Warum die Ingolstädter dem Kombi 100 PS wegnehmen

Der Audi S6 wird als Diesel vernünftig

Der Audi S6 bekommt einen Diesel und verliert 100 PS. Das macht den schnellen Kombi interessant für Flottenkunden. Aber charakterlich anders. Erste Fahrt.

  • Constantin Bergander
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  • Veröffentlicht am 07/24/2019, 12:00 AM
  • Aktualisiert am 11/08/2019, 2:00 PM
Der Audi S6 verliert zum Modellwechsel auf Generation C8 rund 100 PS. Mit seinem neuen Dieselmotor fährt er aber kaum langsamer
Quelle: Audi Der Audi S6 verliert zum Modellwechsel auf Generation C8 rund 100 PS. Mit seinem neuen Dieselmotor fährt er aber kaum langsamer

Der Audi S6 hat schon einiges mitgemacht. Was ihn antreibt, folgt keinem festen Schema, sondern einer gewissen Willkür: Audi baute Fünf-, Acht- und Zehnzylinder ein, mit und ohne Turbo, mit viel Drehmoment oder hoher Drehzahl. Jetzt startet die fünfte Generation, wieder mit einer neuen Idee. Der S6 bekommt erstmals einen Diesel – und wird zum ersten Mal deutlich schwächer.

Der neue S6 kommt dem Rückzug aus einem Segment gleich. Einen Benziner mit rund 450 PS will Audi EU-weit in der oberen Mittelklasse nicht mehr anbieten. Damit verzichtet die Marke auf einen Konkurrenten für BMW 550i und Mercedes-AMG E 53. Die neue Zielgruppe: Alle, die den alten S6 mit V8-Benziner mochten, aber lieber den großen Diesel leasten.

Audi S6: V6-Diesel statt V8-Benziner

Streng genommen folgt der neue S6 also nicht auf den alten S6, sondern auf den ausgelaufenen A6 Competition. Fährt man ihm mit dem Anspruch an einen starken Benziner, fehlen seinem Motor Ausdauer und Drehfreude. Ein Diesel ändert eben nicht seinen Charakter, nur weil er in ein sportliches Modell eingebaut wird. Seine Kraft entwickelt sich nicht kontinuierlich, sie bündelt sich in einem schmalen Drehzahlbereich.

Das ist nichts für Genießer, die Drehzahl fühlen wollen. Dafür etwas für Menschen, die gern Kraft spüren. Der 3,0-Liter-Diesel im S6 bringt viel davon mit. 700 Newtonmeter dreschen zwischen 2.500 und 3.100 Touren auf die Kurbelwelle. Sie schieben den Kombi beeindruckend vorwärts, begleitet von heiserem Knurren aus dem Motorraum und synthetischem Brabbeln vom Heck. Was nicht fährt wie ein V8, darf trotzdem so klingen. Audi simuliert den Sound mit Lautsprechern in der Abgasanlage – genau wie beim A6 Competition.



Die volle Leistung von 349 PS erreicht der Selbstzünder bei 3.850 Touren. BMW schafft im 550d 400 PS mit dem gleichen Hubraum – baut dafür aber vier Turbolader ein. Audi beschränkt sich auf einen Turbo. Das sei besser für die Abgasreinigung, erklärt der Hersteller. So bleiben die Katalysatoren auf Temperatur und arbeiten gründlich. Der Motor sei fit für aktuelle und zukünftige Normen.

Ein elektrisch angetriebener Verdichter (EAV) unterstützt den Turbo. Er beschleunigt innerhalb eines Augenzwinkerns auf 70.000 Touren und baut Ladedruck auf, während dem mechanischen Lader noch der Abgasdruck fehlt. Das macht den S6 spontan. Er reagiert unmittelbar auf Gasbefehle und setzt sie bereits um, während die flotte Achtgang-Automatik noch den richtigen Gang sucht.

