Das schnellste E-Motorrad der Welt

Elektro-Bike: Brammo Empulse R

Der Sound des Stroms

Das schnellste Serien-Elektromotorrad der Welt kommt aus den USA. Und ist ab sofort auch in Deutschland zu haben. So röhrt und fährt der Zweirad-Jet Brammo Empulse R

2. Juli 2014

Motorräder leben vom Sound. Gänsehaut beim Anlassen, Nervenkitzel beim Gas geben. Beschleunigung muss nicht nur fühlbar, sondern auch hörbar sein. So zumindest denkt die klassische Motorrad-Klientel. Und nun das: ein E-Motorrad.

Die Brammo Empulse ist da. Sie sieht aus wie ein richtiges Motorrad. Sie hat sechs Gänge wie ein richtiges Motorrad. Sie geht ab wie ein richtiges Motorrad. Und sie ist fraglos auch eins – obwohl sie rein elektrisch unterwegs ist. Und daher etwa so klingt wie ein Gabelstapler nach einer Überdosis Atomstrom.

Hans Eder zuckt etwas zusammen, wenn er das hört – nicht das Geräusch, sondern diesen Vergleich. "Ich finde, sie klingt eher wie ein Jet", sagt der Vertriebschef von Brammo Europa. In Bezug auf den Vorwärtsdrang der 54 PS starken Empulse, erst recht den der "großen" Empulse R mit 90 statt 63 Newtonmeter Drehmoment, mag man ihm recht geben: Das 213 Kilogramm schwere E-Bike geht einfach saumäßig gut.

Video: Brammo Empulse R on the road

Völlig ruckfrei schießt sie aus Kurven heraus. Selbst die Fachpresse staunt. Und jubelt. Vier Sekunden auf Tempo, offiziell 177 km/h Spitze, beeindruckende Beschleunigung in jedem Gang.

 

 
 

 

Das E-Bike geht einfach saumäßig gut

Gang? Genau genommen Gänge? Bei einem Elektrofahrzeug? Oh ja. „Brammo ist angetreten, um echte Elektro-Motorräder zu bauen. Und echte Motorräder haben nun einmal eine Schaltung, um die Leistung optimal abrufen zu können“, erklärt Eder.

Wie gut das funktioniert, beweist die US-Firma auf heimischen Rennstrecken. „Es gibt keine andere Firma auf der Welt, die mit Elektromotorrädern Benzinmotorräder verbläst“, verkündet Eder stolz. In der 600-ccm-Klasse seien die Renn-E-Bikes immer ganz vorn dabei. Kein anderes in Serie gebautes E-Motorrad ist derzeit schneller.

Die Empulse ist hörbar unterwegs

Volles Drehmoment vom ersten Moment an, das ist die Stärke von E-Motoren. Anders als bei Verbrennungsmotoren muss die Kupplung keinen Kraftschluss überbrücken. Überdrehen geht auch nicht bei Elektro-Aggregaten. Insoweit: "Einfach losfahren und Spaß haben", sagt Eder.

Und Fahrspaß ist garantiert auf dem behänden Elektro-Feuerstuhl, wenn man sich an den Sound erst einmal gewöhnt hat. Etwas Gutes hat der vernehmliche, einer Straßenbahn nicht unähnliche Turbinenstrahltriebwerks-Sound auch: Die Empulse ist "hörbar" unterwegs. Das minimiert in der Stadt das Risiko, unachtsame Passanten auf den Lenker zu nehmen.

Selbst wenn man als Autofahrer auf der Autobahn überholt wird, registriert man die Brammo akustisch. Und wundert sich, wie das zusammenpasst, dieses Geräusch und dieses recht martialisch nackte Motorrad, das da an einem vorbeidüst.

Anfahren und Hochschalten ohne Kupplung

Das Getriebe von Brammo ist hörbar gerade verzahnt. Bei jedem Dreh am Gasgriff macht es leicht "Klack" in den Tiefen des Triebwerks. "Das ist der Preis dafür, dass man sich den Schub in jedem Gang zurechtlegen kann", sagt Eder – was fahrdynamisch eine völlig andere Welt sei, als mit nur einem Gang davonzustromern wie die meisten anderen Elektro-Motorräder bzw. –Scooter.

Wobei: Schaltfaule können den klassisch links platzierten Schalthebel auch weitgehend ignorieren. Anfahren und beschleunigen kann man in jedem der sechs Gänge; je höher die gewählte Fahrstufe, desto gemächlicher geht es los – aber desto schneller kann man letztlich fahren, ohne den Gang zu wechseln.

