Kampf der Titanen: BMW gegen Ducati Multistrada

BMW S 1000 XR // Ducati Multistrada 1200

Duell der Kraftprotze

Duck Dich, Ducati: BMW bringt mit der S 1000 XR einen Multistrada-Klon mit Vierzylinder-Rennmotor. Beiden mangelt es weder an abenteuerlichem Gepräge noch an schierer Kraft: Die SUV-Bikes haben je 160 PS

15. Mai 2015

160 PS sind eine ziemlich stramme Ansage auf zwei Rädern. Erst recht, wenn der Fahrer dabei aufrecht sitzt. Bislang gab es dieses sehr lässige, sehr schnelle Paket in erster Linie in Form der Ducati Multistrada.

Nahezu ungestört konnte die rasante italienische Renn-Reise-Enduro bislang bei allen Marken Performance begeisterte Motorradfahrer abgreifen. Störfeuer gab es lediglich von der gleich potenten, aber stärker in Richtung Gelände und BMW-GS-Attitüde ausgerichteten KTM 1290 Super Adventure.

Jetzt bekommt die drehmomentstarke Multistrada (136 Nm bei 7.500 Touren) erstmals ernsthafte Konkurrenz. Und das ausgerechnet vom großen, für seinen Perfektionismus bekannten Mitbewerber aus Bayern.

 
 

 

Neues BMW-Segment „Adventure Sport“

Die BMW S 1000 XR – ebenfalls 160 PS stark – soll für die Motorrad-Division der Bayrischen Motoren-Werke neues Terrain erobern: „Adventure Sport“ hat der deutsche Marktführer das Segment getauft, in dem er bislang nicht vertreten war. Das wird sich ab 13. Juni 2015, dem Tag der offiziellen Markteinführung, auf ziemlich beeindruckende Weise ändern.

Mit dem Hightech-Crosser S 1000 XR baut BMW seine Vierzylinder-Supersportler-Familie – bestehend aus S 1000 RR, HP4 und S 1000 R – konsequent aus. Und platziert Ableger Nummer vier dort, wo BMW-Sporttourer-Fans bislang vergeblich hingeschielt haben: im Beschleunigungs-Olymp. Das heißt, in 3,1 Sekunden von null auf 100 km/h, 8,8 Sekunden von null auf Tempo 200 – und dann ohne nennenswerte Atempause weiter bis 250 km/h Spitze.

Der Ritt auf der XR in die Vmax-Region beeindruckt. Ab 3.500 Touren schlägt der Sound hörbar um, von nasal grummelnd in furios grollend und letztlich enthemmt kreischend. Bis zur Höchstdrehzahl von 11.000 Umdrehungen zieht die S 1000 R dem Fahrer die Arme lang und tanzt mit ihm hingebungsvoll von Kurve zu Kurve.

Italo-Muskelprotz mit Manieren

Sanft gleiten kann die neue BMW natürlich auch, schon knapp über 60 km/h reicht der finale sechste Gang, um souverän und ohne Murren davonzuziehen. Aber wer das dauerhaft will, setzt hier aufs falsche Bike. Das maximale Drehmoment von 118 Nm liegt bei 9.250 Touren an. Die S 1000 XR will gedreht und gefordert werden.

Die Marschrichtung erinnert ein bisschen an sportliche BMW mit vier Rädern, nämlich an die SUV-BMW X5 M und X6 M: Abenteurer-Optik trifft Leistung im Überfluss. Hier geht es um High-Performance, nicht um Schaulaufen. Bei Audis Adoptivmarke Ducati ist das allerdings nicht anders.

Die neue Multistrada 1200 und 1200 S – optisch unverkennbar das Vorbild der neuen BMW – ist ein durchtrainierter Muskelprotz mit feinsten Zutaten (farbiges TFT-Display, beleuchtete Schalter), allerdings auch mit den feinsten Manieren. Wesentlichen Anteil am seidenweichen Lauf des Testastretta-Triebwerks hat die neue variable Ventilsteuerung DVT („Desmodromic Variable Timing“).

