Das erste Elektroauto ist viel älter als Du vermutlich denkst

Erste Elektroautos: Wie die Elektromobilität ihren Anfang nahm

Elektromagnetismus, Gleichstrommotoren und Bleiakkumulatoren: Diese Erfindungen des 19. Jahrhunderts ebneten den Weg für die ersten Elektroautos. Elektrofahrzeuge gab es bereits vor der Jahrhundertwende. Sie waren schneller und komfortabler als Kutschen und Benzinautos. Allerdings hielt der Trend nur wenige Jahre – nämlich so lange, bis Benzinautos schneller und günstiger wurden.

    0
  • Veröffentlicht am 10/24/2019, 12:07 PM
Milchlaster waren eine der wenigen Bereiche in denen sich Elektroautos nach Erfindung des elektrischen Zünders halten konnten.
Quelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com Milchlaster waren eine der wenigen Bereiche in denen sich Elektroautos nach Erfindung des elektrischen Zünders halten konnten

Jedes zweite Fahrzeug auf den Straßen New Yorks ist ein Elektroauto. Taxis summen elektrisch angetrieben über die Straßen. Eine Zukunftsvision? Nicht unbedingt, denn solch ein Szenario gab es bereits zur Jahrhundertwende um 1900. Elektroautos waren damals im Trend. Das lag nicht nur daran, dass sie deutlich leiser waren. Ein weiterer Vorteil: Die Elektroautos musste man, anders als die Verbrennungsmotoren, nicht mühsam mit der Kurbel starten. Die Autos fuhren einfach, wenn die Batterie geladen war. Leistung und Reichweite waren für heutige Verhältnisse natürlich sehr gering. Mehr als ein paar Kilometer bei sehr mäßigem Tempo waren damals noch nicht möglich. Aber der Blick in die Vergangenheit zeigt: Elektroautos sind keine Erfindung unserer Zeit. Sie gibt es schn länger als konventionelle Autos.

Von der Kutsche zum ersten Elektroauto

Welches Fahrzeug nun das erste Elektroauto war, lässt sich nicht exakt definieren. Im 19. Jahrhundert arbeiteten zahlreiche Tüftler und Erfinder daran, Kutschen elektrisch anzutreiben. Kutschen waren damals, von Pferden gezogen, das Standardtransportmittel. Voraussetzung für die ersten Elektromobile waren einige grundlegende Erfindungen.
Eine zentrale Erkenntnis hatte der britische Forscher Michael Faraday. Der Physiker fand heraus, wie man mit Elektromagnetismus eine permanente Rotation und damit die Basis für elektrischen Antrieb schaffen konnte. Es dauerte noch einige Jahre, bis der Amerikaner Thomas Davenport den ersten elektrischen Gleichstrommotor baute. In der Folge entstanden verschiedene Fahrzeuge, die mit Strom angetrieben wurden. Dabei handelte es sich fast ausschließlich um Lastfahrzeuge, die meist drei Räder hatten.
Personenkraftwagen (Pkw) kamen erst deutlich später. Als Schöpfer des ersten Elektroautos wird der Schotte Robert Anderson gehandelt. In den 1840er-Jahren brachte er ein Fahrzeug zum Rollen. Allerdings war es eher Lokomotive als Auto: Es fuhr auf einer schottischen Bahnstrecke bei Edinburgh. Seine Geschwindigkeit ähnelte der eines zügigen Fußgängers.

Bereits im 19. Jahrhundert gab es erste Versuche mit Elektroautos.
Quelle: picture alliance / dpa Bereits im 19. Jahrhundert gab es erste Versuche mit Elektroautos

Das erste Elektroauto auf drei und vier Rädern

1881 startete der Franzose Gustave Trouvé in Paris zu seiner ersten offiziellen Fahrt mit seinem elektrisch angetriebenen Dreirad. In einer Zeit, in der immer noch hauptsächlich Pferdekutschen auf den Straßen waren, schaffte Trouvés Gefährt mithilfe von Bleiakkumulatoren eine Geschwindigkeit von 12 km/h und eine Reichweite von bis zu 26 Kilometern. Solche Bleiakkumulatoren gab es seit den späten Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts. Sie waren eine wichtige Voraussetzung für Reichweite und Flexibilität der ersten Elektrofahrzeuge.
Auch in Deutschland wurde nicht nur an Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren getüftelt. In Coburg präsentierte Andreas Flocken, Inhaber einer Maschinenfabrik, im Jahr 1888 sein Elektrofahrzeug. Dieses Fahrzeug gilt heute als erstes deutsches Elektroauto und auch als eines der ersten Elektroautos überhaupt. Flockens Auto hatte vier statt drei Räder und war somit nicht mehr halb Fahrrad, halb Auto. Das Pionierfahrzeug sah aber noch immer mehr nach Kutsche als nach Auto aus: Es hatte einen kutschentypischen Dachaufbau, niedrige Vorderräder und höhere Hinterräder sowie eine offene, kutschenartige Sitzbank. Optisch ähnelte Flockens Elektroauto der berühmten Daimler Motorkutsche von Gottlieb Daimler aus dem Jahr 1886. Für den Antrieb sorgte damals ein Lederriemen, der den Motor mit der Hinterachse verband. Flockens erstes Exemplar hatte eine Leistung von rund 0,9 Kilowatt (kW). Damit schaffte das gut 400 Kilogramm schwere Fahrzeug eine Geschwindigkeit von bis zu 15 km/h. Nachfolgemodelle baute Flocken mit luftbereiften Speichenrädern mit Kugellager, einem Batteriekasten über den Vorderrädern und – damals revolutionär – mit elektrischen Scheinwerfern. Flockens Pionierfahrzeug ist heute verschollen. Jedoch baute der Kfz-Sachverständige Franz Haag aus Marktoberdorf das Fahrzeug 2010 nach historischen Unterlagen möglichst originalgetreu nach.