Kuppeln beim Anhalten und Anfahren entfällt. Auch beim Hochschalten empfiehlt Eder ausdrücklich, auf die Kupplung zu verzichten. "Einfach leicht das Gas zurücknehmen und dann Gang rein", sagt der erfahrene Drift-Coach, "dann sind die Übergänge harmonischer." Sobald man das Gas ganz wegnimmt, um zu kuppeln, "steht" der Elektromotor. Dadurch wird die Zugkraft unnötig unterbrochen. Gebraucht wird die Kupplung so gesehen nur beim Runterschalten. "Das geht dann schon sanfter", so Eder, und zahlt natürlich aufs Motorradfahr-Feeling ein.

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Eine Stunde Spaß auf der Landstraße

Die Reichweite hängt wie bei allen E-Fahrzeugen von mehreren Faktoren ab. Wie heftig hängt der Fahrer am Gas? Wie stark rekuperiert er? Wie schnell fährt er? Wie ist die Strecke beschaffen? Auch die Außentemperatur lutscht am Lithium-Ionen-Batteriepaket (10,2 kWh).

Laut offiziellem Fahrzyklus kommt die Brammo Empulse im reinen Stadtverkehr 206 Kilometer weit, auf der Autobahn schafft sie 93 km und kombiniert 129 km. Unterm Strich reicht das bei eher flotter Gangart für rund eine Stunde Fahrspaß. Dann signalisiert eine rote Anzeige, die Batterie lechze nach neuer Ladung.

Zum Auftanken reicht eine herkömmliche Haushaltssteckdose. 3,5 bis acht Stunden dauert der Ladevorgang, je nach Güte des Stromnetzes. Das Ladekabel kann in einer speziellen Packtasche auf dem Soziusplatz mitgenommen werden. Wer eine öffentliche Ladesäule mit Drehstrom findet, ist per optionalem Schnellladekabel nach zwei Stunden wieder voll einsatzfähig.

Strom zwingt zum Umdenken

Wochenendausflügler mögen solche Zwangspausen abschrecken, aber dieses Anti-E-Mobilitäts-Argument lässt Eder nicht gelten. "Die Empulse ist nicht als klassisches Reisemotorrad konzipiert, sondern für Leute gemacht, die täglich 50, 60 Kilometer weit fahren." Touren gehen natürlich auch: "Man muss halt anders planen. Ausgedehnte Mittags- und Kaffeepause, Freunde besuchen, überall zwischendurch mal aufladen, so bringt man locker über 300 km am Tag zusammen."

Noch ist es gar nicht so einfach, das derzeit weltweit schnellste Elektro-Serien-Motorrad in Deutschland in Augenschein zu nehmen. Zwölf autorisierte Händler bundesweit weist die Brammo-Website aus. Deutlich mehr zwar als in den meisten anderen europäischen Ländern – Frankreich und Italien zum Beispiel bringen es nur auf jeweils drei Händler, Österreich auf vier, Belgien auf acht.

Aber wirklich anspringen tun sie den Käufer nicht: Ein Volkswagen-Autohaus in Salzgitter-Lebenstedt ist dabei, ein Motorrad-Bekleidungsgeschäft in Berlin, dazu die üblichen E-Mobilitäts-Krämer, die vom elektrifizierten Scooter bis zum Pedelec alles im Angebot haben. Echtes Markengefühl kommt da nur schwer auf.

Die Zeit scheint reif

Eder macht daraus keinen Hehl: "Nur zehn bis 20 Prozent der E-Mobility-Händler haben derzeit das Know-How, nicht nur E-Bikes, sondern echte Motorräder zu warten", sagt er, "dafür braucht man Ahnung von Fahrwerk, Reifen, etc. Aber wir arbeiten dran." Bis zur Zweiradsaison 2015 sollen zehn aktive Händler mit eigener Fachwerkstatt hinzukommen.

Die ersten 60 Maschinen sind verkauft, zum Stückpreis von 15.113 Euro (Empulse) bzw. 17.493 Euro (Empulse R) plus Überführungskosten. Ziel sind 20 Einheiten jede Woche. Die Zeit scheint reif. BMW bringt diesen Sommer den E-Maxi-Scooter C evolution, Brammos US-Konkurrenten von Zero Motorcycles haben diverse Modelle auf dem Markt.

Selbst Harley-Davidson hat bereits eine Elektro-Testflotte auf der Straße. "Project LifeWire" haben sie den Testballon getauft – "Projekt Energiebündel". Klingt gut. Wenn die auch so gut klingt wie die Brammo...

Text: Ralf Bielefeldt