Carsharing: Daimler, BMW, VW

Carsharing-Special: Daimler, BMW und VW

Mietwagen im Minutentakt

Ein eigenes Auto können oder wollen sich viele nicht mehr leisten – neue Mobilitätskonzepte sind gefragt. Das bieten Daimler, BMW und VW.

Früher, da hatten die Jungs noch Benzin im Blut. Da wurde schon mit 13 für den Führerschein gespart, da wurde heimlich auf Feldwegen geübt und später den Mädels mit röhrenden Motoren die sorgsam ondulierte Frisur zerblasen. Spritkosten? Ökobewusstsein? Pff!

In ländlichen Gegenden mag das heute immer noch so sein. In den Großstädten aber nimmt die Sehnsucht nach dem eigenen Auto zunehmend ab. Kaum Parkplätze, immer bessere öffentliche Verkehrsmittel, lässige Taxi-Apps – wozu Tausende von Euros investieren in etwas, das Monat für Monat kostet, wenn es auch anders, „zeitgemäßer“ geht?

Teilen ist die Devise. Bus, Bahn, Bike – ja sogar das Auto. Carsharing hat seinen Schrecken verloren. Die Autohersteller machen aus der Not – auf dem europäischen Markt haben sie zunehmend mit Absatzrückgängen zu kämpfen – eine Tugend und haben unterschiedliche Konzepte erarbeitet, um weiterhin und vor allem zukünftig die Nase vorn zu haben beim „motorisierten Individualverkehr“.

 

 
 

Mieten im Vorbeigehen

Setzen Citroën und Peugeot auf „multimodale Mobilität“, locken BMW, Daimler und VW mit minutengenauer Abrechnung bei der Automiete. Vorreiter in Sachen modernes Carsharing ist das Angebot car2go von Mercedes-Benz-Tochter smart.

Das Konzept, das die Schwaben zusammen mit Autovermieter Europcar entwickelt haben, ist ebenso einfach wie genial: Nach einer einmaligen Anmeldung in einem der car2go-Shops (Gebühr je nach Stadt 9,90 oder 19 Euro) kann kurzfristig und rund um die Uhr überall im Geschäftsgebiet ein Smart fortwo angemietet werden – quasi „im Vorbeigehen“.

Denn: Im Gegensatz zum traditionellen Carsharing- und Mietwagengeschäft können car2go-Fahrzeuge überall im Geschäftsgebiet nach der Fahrt auf einem beliebigen Parkplatz (außer in Ulm, da gibt es spezielle car2go-Parkplätze) abgestellt und abgegriffen werden. Die Parkgebühren sind genau wie Benzin, Steuern, Versicherung und 20 Freikilometer im Mietpreis inbegriffen.

Das eigene öffentliche Verkehrsmittel

Per Website oder Smartphone-App kann man auf einer interaktiven Karte sehen, wo in der näheren Umgebung „freie“ car2go-Autos stehen. Das Anmieten ist dann denkbar einfach: Membercard ans Lesegerät in der Windschutzscheibe halten, einsteigen, Schlüssel entnehmen und losfahren.

Abgerechnet wird im Minutentakt (zwischen 24 und 29 Cent). Eine Stunde Fahren kostet pauschal 12,90 Euro, eine Stunde „Parken“ (Wagen abstellen, aber nicht freigeben für andere Nutzer) 5,40 Euro. Die Tagespauschale beträgt 39 Euro.

Reservieren kann man sein „Auto to go“ per Telefon, im Internet unter www.car2go.com oder per Smartphone-App. Vor vier Jahren startete Daimler das Angebot in Ulm, inzwischen gibt es die 2,69 Meter kurzen Stadtflitzer auch in Berlin, Hamburg, Düsseldorf und Köln – sowie in Wien, Amsterdam, Birmingham, Lyon und sogar in den Vereinigten Staaten (Austin, Miami, Portland, San Diego, Washington, D.C.) und Kanada (Toronto, Calgary).

Im Herbst 2012, so car2go-Sprecher Andreas Leo, wird noch Stuttgart hinzukommen – hier sollen zunächst 300 Smart im Einsatz sein, und das ausschließlich mit Elektroantrieb. Später werde das Angebot auf die Region ausgeweitet, dann kommen noch einmal 200 Smart fortwo electric drive dazu. Schon jetzt gibt es in Ulm 25 E-Smarts, von 2013 an soll auch die Berliner Flotte zunehmend elektrisch unterwegs sein.

