Das zweite Leben des “ewigen Defender”

Land Rover Defender II (2020): Neuvorstellung

Land Rover legt den Defender neu auf: Die zweite Ausgabe des Offroad-Klassikers ist eher Neuinterpretation als Retro-Modell. Wir haben alle Details.

  • Sven Förster
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  • Veröffentlicht am 09/10/2019, 12:00 AM
  • Aktualisiert am 10/24/2019, 12:08 PM
Mit der optionalen Luftfederung lässt sich die Karosse um 75 Millimeter anheben
Quelle: Land Rover Mit der optionalen Luftfederung lässt sich die Karosse um 75 Millimeter anheben

Land Rover legt das Kernmodell neu auf. Ein langwieriger Prozess, denn: Beim ersten Defender ging es um handfeste Dinge. Echte Steigfähigkeit, Non-Konformität und hohe Lasten. Stets ergänzt um die Coolness, einen eigentlich Jahrzehnte alten Offroader durch die Gegenwart zu steuern. Kein SUV. Einen Geländewagen.

Man kann versuchen, dieses Flair über den Modellwechsel zu retten. So macht es ja die Konkurrenz: Mercedes erlaubt der neuen G-Klasse wenig optische Eigenständigkeit, sogar die interne Bezeichnung bleibt gleich. Jeep führt im Wrangler JL von 2018 die Traditionen seiner Vorgänger fort. Wem das zu hart ist, der bekommt auch ein geländegängiges SUV. Eine valide Herangehensweise.

Land Rover geht die Retro-Thematik anders an. Der zweite Defender ist eine Neuinterpretation der 2016 eingestellten Legende, keine verspätete Fortführung der Reihe. Dieser Landi zitiert die Formensprache des knapp siebzig Jahre lang erhältlichen Vorgängers nur. Er kopiert sie aber nicht.

Außerdem ist technisch vieles anders. Der Leiterrahmen entfällt, dafür kommt Elektrifizierung ins Auto. Keine Frage, dass manche Hardcore-Fans das mitunter kritisch kommentieren werden - doch ihre Meinung vielleicht ändern, wenn der Defender II abliefert wie angekündigt: Er soll alles besser können als sein Vorgänger, auf und abseits der Straße.

Defender 110 und 90: Zwei Karossen erhältlich

Die klassische Form des Defender hatte keine Chance beim neuen Modell. Seine Karosserie ist nicht mit den aktuellen Bestimmungen zum Fußgängerschutz vereinbar. Immerhin: Der Defender bleibt in zweiter Generation relativ kantig. Das steil abfallende Heck und die gewölbten Fenster an der Seite des Daches sind noch da. Ein schöner Gruß an die Tradition. Insgesamt sieht er dann aber doch ganz anders aus.

Wie gehabt bietet Land Rover mehrere Karosserievarianten an. Zum Marktstart Anfang 2020 kommt der fünftürige Defender 110. Die Nummern-Bezeichnung hat historische Gründe, sie nannte einst den Radstand in Zoll. Beim neuen Defender 110 liegen mehr als drei Meter zwischen den Radnaben. Das sind eigentlich 119 Zoll, aber das klingt doof.

Der Defender 90 startet im Sommer 2020. Der Defender 110 kommt bereits Anfang 2020 zu den Händlern
Quelle: Land Rover Der Defender 90 startet im Sommer 2020. Der Defender 110 kommt bereits Anfang 2020 zu den Händlern

Insgesamt streckt er sich auf 5,02 Meter Länge. Die kurzen Überhänge ermöglichen Böschungswinkel von 38 Grad vorne und 40 Grad hinten. Der Rampenwinkel beträgt 28 Grad. In der zweiten Karosserievariante überwindet der Defender noch spitzer geformte Gipfel: Bis zu 31 Grad beträgt der Rampenwinkel des kürzeren Defender 90.

Der Dreitürer in (ungefähren) Kompaktklassen-Abmessungen kommt planmäßig im Sommer 2020 zu den Händlern. Beide Varianten dürfen das gesetzlich denkbare Maximum von 3.500 Kilogramm ziehen, außerdem bis zu 900 Kilogramm zuladen. Und für beide gilt: Sie werden deutlich breiter als der Alte. Das spürt man vor allem im Innenraum, denn hier sitzt es sich endlich bequem. Nicht dass sich das ein echter Offroader sowas wünschen würde. Toll ist es trotzdem.

Den Vorgänger gab es zusätzlich in einer 130er-Version. Für den neuen bestätigte Land Rover die Langversion noch nicht, doch langfristig dürfte die dritte Karosserievariante kommen. Luxus ist mittlerweile ein wichtiges Thema für das einst so rustikale Auto.