Der Boom zur Jahrhundertwende

Nicht nur Flockens Prototypen wurden immer stärker und komfortabler. Luftgefederte Räder, stärkere Bremsen und vor allem Motoren mit mehr Leistung und Reichweite wurden zum Standard. In den USA wurden bereits 1897 Elektrofahrzeuge kommerziell produziert. Hersteller waren unter anderem die Electric Carriage & Wagon Company und die Electric Vehicle Company. Im Jahr 1900 lag der Anteil der Elektroautos in den USA bei knapp 40 Prozent und damit deutlich vor den Benzinfahrzeugen.
In Europa zeigte der Rennfahrer Camille Jenatzy mit seinem raketenartig aussehenden Elektrorenner „La Jamais Contente“, wozu diese Antriebstechnik fähig war. Mit seinem Rekord von 105,88 km/h war er 1899 der erste Pilot, der schneller als 100 km/h war. Der 1,5 Tonnen schwere Rekordwagen wurde von zwei Elektromotoren mit je 25 kW Leistung angetrieben. Der Name des Wagens bedeutet im Deutschen „die Nie-Zufriedene“. Französische Zeitungen vermuteten damals, dass Jenatzy damit auf seine Gattin anspielte.
Die Berliner Feuerwehr wurde im Jahr 1908 mit Elektrofahrzeugen von Mercedes ausgestattet. Etwa bis 1912 dauerte die boomende Elektroauto-Phase. Unternehmen wie Ford oder Studebaker hatten beachtliche Produktionsmengen. Auch von seinem legendären Model T baute Ford einen elektrisch angetriebenen Prototyp.

Mit der US-Marke Tesla begann 2008 der Aufstieg des Elektroautos.
Quelle: picture alliance/dpa Mit der US-Marke Tesla begann 2008 der Aufstieg des Elektroautos

Das erste Hybridauto kam von Porsche

Auch der damals junge Konstrukteur Ferdinand Porsche beschäftigte sich mit dem Elektroantrieb. Ende des 19. Jahrhunderts arbeitete er für die Hofwagenfabrik Jacob Lohner & Co. in Wien und entwickelte einen Radnabenmotor. 1899 wurde das erste Elektromobil des Typs „System Lohner-Porsche“ vorgestellt. Es war ein revolutionäres Fahrzeug: Beim Lohner-Porsche arbeiteten Benzinmotoren mit einem Generator und versorgten die beiden je 2,5 PS starken Radnabenmotoren an den Vorderrädern mit Strom. Das erste Serien-Hybridauto der Geschichte war geboren. Es gab auch eine Allradversion des Fahrzeugs, bei der alle vier Räder mit Radnabenmotoren ausgestattet waren.
Ein Leichtgewicht war der Lohner-Porsche allerdings nicht: Er wog rund zwei Tonnen. Dennoch hatte er einen Gewichtsvorteil gegenüber reinen Elektrofahrzeugen und ihren schweren Batterien. Außerdem überzeugte er mit sehr guten Fahreigenschaften. Präsentiert wurde er 1900 bei der Weltausstellung in Paris. Mit seiner mehr als 400 Kilogramm schweren Batterie schaffte das Hybridauto eine Reichweite von 50 Kilometern und eine Spitzengeschwindigkeit von 50 km/h. Bis 1906 wurde der Lohner-Porsche in Wien produziert, dann wechselte Porsche zu Austro-Daimler.



Wie der Elektroboom ein schnelles Ende fand

Mit immer mehr Leistung und Komfort wurden die Elektroautos bei der kaufkräftigen Kundschaft beliebt. Schließlich sparte man sich auch das mühsame Ankurbeln des Benzinmotors. 1911 erfand jedoch der Amerikaner Charles F. Kettering den elektrischen Starter für Benzinautos, der ein Jahr später erstmals bei Cadillac eingebaut wurde. Benzinautos wurden außerdem zuverlässiger und schneller. Aufgrund der steigenden Produktionszahlen und der Großserienfertigung wie beim Ford Model T wurden sie auch deutlich günstiger. Ein Manko der Elektroautos war nach wie vor die begrenzte Reichweite. Das trug dazu bei, dass die Nachfrage immer mehr sank und es für viele Jahre still um die Elektromobilität wurde. Erst ab den 1990er-Jahren sollte der Elektroantrieb wieder reüssieren.

Wie Elektroautos fahren lernten

  • 1831: Michael Faraday entdeckt die elektromagnetische Induktion
  • 1881: Gustave Trouvé präsentiert Elektrodreirad
  • 1888: Premiere des vierrädrigen Elektrowagens von Andreas Flocken
  • 1897: Beginn der kommerziellen Produktion von Elektroautos in den USA
  • 1899: Ferdinand Porsche stellt erstes Hybrid-Serienfahrzeug vor
  • 1899: Camille Jenatzy stellt mit seinem Elektro-Rennwagen einen Geschwindigkeits-Weltrekord auf (105,88 km/h)

Verwandte Artikel