DriveNow setzt auf BMW oder Mini

Elektroautos will vom kommenden Frühjahr an auch BMW in seine DriveNow-Flotte integrieren, sagt Sprecher Michael Fischer: „Erst einmal wollen wir mit je 20 Fahrzeugen in München und Berlin Erfahrungen sammeln. Von 2014 an sollen dann BMW i3 in größeren Stückzahlen eingesetzt werden.“ Vorbild ist San Francisco: Dort haben die Bayern seit Juni dieses Jahres 70 BMW 1er mit E-Antrieb im DriveNow-Einsatz.

Bislang bieten die Bayern – in einem Joint-Venture mit Autovermieter Sixt – in München, Berlin und Düsseldorf Mini Cooper (D), Mini Clubman, Mini Cabrio, BMW 1er und BMW X1 an. Ab Herbst 2012 soll es laut Fischer auch in Köln DriveNow geben.

Das Konzept gleicht dem der Schwaben: Auto finden (im Internet unter www.drive-now.com oder per Smartphone), einsteigen, für 29 Cent pro Minute fahren, an einem beliebigen Ort wieder abstellen. Etwas teurer ist allerdings die einmalige Anmeldegebühr (29 Euro), und der maximale Stundenpreis liegt bei 17,40 Euro (Mini Cooper 14,90 Euro).

Zusätzlich gibt es Paketpreise für drei, sechs oder neun Stunden, „falls jemand aus München mal eine Spritztour mit dem Mini Cabrio in die Berge machen möchte“, sagt Sprecher Fischer. Pauschalangebote über einen noch längeren Zeitraum seien nicht geplant.

Vom Beetle bis zum Transporter: Quicar von VW

Volkswagen geht hier etwas andere Wege. Seit November 2011 bieten die Wolfsburger in Hannover ihr Carsharing-Modell Quicar an. 200 Golf BlueMotion sind über das Stadtgebiet verteilt und werden laut Sprecher Eric Felber regelmäßig von rund 6.500 Kunden genutzt.

Darüber hinaus bietet VW die Pakete Quicar Plus und Quicar Business an; Ersteres beinhaltet die Nutzung von 70 weiteren Fahrzeugen vom Beetle bis zum Transporter, Letzteres soll für Geschäftsleute oder Firmen eine kostengünstige Alternative zur eigenen Fahrzeugflotte sein.

Auch wenn der Golf das Kerngeschäft ausmache, werde doch gerade Quicar Plus gut genutzt, so Felber: „Ist ja auch praktisch. Ich kann mal mit einem Cabrio einen Ausflug machen. Oder mit der ganzen Familie im Sharan zum Badesee fahren. Oder mit einem Transporter zu Ikea.“ Gebucht werden die Quicar Plus-Fahrzeuge für mindestens zehn Stunden, auch eine mehrwöchige Nutzung ist möglich. Die Preise variieren je nach Modell.

Unterm Strich fahren Quicar-Kunden günstiger als die Nutzer von car2go oder DriveNow, zumindest bei kurzzeitiger Nutzung. Eine Minute kostet 20 Cent, pro Stunde macht das zwölf Euro. Das Prozedere ansich ist wie bei Daimler und BMW. Rechnung folgt anschließend per E-Mail. Wie es genau funktioniert, erklärt Volkswagen per Animationsfilm.

Autos Fahren, ohne sie zu kaufen

Der Bundesverband Carsharing beobachtet die Angebote der Automobilhersteller „interessiert abwartend“, sagt Gabi Lambrecht. „Wenn die derzeit laufenden Untersuchungen ergeben, dass diese Angebote ebenso umwelt- und verkehrsentlastend sind wie klassisches Carsharing, wäre das wunderbar“, sagt sie.

Noch bezweifelt sie das aber. „Unsere Erfahrungen haben gezeigt, dass die meisten Nutzer die Autos für maximal drei Stunden und für Fahrten von 50 bis 60 Kilometern Länge nutzen, zum Beispiel für den wöchentlichen Großeinkauf oder den Besuch bei der Tante auf dem Land.“

Die Angebote von Daimler, BMW und Volkswagen seien – gerade wegen der Minutentaktung – eher für kurze Fahrten im Innenstadtbereich geeignet, „und da ist es viel besser, die Bahn, den Bus oder das Fahrrad zu nehmen.“ Auch die Möglichkeit, die Autos an einem beliebigen Platz zu parken, sieht sie eher als Nachteil: „Es gibt kaum freie Parkplätze. Und dann kurvt man um den Block und bläst Abgase raus, während die Uhr tickt. Reservierte Bereiche, wie andere klassische Carsharing-Anbieter sie haben, finde ich wesentlich sinnvoller.“

Mehr zu car2go, DriveNow und Quicar in der Bildergalerie.

Text: ms/fayvels büro