Höhepunkte der NAIAS Auto Show

Verkehrte Auto-Welt in Detroit

Das alte Europa fährt vor

Gast düpiert Gastgeber: Auf der North American International Automobile Show (NAIAS) in Detroit müssen europäische Autohersteller die Vorstellung retten – die wenigen interessanten Neuheiten stammen fast ausschließlich von diesseits des Atlantiks

 
 
14. Januar 2016

Das Frühstücksfernsehen ist den USA eine feste Größe. Doch da zeitgleich mit der NAIAS Detroit auch die Verleihung des begehrten Filmpreises Golden Globe über den Bildschirm flimmert, wird die Automesse von vielen Fernsehgeräten verdrängt. Scheibar interessiert viele Amerikaner nur am Rande, dass die nationale Autoindustrie gerade das erfolgreichste Jahr ihrer Geschichte hinter sich gebracht hat.

17,4 Millionen verkaufte Autos waren fast sechs Prozent mehr als 2014 und schoben das bisherige Rekordjahr 2000 auf Platz zwei. Auch die deutschen Hersteller konnten mit 1,4 Millionen US-Verkäufendas erfolgreichste Jahr ihrer Importgeschichte feiern.

VDA-Präsident Matthias Wissmann: „Man muss klar sehen, die USA sind für uns einer der beiden wichtigsten Exportmärkte der Welt. Neben allem, was wir hier vor Ort produzieren, geht auch vieles aus Deutschland direkt in die USA.“

Allgemein wenig Neuheiten Anfang 2016

Detroit leidet nicht nur unter der Konkurrenz durch Filmstars: Auch die Los Angeles Motorshow, gerade erst zwei Monate vergangen, hat der Metropole im Bundesstaat Michigan Autopremieren weggenommen und somit die so wichtige öffentliche Aufmerksamkeit.

Doch auch ohne Los Angeles und Hollywood würde die NAIAS sich mit den lokalen Fernsehanstalten schwertun. Denn es mangelt allgemein an Neuheiten in diesem Frühjahr. Gerade das in Detroit allzu gern verhätschelte Herstellerdreigestirn aus Ford, General Motors und Fiat Chrysler Automobiles bleibt weit hinter den Erwartungen zurück.

Immerhin ist da der mächtige Großraumvan Chrysler Pacifica: Platz (Nachfahre des einst so erfolgreichen Voyager) für acht Personen und in dieser Baureihe erstmals auch als Plug-In-Hybrider zu bekommen ist. Nach Europa kommt die bis zu 287 PS starke Großraumlimousine mit Schiebetüren im Fond nach der neuen Ausrichtung von FCA nicht mehr.

Neuer Riesen-Van von Chrysler

Anders der Chevrolet Bolt, ein günstiges und alltagstaugliches Elektroauto:  320 km Reichweite soll eine Akkuladung haben, in Amerika wird der Kompaktvan für rund 30.000 Dollar angeboten werden – das könnte ein respektabler Konkurrent für BMW i3 und Nissan Leaf werden. Doch das rund vier Meter lange Elektromobil hat GM-Chefin Mary Barra an sich bereits vergangene Woche auf der CES in Las Vegas enthüllt.

So bleibt es für die amerikanischen Hersteller bei müden Premieren wie dem Chevrolet Cruze Hatchback oder der Modellpflege des Ford Fusion, der in Europa als Mondeo verkauft wird. „Unser Starauf der NAIAS ist der Fusion&ldquot;, sagt Joe Hinrichs, von Ford of the Americas, „wir setzen verstärkt auf Plug-In-Hybriden; auch wenn die Nachfrage wegen der niedrigen Kraftstoffpreise aktuell gesunken ist.“

Ein paar Meter zeigen Honda Ridgeline und die imposanten Kraftpakete Nissan Titan Warrior Concept sowie Ford F-150 Raptor, dass Pick Ups in den USA die treibende Kraft sind. Der F-150 ist seit 39 Jahren der meistverkaufte Pick Up in den USA. Weltweit sieht es kaum anders aus. Alle 19 Sekunden wird ein Pick Up aus Dearborne verkauft.

