Lichtbedingungen an.
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Text: Haiko Prengel | Bildmaterial: aufblenden.de für MOTOR-TALK.de