Großversuch zu Car-2-Car

Großversuch zu Car-2-Car-Communication

„Sim TD“: Unterwegs mit 120 kommunizierenden Autos

Car-2-Car-Kommunikation im wahren Leben: Jahrelang hat jeder Hersteller für sich getüftelt, nun startet mit „sim TD“ der erste integrierte Großversuch auf der Straße. Im Rhein-Main-Gebiet drehen ab sofort 120 vernetzte Autos ihre Runden.

Sprachbarrieren sind im Großraum Frankfurt vorläufig aufgehoben. Zumindest zwischen Autos – denn seit dem 6. August kommunizieren sie offiziell miteinander. Dicke Mercedes reden mit kleinen Opel, schnelle BMW mit mindestens ebenso schnellen Audi. Und sie alle sind sich auch nicht zu fein, mit Wechselschildbrücken in Kontakt zu treten.

Jeder redet mit jedem, Verständigung auf allen Straßen und über Straßen hinweg. Zum Glück unhörbar – was da ausgetauscht wird, bleibt dem Fahrer weitestgehend verborgen.

Allerdings ist der Club, der da im Großversuch „sim TD“ ab sofort allerhand Daten austauscht, noch ziemlich elitär: 120 Autos gehören ihm derzeit an. Bis Ende des Jahres drehen sie im Rhein-Main-Gebiet ihre Runden, mehr als eine Million Kilometer werden es am Ende sein.

 

 
 

Ziel des Versuchs ist störungsfreie Kommunikation

„sim TD“ heißt „Sichere Intelligente Mobilität – Testfeld Deutschland“. Das Ziel des Versuchs liegt buchstäblich in der Luft: störungsfreie Kommunikation zwischen allen Systemen. Also der Datenaustausch zwischen den Autos untereinander wie auch zwischen Autos und fest installierten Anlagen, zum Beispiel Ampeln, am Straßenrand.

„Fahren wird dadurch sicherer, komfortabler und effizienter", sagt der Projektleiter Dr. Christian Weiß. Das klingt einfacher, als es ist. Immerhin hat die Autoindustrie mehr als zehn Jahre daran gebastelt, die autointerne Hardware „On Board Unit“ (OBU) weiter zu entwickeln und mit der unbewegten „Road Side Unit“ (RSU) am Straßenrand kompatibel zu machen.

Das derzeitige Ergebnis kann sich sehen lassen: Während in anderen Bereichen noch immer um Universal-Standards gerungen wird – so gibt es zum Beispiel europaweit keine einheitlichen Einfüllstutzen für Autogas – , ziehen bei der Car-to-X genannten Disziplin alle an einem Strang. Das zeigt schon die Organisation des Projekts: Daimler managt, Opel führt es durch, VW macht die Auswertung. Das nennt man Vertrauen.

Alle Autohersteller ziehen am selben Strang

„Es liegt daran, dass der Wettbewerb hier nachrangig ist“, erklärt ein Sprecher. Das System könne nur funktionieren, wenn alle es nutzen, und das sei auch allen klar – was jeder Hersteller später daraus macht, sei dann selbstverständlich wieder seine Sache.

Bei „sim TD“ geht es erst einmal nur um die Betriebsfähigkeit des Systems an sich. Jede Woche spulen die 120 teilnehmenden Testwagen von Audi, BMW, Daimler, Mini, Opel und Volkswagen mehr als 60.000 Kilometer ab. In festgelegten Fahr-Szenarien ebenso wie freien Touren mit selbst gewählter Strecke begegnen sie einander, absolvieren Überholvorgänge und Stopps, passieren Baustellen und Umleitungen und andere alltägliche Situationen.

Ganz normaler Auto-Alltag, eigentlich nicht der Erwähnung wert – entscheidend ist, was zwischen ihnen geschieht; will sagen: was sie sich zu sagen haben.

Die Autosprache ist ein Kurznachrichten-Format

Die Auto-Sprache heißt WSMP – ein Kurznachrichten-Format, mit dem per Mobilfunk Informationen hin- und hergeschickt werden können. „Entgegenkommendes Fahrzeug“, wäre zum Beispiel eine solche Information. An sich irrelevant, wenn man nicht gerade links abbiegen würde.

Das eigene Fahrzeug gleicht die registrierte Information mit anderen Daten ab: Ist der linke Blinker betätigt und die Position über GPS zeigt an, dass man die Gegenfahrbahn quert, flackert eine Warnung im Cockpit-Display auf, ein Summton ertönt – der Autofahrer wird regelrecht zurückgepfiffen.

Auch autonomes Fahren ist bald möglich

Das Anhalten selbst bleibt immer noch dem Menschen überlassen – aber vermutlich nicht mehr lange: Das Auto als selbst fahrender Roboter ist kein Zukunftsszenario mehr, wie aktuelle Versuche von BMW und Volkswagen zeigen.

Dort ist man so weit, ein Auto bereits ein paar Minuten ohne menschlichen Eingriff sich selbst autonom steuern zu lassen. Doch vorläufig müssen noch 120 Testfahrer die Fahrzeuge täglich hin und her chauffieren.

Die Fahrversuche werden unter wissenschaftlicher Leitung von anerkannten Hochschulinstituten der Verkehrspsychologie und Verkehrstechnik geplant, durchgeführt und auch anschließend ausgewertet – darunter sind Einrichtungen von Hochschulen aus Berlin, München, Saarbücken und Würzburg.

Drei Bundesministerien fördern das Projekt

Auch der Staat sitzt mit hinterm Steuer: Drei Bundesministerien sowie das Land Hessen fördern das Projekt. Die Erwartungen sind hoch: Durch Kraftstoffverbrauch in unnötigen Staus lösen sich jedes Jahr Milliardensummen buchstäblich in Luft auf.

Die Verkehrssicherheit profitiert ebenfalls von der umfassenden Vernetzung: Autos können die Informationen von schlechten Straßenbedingungen, Unfällen, Baustellen, nahenden Rettungsfahrzeuge und vielen weiteren Ereignissen untereinander weiter verbreiten. Viele unnötige Unfälle wie zum Beispiel das Auffahren auf einen Stau könnten sich dadurch in Zukunft vermeiden lassen.

 

Text: SH | Bildmaterial: simTD