Über alle Berge: Alpentour per Motorrad

Top 10 der schönsten Alpenpässe

Über alle Berge

Das Flachland hat seine Reize, mag sein. Allerdings sind Serpentinen und Pässe dort Mangelware. Ein Hamburger zog aus, um die zehn schönsten Alpenpässe zu befahren. Die Tour ist perfekt für Motorrad – aber im Roadster oder Coupé geht es natürlich auch

30. Juni 2015

Die Essenz des Motorradfahrens sind Kurven, das Eins aus Mann und Maschine. Dabei ist es nicht so, dass meine Heimat Hamburg keine Berge hätte: Diese reichen sogar bis nach Niedersachsen und heißen Harburger Berge.

Aber ein Blick auf ihre maximale Höhe verdeutlicht mein Problem: Es sind genau 155 Meter über dem Meer. Alpenfeeling dank Serpentinen ist da eher Mangelware.

Deshalb klingt es natürlich wie eine Verheißung, zwischen zwei Routine-Aufträgen eine knappe Urlaubswoche abzuknapsen, um nach den zehn schönsten Alpenpässen zu suchen. 
 

 
 

 

Schon die Namen machen Laune

Bei unseren südlichen Nachbarn, den Österreichern sowie den Schweizern, würde ich hingegen sicher die Skorpione ärgern können. Meine Ducati Multistrada trägt Reifen der Marke Pirelli Scorpion. Um den Gummis etwas optischen Pepp zu verleihen, sind auf der äußersten Seite der Reifen kleine Gummiskorpione eingeprägt. In maximaler Schräglage sollte es gelingen, von diesen Exemplaren der Spinnentiere (Arachnida) einige glatt wegzurubbeln.

Die erste Recherche bei den österreichischen und Schweizer Fremdenverkehrsämtern fördert geeignete Rubbel-Pisten zutage. In Österreich gibt es Passstraßen mit so klingenden Namen wie Großglockner Hochalpenstraße, Kaunertaler Gletscherstraße oder Silvretta Hochalpenstraße.

Da legen die Schweizer noch einen drauf: Sie haben ihre fünf schönsten Pässe in einer „Grand Tour of Switzerland“ zusammengestellt.

Ab Juni sind alle Pässe befahrbar

Allerdings kassierten die Fremdenverkehrsämter meinen Wunsch, die Tour im Mai durchzuziehen. Die Begründung, es würde dann noch Schnee liegen, hielt ich für weit hergeholt. Im Juni startete ich meine Tour und sollte relativ schnell feststellen, dass eine Gletscherstraße so rein gar nichts mit dem Flachland gemein hat.

Vorbei an Schneefräsen, Pistenbullis und Schneekanonen stieg ich immer höher in die österreichischen Alpen. Nach einer ereignislosen Anreise über deutsche Autobahnen sind schon die österreichischen Landstraßen ein Genuss erster Wahl. Und erst die Pässe!

Glücklicherweise liegen die von mir ausgewählten Pässe auf einem Bogen durch das Land, so dass man auch zwei Pässe pro Tag schaffen könnte. Aber wozu die Eile? Zwischen den Sporteinlagen für die bereits erwähnten Gummi-Skorpione tun Ruhepausen immer gut.

Zeit für die Schönheiten auf der Strecke

Außerdem würde man durch unnötige Eile das Interessanteste verpassen. In Österreich gibt es neben dem wirklich beeindruckenden Großglockner (früh aufstehen und losfahren, sonst wird es voll), dem landschaftlich wunderschönen Hahntennjoch sowie der serpentinenreichen Silvretta Hochalpenstraße noch zwei Tipps, und hier sollte man sich Zeit lassen.

Das erste ist die Kaunertaler Gletscherstraße. Sie windet sich in Etappen bis hoch in den Schnee – aber man kann vom Parkplatz oben aus noch weiter hoch, muss dazu aber in die Seilbahn umsteigen. Nicht verpassen!

Der zweite Tipp betrifft die Malta Hochalmstraße. Diese ist schön, aber durch viele Engstellen und kleine Tunnels nicht unbedingt der Inbegriff eines Passes. Doch an ihrem Ende – es ist eine Sackgasse – wartet ein riesiger Staudamm.

