Carbon: Die Herausforderung

Carbon: Die Herausforderung

Wehe, wenn es kracht

Ein Auto aus Carbon ist sicher und leicht. Nur eines sollte man besser nicht tun: einen Unfall haben. Dann wird es richtig teuer.

Wenn der BMW i3 auf von den Bändern rollt, werden sich die Autotester sofort auf ihn stürzen: Reichweite, Fahrgefühl, Komfort und die Bedienung werden ausgiebig geprüft. Nur eines wird hoffentlich nicht passieren: Dass jemand damit gleich gegen einen Baum rauscht.

Abgesehen von der Lebensgefahr für den Fahrer, die auch ein wahrscheinlich crashsicherer BMW i3 nicht gänzlich ausschließen kann – die Reparatur wird auf jeden Fall teuer.

 

 
 

50-mal so teuer

BMW hat sich zu den möglichen Kosten eines Unfalls noch nicht geäußert. Klar ist jedoch, dass dieses sehr bald ein Thema werden wird – spätestens dann, wenn die ersten Autos in Kundenhand sind.

Der Automobilhersteller möchte die Mehrkosten eines Carbonteils von heute dem 50-fachen auf das 5-fache senken. Der vordere Kotflügel eines aktuellen 3er-BMW kostet beim Händler 214 Euro. Schafft BMW es, den Preis tatsächlich so weit herunterzuschrauben und gibt den Vorteil an den Kunden weiter, kostet der Kotflügel immer noch 1.070 Euro.

Das nächste Problem stellt sich, wenn es um das Know-How geht. Das musste auch Audi erleben, als es die Luxuslimousine A8 einführte – der Wagen besteht komplett aus Aluminium, welches anders zu reparieren ist als es traditionelle Karosseriebauer gewohnt sind.

Noch ist viel zu wenig über die Struktur oder Konstruktion des i3 bekannt, um hier Aussagen treffen zu können. Interessant ist jedoch ein Blick auf das jetzt schon im Markt befindliche Carbon-Auto, den Lamborghini Aventador.

Lamborghini kaputt? Der Mechaniker fliegt ein.

Dessen Monocoque besteht aus Carbon. Das allerdings ist nicht ein einzelnes Teil, sondern wird aus über 120 Einzelteilen gefertigt. Diese Teile sind miteinander fest verbunden und können nicht gelöst werden.

Im Schadensfall passiert Folgendes: Lamborghini bildete – vorerst - drei sogenannte „Flying Doctors“ (fliegende Doktoren), Reparaturspezialisten für Carbon. Diese sitzen jeweils in Asien, Europa und den USA. Kommt ein Aventador zu Schaden, wird der nächstgelegene alarmiert.

Der örtliche Lamborghini-Händler sendet den Wagen bei einem größeren Schaden direkt zum Spezialisten, in den USA ist das beispielsweise ein Reparatur-Zentrum in Seattle. Es gibt in den ganzen Vereinigten Statten nur dieses eine Zentrum.

Bei einem kleineren Schaden setzt sich der Spezialist mitsamt seinem Equipment ins Flugzeug und repariert den Schaden beim Händler vor Ort.

Das ist viel zu teuer

In mehreren Arbeitsschritten wird der Schaden lokalisiert, das betroffene Teil aus dem Monocoque herausgeschnitten oder überlaminiert.

Eins ist klar: Dieser riesige und damit teure Aufwand mag vielleicht Lamborghini-Kunden nicht sonderlich stören – ein praktikables Verfahren für ein Großserien-Auto wie den BMW i3 muss aber zwingend anders aussehen. Hier muss es billiger, schneller und einfacher gehen.

Interessant wird die Kasko-Einstufung

Zum Glück muss der Kunde das nicht selbst erforschen. BMW wird sich dem Urteil unabhängiger Experten stellen müssen. Die Reparaturkosten interessieren auch die Versicherungen. Jedes häufig verkaufte Auto wird, bevor es seine Kasko-Einstufung bekommt, von Versicherungs-Experten geprüft.

Neben verschiedenen anderen Faktoren fließen auch Ersatzteilpreise sowie die Reparaturdauer mit ein – und hier gilt’s dann. Der Lamborghini Aventador hat übrigens keine Kasko-Einstufung. Hier können die Versicherer die Prämie frei kalkulieren.

Text: SH | Bildmaterial: Lamborghini