Kraftvoller Auftritt der Europäer

Geht es um die größte Aufmerksamkeit auf der Motorshow in der Cobo Hall, spielen die europäischen Hersteller in der ersten Reihe. Neben der komplett neuen E-Klasse präsentiert Mercedes gleich noch das Luxuscabrio AMG S 65 und von US-Sternchen Ryn Weaver besungen den neuen SLC-Roadster, der den bisherigen SLK ablöst.

„Wir sind der Hersteller von Traumwagen“, unterstreicht Daimler-Chef Dieter Zetsche, dass die Schwaben ihr Heil mehr als erfolgreich in den oberen Segmenten suchen.

Wasserstoff-Audi mit 600 km Reichweite

Audi legt seinen A4 Allroad nach und gibt mit dem h-tron quattro concept einen Ausblick in die Zukunft alternativer Kraftstoffe. Das Wasserstoffmobil wird von einer 110 Kilowatt starken Brennstoffzelle und einem 100-kW-Akkupaket angetrieben. Die Reichweite rein elektrisch: 600 Kilometer. Und zwar nett wie brutto, denn der Stahldruckbehälter voll Wasserstoff speichert sommers wie winters die gleiche Menge Gas.

Porsche und BMW lassen es mit imposanten Kraftprotzen wie 911 Turbo S (580 PS), X4 M40i (360 PS) und dem pausbäckigen M2 (370 PS) kraftvoller denn je angehen. Da kann allenfalls noch Lexus mit seinem 473 PS starken Luxuscoupé LC 500 mithalten.

Während Volvo mit dem S90 den Limousinenbruder des erfolgreich gestarteten XC90 präsentiert, zeigt Fords Luxusableger Lincoln einen neuen Continental, der im Gegensatz zur eleganten Volvo-Limousine nicht nur von einem aufgeladenen Vierzylinder angetrieben wird. Schick: das neue Infiniti-Doppelpack aus Q50 / Q60 mit neuem V6-Doppelturbo.

VW beteuert Willen zur Besserung

Zwischen Demut und Optimismus laufen derzeit die öffentlichen Auftritte von Volkswagen ab. „2016 wird eines der wichtigsten Jahre für Volkswagen werden“, unterstreicht VW-Marken-Chef Herbert Diess auf der NAIAS-Bühne. „Wir wollen die Dinge in Ordnung bringen und müssen das Vertrauen in unsere Marke zurückgewinnen.“ Na, dann bringt mal.

Und so soll das konkret aussehen: Ins in der Diskussion befindliche US-Werk Chattanooga investiert Volkswagen 900 Millionen Dollar und schafft so unter anderem mit der Produktionslinie des US-SUV, das Ende 2016 seine Premiere feiert, 2.000 neue Arbeitsplätze.

Herbert Diess beteuert: „Wir bieten mehr Qualität, Design und Innovationen als jede andere Volumenmarke.“ Hinsichtlich der Präsentationen sieht es allerdings bei Volkswagen auf der NAIAS blass aus. Immerhin belegt die Studie des Tiguan GTE Active Concept, dass die Wolfsburger die USA weiterhin im Blick haben und bald in jedem Segment einen SUV platzieren wollen.

Hyundai will Luxus spielen

Den Aufstieg in die Luxusklasse will Hyundai mit seiner neuen Submarke Genesis schaffen. Der neue G90 macht zumindest Geschmack auf den Teilaufstieg. Ob das wie bei der Toyota-Tochter Lexus reicht, um zumindest in den USA in der ersten Nobelliga mitzuspielen, muss die Zukunft zeigen. Die zeigt zumindest im Volumen auch 2016 nach oben.

„Auch wenn wir 2016 in den USA ein neues Rekordjahr erwarten“, räumt Steven Szakaly als Chef-Analyst der National Automobile Dealers Association (NADA) mit Blick auf bis zu 18 Millionen verkaufte Autos ein, „wird dies nur durch große Incentives ermöglicht, die die Kunden in die Schauräume locken.“

Das wäre, so betont der Amerikaner, ein Anstieg von rund zwei Prozent und das siebte Steigerungsjahr in Folge. Vielleicht gibt es beim nächsten Mal ein paar mehr amerikanische Neuheiten und die Golden Globes finden nicht wieder am Vorabend der NAIAS2017 statt.

Mehr über die Höhepunkte der NAIAS 2016 in der Bildergalerie.

Text: Press-Inform / M. Sommer, J. Oliveira, W. Gomoll, S. Grundhoff
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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