Jetzt vielleicht öfter unterwegs nach “anywhere”

Sämtliche Defender II bauen auf der neu entwickelten DX7-Bodengruppe auf. Die Briten bezeichnen die Struktur als Aluminium-Monocoque – und sprechen von der verwindungssteifsten Plattform der Markengeschichte. Die Mitarbeiter im slowakischen Nitra-Werk verbauen eine integral-Hinterachse, vorne setzt man Doppelquerlenker ein.

Defender erster Generation kommen mit Leiterrahmen. Viele dieser Exemplare tragen den „Go anywhere“-Sticker am Heck. Von „all the time“ hat keiner was gesagt. Denn als Alltagsauto für längere Onroad-Fahrten eignet er sich mäßig. Der Nachfolger soll auf geteerter Straße mehr Spaß machen, verspricht der Hersteller. Bedeutet: Er fährt hier endlich so, wie man es von einem modernen Auto erwartet.

Die Fahrprogrammauswahl “Terrain-Response” wird zumindest einen entsprechenden Modus kennen. Für viele Kunden wohl das häufigste Programm. Die meisten Einstellungen betreffen dennoch den Gelände-Einsatz. Für die Arbeitsweise von Allradstrang und Fahrwerk gibt es mehr Justierungs-Optionen als in den aktuell erhältlichen Heavy-Offroadern Discovery und Range Rover.

Allradsystem des Defender II: Sperre und kurze Untersetzung

Optional bietet Land Rover eine Luftfederung an. Im Offroad-Modus hebt sie die Karosse um 75 Millimeter an. Wird das Gelände richtig rau, lässt sich die Bodenfreiheit um weitere sieben Zentimeter erhöhen. Sie beträgt dann 29,4 Zentimeter. In diesem Setting befindet sich der Aufbau auch, wenn der Fahrer den Wat-Modus aktiviert. Außerdem drosselt das System bei Wasserdurchfahrten die Gasannahme, stellt die Lüftung auf Umluft. Bis zu 90 Zentimeter tiefe Wasserflächen soll der Land Rover so durchqueren können.

Im Wat-Modus durchquert der Defender bis zu 90 Zentimeter tiefe Gewässer
Quelle: Land Rover Im Wat-Modus durchquert der Defender bis zu 90 Zentimeter tiefe Gewässer

Ganz schön urig. Und ganz schön modern, denn dem Fahrer wird diese Information auf einem 10-Zoll-Display serviert. Alternativ lässt sich hier das Gelände unterhalb des Autos einblenden. Die „unsichtbare Motorhaube” (intern Clear Sight) debütierte bereits im kompakten Evoque.

Das Allradsystem des Defender ist enger mit jenen von Discovery und Range Rover verwandt. Sämtliche Varianten verfügen über eine Achtgang-Wandlerautomatik mit kurzer Geländeuntersetzung. Das mittlere Differenzial lässt sich sperren. Gegen Aufpreis bietet Land Rover ein Sperrdifferenzial mit zwei Lamellen-Kupplungen für die Hinterachse. Die Kraft lässt sich dann gezielt leiten.

Plug-In-Hybrid für den Defender II (2019)

Zum Marktstart gibt es einen Diesel in zwei Leistungsstufen und zwei Benziner. Der Selbstzünder mit 2,0 Litern Hubraum und zwei Turboladern leistet 200 oder 240 PS. Top-Aggregat ist ein 3,0 Liter Turbobenziner mit 400 PS. Der Reihensechszylinder kommt mit 48-Volt-Bordnetz, Riemen-Startergenerator und elektrischem Verdichter.

Darunter bietet Land Rover einen 2,0-Liter-Turbobenziner mit 300 PS. Ende 2020 wird dieses Aggregat Unterstützung von einem E-Motor erhalten. Außerdem einen an der Steckdose aufladbaren Akku. Für den Defender Plug-In-Hybrid kündigt Land Rover eine Systemleistung im Bereich von rund 400 PS an.

Innenraum: Rustikal, selbstverständlich

Bestellbar ist der fünftürige Defender 110 ab sofort. Die Preise starten bei 55.900 Euro. Tarife für den folgenden Defender 90 werden knapp unterhalb der 50.000 Euro-Marke beginnen. Zum Basispreis steckt jeweils der kleinste Diesel im Motorraum. Vorsichtige Prognose: Die Auswahl des Ausstattungspaketes beansprucht für Interessenten mehr Zeit als die Antriebskonfiguration.

Land Rover weiß, dass Defender-Käufer nach Individualisierungsmöglichkeiten suchen. Hier geht es nicht um belederte Lüftungsdüsen, sondern um Seilwinden, Leiter-Konstruktionen, Dachzelte (bis zu 300 Kilogramm statische Dachlast). Insgesamt 170 Optionen soll es geben. Kombinieren lassen die sich weitgehend beliebig. Die Pakete Adventure, Country, Explorer und Urban bilden mögliche Ausgangspunkte.