Ventilsteuerung wie im Automotor

Die „Multi“ ist das erste Motorrad, das diese Auto-Technik enthält. Mit zwei verdrehten Nockenwellen läuft die Zweizylinder-Ducati samtweich wie ein Achtzylinder-Audi. Der Duc-Antritt ist wie bei der BMW S 1000 XR gewaltig: Keine vier Sekunden auf Tempo 100, gut zehn Sekunden auf 200 km/h, 250 Sachen Spitze – hier geben sich die Konkurrenten nichts.

Unterschiede gibt es bei der Art der Leistungsentfaltung: Die BMW verlangt nach Umdrehungen, um richtig zuzubeißen. Die Ducati dagegen schiebt – typisch Zweizylinder – schon im Drehzahlkeller gewaltig an. Und flutet die Ohren dabei mit dumpfem Bass-Getöse.

Erstklassige Ausstattung bieten beide

Technisch zeigen beide Maschinen, was heute möglich ist auf zwei Rädern. Ducati punktet mit Full-LED-Scheinwerfer, Kurvenlicht, Tempomat, semi-aktivem Fahrwerk („Skyhook“), vier verschiedenen Fahrmodi, dazu Kurven-ABS, Traktionskontrolle (DTC) und achtstufiger „Ducati Wheelie Control“ (DWC) für maximale Beschleunigung.

BMW hält (außer beim LED-Licht) locker dagegen: Traktionskontrolle (Automatic Stability Control/ASC), Race-ABS und zwei Fahrmodi sind serienmäßig. „Rain“ drosselt die Leistung auf 148 PS, „Road“ sorgt für einen moderaten Kompromiss zwischen Komfort und Sportsgeist.

Kurven-ABS macht beide sehr sicher

Einen leistungsreduzierten „Urban“- oder „Enduro“-Fahrmodus (jeweils 100 statt 160 PS) nach Vorbild der Multistrada hat sich BMW gespart. Ernsthaft ins Gelände abstechen wird mit der S 1000 XR sicher keiner, trotz der erhöhten Bodenfreiheit und des überschaubaren Gewichts (fahrbereit 228 kg). Ähnlich verhält es sich mit der Multistrada (fahrbereit 232 kg).

Das empfehlenswerte optionale Dynamic-Paket (990 Euro) legt bei der BMW S 1000 XR noch Dynamische Traktionskontrolle (DTC) mit Schräglagensensor, die Fahrmodi „Dynamic“ und „Dynamic Pro“ sowie Tempomat, Schaltassistent Pro (kupplungsfreie Gangwechsel) und ABS Pro (Kurven-ABS) obendrauf.

Das Aufstellen des Mopeds bei heftigem Bremsen in Kurven wird so wie bei der Ducati (hier ist es in Serie dabei) wirkungsvoll unterdrückt. Ein enormes Sicherheitsplus, wenn es mal richtig heikel wird.

BMW erfreut mit niedrigem Basispreis

BMW Motorrad schickt die – analog zu Ducati – in „Racingred“ und „Lightwhite“ lieferbare S 1000 XR nach unserem Eindruck zum Kampfpreis ins Rennen: 15.200 Euro (plus Überführung) – das sind 1.290 Euro weniger als für die „nackte“ Ducati Multistrada 1200. Die Duc wird ab 16.490 Euro angeboten.

Gegenüber einer nahezu vollausgestatteten Multistrada 1200 S, die es ab 18.490 Euro gibt, entspricht das BMW-Angebot sogar einem Abschlag in Höhe von 3.290 Euro.

Rechnet man Ducatis Ausstattungspakete Touring, Sport, Urban und Enduro mit rein, landet die hochbeinige Ducati letztlich bei über 21.000 Euro, die Alternative von BMW klettert mit Extras auf rund 18.000 Euro. Kein günstiges Vergnügen, aber ein lohnenswertes. Und zwar in beiden Fällen.

Mehr über die beiden Zweirad-Kraftprotze Ducati Multistrada 1200 und ihren Herausforderer BMW S 1000 XR in der Bildergalerie.

Text: Ralf Bielefeldt / fayvels büro