mobile.de: Die neuen Cockpits

Technik im Auto: Die neuen Interieurs

Die neue Cockpitkultur

Frei schwebende Bildschirme, punktgenaue Belüftung, kleinere Lenkräder – die Architektur des Fahrerplatzes wandelt sich. Hier die Trends.

8. Mai 2012

Autostudien beeindrucken fast immer mit ihrem Interieur: schwebende Sitze, leuchtende Bedienräder, sensitive Regler – alles scheint möglich im Auto von morgen.

In der Serienversion fürs Hier und Jetzt findet sich dann kaum etwas davon wieder. Ergonomie schlägt Design, Sparzwang sticht Faszination.

Doch es gibt Hoffnung. So trübe steht es nämlich gar nicht um den Fahrerplatz. Der Trend geht klar zu mehr Wertigkeit, mehr Ambiente, mehr Originalität. „Form folgt Funktion“, das kann auch nach vorn losgehen.

 

Schöne neue Welt der Flachbildschirme

Der VW Käfer hat es einst vorgemacht: ein zentrales Instrument, das reicht eigentlich völlig. Diese Rolle übernimmt im Internetzeitalter zunehmend der Bordmonitor. In Form eines großen Farbdisplays.

Saß der teure Bildschirm bislang meist mit schlechter Auflösung in den Tiefen des Armaturenbretts, hat es sich im Zeitalter von Smartphone- und Tablet-PC-Manie zum hochauflösenden, frei schwebenden und bezahlbaren Schmuckstück gemausert.

Der manchmal provisorische Look der Nachrüstgeräte ist plötzlich salonfähig. Wie Flachbildfernseher das heimische Wohnzimmer, so schmücken jetzt auf Berührung reagierende „Touchscreens“ die Innenräume bereits ab Werk.

Beste Beispiele dafür sind die Kleinstwagen-Drillinge VW up!, Seat Mii und Skoda Citigo oder die neue A-Klasse von Mercedes-Benz.

Neue Möglichkeiten durch Vernetzung

Bei der wurde erstmals das iPhone als zentrales Element des Bordsystems integriert; über den Dreh-Drücksteller auf der Mittelkonsole kann es bedient werden. Damit wollen die Schwaben all denen eine automobile Heimat bieten, die ohne Kontakt zu ihrer Social-Media-Gemeinde nicht mehr sein können und wollen.

„Always on“ lautet die Auto-„User“-Formel. Permanenter Internetzugang beziehungsweise die Möglichkeit, unkompliziert (und kostengünstig) beim Autofahren Onlinedienste nutzen zu können, wird Autokäufern immer wichtiger.

Fast jeder Zweite würde als neues Auto ein „vernetztes Fahrzeug“ wählen, ergab eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Puls. Bessere Informationen zu Staus und Baustellen, Auskünfte über Tankstellen sowie Notruf-Funktion und Infos zu freien Parkflächen stehen dabei besonders hoch im Kurs.

Für Mails und Social-Media-Anwendungen bevorzugen die meisten ihre eigenen Endgeräte, heißt es in der Studie weiter. Hersteller wie Peugeot, Citroën und Audi haben frühzeitig darauf reagiert: Sie bieten WLAN-Lösungen an, die bis zu acht Geräten gleichzeitig drahtlos und „unsichtbar“ Internetzugang ermöglichen. Im Stand und beim Fahren.

Triumph des Minimalismus

Für die übrige Cockpitarchitektur gilt: Weniger ist mehr. Instrumente und Bedienelemente nehmen sich immer mehr zurück. Einzige Ausnahme sind hier klassische Sportwagen. Bei denen gilt nach wie vor: je mehr „Uhren“, desto besser. Das erleichtert das Ablesen bei hohem Tempo.

Ungeachtet der Anzahl der Rundinstrumente ersetzen zunehmend aufwändige Grafiken die klassischen analogen Anzeigen. „Echte“ Zeiger haben bei Drehzahlmesser, Tachometer und Co. in absehbarer Zeit ausgedient.

Audio- oder Navigationssysteme sitzen immer öfter im oberen Teil der Mittelkonsole. Dadurch hat der Fahrer beim Blick auf den Monitor immer auch das Straßengeschehen vor dem Auto im Sichtfeld. Ein wichtiger Sicherheitsaspekt.

Neuer Cockpit-Ansatz von Peugeot

Diese Überlegung steckt auch hinter der Fahrerplatzergonomie im Peugeot 208. Der kleine Franzose bricht radikal mit den Konventionen. Statt durch den Lenkradkranz schaut der 208-Fahrer über das extrem kleine Volant (328 mm breit, 350 mm hoch) auf die Instrumente.

Der Trick dabei ist so simpel wie gewagt: Instrumenteneinheit höher positionieren, Lenkrad tiefer. Das Ergebnis: Der Fahrer fühlt sich wie einst im Autoscooter, als er das erste Mal ein rundes Etwas zwischen den Händen hielt, das in der Lage ist, die Richtung seines rasenden Gefährts zu verändern.

Das Problem dabei: Wer das Lenkrad stur in gewohnter Höhe belässt, hat keine Chance, einen „unverbauten“ Blick auf seine Fahrparameter zu erhaschen. Lässt man sich auf das tief sitzende Steuer ein, ist der Fun-Faktor beim Fahren groß.

Modulares Entertainment zum Nachrüsten

Herrlich wenig Auswahl lässt einem Peugeot bei den Multifunktionstasten am Lenkrad. Davon gibt es auf jeder horizontalen Strebe des Drei-Speichen-Volants exakt zwei Stück: ein Scrollrad, eine Taste. Fehlbedienung (nahezu) ausgeschlossen, wunderbar.

Ähnlich verhält es sich mit den Bedienelementen des neuen Audi A3. Einige wenige, dosiert gesetzte Tasten, Schalter und Regler reichen dem Premium-Kompakten. Ab der zweiten Ausstattungsstufe spendiert Audi werksseitig das MMI-Radio mit Bedienterminal und elektrisch ausfahrbarem, ultra-schmalen 5,8-Zoll-Monitor.

Nettes Gimmick bei der Topversion Navigation plus mit MMI touch (7 Zoll): das Touchpad auf der Oberfläche des zentralen Dreh-Drückstellers. Damit können wie bei den Oberklasse-Limousinen A7 und A8 Buchstaben und Zahlen mit den Fingern gezeichnet werden.

Immer schnellere Prozessoren und immer bessere Grafik-Chips sind das Geheimnis solcher Spielereien. Um mit der technischen Entwicklung Schritt halten zu können, hat Volkswagen den „Modularen Infotainment-Baukasten“ (MIB) eingeführt.

Wie der „Modulare Querbaukasten“ (MQB), das neue Plattformstecksystem des Konzerns, erlaubt MIB das Auf- und Nachrüsten neuer, leistungsstärkerer Audio-, Navigations- und Internet-Komponenten. Damit sich die neuen Cockpits nicht gleich wieder überlebt haben.

 

Weitere Beispiele für die Cockpit-Trends von Citroën bis Volvo gibt es in der Bildergalerie.

Text: Ralf Bielefeldt