Fahrbericht Suzuki GSX-S1000

Naked Bike mit bulligem Motorblock

Diva auf Speed

Die neue Suzuki GSX-S1000 wirkt auf den ersten Blick fast zurückhaltend und brav. Allein der bullige Motorblock lässt das enorme Potenzial des neuen Naked Bike erahnen.

7. April 2015

Die neue Suzuki GSX-S1000 ist eine großartige Schauspielerin – allerdings eine leicht divenhafte. Bisschen wuchtig sieht sie aus, aber keinesfalls aggressiv. Trotzdem sollte man die 1000er Suzi nicht unterschätzen, denn der Marketing-Claim „Pure Sport Roadster“ ist absolut Programm.

Auf elektronischen Schnickschnack haben die Suzuki-Ingenieure verzichtet – lediglich ABS und eine dreistufige, abschaltbare Traktionskontrolle sind an Bord.

Semiaktives Fahrwerk mit nahezu seherischen Fähigkeiten à la Ducati Monster 1200 S – Fehlanzeige. Somit ist vor allem der Fahrer gefordert, die 145 PS und 209 Kilogramm (fahrbereit) auf der Straße zu zähmen.


 
 

 

Feinfühliger Regisseur für die Primadonna

Im Standgas und bei entspannter Fahrt durch die Stadt ist der wassergekühlte Vierzylinder-Viertakter alles andere als ein Brüllaffe. Der knurrig kehlige Sound ist präsent, aber durchaus sozialverträglich.

Weniger erfreulich ist auf den ersten Testmetern die Motorcharakteristik. Das Aggregat hängt so direkt am Gas, dass eine harmonische Linie im Stop-and-go oder auf verwinkelten Bergstraßen erst nach einigen Kilometern gelingt.

Schon die kleinste Bewegung der rechten Hand reicht, und die Suzuki hoppelt hektisch nach vorn. Unberechenbar wie eine Primadonna. Damit rechnet man in Zeiten von Ride-by-wire-Gasgriff-Harmonie gar nicht mehr. Aber genau dieser elektronische Weichspüler fehlt hier. Bewusst, wie die Verantwortlichen erklären.

Rennmaschine mit Straßenzulassung

Das GSX-S-Triebwerk basiert auf dem 185-PS-Treibsatz des Supersportlers GSX-R1000. Zwar haben die Zylinder-Flüsterer von Suzuki die Leistung auf 145 PS reduziert, trotzdem spürt der Fahrer sofort die Power-Gene: Das Naked Bike ist eine Rennmaschine mit Straßenzulassung.

Benzineinspritzung durch einen 10-Loch-Injektor und überarbeitete Nockenwellen für die Ein- und Auslassventile katapultieren sportlich ambitionierte Fahrer über den Asphalt. Die Kombination mit neu gestalteten Kolben sorgt nicht nur für eine bessere Verbrennung und optimale Performance, sondern auch für einen geringen Spritverbrauch.

Und das merkt man schnell: Während der rund 200 Kilometer langen Testfahrt durch die Berge im Hinterland der spanischen Costa Blanca lag der Durchschnittsverbrauch bei respektablen 5,5 l/100 km.

Tiefer Schwerpunkt, hoher Fahrspaßfaktor

Hat sich der Suzi-Dompteur mit dem unmittelbaren Ansprechverhalten des Kolbenensembles arrangiert, bietet die GSX-S1000 ungefilterten Fahrspaß. Das perfekt ausbalancierte Fahrwerk mit Upside-Down-Gabel, Alu-Profilschwinge und einstellbarer Dämpfung zaubern in Kurven ein breites Grinsen hinters Visier.

Dabei liegt die Urgewalt noch auf der Lauer. Denn wer es nach einem harmonischen Bogen mal so richtig fliegen lässt, erlebt den Roadster als wahres Biest.

Das Vorderrad sagt dem Asphalt kurzfristig adieu. Vorausgesetzt, das maximale Drehmoment von 106 Nm hat bei deaktivierter Traktionskontrolle freien Lauf. Die Diva mag es eben etwas härter und vernascht die Viertelmeile in 10,1 Sekunden. Dabei gibt es eine wahre Sinfonie auf die Ohren.

Nichts für Fahranfänger

„Dezentes Motorengeräusch bei niedrigen Drehzahlen, aggressiver Sound bei höheren Umdrehungen – dafür ist die Führung des Rohres im Endschalldämpfer verantworlich“, erklärt Suzuki-Entwickler Keisuke Namekawa. Dank der langhubigen Bauweise der Brennkammern entwickelt der Motor auch bei geringen Rotationen satten Durchzug. Geht es nach einem Ausflug auf die Rennstrecke oder die Landstraße zurück in die Stadt, muss also niemand die Passanten mit dem Kreischen des Kolbenballetts nerven.

Egal wo man unterwegs ist: Die GSX-S fordert eine gewisse Reife des Piloten. Die darf man durchaus voraussetzen, denn GSX-S1000-Kunden sind laut Suzuki „über 40 Jahre alt und routinierte Motorradfahrer“. Und verfügen zudem über ein überdurchschnittliches Einkommen.

Womit wir beim Preis wären. Mit 12.195 Euro ist die Suzuki GSX-S1000 nicht gerade die billigste Akteurin in der nackten 1000er-Klasse. Doch wer im Zirkus dieses Segments eine überdurchschnittliche Leistung bringt, kann auch ein höheres Honorar verlangen.

Mehr dazu in der Bildergalerie.

Text: Roman Büttner / fayvels büro