Das serienmäßige Sportfahrwerk im Audi S6 stemmt sich dezent gegen die Seitenneigung
Quelle: Audi Das serienmäßige Sportfahrwerk im Audi S6 stemmt sich dezent gegen die Seitenneigung. Die optionale Luftfeder erlaubt mehr Bewegung im Heck

Etwas langsamer, dafür viel sparsamer

Audi bemüht sich, den S6 ähnlich schnell wirken zu lassen wie das Vorgängermodell mit dem gleichen Namen. Das funktioniert immerhin zum Teil. Er sprintet eine halbe Sekunde langsamer auf Tempo 100 – ein Unterschied, den man ohne direkten Vergleich kaum spürt. Die Höchstgeschwindigkeit liegt weiterhin bei 250 km/h, der Diesel liefert eine gute Elastizität und tritt kräftig an.

Unterm Strich bleibt ein Defizit. Bei höherem Gewicht (2,1 Tonnen mit Fahrer) leistet er 100 PS weniger, das kann eine gute Abstimmung nicht ausgleichen. Audi setzt ein starkes Argument dagegen: Der Diesel verbraucht viel weniger als der große Benziner. Sechseinhalb Liter laut Norm, acht bis neun Liter bei flotter Gangart im Alltag. Das schafft in dieser Klasse nur ein Diesel. 

Ein Mild-Hybrid-System hilft beim Sparen. Der Verbrenner steht still, wenn das Auto ohne Last rollt. Gibt der Fahrer Gas, schiebt ein Riemen-Startergenerator den Sechszylinder blitzschnell an – eine stark erweiterte Start-Stopp-Automatik. Davon merkt man nichts bei der Fahrt.

Große Bremsen und ein sportliches Fahrwerk

Viele wichtige Merkmale des S6 bleiben erhalten. Eigene Schürzen und Schweller sowie Allradantrieb gehören zum Modell, daran ändert Audi nichts. Gegenüber dem stärksten Benziner im A6 (340 PS) wächst die Bremsanlage, das serienmäßige Fahrwerk mit adaptiven Dämpfern bekommt eine straffere Abstimmung, die Karosserie liegt ein paar Millimeter tiefer.

Optional baut Audi ein Luftfahrwerk (unverändert aus dem A6), ein Sportdifferenzial für die Hinterachse, Keramikbremsen und Hinterachslenkung ein. Diese Extras waren zum großen Teil bereits im alten S6 verfügbar. Die Hinterachslenkung führte Audi 2018 im ganzen Segment ein.

Der Audi S6 blickt böse drein und klingt auch so
Quelle: Audi Der Audi S6 blickt böse drein und klingt auch so: Mit künstlichem Sound klingt er wie ein V8-Benziner - ohne Unterstützung aus dem Modul wie ein V6-Diesel

Der neue S6 bringt alle Stärken des aktuellen A6 mit. Er rollt flüsterleise ab, lässt kaum Lärm in den Innenraum und federt komfortabel, aber bestimmt. Seine Lenkung arbeitet präzise und leichtgängig, im Sportmodus mit angenehmem Widerstand. Sein Serienfahrwerk stemmt sich mit aller Gewalt gegen die Kurvenneigung. Die optionale Luftfeder erlaubt mehr Bewegung, vor allem im Fahrzeugheck. Beide Varianten gehen flott ums Eck, letztere fühlt sich harmonischer an.



Eine neue Zielgruppe für den Audi S6

Der S6 bekommt ein neues Image. Er verliert viel Leistung und etwas Geschwindigkeit, verbraucht dafür deutlich weniger und wird moderner. Das ärgert Puristen, freut aber Dienstwagenfahrer. Einen großen Benziner mit voraussichtlich acht Zylindern und 605 PS bringt Audi Ende 2019 im Topmodell RS6. Ob ein weiteres Modell in die immense Lücke zwischen S und RS passt, möchte der Hersteller noch nicht sagen.

Theoretisch wäre das machbar. Für Märkte außerhalb von Europa hat Audi den 2,9-Liter-V6-Biturbo-Benziner des RS4 an den A6 angepasst. Der leistet 450 PS, fährt also auf dem Niveau des S6 der Baureihe C7. Kurzfristig ist der Einsatz innerhalb der EU allerdings nicht geplant.

Deutlich günstiger wird der S6 TDI übrigens nicht. Er kostet als Avant 79.000 Euro, also fast so viel wie sein Vorgänger. Elektrisch verstellbare Sportsitze mit Leder-Alcantara-Bezug, eine 4-Zonen-Klimaautomatik, das große Navi sowie ein virtuelles Cockpit sind dafür immer an Bord. Im alten Modell gab es eine ganz ähnliche Ausstattung.