Besuchen sollte man nicht nur die Ausstellung zur erneuerbaren Energie im Zentrum, sondern man kann auch eine rund einstündige Führung über und durch den Staudamm machen. Hier erfahren Sie beispielswiese, dass die sieben Betonsegmente der eigentlichen Staumauer nicht miteinander verbunden sind und hauptsächlich durch den Wasserdruck an ihrer Position gehalten werden.

Bikerfreundliche Hotels auch für Autofahrer

Meine Tour ist unter diesem Link auf Google-Maps zu finden. Natürlich aber ist das österreichische Fremdenverkehrsbüro oder jedes Reisebüro bei der Ausarbeitung eigener Routen behilflich.

Tipp: „Bikerfreundliche“ Hotels wie beispielsweise das empfehlenswerte „Hotel Heiligenblut“ am Fuß der Großglockner Hochalpenstraße sind keineswegs nur für Motorradfahrer sinnvoll. Meist haben diese Hotels noch eigene Streckenempfehlungen vorbereitet mit den Geheimtipps des jeweiligen Hoteliers. So drehte ich auf dessen Empfehlung noch eine Extrarunde um Heiligenblut.

In der Schweiz hat man die besten Pässe gleich in der „Grand Tour of Switzerland“ zusammen gefasst. Und nicht nur das: Wer sich die empfohlenen neun Tage Zeit nimmt, durchquert vier Sprachregionen, passiert dabei elf UNESCO-Welterbestätten sowie zwei Biosphären und 22 Seen. Insgesamt 1.643 Kilometer ist diese Rundreise durch die Schweiz lang, eine Karte der gesamten Tour finden Sie in der Bildergalerie.

Julier Pass: Unbekannt, aber sehr gut

Als besonders schön stellte sich übrigens der erste Pass der Tour heraus, der im Vergleich zum San Bernadino Pass und dem Gotthard Pass eher unbekannte Julier Pass bis 2.284 Meter Höhe. Eine schöne Abfolge aus Kurven und gewundenen Straßen, oben drauf ein Gipfel-Kiosk. Traumhafte Aussicht hat man von hier auf die umliegenden Berge.

Tipp: Das eher an eine Jausenstation erinnernde Hotel „Ospizio La Verduta“ fast an der höchsten Stelle des Passes, von dessen großen Fenstern aus man mit Blick auf die Berge einschlafen kann.

Es waren wundervolle Tage zwischen Einschwingen mit der Maschine und Einkehren am Abend, zwischen eiskalten Gletschern, Staumauern, wunderbarer Natur und schroffen Abhängen (mehr Infos in der Bildergalerie). Gerne wieder, auch wenn die Skorpione schwer haben leiden müssen.

Weitere Infos zu den Touren:

Tipps zur Vorbereitung

  • Die Höhenunterschiede können auch zu extremen Temperaturunterschieden führen. Ist es im Tal noch kuschelige 25 Grad warm, kann es oben nahe dem Gefrierpunkt sein. Passen Sie also ihre Kleidung daran an.
  • Vor allem älteren Auto- und Motorrad-Triebwerken mit Vergasern macht die dünnere Höhenluft merklich zu schaffen. Möglicher Weise entsteht Leistungsverlust oben am Berg.
  • Alpenpässe sind häufig von Tunneln abgelöst worden. Das kann auch bedeuten, dass sie weniger gepflegt sind. Stellen Sie sich auf Flicken oder Löcher im Asphalt sowie losen Splitt ein.
  • Pässe mit vielen Kurven sind körperlich anstrengend. Planen Sie nicht zu lange Touren, anfangs keinesfalls länger als 200 Kilometer.
  • Kontrollieren Sie täglich den Wetterbericht. Plötzliche Wetterumschwünge in den Alpen können gefährlich sein.
  • Haben Sie kein zentral gelegenes Hotel, ist das Motorrad immer beladen. Dadurch verlagert sich der Schwerpunkt nach hinten und oben. Das Fahrverhalten einer beladenen Maschine kann daher stark von dem gewohnten abweichen. Gehen Sie es daher langsam an.
  • Planen Sie die Fahrt und bleiben Sie bei Ihrem Plan. Gute Vorbereitung auf die jeweilige Pässe ist unerlässlich. Informationen gibt es bei den Fremdenverkehrsämtern und im Internet.

Einen Vorgeschmack auf Ihre eigene Hochgebirgs-Tour finden Sie in der Bildergalerie.

Text: Portal-Manufaktur / Stephan Hellmund