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Schräglagentraining bei Ducati 4U

Da geht noch was

Schnell und sicher um die Kurven wie die Rennprofis – das ist der Traum vieler Motorradfahrer. Auf speziellen Fahrtrainings lässt sich das gefahrlos erlernen.

13. Juli 2012

Menschen in Leder duzen sich, das ist eisernes Gesetz auf Rennstrecken. Bei Fahrertrainings wie Ducati 4U schafft das von Anfang an Nähe zwischen Instruktor und Teilnehmer.

Das macht es weniger geübten Bikern einfach, nicht in Ehrfurcht zu erstarren, wenn sie plötzlich ehemaligen Internationalen Deutschen Meistern wie Matthias Neukirchen gegenüberstehen.

Trial-Legende Neukirchen ist im Ducati-4U-Team der Mann für die ganz speziellen Aufgaben. Er sitzt vorn bei der „Zweisitzerfahrt“. Sozius sein auf einer modifizierten, über 200 PS starken Ducati 1199 Panigale S, mit einem gestandenen Rennfahrer am Lenker – das garantiert einen Ausflug in die Parallelwelt der Fahrphysik. Und ist nur etwas für Menschen mit ausgesprochen starken Nerven.

 

 
 

Monster mit Anti-Umkipp-Garantie

Deutlich relaxtere Runden drehen die Teilnehmer des speziellen Schräglagentrainings, das im Zuge der Veranstaltung angeboten wird. Statt 250 bis 270 km/h steht Tempo 30 bis 50 auf dem Programm. Auf einem abgesperrten Pylonen-Kurs.

Schulungsmaschine ist eine Ducati Monster 696 mit Anti-Umkipp-Garantie. Rechts und links sind massive Ausleger am Rahmen des Naked Bikes angebracht. Am Ende des verstellbaren Gestänges sitzt auf jeder Seite eine handelsübliche Rolle aus dem Baumarkt. Stützräder für Knieschleifer in spe.

„Die Ausleger lassen sich in sieben Stufen verstellen“, erklärt Michael „Micha“ Röder, einer der Instruktoren des Ducati-Teams. „Das ermöglicht Winkel von 40 bis 70 Prozent, bevor die Rollen aufsetzen.“

Passiert das, rumpelt es kurz. „Nicht erschrecken, die Maschine lässt sich problemlos weiterfahren“, sagt Micha. Umfallen ist nicht. Sehr beruhigend. Und sehr lehrreich.

Runde für Runde furchtloser in die Kurve

Eine Stunde dauert das Schräglagentraining, 60 Euro kostet es. Mitmachen kann jeder – auch Fahrer, die weder das ein- noch das zweitägige Renntraining (ab 185 Euro) gebucht haben.

In der Regel wird in Gruppen von maximal vier Fahrern trainiert. Neben Bikern mit Renn-Ambitionen nehmen vor allem Wiedereinsteiger und Fahranfänger am Schräglagentraining teil. Rainer zum Beispiel, ein Endfünfziger, der sich als Einsteiger-Bike den Panigale-Vorgänger 1198 mit 170 PS zugelegt hat.

„Wenn schon, denn schon, dachte ich mir“, sagt der Superbike-Rookie – und weiß, dass das ein semi-schlauer Kauf war. Bei Touren ist er total überfordert. „Auf der Geraden mache ich sie alle nass, in den Kurven hängen sie mich dann alle ab.“ Das will er ändern. Und wird es wohl auch, wie sich bereits nach wenigen Runden auf dem Trainings-Karree zeigt.

Entspanntes Fahren durch korrekte Haltung

Bevor es ans Eingemachte geht, dreht jeder Kurvenanwärter ein paar Aufwärmrunden. Die Instruktoren analysieren dabei, wie die Kandidaten auf der Maschine sitzen. Fußstellung korrekt? Körperhaltung okay?

Arme leicht gebeugt, auf keinen Fall ganz durchgedrückt, Oberkörper nach vorn. Locker sitzen, Spiel in Schultern und Armen – „ihr müsst das Motorrad gewähren lassen“, erklärt Instruktor Röder. Beine ans Motorrad, Füße auf die Rasten – und zwar nur mit dem schmalen Bereich zwischen Zehen und Ballen, nicht platt mit den Hacken.

Denn: Je weiter die Fußspitze nach außen zeigt, desto eher setzt sie auf. Das irritiert, stört die Konzentration und führt ratzfatz dazu, dass man in der Kurve den Blickwinkel ändert. Das kann Folgen haben: „Wo man hinschaut, da fährt man hin“, warnt Michael Röder. Gegenverkehr, Baum, Kantstein – schon ist es passiert.

Die Blickrichtung entscheidet über die Schräglage

„Das alles Entscheidende ist die Blickrichtung“, sagt Röder. „Wichtig ist, was weit weg passiert“, schärft er seinen Zöglingen immer wieder ein. Bedeutet: Schon am Kurveneingang muss man den Kurvenausgang bzw. den nächsten „Wendepunkt“ anpeilen.

Wer das beherzigt, kapiert schlagartig, warum andere Motorradfahrer immer schneller waren als man selbst. Stimmt die Blickführung, zieht es einen wie von Geisterhand in die Kurve rein. Extreme Schräglagen ergeben sich wie von selbst. Ein echtes Aha-Erlebnis, auch für langjährige Biker, die es normalerweise eher „geruhsam“ angehen lassen.

Kurve für Kurve tasten sich die Teilnehmer ans Limit heran: „Da geht mehr, als ihr denkt“, ermutigt Röder seine Zöglinge. Alle paar Runden stellt er die Ausleger höher ein, dadurch setzen sie später auf bzw. erlauben mehr Schräglage. Über Funk gibt er Fahranweisungen („Kopf drehen“, „mehr Gas“).

Vertrauen in die Haftgrenze der Reifen aufbauen

Krönender Abschluss: Knieschleifen und „Hanging Off“, also abhocken zur Seite. Beides kann auf der Schulungs-Ducati problemlos geübt werden – erst im Stand, dann auf dem Parcours, später (je nach gebuchtem Pogramm) real auf der Strecke, entweder mit der eigenen Maschine oder mit einer der Ducati-Testmaschinen, die für die „D4U“-Teilnehmer bereitstehen.

„Das Wichtigste an dem Training ist, mehr Gefühl für die Schräglage zu entwickeln und dadurch mehr Sicherheit in Kurven aufzubauen“, sagt Röder. „Das ist im normalen Straßenverkehr noch viel wichtiger als auf der Rennstrecke.“

Die nächsten Termine: 24.-25. Juli 2012, Sachsenring. 15.-16. August 2012, Hockenheimring, 15.-16. September, Eurospeedway Lausitzring.

Text: Ralf Bielefeldt