Erdgas als alternativer Auto-Antrieb

Billig, sauber – und unbeliebt

Erdgasautos tanken billig und kosten kaum Steuer. Trotzdem fährt nur ein verschwindend geringer Anteil in Deutschland mit Erdgas. Warum eigentlich? mobile.de hat nachgefragt.

Rund 90.000 Fahrzeuge in 17 Jahren. Das ist die ernüchternde Zulassungsbilanz von Erdgasautos in Deutschland. Anders gesagt: Erdgasautos sind bei uns im Prinzip nicht vorhanden.

Allein Volkswagen verkaufte nur vom Kleinwagen Polo (Benziner und Diesel) und nur im vergangenen Jahr rund 7.000 Einheiten mehr.

Vielerorts beträgt der Preisunterschied mehr als 50 Cent

Seit 1994 Ford und BMW die ersten Erdgas-Serienmodelle in den Handel gebracht haben, fristen die sparsamen CO2-Saubermänner ein Exotendasein.

Ende 2010 betrug der Erdgasanteil am Gesamtkraftstoffverbrauch lediglich 0,3 Prozent – trotz des Preisvorteils, der jeden Vorbeifahrenden an allen Erdgas-Tankstellen nach wie vor anlacht. Auf dem Gebrauchtwagenmarkt ist es nicht anders.

Während der Liter Benzin sich mitunter schon oberhalb von 1,60 Euro bewegt, hat das Kilogramm Erdgas (entspricht in etwa einem Liter Flüssig-Sprit) vielerorts noch nicht einmal die Euro-Grenze überschritten.

Das sind mehr als 50 Cent Preisunterschied.

Geringes Interesse trotz klarer Vorteile

Denn der Steuersatz auf das CO2-arme Erdgas als Kraftstoff ist bis 2018 um rund 60 Prozent reduziert. Sogar noch gegenüber Diesel beträgt die Ersparnis im Schnitt rund 30 Prozent.

Wer 15.000 Kilometer im Jahr fährt, spart bei einem Verbrauch von acht Litern/100 km aufs Jahr gerechnet 473 Euro (im Vergleich zu einem Auto mit Dieselmotor) bzw. 647 Euro (Super).

Vielfahrer können mit Erdgas mehr als 100 Euro im Monat im Portemonnaie behalten, hat der ADAC errechnet. Das relativiert den höheren Anschaffungspreis. Warum also greift kaum einer zu?

"Eines der Grundprobleme ist sicherlich, dass Erdgasautos anfangs nicht sonderlich attraktiv waren", sagt Ulrike Rusch von erdgas mobil, einer Initiative der deutschen Gaswirtschaft.

"Nicht besonders leistungsstark, aufwändige Tanktechnik, keine Infrastruktur – das hat sicherlich viele Leute davon abgehalten, sich für ein Erdgasauto zu entscheiden." Oder auch nur zu interessieren. Denn damit war der Ruf offenbar erst mal ruiniert.

Dabei sind moderne Erdgasautos längst auf der Höhe der Zeit:

  • Die Erdgas-Technik in den rund 20 derzeit erhältlichen Modellen ist herstellerübergreifend ausgereift, sicher und platzsparend integriert.
  • Der Tankvorgang an modernen Erdgas-Zapfsäulen unterscheidet sich kaum noch vom herkömmlichen Tanken. Das lästige "Voll oder gar nicht“-Tankprinzip gilt nur noch für alte Säulen.
  • Das Tankstellennetz ist auf rund 900 Stationen angewachsen (plus 40 Prozent in den vergangenen zwei Jahren). Tendenz steigend. Die zuständige Gesellschaft für den Ausbau des Netzes ist bereits in Gründung.
     

1,4 Millionen Erdgasautos bis 2020 – ist das zu schaffen?

Ein weiteres Argument für den bislang ausgebliebenen Erfolg liefert Dr. Christian Rumpke, Bereichsleiter Energieeffiziente Verkehrssysteme bei der Deutschen Energie-Agentur GmbH (dena). “Sobald neue Energieträger umgesetzt werden sollen, müssen ganz viele Akteure aus unterschiedlichen Branchen abgestimmt vorgehen. Das ist bei so vielen Beteiligten nicht einfach umzusetzen.“

Viele-Köche-Prinzip. Jetzt soll es aber endlich klappen. Bis zum Jahr 2020 soll der Bestand an Erdgasautos in Deutschland um mehr als das 15-fache anwachsen – auf bis zu 1,4 Millionen Fahrzeuge. Darauf hat sich die von der dena koordinierte "Initiative Erdgasmobilität“ – bestehend aus Fahrzeugherstellern (u.a. Daimler, Opel, Volkswagen), Mineralölwirtschaft (BP/Aral, Shell, UNITI), Gaswirtschaft und ADAC – im Zuge der IAA 2011 verständigt.

In Italien ist Erdgas inzwischen ganz normal

36 Prozent Zuwachs pro Jahr sind dafür vonnöten – mit Blick auf die bisherige Entwicklung eine schier aberwitzige Quote. "Aber machbar, wenn alle Akteure an einem Strang ziehen und die politischen Rahmenbedingungen stimmen“, glaubt Rumpke.

Bestes Beispiel sei Italien: "Dort hat sich der Bestand innerhalb von fünf Jahren fast verdoppelt – von 382.000 auf 730.000 Erdgasfahrzeuge.“ Nicht zuletzt dank Steueranreizen, die hierzulande ebenfalls zunehmend greifen: Ein 150 PS starker VW Passat TSI Ecofuel beispielsweise kostet nur 28 Euro Kfz-Steuer im Jahr.

Tankstellenfinder weisen den Weg zum Preisvorteil

Geeignete Stationen zu finden bzw. auf seinen Fahrwegen einzuplanen, ist in Zeiten von Navigationslösungen und Smartphone-Applikationen kein Problem mehr. Passende Apps gibt es gratis auf einschlägigen Seiten wie erdgas-mobil.de oder gleich im iTunes-Store. Garantiert unabhängige Preistipps gibt das Vergleichsportal clever-tanken.de für alle Spritsorten.

Zudem sind alle Erdgas-Modelle bivalent unterwegs. Heißt: Sie verfügen über einen zweiten Tank für klassischen Kraftstoff, der zusätzliche Reichweite ermöglicht. Liegenbleiben muss also niemand, selbst wenn die Erdgas-Kilos verbraucht sind und keine geeignete Tankstelle zu finden sein sollte.

Sauberes Gewissen durch geringe CO2-Emissionen

Von entscheidender Bedeutung für den zukünftigen Erfolg von Erdgas ist die positive Umweltbilanz. "Erdgas weist unter den fossilen Kraftstoffen die geringsten CO2-Emissionen auf“, sagt Dr. Christian Rumpke. "Auch bei Schadstoffen wie Ruß und Stickoxiden schneidet es deutlich besser ab als Benzin oder Diesel.“

Die Beimischung von Biomethan kann die Klima-, Umwelt- und Ressourcenvorteile weiter steigern. Mit einer 20-prozentigen Beimischung können die CO2-Emissionen im Vergleich zu Benzin laut einer dena-Studie um 39 Prozent gesenkt werden, beim Einsatz von reinem Biomethan je nach Betrachtungsweise sogar um bis zu 97 Prozent.

Um die Zukunft des alternativen Kraftstoffs macht sich Rumpke daher auch in Zeiten zunehmender Elektromobilität keine Sorgen. "Die eine Lösung zur Reduktion der Schadstoffe wird es nicht geben. Am Ende wird es künftig bunter an den Tankstellen und bunter unter der Motorhaube.“