Audi S6 TDI Avant: Technische Daten

  • Motor: 3,0-Liter-V6-Diesel, ein Turbolader, ein EAV
  • Hybridisierung: 48-Volt-Mildhybrid-System mit Riemen-Startergenerator
  • Getriebe: Achtgang-Wandlerautomatik, Allradantrieb
  • Leistung: 349 PS (257 kW) bei 3.850 U/min
  • Drehmoment: 700 Nm bei 2.500 bis 3.100 U/min
  • Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h (abgeregelt)
  • 0 - 100 km/h: 5,1 s
  • Verbrauch laut Norm: 6,5 l/100 km
  • CO2-Ausstoß: 171 g/km
  • Abgasnorm: Euro 6d-Temp
  • Gewicht laut EU-Norm: 2.095 kg
  • Länge: 4,954 m
  • Breite: 1,886 m (mit Spiegeln: 2,110 m)
  • Höhe: 1,481 m
  • Radstand: 2,928 m
  • Kofferraum: 550 l
  • Anhängelast: 2.100 kg (gebremst, 12% Steigung)
  • Preis: 79.000 Euro

Der Audi S6 Avant C8 in Bildern

  • Den neuen 3,0-Liter-Diesel gibt es in Audi S6 Limousine, S6 Avant und S7 Sportback
    Quelle: Audi Den neuen 3,0-Liter-Diesel gibt es in Audi S6 Limousine, S6 Avant und S7 Sportback
  • Der Audi S6 verliert zum Modellwechsel auf Generation C8 rund 100 PS. Mit seinem neuen Dieselmotor fährt er aber kaum langsamer
    Quelle: Audi Der Audi S6 verliert zum Modellwechsel auf Generation C8 rund 100 PS. Mit seinem neuen Dieselmotor fährt er aber kaum langsamer
  • Der Audi S6 blickt böse drein und klingt auch so
    Quelle: Audi Der Audi S6 blickt böse drein und klingt auch so: Mit künstlichem Sound klingt er wie ein V8-Benziner - ohne Unterstützung aus dem Modul wie ein V6-Diesel
  • Der S6 bekommt spezifische Schürzen und eine dezente Tieferlegung
    Quelle: Audi Der S6 bekommt spezifische Schürzen und eine dezente Tieferlegung
  • Das serienmäßige Sportfahrwerk im Audi S6 stemmt sich dezent gegen die Seitenneigung
    Quelle: Audi Das serienmäßige Sportfahrwerk im Audi S6 stemmt sich dezent gegen die Seitenneigung. Die optionale Luftfeder erlaubt mehr Bewegung im Heck
  • Schade: Nicht einmal das sportliche Modell bekommt echte Auspuff-Endrohre. Audi baut blinde Blenden in die Heckschürze des S6
    Quelle: Audi Schade: Nicht einmal das sportliche Modell bekommt echte Auspuff-Endrohre. Audi baut blinde Blenden in die Heckschürze des S6
  • Gegenüber dem stärksten Benziner (A6 55 TFSI, 340 PS) wächst die Vorderradbremse. Karbon-Scheiben gibt es optional
    Quelle: Audi Gegenüber dem stärksten Benziner (A6 55 TFSI, 340 PS) wächst die Vorderradbremse. Karbon-Scheiben gibt es optional
  • Neue Taktik im Audi S6: Statt großer Benziner gibt es EU-weit nur noch einen V6-Diesel
    Quelle: Audi Neue Taktik im Audi S6: Statt großer Benziner gibt es EU-weit nur noch einen V6-Diesel
  • Der Innenraum des Audi S6 TDI: Sportliche, bequeme Sitze und zwei riesige Touch-Displays. Ein großes Navi gibt es serienmäßig
    Quelle: Audi Der Innenraum des Audi S6 TDI: Sportliche, bequeme Sitze und zwei riesige Touch-Displays. Ein großes Navi gibt es serienmäßig
  • Im Innenraum unterscheidet sich der Audi S6 kaum von einem gut ausgestatteten A6
    Quelle: Audi Im Innenraum unterscheidet sich der Audi S6 kaum von einem gut ausgestatteten A6