mobile.de: Badge Engineering und Plattformen

Badge Engineering und Plattform-Bauweise

Unter „falscher“ Flagge

Die komplette Neuentwicklung eines Autos kostet heute Milliarden Euro. Daher lohnt es sich, für verschiedene Modelle identische Teile zu verwenden – und mitunter sogar die ganze Plattform. Hiervon kann auch der Käufer profitieren.

Teure Neuentwicklung lohnt sich nur, wenn die Marke groß genug ist, um über die entsprechenden Verkaufszahlen das Geld wieder einzuspielen. Eng wird es, wenn es sich um Kleinwagen handelt, an denen weniger Geld als in höheren Klassen verdient wird.

Das lässt sich für den Hersteller entweder über eine lange Produktionszeit ausgleichen - Ford baute die erste Generation des Ka 12 Jahre lang nahezu unverändert - oder über eine Kooperation. Und hier kommt der Begriff Badge Engineering ins Spiel.

Konkret bedeutet dieser, dass sich die Ingenieursleistung bei dieser Form der Fahrzeugentwicklung auf die Gestaltung des Markenlogos – englisch: Badge – beschränkt.

 

 
 

Preisunterschiede von 100% sind möglich

Aus der Entfernung sehen die ersten Generationen von VW Sharan, Ford Galaxy und Seat Alhambra identisch aus. Lediglich Markenlogos und Anbauteile wie Heckleuchten oder Kühlergrills unterscheiden sich – der Rest ist gleich.

Ist man nicht auf eine bestimmte Marke fixiert, lassen sich auch als Käufer schnell einige Tausender sparen. Faustregel: Je unbeliebter oder kleiner eine Marke in Deutschland ist, desto höher fällt der Wertverlust aus. Wer auf das VW-Logo am Sharan verzichten kann, spart mit dem schon erwähnten Ford Galaxy und mehr noch mit dem Seat Alhambra richtig Geld.

Das gleiche Spiel klappt übrigens auch bei Lieferwagen. Beispielsweise sind Opel Vivaro, Renault Trafic II und Nissan Primastar nahezu identisch, das gilt ebenso für VW Crafter und den Mercedes-Benz Sprinter. Bei Pkw findet man allerdings solche Beispiele meist nur über Grenzen hinweg. Einige hierzulande als Chevrolet vermarktete Modelle sind eigentlich aus dem Hause Daewoo, das ebenfalls zu GM gehört.

Plattform-Bauweise

Zurück zu Ford. Um die neue Generation des Ka kostengünstig produzieren zu können, suchte sich Ford einen Partner und fand ihn in Italien. Die Kleinwagenspezialisten von Fiat bauen den optisch unterschiedlichen, aber technisch weitgehend identischen Wagen als Fiat 500. Vollkommen baugleich wollten die Kölner den Kleinwagen allerdings nicht haben, darum wurde das Plattform-Prinzip angewendet.

Die Plattform-Bauweise macht es Herstellern immer leichter, identische Technik mit stark abweichenden Karosserien anzubieten. So sind heute auf einer technischen Basis völlig unterschiedliche Konzepte wie Sportcoupé und Van möglich.

Die Golf-Brüder

Ähnlich macht es der VW-Konzern innerhalb der eigenen Marken. So wird wohl niemand auf den ersten Blick glauben, wie viele technische Brüder der VW Golf der vierten Generation (1997 bis 2003) wirklich hat.

Tatsächlich sind es sieben: VW Bora, VW New Beetle, Škoda Octavia, Seat Leon, Seat Toledo, Audi A3 und sogar der Audi TT sind genau das: Golfgeschwister in anderer Kleidung. Die Preisgestaltung unterscheidet sich stark – mit Preisunterschieden bis zu 100 Prozent. Wobei natürlich strittig sein darf, wie ähnlich sich ein Roadster und ein Kombi tatsächlich sind.

Mit der Weiterentwicklung der Plattform-Strategie durch den „Modularen Querbaukasten“ (MQB) wird auch der neue Golf viele Geschwister haben. Das erst Auto, das diesen MQB nutzt, ist der neue Audi A3.

Teile aus der großen Konzernkiste

Am häufigsten nutzen Ingenieure den großen Teilebaukasten eines Konzerns. Dass Bentley Continental und VW Phaeton unter dem Blech mehr als nur gewisse Ähnlichkeiten haben, sei nur am Rande erwähnt.

Eine Klasse darunter funktioniert das auch: So haben Mercedes E-Klasse (W 210, 1996 bis 2003) und Chrysler 300C unter dem Blech beispielsweise Fahrwerke, Elektronik, Motoren und Getriebe gemeinsam.

Wer auf den Stern verzichten kann, spart mit dem Chrysler richtig Geld. Der Chrysler 300C ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie weit die „Kooperitis“ gehen kann. Die schon erwähnte, 2011 abgelöste 300C-Serie basiert auf der Technik des damaligen Fusionspartners Mercedes.

Diese Ehe jedoch hielt nicht lange, nun ist Chrysler mit Fiat verbandelt. Der neue Chrysler 300 ist eine amerikanische Eigenentwicklung – und wird an den neuen Partner Fiat weitergereicht, der den Wagen in Europa als Lancia Thema verkauft. Alles klar?

Risiken der Plattform-Strategie

Nicht verschwiegen werden soll auch, dass die Plattform-Strategie Risiken birgt. Jedes Automodell weist Schwächen auf. Hat der Wagen technische Brüder und Schwestern, verteilt sich der gleiche Fehler oftmals über Baureihen, bei denen man einen entsprechenden Mangel gar nicht erwartet.

Text: SH | Bildmaterial: Volkswagen