Die Geschichte der Kompaktklasse

Die Geschichte der Kompaktklasse

Wie alles begann

1974 kam der VW Golf. Und mit ihm ein neues Wertebild: Die „Golf-Klasse“ veränderte die deutsche Automobil-Landschaft radikal.

Hätte Porsche geschafft, was Volkswagen vergönnt war, würden reinrassige Sportwagen à la Aston Martin DB9, Ferrari 458 Italia oder Jaguar F-TYPE heute zur „911-Klasse“ zählen. Aber der 911 ist nun einmal kein Golf, und damit kein Namensgeber für ein ganzes Fahrzeugsegment, auch wenn der Elfer für die Schwaben sicher so stilprägend war und ist wie der Golf für VW. Hätte, hätte, Antriebskette.

Der VW Golf ist ein deutsches Phänomen, auch wenn sein Schöpfer Giorgio („Giorgetto“) Giugiaro Italiener war. Nirgendwo sonst auf der Welt ist der Kompakte aus Wolfsburg derart marktbestimmend wie in Deutschland. Und das im Prinzip schon seit seinem ersten Aufschlag 1974.

Ein Auto mit Platz für vier bis fünf Personen und Heckklappe, das kein Kombi ist – so etwas gab es im Jahr 1 nach Ölkrise und Sonntags-Fahrverboten (November/Dezember 1973) nicht im Portfolio der deutschen Hersteller. Neun Jahre lang wurde der Golf I ohne größere Veränderungen gebaut, insgesamt über sechs Millionen Mal (plus 389.000 Cabrios), jeder sechste davon mit Dieselmotor.

 

 
 

Co-Existenz mit dem Käfer

Bis 1979 baute Volkswagen parallel den Käfer weiter in Deutschland, fast als würden die Niedersachsen dem Spuk nicht recht trauen. Frontantrieb und Wasserkühlung statt Heckantrieb und Luftkühlung – der Umbruch von Käfer zu Golf war für Volkswagen radikal und rettete das Unternehmen vor dem fast sicheren Konkurs. Nach nur 27 Monaten wurde erstmals die Millionen-Marke geknackt. Bis heute liefen weltweit mehr als 30 Millionen Exemplare in sieben Generationen von den Bändern in aller Welt.

Lichterloh brannte es bei weiten Teilen der Automobilindustrie, als der VW Golf geboren wurde: Fiat machte erstmals dreistellige Millionenverluste, Peugeot und Citroën fusionierten, in den USA verloren 76.000 Autowerker ihren Job.

Bei Fast-Pleitegeier Volkswagen dagegen strahlten die Lichter plötzlich heller als je zuvor, auch dank des VW Passat, der ein Jahr vor dem Golf auf die Straßen rollte und den Grundstein für die neue Antriebskultur der Wolfsburger legte. 1974 kam zusätzlich der Audi 50, der ab 1976 auch als VW Polo gebaut wurde. 1975 debütierte der VW Scirocco, auch der mit Heckklappe.

Vom Kleinwagen zum klassenlosen Auto

Wirklich variable Laderäume nach heutigem Verständnis – mit geteilt klappbaren Rücksitzlehnen und einzeln verschiebbaren Einzelrücksitzen – waren damals zwar noch reine Fiktion, aber der Zugang zum Kofferraum über das fehlende Stufenheck sorgte fortan für Furore in der „Golf-Klasse“, die es da so noch gar nicht gab.

Einen ersten Vorgeschmack auf die Kompaktklasse im Golf’schen Sinne lieferten vor allem die Hersteller aus den europäischen Nachbarländern: Fiat 127 (1971), Alfa Romeo Alfasud (1972), Peugeot 104 (1972, ab 1976 gegen Aufpreis mit Heckklappe) und Renault 5 TL (1973) deuteten an, wohin die automobile Reise gehen könnte. Aber erst mit dem VW Golf gelang den Kompakten der Durchbruch.

Bis zur vollständigen Metamorphose vom Kleinwagen zum klassenlosen Automobil sollte es zwar noch ein paar Werbergenerationen dauern, aber der Grundstein für eine neue Allroundgröße war gelegt.

Ford schob 1976 den Fiesta nach, der damals „nur“ zarte 14 Zentimeterchen kürzer war als ein Golf. Heute trennen die aktuellen Modelle gut 30 cm und eine ganze Fahrzeugklasse. Opel konterte bereits 1975 mit dem Kadett City, der Schrägheck-Variante des Kadett C, 1979 folgte der Kadett D mit Frontantrieb. Aus Fernost tröteten Mazda 323 (1977), Toyota Starlet (1978) und Mitsubishi Colt (1979) ins Golf-Horn. Honda brachte mit der zweiten Civic-Generation (ab 1979) einen Fünftürer.

Auch der Ford Escort mit Schrägheck und Heckklappe ließ bis 1981 auf sich warten – und überragte mit seinen gut vier Metern Länge den Golf anfangs deutlich. 1983 zog der VW Golf II dann gleich. 30 Jahre später beträgt das Gardemaß in der Golf-Klasse gut 30 Zentimeter mehr.

Mehr über die Wurzeln der Golf-Klasse in der Bildergalerie.

Und hier lesen sie alles zu den vielversprechendsten Golf-Konkurrenten der Gegenwart.

Text: Ralf Bielefeldt