Transsibirische Autobahn

Transsibirische Autobahn

Reifen-Killer und Felgen-Brecher

Die Fahrt mit dem Auto durch Sibirien bis zur Mongolei ist eine Tortur für Mensch und Maschine. Was passiert, wenn man es trotzdem wagt?

Das verschlafene Dorf am Rande der Autobahn die Moskau mit Vladivostok verbindet, könnte auch den Namen: "Putins verlassene Kinder" tragen. Dunkle Holzhütten stehen verloren herum. Andere haben immerhin blaue Fensterläden, wenige sind farbig. Menschen sind selten zu sehen, und wenn, dann sind es viele ältere Russen.

Von diesen Orten gibt es einige entlang der Federalna-Magistral-Autobahn. Die Verbindung zwischen Ost-Sibirien und Moskau ist 6.000 Kilometer lang.

 

 
 

Geschäft mit Reifen blüht

Eine Fahrt auf der in verniedlichendem Russisch "Federalka" genannte Strecke ähnelt einem Ski-Slalom auf einer anspruchsvollen Buckelpiste.

Die Fahrzeuge sind in dementsprechendem Zustand. Neben unverwüstlichen Ladas und alten russischen Shigulis rollen japanische Rechtslenker und chinesische Modelle wie Geelys, Cherrys, Toyota Aristo oder auch südkoreanische SsangYongs auf den Straßen. Oder das, was man hier so Straßen nennt.

Der Ritt über die Autobahn ist einer auf der Asphalt-Rasierklinge. Auch wenn die Fahrbahnoberfläche neu erscheint, sind die Buckel eine Herausforderung für jedes Fahrwerk, das moderner ist als Starrachsen mit Blattfedern.

Die Autofahrer arrangieren sich damit. Bei fast jedem Parkplatz gibt es kleine Rampen, die zum Reifenwechsel geeignet sind, und an Rastplätzen florieren kleine Werkstätten, die sich auf das Wechseln von Reifen spezialisiert haben.

Tortur für die Autos

Viele Verbindungsstraßen sind eigentlich bessere Feldwege. Und nicht selten verwandelt sich die Autobahn schlagartig in einen unbefestigten Weg. Die Autobahnen sind auch nicht, das, was man sich hierzulande so vorstellt.

Im Grunde sind es Bundesstraßen, die abschnittsweise in einer Richtung zweispurig gebaut sind. Allerdings ohne Leitplanken in der Mitte. Da durchgezogene Linien in Russland ohnehin keinen zu interessieren scheinen, und die Überholten ganz rechts auf dem angedeuteten Standstreifen fahren, ist das kein großes Problem.

Man ist eben Teil des vogelwilden Chaos und hat sich nach wenigen Kilometern daran gewöhnt. Das Motto lautet "ich fahre, du bremst." Gut, ist ja in München nicht anders. Die größeren Herausforderungen sind der Belag, die Topographie und das Klima.

Regelmäßige Kontrolle nötig

Oft knallt das Fahrwerk so durch, dass bei jedem Stopp ein besorgter Blick auf die Federbein-Dome fällt. Die zweite Überprüfung gilt immer den Rädern. Immer wieder sieht man rechts und links aufgebockte Autos, bei denen die Reifen gewechselt werden müssen. Die Felgen sind ebenfalls einer extremen Belastung ausgesetzt.

Der Grund: bisweilen monströse Schlaglöcher, die in Deutschland vermutlich zu einer Vollsperrung führen würden. Schnelles Ausweichen ist hier fast schon überlebenswichtig. Auch weil gerne mal Hunde einfach die Fahrbahn kreuzen oder die Überbleibsel diverser Reifen die Fahrbahn schmücken.

Da leuchtet das Tempolimit von 110 km/h sehr schnell ein. Dass die gefahrene Geschwindigkeit in der Regel zehn bis 20 km/h höher ist, steht auf einem anderen Blatt.

Atemberaubende Landschaft

Ein Blick aus dem Fenster entschädigt für die Anstrengungen. Zunächst schlängelt sich das silbergraue Asphaltband für hunderte Kilometer durch unendlich scheinende russische Wälder: Birken schimmern im Sonnenlicht zusammen mit Kiefern. Am Straßenrand hält die Flora noch einige Überraschungen wie zum Beispiel wild wachsendes Cannabis bereit.

Ein immer wiederkehrender Begleiter ist die transsibirische Eisenbahn, die sich entlang der Autobahn-Trasse schlängelt.

Neben einer schnellen Reaktionszeit, braucht man ein gutes Anti-Mücken-Spray. Sobald man die Fahrgastzelle verlässt, stürzen sich bluthungrige Moskitos auf die Haut. Klar. Das Klima ist bisweilen nassfeucht und viele Gegenden sumpfig.

Das Wetter wechselt in Sekundenschnelle: Schien eben noch die Sonne, prasselt auf einmal sintflutartiger Regen auf das Autodach.

Sobald man sich der Mongolei nähert, ändert sich der Ausblick gewaltig. Der Baum-Korridor der Taiga verschwindet und die Landschaft macht im wahrsten Sinne des Wortes auf. Sanfte Hügelketten wechseln sich mit weiten Steppen ab.

Am Straßenrand stehen immer wieder mit Fähnchen geschmückte Bäume. Der Wind soll die darauf vermerkten buddhisten Gebete in den Himmel tragen. Man verbeugt sich oder wirft Geld aus dem Auto.

Entsprechend zur Religion ändert sich auch die Physiognomie der Menschen. Jetzt sind deutlich asiatische Gesichtszüge prädominant.

Das Klima bleibt allerdings fast unverändert: sommerliche 29 Grad. Bloß gut, dass wir nicht im Winter unterwegs sind.

Text: Press-Inform / Wolfgang Gomoll