Autositze der Zukunft

Smarte Sitze

Sicher, bequem, vernetzt

Der Autositz von morgen passt sich an – per Smartphone oder durch neue Materialien.

13. Februar 2013

Um es mal mit Hape Kerkeling auszudrücken: Fast 80 Prozent aller Deutschen haben Rücken. Also müssen sie vernünftig sitzen. Auch und erst recht im Auto.

Die Automobilbauer stellt das zunehmend vor neue Herausforderungen. Fahrer und Beifahrer möchten es möglichst bequem in ihrem Lieblingsfortbewegungsmittel haben – und möglichst gut geschützt sein.

Die gestiegenen Komfort- und Sicherheitsansprüche haben dazu geführt, dass aus dem schlichten Sitzplatz von einst mittlerweile echtes Hightech-Gestühl wurde. Bis zu 18 verschiedene Sitzeinstellungsmotoren, diverse Wohlfühl- und Luftpölsterchen sowie Gimmicks wie Massage- oder Belüftungsfunktion können das Reisen im Auto zum Wellness-Trip machen.

 

 
 

Jedes Gramm zählt – auch unterm Hintern

Dafür bringen die Sitze in den Oberklasse- und Luxusautos aber auch bis zu 36 Kilo auf die Waage – viel zu viel in Zeiten konsequenten Leichtbaus, wo jedes Gramm zählt.

Neue Denkansätze sind also gefragt: Gewicht und Volumen der Sessel müssen abnehmen, Komfort und Sicherheit steigen. Also Kunststoff statt Stahl, Verbund- statt Polsterstoffe – oder vielleicht auch alles ganz anders?

2014 soll der vernetzte Sitz kommen

Der französische Automobilzulieferer Faurecia setzt beim Sitzen auf das Smartphone. Schon heute sind die Handynachfolger aus den Autos kaum mehr wegzudenken: Der (junge) Autofahrer von heute ist „connected“, chattet während der Fahrt, postet auf Facebook, twittert, lässt sich lotsen.

In Zukunft, so plant man bei Faurecia, sollen Smartphones noch viel mehr machen: „Das Sitzen im Auto entwickelt sich zu einer dynamischen, maßgeschneiderten Komfortzone, in der man sich auf der Straße ausleben kann“, heißt es blumig beim Autositz-Spezialisten.

Schon 2014 will Faurecia diese „Komfortzone“ revolutionieren. Dann nämlich soll das neue System SmartFit verfügbar sein – eine App, die das Smartphone per Bluetooth mit dem Autositz verbindet und die optimale Einstellung für den jeweiligen Fahrer findet.

Dazu braucht SmartFit die Größe und das Gewicht des Fahrers, ein Foto und die Reichweite der Arme. Die wird ermittelt, indem das Smartphone mit ausgestrecktem Arm auf- und abgeschwenkt wird.

Die gesammelten Daten werden von der App an den Sitz namens La-Z-Boy übermittelt, der sich dann selbsttätig und optimal einstellt. Solche individuellen Sitzprofile können für jeden Insassen erstellt und eingespeichert werden.

Zukunftsmusik mit „Urban Rhythm“

Rein manuell verrichtet diese Arbeit der Faurecia-Sitz Urban Rhythm, bei dem sich nicht nur die Rücklehne, sondern auch die Sitzfläche und die Kopfstütze permanent den Bewegungen des Fahrers anpassen.

Der Trick: Die einzelnen Teile sind aus leichtem Kunststoff und können separat auf Bewegungen des Fahrers reagieren. Die Rückenlehne ist gerade einmal sieben Zentimeter dick. Das spart Gewicht – und beschert den Passagieren auf der Rückbank deutlich mehr Beinfreiheit.

BMW setzt auf Forellen

Bei BMW haben sich die Sitz-Spezialisten intensiv mit Fischen befasst. Oder vielmehr: mit dem sogenannten Flossenstrahleffekt (Fin Ray Effect). Drückt man mit dem Finger leicht gegen die Schwanzflosse einer Forelle, so knickt diese nicht in Druckrichtung weg, sondern die Flosse bewegt sich entgegen der Druckrichtung zum Finger hin.

Sie besteht aus zwei flexiblen Streben, die an der Spitze zusammenlaufen und dort fest verwachsen sind. Zwischen den zwei biegeelastischen Flanken befinden sich Querstreben, welche die Flanken auf Abstand halten und elastische Bewegungen ermöglichen.

Genau dieses Prinzip wenden die BMW-Ingenieure in der Lehne ihres Bionik-Sitz an. Lehnt sich der Fahrer nach hinten, gibt der Sitz Gegendruck und stützt den Fahrer vor allem im Lendenwirbelbereich perfekt ab – ohne eine spezielle Nachjustierung. Und ohne zusätzliche Motoren oder Einstellmechanismen, die dann überflüssig werden.

Zudem spart das „Fin Ray“-Prinzip Gewicht. Durch den Verzicht auf Elektronik – und weil neuartige Organobleche eingesetzt werden: ein Verbundwerkstoff, bei dem Glasfasergewebe in Thermoplast - bei bestimmten Temperaturen formbares Plastik - eingelassen ist. Allein bei der Sitzlehne sei eine Gewichtsersparnis von etwa 20 Prozent möglich.

Die Matratze im Auto

Der Burscheider Autozulieferer Johnson Controls hat sich auf der Suche nach dem Sitz von morgen mit dem britischen Luxusmatratzenhersteller Harrison Spinks zusammengetan. Das Ergebnis: der Sitz ComfortThin aus Taschenfederkernmatten.

2015 könnte er in Serie gehen: „Ich kann bestätigen, dass es bei verschiedenen Herstellern Interesse gibt und wir diesen Sitz in Serienfahrzeugen erproben“, sagt Sprecher Ulrich Andree. Namen will er allerdings noch nicht nennen.

Das neue Material soll zahlreiche Vorteile bieten: Es sei äußerst bequem, passe sich jedem Fahrer an, spare fünf bis 20 Prozent Gewicht, ermögliche eine sehr flache Bauweise und sei im Gegensatz zum konventionellen Schaumstoffgestühl voll recyclingfähig.

Freischwebend oder halb stehend?

Fantastisches in Sachen Autositze lässt sich regelmäßig auf Automessen bewundern. Doch so wirklichkeitsfern (und unbequem) viele dieser Sitz-Visionen sind, so geben sie doch zuverlässig erste Ausblicke auf die mögliche automobile Zukunft.

Immer gern genommen: frei schwebende Sitze. Ob Ford Iosis-MAX (2009), Mercedes Concept A (2011) oder Renault Captur (2013) – im Konzeptstatus zeig(t)en sich diese Autos mit hübschen, federleichten Sesselkonstruktionen. Noch ist diese Variante schlichte „Autopie“, irgendwann einmal könnten sich Autofahrer aber vielleicht doch auf solchen einseitig geführten Loungestühlen wiederfinden.

Oder gleich im Stehen fahren? Die Schweizer Ideenschmiede Rinspeed bestückt ihre aktuelle Genf-Studie microMAX mit Stehsitzen. Gerade einmal 3,6 Meter lang, aber 2,20 Meter hoch, bietet der City-Kleinbus dank seiner „Hocker“ Platz für Fahrer, drei Mitfahrer sowie Kinder- oder Einkaufswagen.

Kurzstrecken im Stehen – Orthopäden wären begeistert. Mehr über die Sitze von morgen gibt es in der Bildergalerie.

Text: ms/fayvels büro