Eine weitere Wahlmöglichkeit: Ob man in der ersten Sitzreihe die Mittelkonsole mit Getränkehalter und Ablagefach, einen umklappbaren dritten Sitz oder stattdessen eine freie Fläche bevorzugt. Für den Defender 110 gibt es außerdem eine optionale dritte Sitzreihe. Dann entfällt allerdings die Möglichkeit für den Stuhl zwischen Fahrer und Beifahrersitz. Heißt: Fünf, sechs oder sieben Sitzplätze sind denkbar.

Den Innenraum gestaltet Land Rover in jedem Fall rustikal. Den gummierten Boden kann man bei Bedarf mit dem Gartenschlauch reinigen. Fond-Passagiere finden ebenso großzügige Kopffreiheit vor wie der Beifahrer, allerdings gibt es für den mehr Möglichkeiten zum Festhalten. Die gehören fest zum Defender und tragen sogar einen sehr speziellen Namen.

Beruhigend wirken die “Oh-Shit-Handles” wohl allemal, wenn man mit dem Defender II durchs Gelände chauffiert wird. Denn Land Rovers zurückgekehrtes Kernmodell bleibt eben ein echter Offroader. Außerdem nonkonform, irgendwie. Denn wie gesagt: Im ausnehmend kleinen Segment der ewigen Offroader wagten die Konkurrenten beim Modellwechsel zuletzt weniger Veränderung.



Land Rover Defender II 110 (2020): Technische Daten

  • Modell: Land Rover Defender 110 (Fünftürer)
  • Motoren: 2,0-Liter-Vierzylinder-Diesel, 2,0-Liter-Vierzylinder-Benziner oder 3,0-Liter-Sechszylinder-Benziner
  • Leistung: 200 PS (147 KW) bis 400 PS (294 KW)
  • Drehmoment: 400 bis 550 Nm
  • Antrieb: Allrad, 8-Gang-Automatik mit kurzer Gelände-Untersetzung
  • Geschwindigkeit: bis zu 208 km/h
  • Verbrauch: antriebsabhängig 7,7- 10,2 l/100 km
  • CO2-Ausstoß: antriebsabhängig 204 -234 g/km
  • Länge: 5.022 mm
  • Höhe: 1.967 mm
  • Breite 2.105 mm (inkl. Außenspiegel)
  • Radstand: 3.022 mm
  • Kofferraumvolumen: bis zu 1.946 Liter
  • Gewicht: ab 2.261 kg
  • Preis: ab 55.900 Euro
  • Marktstart: Anfang 2020

Der Land Rover Defender II in Bildern

  • Mindestens 55.900 Euro verlangt Land Rover für den Defender
    Quelle: Land Rover Mindestens 55.900 Euro verlangt Land Rover für den Defender
  • Mit der optionalen Luftfederung lässt sich die Karosse um 75 Millimeter anheben
    Quelle: Land Rover Mit der optionalen Luftfederung lässt sich die Karosse um 75 Millimeter anheben
  • Der Defender 110 streckt sich auf 5,02 Meter Länge
    Quelle: Land Rover Der Defender 110 streckt sich auf 5,02 Meter Länge
  • Später kommt ein Plug-In-Hybrid dazu. Etwa 400 PS soll dieser laut Land Rover leisten
    Quelle: Land Rover Später kommt ein Plug-In-Hybrid dazu. Etwa 400 PS soll dieser laut Land Rover leisten
  • Im Wat-Modus durchquert der Defender bis zu 90 Zentimeter tiefe Gewässer
    Quelle: Land Rover Im Wat-Modus durchquert der Defender bis zu 90 Zentimeter tiefe Gewässer
  • Der Defender kommt auf eine maximale Bodenfreiheit von 29,4 Zentimetern
    Quelle: Land Rover Der Defender kommt auf eine maximale Bodenfreiheit von 29,4 Zentimetern
  • Der Defender 90 startet im Sommer 2020. Der Defender 110 kommt bereits Anfang 2020 zu den Händlern
    Quelle: Land Rover Der Defender 90 startet im Sommer 2020. Der Defender 110 kommt bereits Anfang 2020 zu den Händlern
  • Der Innenraum bleibt rustikal. Wie es sich für einen echten Offroader gehört
    Quelle: Land Rover Der Innenraum bleibt rustikal. Wie es sich für einen echten Offroader gehört
  • Optional gibt es eine weitere Sitzgelegenheit zwischen Fahrer- und Beifahrersitz
    Quelle: Land Rover Optional gibt es eine weitere Sitzgelegenheit zwischen Fahrer- und Beifahrersitz
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