Honda CB1100 / BMW R 1200 R

Honda CB1100 / BMW R 1200 R

Retro-Look gegen Boxer-Charme

„Naked Bikes“ stehen hoch im Kurs. Die CB1100 setzt auf Retro-Look, die R 1200 R auf schieren Boxer-Charme.

Funktionsunterwäsche, feuchtigkeitsableitende Socken, Protektorenweste, teflonbeschichtete Hightech-Stiefel, dazu Lederkombi oder Goretex-Outfit – Motorrad fahren artet heutzutage zu einer Materialschlacht aus, die eher an die Eroberung des Weltraums erinnert als an unbeschwerte Fortbewegung.

Bestmögliche Ausrüstung. Das kann Leben retten, fraglos. Es geht aber auch anders, bei aller Liebe zu Sicherheit und Komfort; den passenden fahrenden Untersatz vorausgesetzt.

„Zurück zu den Wurzeln“, wenn auch mit neuster Technik, lautet das Credo der Naked Bikes. Triumph lebt mit Bonneville, Thruxton und Scrambler seit Jahren erfolgreich vor, dass neue Motorräder immer noch wie alte Feuerstühle aussehen können.

 

 
 

Die neue Leichtigkeit des Seins

Rund 40 Modelle gibt der „Classics“-Markt inzwischen her. Einer der neusten Vertreter dieser Klasse ist die Honda CB1100. Viel Chrom, kantiger Tank, lässig-niedrige Sitzposition. Schwere Lederkombi, Vollvisierhelm? Passt nicht wirklich zu dem filigranen Retro-Renner. Hier geht es um die neue Leichtigkeit des Seins auf zwei Rädern.

Aufrecht im Wind, gelassen den Fliegen entgegen blickend, so sitzt der Honda-Fahrer auf seiner CB1100. Tiefenentspannt und mit sich und der Straße im Reinen. Retro-Bikes entschleunigen, obwohl sie durchaus forsch beschleunigen.

89 PS entlockt Honda der CB1100, das maximale Drehmoment von 93 Newtonmeter liegt bei moderaten 5.000 Umdrehungen pro Minute an. Der luftgekühlte Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor nuschelt sonor vor sich hin; unten herum kommod, oben heraus vehement.

Analoge Instrumente, moderater Verbrauch

Ab 130 km/h würde sich keiner über einen kleinen Windschild beschweren, ab 160 km/h hilft nur noch beherztes Katzbuckeln, will man nicht vom Bock gepustet werden. Aber um Geschwindigkeitsrekorde geht es ja eh nicht auf der Honda CB1100. Maschinen dieses Schlags verführen zu unbeschwertem Motorrad fahren.

Wer sich darauf einlässt, wird mit einer großen Portion Fahrspaß belohnt – und einem Durchschnittsverbrauch von 5 bis 6 l/100 km. Die Instrumente werfen keine Fragen auf: links Tachometer, rechts Drehzahlmesser – beide herrlich analog mit rotem Zeiger, dazwischen das Infodisplay des Bordcomputers. So viel Neuzeit muss sein.

10.990 Euro ruft Honda für die CB1100 auf (zuzüglich Überführung). Dafür bekommt der Käufer ein schönes Stück Vintage mit moderner Technik, das absolut „easy to handle“ ist – in Fahrt und auch im Stand. Die Sitzhöhe beträgt knapp 80 Zentimeter; auch kleinere Fahrer bekommen also beide Füße sicher auf den Boden.

BMW bietet einen Gang mehr

Nackt und zeitlos und damit das bayrische Gegenstück zur Honda CB1100 ist die BMW R 1200 R. „Rock’n’Roll Roadster“ lautet der Claim für das „Naked Boxer“-Bike. Landstraßen sind das natürliche Revier dieser BMW. Einmal in Fahrt, merkt man ihr die 231 Kilogramm Leergewicht nicht mehr an. Kurven nimmt die R 1200 R souverän und mit einer gewissen Grandezza.

Auf der Autobahn läuft die BMW R 1200 R geradeaus wie eine Fregatte, zielstrebig und ganz schön flink. Ausreichende Nervenstärke (und Nackenmuskulatur) vorausgesetzt, kann der Fahrer die unverkleidete BMW R 1200 R auf über 200 km/h Spitze treiben. Dann zieht und zerrt es allerdings gewaltig an ihm; leichte Linderung verspricht der optionale Mini-Windschild.

110 PS mobilisiert der luft-/ölgekühlte Zweizylinder-Viertakt-Boxermotor mit zwei Nockenwellen und vier radial angeordneten Ventilen pro Zylinder. Das maximale Drehmoment beträgt 119 Nm bei 6.000 Umdrehungen pro Minute. Den Verbrauch gibt BMW mit 4,1 l/100 km bei konstant 90 km/h an, 5,5 l/100 km sind es bei konstant 120 km/h. Der Testkonsum lag bei 5,6 l/100 km. Durchzug bietet der DOHC-Boxermotor in jedem der sechs Gänge. Die Honda CB1100 begnügt sich mit einer Fünf-Gang-Schaltung.

Charmantes Rollen beim Runterschalten

Perfekte Bremsen bieten beide: Für zeitgemäße Sicherheit sorgt bei Honda das serienmäßige „Combined ABS“ (wirkt zeitgleich auf beide Räder); die Doppelscheibenbremse vorn bringt es auf 296 mm, die Einscheibenbremse hinten auf 256 mm. BMW setzt auf das bewährte Integral ABS; vorn wirkt eine Doppelscheibenbremse mit 320 mm Durchmesser, hinten eine Einscheibenbremse mit 265 mm.

Im mittleren und oberen Drehzahlbereich marschiert die R 1200 R mit der Zielstrebigkeit eines Schwergewichts-Champions. Beim Runterschalten vor allem im unteren Drehzahlbereich schüttelt sich der 1.170-ccm-Boxer einmal spürbar.

Der neuen Motorengeneration in der R 1200 GS hat BMW dieses Boxer-Rollen ausgetrieben. Auf der nackten „R“ hat es etwas Charmantes. Rock’n‘Roll halt. Die Preise für den Roadster starten bei 12.500 Euro (zuzüglich Überführungskosten).

Wer Chrom schätzt, greift zur R 1200 R Classic mit Speichenfelgen und glänzendem Zierrat. Ab 12.850 Euro gibt es zudem das Sondermodell „90 Jahre BMW Motorrad“.

Mehr dazu in der Bildergalerie.

Text: Ralf Bielefeldt